{"id":249,"date":"2005-04-14T15:30:23","date_gmt":"2005-04-14T13:30:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/03\/interpretation.htm"},"modified":"2023-05-24T17:52:18","modified_gmt":"2023-05-24T15:52:18","slug":"interpretation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/04\/interpretation.htm","title":{"rendered":"Was hei\u00dft &#8222;Interpretieren&#8220;?"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/04\/interpretation.htm#comments'>55 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Sch\u00fcler meinen, man liest was in Gedichte rein, was da gar nicht steht, und das ist dann Interpretieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das liegt zum einen daran, dass Sch\u00fcler keine ge\u00fcbten Leser sind. Nuancen in einem Text, die jedem erfahrenen Leser sofort deutlich vor Augen sind, sehen sie nicht so schnell. Wenn in <em>Faust<\/em> die jungen Burschen beim Fr\u00fchlingsspaziergang sich auf das Tanzfest freuen, weil es dort &#8222;H\u00e4ndel von der ersten Sorte&#8220; gibt, dann hat ein gesamter Deutsch-Leistungskurs keine Ahnung, was gemeint ist, weil sie das Wort &#8222;H\u00e4ndel&#8220; nicht kennen und ganz automatisch davon ausgehen, dass es um &#8222;Hendl&#8220; geht, also H\u00e4hnchen. Es f\u00e4llt den Sch\u00fclern oft schon schwer genug, die Zeilen an sich zu lesen, geschweige denn zwischen ihnen; kein Wunder, dass sie einer Beispielinterpretation des Lehrers nicht folgen k\u00f6nnen. (Zum Teil k\u00f6nnen die Sch\u00fcler nichts daf\u00fcr. Die Sprache des <em>Faust<\/em> ist ihnen einfach fern.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das liegt zum anderen daran, dass Sch\u00fcler eine romantische Sichtweise des Dichters haben: Es gibt einen Autor, der wei\u00df, was er tut, und mit seinem Gedicht etwas sagen will. Und er ist oberster Richter wenn es um die Interpretation seines Gedichts geht. Kein <span style=\"text-decoration: line-through;\">Interpret<\/span> Lehrer darf da Sachen herauslesen, die der Dichter nicht autorisiert.<br>Diese Sonderstellung des Autors ist eine relativ junge und keineswegs selbstverst\u00e4ndliche Sache, aber seit ein paar hundert Jahren weit verbreitet. Es stimmt nicht, dass ein Autor immer wei\u00df, was er tut. Ein Autor <em>tut<\/em> einfach. Wenn er analytisch oder akademisch ist, dann \u00fcberlegt er sich, warum er so schreibt, aber das ist keinesfalls notwendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispiele daf\u00fcr, dass Autoren nicht immer die besten Interpreten ihrer Werke sind:<\/p>\n\n\n\n<p>W.H. Audens Gedicht &#8222;Blues&#8220; (&#8222;Stop all the clocks, cut off the telephone, \/ Prevent the dog from barking with a juicy bone&#8220;). Urspr\u00fcnglich f\u00fcr eine komische Revue geschrieben, wird es in dem Film <em>Four Weddings and a Funeral<\/em> beim Begr\u00e4bnis einer der Hauptpersonen rezitiert: Feierlich, tieftraurig. Kein Sch\u00fcler glaubt, dass das ein komisches Gedicht sein sollte. (Vor allem nicht, wenn ich ihnen vorher die herzzerrei\u00dfende Aufnahme aus dem Soundtrack zum Film vorgespielt habe.) (<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/W._H._Auden\">Details zur Entstehungsgeschichte<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Favorit ist in &#8222;Pippa Passes&#8220; von Robert Browning. Da wird eine kl\u00f6sterliche Szene beschrieben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Then, owls and bats,<br>Cowls and twats,<br>Monks and nuns, in a cloister&#8217;s moods,<br>Adjourn to the oak-stump pantry!