{"id":2576,"date":"2009-10-16T16:15:06","date_gmt":"2009-10-16T14:15:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2576"},"modified":"2023-05-24T13:35:38","modified_gmt":"2023-05-24T11:35:38","slug":"die-woerter-und-die-dinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/10\/die-woerter-und-die-dinge.htm","title":{"rendered":"Die W\u00f6rter und die Dinge"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/10\/die-woerter-und-die-dinge.htm#comments'>7 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Ich bin mit dem Deutsch-Leistungskurs an der Jahrhundertwende angelangt &#8211; Gegenstr\u00f6mungen zum Naturalismus, also Impressionismus und Symbolismus und fin de si\u00e8cle und l&#8217;art pour l&#8217;art (statt: Kunst = Natur &#8211; X, wie wir im Deutschgesch\u00e4ft sagen) und Stefan George und Rilke und Hofmannsthal. Eine Zeit, die ich mag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Thema der Zeit: Abkehr von der realistisch-naturalistischen Wirklichkeitswiedergabe durch die Kunst:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Kunst will jetzt aus dem Naturalismus fort und sucht Neues. Niemand wei\u00df noch, was es werden m\u00f6chte; der Drang ist ungestalt und wirr; er tastet ohne Rath nach vielen Dingen und findet sich nirgends. Nur fort, um je\u00adden Preis fort aus der deutlichen Wirklichkeit, ins Dunkle, Fremde und Ver\u00adsteckte \u2013 das ist heute die eingestandene Losung f\u00fcr zahlreiche K\u00fcnstler. (Hermann Bahr, &#8222;Symbolismus&#8220;)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine neue Methode der Wirklichkeitswiedergabe, die trotz nicht-realistischer Methode der Wirklichkeit doch wieder verbl\u00fcffend nahe kommt, ist in der Malerei der Impressionismus. Gerade die Lichteffekte, das Flimmern von Laub an den B\u00e4umen im Sonnenschein, sehen dann doch wieder aus &#8222;wie echt&#8220;. Auch hierzu Hermann Bahr:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Denken wir uns, Leonardo h\u00e4tte zuf\u00e4llig die Technik des Impressionismus entdeckt. Er hat ja viel versucht und gern herumprobiert. Es w\u00e4re ihm also zugesto\u00dfen wahrzunehmen, dass die Farbe, in Flecken oder Punkten aufgetragen, eine Macht, eine Wahrheit erh\u00e4lt, die ihr sonst fehlt, und dadurch verf\u00fchrt, h\u00e4tte er ein solches Bild gemalt, das, in der N\u00e4he ein unerkl\u00e4rliches Gewimmel, auf einige Entfernung erst seine Form annimmt. Das h\u00e4tte ihn gewiss gereizt. Schon weil es schwer ist. Auch weil es recht ein Vergn\u00fcgen f\u00fcr seine mathematische Neigung gewesen w\u00e4re. [..] Und nun m\u00f6gen wir uns ihn bei der Arbeit einmal von Messer Bandello besucht denken, der gern, wenn er Zeit hatte, zu ihm kam, auf einen kleinen Plausch und um ihm zuzusehen. Dem h\u00e4tte er stolz seine Erfindung gezeigt und h\u00e4tte ihm erkl\u00e4rt, wie es ihm durch sie m\u00f6glich geworden, manche Erscheinungen, besonders gewisse Reflexe des Lichtes, einzufangen, die so fl\u00fcchtig sind, dass die meisten Menschen sie gar nicht gewahren, sondern erst jetzt, da er sie gemalt, allm\u00e4hlich auf sie achten w\u00fcrden. Und wir meinen den klugen Bandello fast zu sehen, wie er neugierig zuh\u00f6rt, die Worte des Meisters an seinem Bilde pr\u00fcft, ein paarmal nickt, aber dann doch, als jener verstummt, leise und fast ein wenig sp\u00f6ttisch l\u00e4cheln mu\u00df, indem er sagt: &#8222;Wohl erinnere ich mich, Messer Leonardo, solche Erscheinungen, wie Ihr sie nennt, und besonders der ganz eigenen Reflexe, die sich manchmal auf die K\u00f6rper legen, wie Wolken \u00fcber den Himmel ziehen; und es ist mir oft ein Spa\u00df gewesen, das zierliche wei\u00dfe N\u00e4schen einer hochgeborenen und wohlgestalten Dame, wenn wir durch den Garten in der Sonne gingen, pl\u00f6tzlich an der Spitze grasgr\u00fcn gefleckt zu sehen, ganz wie Ihr es hier auf Eurem komischen Bilde gemalt habt. Aber Ihr wisst so gut wie ich, mein werter Freund, dass das N\u00e4schen deswegen doch nicht gr\u00fcn ist, sondern wei\u00df bleibt und es nur unsere Sinne sind, die uns t\u00e4uschen. [&#8230;] Ferner erlaubt mir, Euch zu sagen, dass ich hier, dicht an das Bild herantretend, mich gar nicht auskennen kann und keineswegs wei\u00df, was es denn eigentlich sein soll. Nun habt Ihr freilich von mir verlangt, mich f\u00fcnf Schritte weit aufzustellen; dies sei die Bedingung. Aber erlaubt mir, zu bemerken, Messer Leonardo, da\u00df das nicht die Bedingung der Natur ist. Die Natur entsteht nicht erst, wie Euer Bild, wenn ich mich in ein bestimmtes Verh\u00e4ltnis zu ihr gebe. Sie vergeht nicht, wenn ich es verlasse, die Natur ist immer da, ob ich bin oder nicht. Euer Bild wird erst, wenn ich es ansehe.