{"id":2476,"date":"2009-07-26T08:12:58","date_gmt":"2009-07-26T06:12:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2476"},"modified":"2009-07-26T08:35:48","modified_gmt":"2009-07-26T06:35:48","slug":"horace-mccoy-they-shoot-horses-dont-they","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/07\/horace-mccoy-they-shoot-horses-dont-they.htm","title":{"rendered":"Horace McCoy, They Shoot Horses, Don&#8217;t They?"},"content":{"rendered":"<p><small>Spannendes Wettrennen: was kommt zuerst, Sommerferien oder Zusammenbruch? Noch eine Woche.<\/small><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"float:left; margin-right:10px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/horace_mccoy_horses.jpg\" alt=\"horace_mccoy_horses\" title=\"horace_mccoy_horses\" width=\"145\" height=\"227\" class=\"alignnone size-full wp-image-2477\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/horace_mccoy_horses.jpg 145w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/horace_mccoy_horses-95x150.jpg 95w\" sizes=\"auto, (max-width: 145px) 100vw, 145px\" \/><\/p>\n<p>Vielleicht doch mal als Schullekt\u00fcre? Beim ersten Lesen vor einigen Jahren hat mich das Buch noch mehr beeindruckt, aber gut fand ich es auch diesmal noch. Interessant ist die Gattung: Das Buch l\u00e4uft unter <em>novel<\/em>, ist aber schon sehr kurz, 120 Seiten, sehr gro\u00dfz\u00fcgig gesetzt. Nur ein Handlungsstrang, strenger Aufbau &#8211; eine <em>Novelle<\/em> eben.<\/p>\n<p>Das Buch erschien 1935, mitten in der <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/01\/the-great-depression.htm\">Depressionszeit<\/a>. Robert und Gloria versuchen erfolglos, in Hollywood Arbeit in der Filmbranche zu finden, aber es gibt keine Arbeit. Sie lernen sich zuf\u00e4llig kennen und beschlie\u00dfen, an einem <strong>Tanzmarathon <\/strong>teilzunehmen.<\/p>\n<p>Dieser Tanzmarathon sieht so aus: 144 Paare treten an und tanzen. Rund um die Uhr. Eine Stunde und f\u00fcnfzig Minuten tanzen, dann zehn Minuten Pause &#8211; um zu essen, zu schlafen, auf die Toilette zu gehen, sich zu rasieren. Nach einer Woche sind nur noch die Paare dabei, die es wirklich ernst meinen, gut siebzig. Nach und nach werden es immer weniger, nach 879 Stunden sind noch 20 Paare dabei. Das sind 36 Tage.<\/p>\n<p>Warum machen die Teilnehmer mit? Ein paar hoffen auf die 1000 Dollar Preisgeld, vielen geht es nur um das regelm\u00e4\u00dfige Essen; Robert nimmt zweieinhalb Kilo zu w\u00e4hrend des Turniers.<br \/>\nWas springt f\u00fcr die Veranstalter heraus? Die Zuschauer zahlen Eintritt. Damit sich das Gesch\u00e4ft lohnt &#8211; Arzt, Lebensmittel, Krankenschwestern, Ansager, Saalmiete wollen bezahlt werden -, m\u00fcssen viele Zuschauer kommen. Zum einen hofft man auf die Zugkraft durch Stars unter den Besuchern. Ruby Keeler (<em>42nd Street<\/em>) schaut vorbei und Alice Faye (<em>Alexander&#8217;s Ragtime Band<\/em>), von beiden habe ich einige Lieder auf dem iPod. (Weitere Namen in Kapitel 10 und 11, zum Recherchieren f\u00fcr Referate.)<br \/>\nZum anderen l\u00e4sst sich die Leitung Gimmicks einfallen: ein Paar wird &#8211; gegen Bezahlung &#8211; w\u00e4hrend des Marathons heiraten. T\u00e4glich gibt es Ausscheidungsrunden, eine Art Wettrennen, &#8222;derby&#8220; genannt. F\u00fcnfzehn Minuten traben die Paare um einen Parcours, die M\u00e4nner m\u00fcssen gehen, die Frauen halten sich mit einer Art Geschirr an ihnen fest und d\u00fcrfen gehen oder rennen, wie sie wollen.<\/p>\n<p>Ein Paar scheidet aus, weil der Mann ein gesuchter Verbrecher ist. Ein anderes wird unauff\u00e4llig entfernt, weil die Frau minderj\u00e4hrig ist (&#8222;jailbait&#8220;) und der Mann das Weite suchen muss. Eine Frau ist schwanger, der \u00f6rtliche Moralverein protestiert.