<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nach <a href=\"http:\/\/itre.cis.upenn.edu\/~myl\/languagelog\/archives\/001814.html\">dieser Quelle<\/a> hielt Browning &#8222;twat&#8220; f\u00fcr einen Teil der Kopfbedeckung der Nonnentracht; dort wird auch erkl\u00e4rt, wo Browning auf dieses Wort gesto\u00dfen ist. &#8222;Twat&#8220; ist aber ein derbes Wort f\u00fcr das weibliche Geschlechtsorgan. Browning hat hier etwas missverstanden. Er wollte sicher nicht die Kapuze des M\u00f6nchs (&#8222;cowl&#8220;) und die Vagina der Nonne in einem Atemzug nennen. Hat er aber. <\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sollte man die Sch\u00fcler nach sexistischen und rassistischen Elementen in Gedichten suchen lassen. Die erkennen sie vielleicht eher, und vielleicht sind die Sch\u00fcler leichter davon zu \u00fcberzeugen, dass die Autoren nicht sexistisch oder rassistisch sein <em>wollten<\/em>, aber dass die Texte es dennoch <em>sind<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><b>Man kann nicht lesen, ohne zu interpretieren.<\/b> Zumindest nicht vorlesen, und zumindest nicht bei einem Schauspiel. Wenn man die S\u00e4tze einer Figur in einem Drama vorliest, dann ist das Interpretieren (so wie der S\u00e4nger eines Liedes der Interpret des Liedes ist): Denn dadurch legt man fest, <em>wie<\/em> die Figur die S\u00e4tze vortr\u00e4gt: gelangweilt, tonlos, aufgeregt, froh, \u00fcberm\u00fctig, scherzhaft, verzweifelt. (Nat\u00fcrlich hilft es, wenn die Sch\u00fcler \u00fcber mehr als einen Tonfall beim Lesen verf\u00fcgen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr sch\u00f6n kann man all das an einem Lied von Bruce Springsteen zeigen, &#8222;I&#8217;m on fire&#8220; aus dem Album &#8222;Born in the USA&#8220; (das ich noch als LP im Schrank habe). Ein sch\u00f6nes Lied von Saubermann Boss Springsteen. Das Lied eines Romeos, der nicht zu seiner Julia darf, und furchtbar darunter leidet. Einen Videoclip gab&#8217;s auch dazu.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Hey little girl is your daddy home<br>Did he go away and leave you all alone<br>I got a bad desire<br>I&#8217;m on fire<\/p>\n\n\n\n<p>Tell me now baby is he good to you<br>Can he do to you the things that I do<br>I can take you higher<br>I&#8217;m on fire<\/p>\n\n\n\n<p>Sometimes it&#8217;s like someone took a knife baby<br>edgy and dull and cut a six-inch valley<br>through the middle of my soul<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ein Springsteen-Klassiker mit wunderbarem Rhythmus, oft gecovert. Und covern hei\u00dft vortragen hei\u00dft interpretieren. So etwa in einer Interpretation vom seligen Johnny Cash. Mit seiner alten Stimme und einem wackligen Tonfall gewinnt das Lied gleich eine ganz andere, gruseligere Dimension:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Johnny Cash- I&#039;m On Fire\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/kHLQPgrSfWY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Man denkt doch sofort an einen Kindersch\u00e4nder. Das hat Springsteen sicher nicht im Sinn gehabt.*) Aber die Interpretation ist legitim, finde ich. (Ob der K\u00fcnstler Johnny Cash diese Interpretation bewusst verwendet oder nicht, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt. Siehe oben. Ich denke mal, ja &#8211; aber wie gesagt, das ist nicht wichtig. Das Lied stammt aus dem Album <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/B00004Z0M0\/qid=1111824558\/sr=8-1\/ref=sr_8_xs_ap_i1_xgl\/302-3419166-4665609\">Badlands &#8211; A Tribute to Bruce Springsteen&#8217;s Nebraska<\/a><\/em> mit Springsteen-Cover-Versionen verschiedener Interpreten.)<\/p>\n\n\n\n<p>*) Fu\u00dfnote: Oder doch? Kann man den Text anders, harmlos deuten?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(55 Kommentare.) Sch\u00fcler meinen, man liest was in Gedichte rein, was da gar nicht steht, und das ist dann Interpretieren. Das liegt zum einen daran, dass Sch\u00fcler keine ge\u00fcbten Leser sind. Nuancen in einem Text, die jedem erfahrenen Leser sofort deutlich vor Augen sind, sehen sie nicht so schnell. 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