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Man entdeckte: Das mit der einfachen Wiedergabe der Natur ist gar nicht so einfach. Der Mensch kann nicht anders, als sich in ein Verh\u00e4ltnis zu ihr begeben, und er kann nicht anders, als sie nur mittelbar wahrnehmen. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Wahrnehmung, sondern ebenso daf\u00fcr, wenn man versucht, der Natur mit Worten Herr zu werden. Das Verh\u00e4ltnis zwischen W\u00f6rtern und Dingen ist komplizierter, als man lange angenommen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>(Und hier fehlt eine \u00dcberleitung, von der ich nicht wei\u00df, wie legitim sie w\u00e4re, da ich zu wenig \u00fcber George und Hofmannsthal wei\u00df.)<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu geh\u00f6rt auch der ber\u00fchmte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ein_Brief\">Chandos-Brief<\/a>, in dem Hugo von Hofmannsthal seine Kritik an der Sprache als Ausdrucksm\u00f6glichkeit in ausdrucksvolle Worte fasst. Die Worte &#8222;zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze&#8220;, schreibt er. Zuerst die abstrakten, aber dann hat er auch mit den konkreten Dingen Schwierigkeiten: &#8222;Eine Gie\u00dfkanne, eine auf dem Feld verlassene Egge, ein Hund in der Sonne, ein \u00e4rmlicher Kirchhof, [&#8230;] und die tausend anderen \u00e4hnlichen [Gegenst\u00e4nde], \u00fcber die sonst ein Auge mit selbstverst\u00e4ndlicher Gleichg\u00fcltigkeit hinweggleitet, kann f\u00fcr mich pl\u00f6tzlich in irgendeinem Moment, den herbeizuf\u00fchren auf keine Weise in meiner Gewalt steht, ein erhabenes und r\u00fchrendes Gepr\u00e4ge annehmen, das auszudr\u00fccken mir alle Worte zu arm scheinen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sprachkrise eben. Diese f\u00fchrt dann einige Zeit sp\u00e4ter auch dazu, dass sich die Expressionisten eine eigene Sprache geben, und die Dadaisten sowieso. Um das Problem mit den W\u00f6rtern und den Dingen meinen Sch\u00fclern ein bisschen begreifbarer zu machen, fange ich meist mit einem Gedicht von Michael Ende an, &#8222;Der wirkliche Apfel&#8220;, das so beginnt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ein Mann der Feder, ber\u00fchmt und bekannt<br>als strenger Realist,<br>beschlo\u00df, einen einfachen Gegenstand<br>zu beschreiben, so wie er ist:<br>Einen Apfel zum Beispiel, zwei Groschen wert,<br>mit allem, was dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dieser Mann der Feder scheitert an seinem Projekt, er stellt fest, dass er zur treffenden Beschreibung des Apfels ja auch erkl\u00e4ren muss, wo er herkommt und wie er schmeckt, die Jahreszeiten, den Baum, den Markt, und nach tausenden von Seiten immer noch nicht fertig ist. Mit der Sprache l\u00e4sst sich der Apfel nicht vollst\u00e4ndig erfassen. Der fiktive Mann der Feder zieht allerdings einer andere Konsequenz als der fiktive Lord Chandos aus diesem Ungen\u00fcgen der Sprache:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Von da an lie\u00df er es bleiben,<br>die Wirklichkeit zu beschreiben.<br>Er begn\u00fcgte sich indessen<br>damit, den Apfel zu essen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ein sch\u00f6ner Paralleltext dazu ist der hier von Richard P. Feynman, Physiker und Autor verschiedener vergn\u00fcglicher naturwissenschaftlicher B\u00fccher:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ein Poet sagte einst &#8222;Das gesamte Universum liegt in einem Glas Wein&#8220;. Wir werden wahrscheinlich nie wissen, in welchem Sinn er das meinte, denn Poeten schreiben nicht, um verstanden zu werden. Aber es ist wahr, da\u00df wir bei n\u00e4herer Betrachtung eines Glases Wein das gesamte Universum sehen. Da sind die Dinge der Physik: die sich drehende Fl\u00fcssigkeit, welche in Abh\u00e4ngigkeit von Wind und Wetter verdampft: die Reflexionen im Glas, und unsere Phantasie f\u00fcgt die Atome hinzu. Das Glas ist ein Destillat der Erdgesteine, und in seiner Zusammensetzung sehen wir die Geheimnisse des Alters des Weltalls und die Evolution von Sternen. Welch seltsame Anordnung von Chemikalien befindet sich im Wein? Wie sind sie entstanden? Da gibt es die Fermente, die Enzyme, die Substrate und die Produkte. Dort im Wein ist die gro\u00dfe Verallgemeinerung zu finden: Alles Leben ist Fermentation. Niemand kann die Chemie des Weines entdecken, ohne, wie Louis Pasteur, die Ursachen vieler Krankheiten zu entdecken. Wie lebendig ist der Rotwein, der seine Existenz dem Bewu\u00dftsein aufpr\u00e4gt, welches ihn beobachtet! Wenn unser kleiner Verstand aus irgendeiner Bequemlichkeit dieses Glas Wein, dieses Universum, unterteilt in Physik, Biologie, Geologie, Astronomie, Psychologie usw., dann erinnern wir uns daran, da\u00df die Natur dies nicht kennt! Also wollen wir wieder alles zusammenf\u00fcgen und endlich nicht vergessen, wozu es da ist. Lassen wir es uns noch ein letztes Vergn\u00fcgen bereiten: Trinken wir es und vergessen alles!