{"id":2432,"date":"2009-06-17T21:33:52","date_gmt":"2009-06-17T19:33:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2432"},"modified":"2023-05-24T13:15:32","modified_gmt":"2023-05-24T11:15:32","slug":"ethik-pathetik-und-cary-grant-und-lessing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/06\/ethik-pathetik-und-cary-grant-und-lessing.htm","title":{"rendered":"Ethik, Pathetik und Cary Grant. Und Lessing."},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/06\/ethik-pathetik-und-cary-grant-und-lessing.htm#comments'>10 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Kapitel 1: Der Fall des verschwundenen Stehpults<\/h4>\n\n\n\n<p>Heute durfte ich wieder mal ganz Lehrer sein. Und das kam so: Wir haben ja in jedem Klassenzimmer diese <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/09\/technischer-schnickschnack.htm\">tollen rollbaren Stehpulte<\/a>. Genauer: in fast jedem Klassenzimmer. Anscheinend fehlt mindestens ein solches Pult, wie lange und wodurch, das l\u00e4sst sich schwer sagen. Jedenfalls war vor den Pfingstferien in einer meiner Klassen das Teil weg, das von mir und meinen Sch\u00fclern rege genutzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Wegen fand ich heraus, dass sich eine andere Klasse in einem parallelen Fl\u00fcgel des Geb\u00e4udes unser Pult geklaut hatte &#8211; eine Klasse, die ich gut kenne, in der ich selber gerade unterrichte und die ich auch mag. Also bin ich r\u00fcber in deren laufende Unterrichtsstunde, sagte ihnen das Klauen auf die gest\u00e4ndigen K\u00f6pfe zu, und nahm das Stehpult wieder mit.<br>Kurz zuvor waren allerdings Aufkleber mit der Nummer des jeweiligen Klassenzimmers an allen Stehpulten befestigt worden. Deshalb brachte ich f\u00fcr mein Klassenzimmer, also das urspr\u00fcngliche, einen zus\u00e4tzlichen Aufkleber an: &#8222;Leihgabe der Klasse X f\u00fcr Klasse Y im Schuljahr 2008\/09, aus p\u00e4dagogischen Gr\u00fcnden&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Verstanden habe ich das Klauen nat\u00fcrlich, und auch das billigende Inkaufnehmen beteiligter Lehrkr\u00e4fte. Schlie\u00dflich war auch das eigene, ebenso dringend ben\u00f6tigte und urspr\u00fcnglich vorhandende Stehpult der Klasse verschwunden, also von einer unbekannten Klasse geklaut. Die Haltung ist menschlich und ich kenne sie selber aus der Bundeswehr oder aus dem Film <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Unternehmen_Petticoat\">&#8222;Unternehmen Pettycoat&#8220;<\/a> mit <strong>Cary Grant<\/strong>. (Das ist der Film mit dem rosa U-Boot, falls meine Leser eine \u00e4hnliche Kindheit verbracht haben wie ich.) Zweiter Weltkrieg: Ein marodes U-Boot will von der Mannschaft wieder flott gemacht werden, muss das auch f\u00fcr einen letzten Einsatz. \u00dcberall mangelt es nat\u00fcrlich an allem m\u00f6glichen Material. <strong>Tony Curtis<\/strong>, frisch an Bord gekommener Lebemann, entpuppt sich als Meister des Organisierens: sie klauen wie die Raben. Wie durch Zauberhand gelangen Farbe (wenn auch nur rote und wei\u00dfe) an Bord, ein lebendes Schwein, Kabeltrommeln, Navigationsger\u00e4te, Blechplatten &#8211; was man halt so braucht. Der Vorgesetzte Cary Grant seufzt ein bisschen und will lieber nicht so genau wissen, wo der Segen eigentlich herkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schule gibt es mitunter einen \u00e4hnlichen Corpsgeist, oder von mir aus auch: einen gesunden Wettbewerb. Und es gilt ebenfall, M\u00e4ngel zu verwalten. Das geschieht ebenfalls f\u00fcr einen guten Zweck. Und das \u00c4quivalent zu gro\u00dfz\u00fcgigen Vorgesetzten gibt es nat\u00fcrlich auch, ich nehme mich dabei keinesfalls aus &#8211; will aber f\u00fcr meine weiblichen Leser anmerken, dass die Rolle des Cary Grant tats\u00e4chlich anderweitig besetzt ist. (Tony Curtis w\u00fcrde eigentlich noch besser passen, finde ich. Passt aber auch ein bisschen zu dem Sch\u00fcler, den ich gerade im Kopf habe.)