<\/p>\n<p>Glorias Niedergeschlagenheit und Bitternis w\u00e4chst kontinuierlich. Man erf\u00e4hrt ein paar Details aus ihrer Vergangenheit, mehr als \u00fcber Robert. Zum Schluss bittet sie Robert, sie zu erschie\u00dfen. Er macht das auch; daher die angedeutet Rahmenhandlung mit einem Todesurteil f\u00fcr Robert vor Gericht. Deutsche \u00dcbersetzung des Titels: &#8222;Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss&#8220;.<\/p>\n<p>&#8212; Leicht zu erkennen die novellentypische <strong>Symbolik<\/strong>: Das Leben als eine &#8222;Rennebahn&#8220;, wie es in dem dem Gryphius-Sonett hei\u00dft; ein Tanz, bei dem man nicht gewinnen kann, sondern sein Bestes geben muss, allein um nicht auszuscheiden; die Entmenschlichung der Teilnehmer.<br \/>\nDer Aufbau ist zwingend und unerbittlich, einmal durch die immer wieder angedeutete Rahmenhandlung, die das Ende vorwegnimmt, au\u00dferdem durch die stetige Reduktion in der Anzahl der Paare, das Mitz\u00e4hlen der Stunden.<\/p>\n<p>&#8212; Zur <strong>Geschichte <\/strong>der Tanzmarathons: Ja, es hat solche Veranstaltungen gegeben, und zwar in dieser Form und mit jeweils vergleichbaren Regeln und Einlagen. Unbest\u00e4tigten Quellen zufolge (besser bekannt als: das Web) dauerte der l\u00e4ngste 22 Wochen; eine zuverl\u00e4ssigere Quelle spricht von 1638 Stunden, mehr als zwei Monaten.<br \/>\nZuerst, noch in den 20er Jahren, war diese Tanzwettbewerb noch Ausdruck des Strebens nach mehr oder weniger albernen Rekorden: flagpole sitting oder Alleinfl\u00fcge \u00fcber den Atlantik. Als aber klar war, dass man damit &#8211; anders als bei anderen Rekordversuchen &#8211; als Veranstalter Geld verdienen konnte, und als es in den 30er Jahren immer mehr arbeitslose und verzweifelte Menschen gab, wurden die Tanzmarathons zu den beschriebenen menschenunw\u00fcrdigen Veranstaltungen.<\/p>\n<ul>\n<li>Ein <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/texasfight\/3197204994\/\">Werbe-Foto bei Flickr (Paar bei 702 Stunden)<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.historylink.org\/index.cfm?DisplayPage=output.cfm&#038;file_id=5534\">Ausf\u00fchrlicher Lexikon-Artikel<\/a> mit Fotos und Bibliographie, Startpunkt f\u00fcr weitere Recherche.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.wunderland.com\/WTS\/Renee\/DanceMarathons.html\">Weiterer Lexikonartikel<\/a>, auch noch interessant.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&#8212; Siehe auch <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hands_on_a_Hard_Body\">Hands on a Hard Body<\/a>, ein <strong>Dokumentarfilm <\/strong>von 1997 \u00fcber eine j\u00e4hrliche Veranstaltung in Texas: 24 Teilnehmer legen eine Hand auf einen niegelnagelneuen Pickup-Truck, und wer die Hand am l\u00e4ngsten dort l\u00e4sst, ohne sich an das Auto zu lehnen oder in die Hocke zu gehen, der gewinnt das Auto. 1995 waren das 77 Stunden. Also wirklich harmlos im Vergleich zu den Marathont\u00e4nzen. (Ich kenne den Wettbewerb aus dem bei Wikipedia verlinkten NPR-Radiobeitrag.)<br \/>\nDer Vergleich zu aktuellen Reality-Shows bietet sich an. Aber im Vergleich zur Depressionszeit geht es uns noch richtig gut.<\/p>\n<p>(Die <a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0065088\/+\">Sidney-Pollack-Verfilmung mit Jane Fonda<\/a> kenne ich nicht. Klingt aber gut.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spannendes Wettrennen: was kommt zuerst, Sommerferien oder Zusammenbruch? Noch eine Woche. Vielleicht doch mal als Schullekt\u00fcre? Beim ersten Lesen vor einigen Jahren hat mich das Buch noch mehr beeindruckt, aber gut fand ich es auch diesmal noch. 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