{"id":2387,"date":"2009-05-26T07:03:04","date_gmt":"2009-05-26T05:03:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2387"},"modified":"2023-10-29T15:04:22","modified_gmt":"2023-10-29T14:04:22","slug":"ungewoehnliche-lesesituationen-2-sokrates-im-gruenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/05\/ungewoehnliche-lesesituationen-2-sokrates-im-gruenen.htm","title":{"rendered":"Ungew\u00f6hnliche Lesesituationen 2: Sokrates im Gr\u00fcnen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Der junge Phaidros hat den Athener Stadtmenschen Sokrates hinaus ins Gr\u00fcne gelockt, um dort zu lesen und zu philosophieren. Sokrates ziert sich erst und klagt ein bisschen. Danach schw\u00e4rmt er wie ein Tourist von dem sch\u00f6nen gr\u00fcnen Fleckchen. So un\u00e4hnlich ich Sokrates sonst bin, da habe ich mich wiedererkannt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>Sokrates: <\/em>Doch, Freund, nicht zu vergessen, war dies nicht der Baum, zu dem du uns f\u00fchren wolltest?<br><em>Phaidros: <\/em>Ja eben dieser.<br><em>Sokrates:<\/em> Bei der Here! dies ist ein sch\u00f6ner Aufenthalt. Denn die Platane selbst ist pr\u00e4chtig belaubt und hoch, und des Gestr\u00e4uches H\u00f6he und Umschattung gar sch\u00f6n, und so steht es in voller Bl\u00fcte, dass es den Ort mit Wohlgeruch ganz erf\u00fcllt. Und unter der Platane flie\u00dft die lieblichste Quelle des k\u00fchlsten Wassers, wenn man seinen F\u00fc\u00dfen trauen darf. Auch scheint hier nach den Statuen und Figuren ein Heiligtum einiger Nymphen und des Acheloos zu sein. Und wenn du das suchst, auch die Luft weht hier willkommen und s\u00fc\u00df, und s\u00e4uselt sommerlich und lieblich in den Chor der Zikaden. Unter allem am herrlichsten aber ist das Gras am sanften Abhang in solcher F\u00fclle, da\u00df man hingestreckt das Haupt gem\u00e4chlich kann ruhen lassen. Kurz, du hast vortrefflich den F\u00fchrer gemacht, lieber Phaidros.<br><em>Phaidros:<\/em> Du aber, wunderbarer Mann, zeigest dich ganz seltsam. Denn in der Tat, wie du auch sagst, einem Fremden gleichst du, der sich umherf\u00fchren l\u00e4sst, und nicht einem Einheimischen. So wenig wanderst du aus der Stadt \u00fcber die Grenze, noch auch selbst zum Tore scheinst du mir herauszugehen.<br><em>Sokrates:<\/em> Dies verzeihe mir schon, o Bester. Ich bin eben lernbegierig, und Felder und B\u00e4ume wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt. Du indes, d\u00fcnkt mich, hast um mich herauszulocken das rechte Mittel gefunden. Denn wie sie mittelst vorgehaltenen Laubes oder K\u00f6rner hungriges Vieh f\u00fchren, so k\u00f6nntest du gewi\u00df, wenn du mir solche Rollen mit Reden vorzeigtest, mich durch ganz Attika herumf\u00fchren, und wohin du sonst wolltest. Nun wir aber an Ort und Stelle angekommen sind, werde ich mich wahrscheinlich hier niederlegen; du aber, in welcher Stellung du am besten lesen zu k\u00f6nnen glaubst, die w\u00e4hle und lies.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>(Platon, <em>Phaidros<\/em>, \u00dcbersetzung von Friedrich Schleiermacher 1826)<\/p>\n\n\n\n<p>Ungew\u00f6hnliche Lesesituation selber: Mit Frau Rau im Caf\u00e9 das <em>Gastmahl<\/em> von Platon laut vorgelesen (na ja, zumindest das erste Drittel), jeder mal eine Seite, dann dr\u00fcber reden.