&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Zitiert nach: Gero von Randow (Hg.), <em>Mein paranormales Fahrrad und andere Anl\u00e4sse zur Skepsis, entdeckt im Skeptical Inquirer.<\/em> Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993 (rororo science), S. 213. Von Feynman auch lesen: <em>&#8222;Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman&#8220;<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Parallelen finde ich interessant.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber so entspannt wie Ende und Feynman sieht der deutsche Dichter die Sprachkrise selten. Klaus Modick parodiert die &#8222;Sprachnot&#8220; dieser Spezies in seinem Roman <em>Ins Blaue<\/em>. Kurt trifft seinen Freund Feuerstein in der Stammkneipe, und der flirtet gerade mit einer, wie sich herausstellt, Lyrikerin. &#8222;Geht alles nur um ein Thema. Um <em>das<\/em> Thema gewissermassen. Es geht bei allen K\u00fcnstlern immer wieder nur um dies eine Thema&#8220;, sagt Feuerstein. Nein, nicht der Geschlechtsverkehr, wie Kurt meint, sondern: &#8222;&#8218;Sprachnot&#8216;, hauchte Petra.&#8220; Sie schreibe davon, &#8222;warum sie, warum man eigentlich gar nicht schreiben kann. \u00dcber die Qual des Schreibens sozusagen. \u00dcber die Unm\u00f6glichkeit, auch nur das kleinste, das einfachste Ding durch Sprache zu benennen.&#8220; Aber sie l\u00e4sst sich leicht dazu \u00fcberreden, aus ihrem Werk zu rezitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>(Klaus Modick: Vor zwanzig Jahren, vier, f\u00fcnf B\u00fccher gelesen, die mir sehr gut gefallen haben. Vor ein paar Monaten ein neues gelesen, das ich sehr m\u00e4\u00dfig fand. Bin ich \u00e4lter geworden oder er? Oder er nicht?)<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; An dieser Stelle leite ich dann \u00fcber zur <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sapir-Whorf-Hypothese\">Sapir-Whorf-Hypothese<\/a> und der Frage, wie sehr die Sprache das Denken determiniert oder wenigstens beeinflusst. Halbwegs aktueller Text dazu: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/968\/325833\/text\/\">&#8222;Eins, zwei, viele&#8220;<\/a> aus der SZ. Darin geht es um die etwa 200 Sprecher einer Sprache im Amazonas, Pirah\u00e3. In dieser Sprache gibt es keine W\u00f6rter f\u00fcr Zahlen gr\u00f6\u00dfer als zwei, und selbst die Bedeutung der W\u00f6rter &#8222;eins&#8220; und &#8222;zwei&#8220; ist nicht ganz exakt. Das f\u00fchrt dazu, das die Sprecher dieser Sprache auch keine Vorstellung von Zahlen haben. (Siehe Beschreibung der Experimente im Text. Ist leider nur sehr oberfl\u00e4chlich und keineswegs eindeutig, aber zur Problematisierung reicht es. Wer weiter machen m\u00f6chte: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pirah%C3%A3\">Pirah\u00e3<\/a> bei Wikipedia. Keine Rekursion, keine Farbadjektive. Exkurs zu Farbadjektiven in verschiedenen Sprachen m\u00f6glich.)<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu Bilder von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?title=Datei:Claude_Monet_025.jpg\">Monet<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Renoir21.jpg\">Renoir<\/a>, ein Pointillist oder zwei, und die bekannte <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Treachery_of_Images\">Ceci n&#8217;est pas une pipe<\/a>-Serie von Magritte, au\u00dferdem &#8222;Le bons sens&#8220; und &#8222;Les deux myst\u00e8res&#8220;. Vielleicht sollte ich das alles auch mal in einen Moodlekurs packen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(7 Kommentare.) Ich bin mit dem Deutsch-Leistungskurs an der Jahrhundertwende angelangt &#8211; Gegenstr\u00f6mungen zum Naturalismus, also Impressionismus und Symbolismus und fin de si\u00e8cle und l&#8217;art pour l&#8217;art (statt: Kunst = Natur &#8211; X, wie wir im Deutschgesch\u00e4ft sagen) und Stefan George und Rilke und Hofmannsthal. Eine Zeit, die ich mag. 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