<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Kapitel 2: Der Sohn des verschwundenden Stehpults<\/h4>\n\n\n\n<p><em>Nach<\/em> den Pfingstferien unterrichte ich im Leistungskurs. Das Stehpult fehlt. Schr\u00e4g gegen\u00fcber ist das Klassenzimmer X, in dem ich schon das letzte Mal f\u00fcndig geworden. Man verzeiht mir, dass ich gleich r\u00fcbergeschaut habe? Darin fand ich dann auch ein Stehpult, allerdings mit einem Aufkleber, der es tats\u00e4chlich der Klasse X zuweist. Macht man den ab, weil man ein misstrauischer Mensch ist, findet man darunter den Aufkleber der Klasse Z. Das war dann so eine Art Ring-Klauerei: Klasse X klaut von Klasse Z, Klasse Z aus meinem LK-Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute hatte ich dann in der Langfingerklasse Unterricht und nutzte das f\u00fcr einen kurzen Monolog. Ich bin auch wirklich nicht b\u00f6se geworden, war tats\u00e4chlich auch gar nicht b\u00f6se &#8211; denn schlie\u00dflich ist diese Art des Klauen ziemlich harmlos; es ging mir nur darum, erst einmal ein gewisses Unrechtsbewusstsein zu schaffen. Ich glaube, das entwickelt sich erst mit der Zeit. Ich habe mir, als ich nur wenig \u00e4lter war als diese Sch\u00fcler, wesentlich Schlimmeres zu Schulden kommen lassen. Und andere Sch\u00fcler, andere Klassen, stellen <em>richtig<\/em> schlimme Sachen an, \u00fcber die ich hier nicht schreibe. Ich bin mir also bewusst, dass das wirklich Luxusprobleme sind. Aus diesen meinen Sch\u00fclern werden sicher keine R\u00e4uber, M\u00f6rder, Kindsverderber. Allenfalls, und genau darum geht es mir, ganz gew\u00f6hnliche Steuerhinterzieher und Spesenschummler.<\/p>\n\n\n\n<p>Also hielt ich meinen Kurzvortrag \u00fcber Ehrlichkeit. Und dass ich es f\u00fcr ein nat\u00fcrliches Verhalten halte, in so einem Fall erst mal das Ger\u00e4t vom Nebenraum zu klauen. Weil: einem selbst wurde es ja auch geklaut. Und es geh\u00f6rt ja ohnehin der Schule, die Tat ist also quasi opferlos. Und wenn die anderen ihres vermissen, k\u00f6nnen die sich ja ein drittes klauen. Wie gesagt, ich halte das f\u00fcr nat\u00fcrlich. &#8222;Nat\u00fcrlich&#8220; im Sinne von: nicht-zivilisiert, Recht des St\u00e4rkeren, naives Gerechtigkeitsempfinden, auch: kindgem\u00e4\u00df. Dass richtiges Verhalten anders aussieht, muss der Mensch erst lernen &#8211; so ist jedenfalls mein Menschenbild.<\/p>\n\n\n\n<p><small>(Der Neffe fragte neulich auch, wieso man im Museum etwas zahlen m\u00fcsse, man mache dort doch nichts kaputt. Eine kluge Frage. Tats\u00e4chlich ist da kein offensichtliches Verbrauchsgut, das durch den Besucher verbraucht wird, also danach nicht mehr da ist, so wie ein Schnitzel. Und man erh\u00e4lt auch keine offensichtliche mit Aufwand verbundene Dienstleistung wie bei der Stra\u00dfenbahn. Dass das Da-Sein alleine schon Aufwand ist, muss man erst lernen.)<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Einige Beispiele f\u00fcr dieses urt\u00fcmliche Verhalten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bei der Bundeswehr: Materialappell, wenn jeder seine Ausr\u00fcstung zeigen muss. Wenn was fehlt, klaut man es.<\/li>\n\n\n\n<li>Bei Siemens zu meinen Ferienjob-Zeiten: Jeder Arbeiter hat seinen eigenen L\u00f6tkolben und seinen eigenen Satz Schraubenschl\u00fcssel. Wenn man die verleiht, kriegt man sie nicht wieder. Wenn man sie herumliegen l\u00e4sst&#8230; gibt es Missverst\u00e4ndnisse.<\/li>\n\n\n\n<li>Beim Ausleihen eines Sportger\u00e4ts in der bewegten Pause gegen Vorlage des Sch\u00fclerausweises: Wenn man das Sportger\u00e4t verliert (und sei es, weil ein gro\u00dfer b\u00f6ser fremder Sch\u00fcler es gestohlen hat), klaut man dann einfach das eines kleineren Sch\u00fclers, um es am Ausleihkiosk anstatt des eigenen abzugeben?<\/li>\n\n\n\n<li>Beim kleinen Fach im Lehrerzimmer, von dem jeder Kollege eines hat: Wenn einem da das eine Zwischenbrett fehlt, das man uns g\u00f6nnt, klaut man sich dann einfach eins aus einem anderen Fach? (Ich verrate jetzt mal nicht, welcher hochrangige Kollege mir das empfohlen hat.)