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem verlassenen Klassenzimmer habe ich vor ein paar Tagen ein herumliegendes Arbeitsblatt aus dem Religionsunterricht entdeckt, Thema Sch\u00f6pfungsmythen. Darauf unter anderem etwas Biblisches zu Adam und Eva, und der Kugelmensch-Mythos aus dem <em>Gastmahl<\/em>. Nach diesem sahen die Menschen urspr\u00fcnglich so aus:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ferner war damals die ganze Gestalt jedes Menschen rund, indem R\u00fccken und Seiten im Kreise herumliefen, und ein jeder hatte vier H\u00e4nde und ebenso viele F\u00fc\u00dfe und zwei einander durchaus \u00e4hnliche Gesichter auf einem rings herumgehenden Nacken, zu den beiden nach der entgegengesetzten Seite von einan der stehenden Gesichtern aber einen gemeinschaftlichen Kopf, ferner vier Ohren und zwei Schamteile, und so alles \u00fcbrige, wie man es sich hiernach wohl vorstellen kann.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Weil die Menschen den G\u00f6ttern zu m\u00e4chtig und zu gef\u00e4hrlich werden, zerteilt Zeus sie in zwei H\u00e4lften zu jeweils nur zwei Armen und Beinen (mit der Option, sie noch ein weiteres Mal zu spalten, falls das n\u00f6tig werden sollte) &#8211; so entsteht der heutige Mensch.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Als nun so ihr K\u00f6rper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede H\u00e4lfte mit sehns\u00fcchtigem Verlangen an ihre andere H\u00e4lfte heran, und sie schlangen die Arme um einander und hielten sich umfa\u00dft, voller Begierde, wieder zusammenzuwachsen [&#8230;] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zur\u00fcckzuf\u00fchren und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schw\u00e4che zu heilen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die spannenden Sachen hat das Arbeitsblatt den Sch\u00fclern allerdings vorenthalten. Urspr\u00fcnglich gab es bei diesen Kugelmenschen n\u00e4mlich drei Geschlechter, ein m\u00e4nnliches (der Sonne zugeordnet), ein weibliches (Erde) und ein mannweibliches (Mond). Entstammt ein Mann dem urspr\u00fcnglich rein m\u00e4nnlichen Geschlecht, f\u00fchlt er sich als urspr\u00fcngliche H\u00e4lfte davon zu anderen M\u00e4nnern hingezogen, beim Frauen aus dem urspr\u00fcnglichen Erdgeschlecht ist es analog. Nur wenn ein Mann oder eine Frau aus dem gemischten Erdgeschlecht stammt (und davon gab es am wenigsten), f\u00fchlt er oder sie sich zum anderen Geschlecht hingezogen &#8211; &#8222;die meisten Ehebrecher sind von dieser Art, und ebenso wiederum die Weiber, welche manns\u00fcchtig und zum Ehebruch geneigt sind.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>(Lesetipp: Im hurra!-Blog hat Eva f\u00fcr ihre Abiturpr\u00fcfung ein grobes <a href=\"http:\/\/www.hurra-blog.de\/2009\/05\/25\/weils-so-schoen-war\/\">Best-of ihrer Vorbereitung aufs Philosophie-Abitur<\/a> zusammengefasst. Mit den sch\u00f6nen Kategorien &#8222;Das werde ich mir nie merken k\u00f6nnen&#8220; und &#8222;Das werde ich nicht mehr vergessen&#8220;.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der junge Phaidros hat den Athener Stadtmenschen Sokrates hinaus ins Gr\u00fcne gelockt, um dort zu lesen und zu philosophieren. Sokrates ziert sich erst und klagt ein bisschen. Danach schw\u00e4rmt er wie ein Tourist von dem sch\u00f6nen gr\u00fcnen Fleckchen. So un\u00e4hnlich ich Sokrates sonst bin, da habe ich mich wiedererkannt. 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