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Es gibt da einen Witz von den zehn Leuten, die gemeinsam auf einer Skih\u00fctte Urlaub machten, und auf der dann zehn Paar Schi als gestohlen gemeldet werden. Tats\u00e4chlich war es dann nur eines &#8211; und dann hat jeweils der eine Gast die Schi des n\u00e4chsten geklaut. Den Witz habe ich aber nicht erz\u00e4hlt, weil ich nur noch die Pointe kannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat die Klasse verstanden, was ich gemeint habe? Ich wei\u00df es nicht. Kann ja schlecht eine Ex dr\u00fcber schreiben lassen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Kapitel 3: Lessing<\/h4>\n\n\n\n<p>War&#8217;s das? Ach nein, Lessing habe ich noch versprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt da einen ganz wundervollen Text von ihm, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Erziehung_des_Menschengeschlechts\">Die Erziehung des Menschengeschlechts<\/a>. Der hat mich wohl auch gepr\u00e4gt. Die <strong>Grundmetapher<\/strong>: Lessing vergleicht darin die Menschheit mit einem Kind, das heranreift, und wie ein Kind auch Erziehung braucht. Die Erziehung geschieht unter anderem in Form von Schulb\u00fcchern und den Lehren darin. F\u00fcr ein Kind muss das Schulbuch einfach sein, ein gewisses Ma\u00df an <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Didaktische_Reduktion\">didaktischer Reduktion<\/a> ist n\u00f6tig, auch wenn man nat\u00fcrlich nicht den Fehler machen darf, einen Zusammenhang so sehr zu vereinfachen, dass diese Vereinfachung der sp\u00e4teren Verfeinerung im Wege steht. F\u00fcr die Menschheit ist dieses Elementarbuch, das Grundschulbuch also, das <strong>Alte Testament<\/strong>: Benimm dich anst\u00e4ndig, sonst straft Gott dich und deine Nachkommen. (Mit dem Gedanken an die Nachkommen wird schon mal der Grundstein daf\u00fcr gelegt, an die Zukunft zu denken und nicht nur an die eigene Lebenszeit.) Reifen das Kind beziehungsweise die Menschheit heran, ist es Zeit f\u00fcr die Sekundarstufe: das <strong>Neue Testament<\/strong>: Benimm dich anst\u00e4ndig, sonst straft Gott deine ewige Seele.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings muss die Menschheit irgendwann auch mal die n\u00e4chste Stufe erreichen, also auch dieses Lehrbuch als zwar wahr, aber nicht mehr entwicklungsgem\u00e4\u00df beiseite legen. Dann wird es Zeit f\u00fcr ein neues Lehrbuch, eine neue Offenbarung, und dann wird man vielleicht nicht mehr mit Strafen oder Belohnungen in der Zukunft drohen m\u00fcssen, um f\u00fcr gutes Verhalten zu werben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00a7 85<br>Nein; sie wird kommen, sie wird gewiss kommen, die Zeit der Vollendung, da der Mensch, je \u00fcberzeugter sein Verstand einer immer bessern Zukunft sich f\u00fchlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgr\u00fcnde zu seinen Handlungen zu erborgen, nicht n\u00f6tig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willk\u00fcrliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem blo\u00df heften und st\u00e4rken sollten, die innern bessern Belohnungen desselben zu erkennen<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><small>Und ich bin nicht mal die erste Seite, die &#8222;cary grant&#8220; und &#8222;erziehung des menschengeschlechts&#8220; im selben Dokument verbr\u00e4t. Aber die andere ist eine Video-Liste aus einer Bibliothek, das z\u00e4hlt doch nicht, oder?<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(10 Kommentare.) Kapitel 1: Der Fall des verschwundenen Stehpults Heute durfte ich wieder mal ganz Lehrer sein. Und das kam so: Wir haben ja in jedem Klassenzimmer diese tollen rollbaren Stehpulte. Genauer: in fast jedem Klassenzimmer. Anscheinend fehlt mindestens ein solches Pult, wie lange und wodurch, das l\u00e4sst sich schwer sagen. 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