{"id":2596,"date":"2009-12-06T09:21:40","date_gmt":"2009-12-06T07:21:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2596"},"modified":"2023-05-19T22:11:33","modified_gmt":"2023-05-19T20:11:33","slug":"rudyard-kipling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/12\/rudyard-kipling.htm","title":{"rendered":"Rudyard Kipling"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/12\/rudyard-kipling.htm#comments'>7 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Rudyard Kipling ist aber auch so was von au\u00dfer Mode. Da hilft der Literaturnobelpreis von 1906 auch nur wenig. Unterhaltungsliteratur, Imperialismus, Verherrlicher eines britischen Weltreichs, blablabla. Schon im vorletzten Jahrhundert tr\u00e4umte J. K. Stephen von einer Zeit, in der die Menschheit erl\u00f6st sein w\u00fcrde von billigen Abenteuergeschichten in Magazinen, von einer Zeit,<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>When there stands a muzzled stripling,<br>Mute, beside a muzzled bore:<br>When the Rudyards cease from kipling<br>And the Haggards Ride no more.<sup>1<\/sup><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Langweiler mit Maulkorb, das ist H. Rider Haggard: Autor von <em>King Solomon&#8217;s Mines<\/em>, dem ber\u00fchmten <em>She<\/em>, und meinem Favoriten <em>Ayesha\/The Return of She<\/em> (weil&#8217;s im Himalaya spielt und nicht in Afrika). Das waren alles mal ber\u00fchmte Sachen, heute kennen viele Allan Quatermain nur aus Moores <em>League of Extraordinary Gentlemen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der kippelnde j\u00fcngere Dichter, dem Stephen einen Maulkorb verpassen m\u00f6chte, das ist nat\u00fcrlich Rudyard Kipling.<sup>2<\/sup> Dabei war der nat\u00fcrlich alles andere als langweilig, sondern vielseitig, spannend, witzig. Ein Freund und Verteidiger des britischen Empire, und deshalb auch dessen Kritiker. Er gab vor allem der Unterschicht eine Stimme. Ber\u00fchmt war er f\u00fcr seine Armeegeschichten und -balladen, aus denen Brecht auch f\u00fcr die Dreigroschenoper plagiiert hat (Kanonensong und andere); diese Texte sind zum Teil f\u00fcr mich heute unlesbar, weil Kipling meinte, den Dialekt der Sprecher auch in der geschriebenen Sprache zum Ausdruck bringen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lese Kipling sehr gerne. Ob er \u00fcber Indien schreibt oder <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/10\/der-englische-schulroman-neue-abenteuer-im-papierweb.htm\">\u00fcber public schools<\/a>, \u00fcber Alltag in England, \u00fcber das Meer &#8211; er schafft es immer wieder und in wenigen Zeilen, eine eigene Welt aufzubauen. (Anders als sein Zeitgenosse H.G. Wells, dessen Kurzgeschichten bis auf wenige Ausnahmen viel lebloser auf mich wirken.)<\/p>\n\n\n\n<p>Was kennt man denn von Kipling?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">If<\/h3>\n\n\n\n<p>Wird immer mal wieder in die Liste der beliebtesten britischen Gedichte gew\u00e4hlt, wenn nicht gar auf Platz 1. Etwas bombastisch, aber das kann man ja auch m\u00f6gen. Die zweite Strophe:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>If you can dream &#8211; and not make dreams your master;<br>If you can think &#8211; and not make thoughts your aim;<br>If you can meet with Triumph and Disaster<br>And treat those two impostors just the same;<br>If you can bear to hear the truth you&#8217;ve spoken<br>Twisted by knaves to make a trap for fools,<br>Or watch the things you gave your life to, broken,<br>And stoop and build &#8218;em up with worn-out tools:<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>(Das ganze Gedicht <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/If%E2%80%94\">bei Wikipedia<\/a>.)<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">A Matter of Fact<\/h3>\n\n\n\n<p>Keine besonders bekannte oder au\u00dfergew\u00f6hnliche Geschichte. Ich erw\u00e4hne sie nur, weil Neil Gaiman sie in einem Heft der Sandman-Reihe verwendet hat. Zwei Journalisten werden bei einer Ozean\u00fcberquerung Zeuge, wie ein Seeungeheuer auftaucht; wieder an Land, erz\u00e4hlen sie die Sensation nicht weiter, weil ihnen doch keiner glauben w\u00fcrde. &#8212; Neil Gaiman scheint auch sonst Kipling zu m\u00f6gen, es gibt mindestens ein Vorwort zu einer Kipling-Ausgabe von ihm.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">My Sunday at Home<\/h3>\n\n\n\n<p>Eine bizarre kleine Geschichte. Der Erz\u00e4hler verbringt ein paar Tage in England, lebt anscheinend sonst im Ausland. Und er betrachtet das kleine Geschehen, von dem er berichtet, sehr distanziert: Der Schaffner im Zug teilt den Reisenden mit, dass jemand versehentlich eine Flasche Gift (mit)genommen habe. Ein amerikanischer (lies: busybody) Arzt h\u00f6rt das, missversteht es, h\u00e4lt einen betrunkenen Streckenarbeiter f\u00fcr das Opfer und fl\u00f6\u00dft ihm ein Brechmittel ein.<br>Der betrunkene Arbeiter l\u00e4sst den Arzt jetzt aber nicht mehr weg, die Sache kommt ihm n\u00e4mlich merkw\u00fcrdig vor. Und es geht ihm jetzt auch gar nicht mehr so gut. Der Zug f\u00e4hrt ohne sie weiter; der Erz\u00e4hler bleibt ebenfalls da und schaut sich, auch r\u00e4umlich distanziert auf der Br\u00fccke stehend, an, wie der Arzt versucht, dem Klammergriff seines unfreiwilligen Patienten zu entkommen.<br>Das Absurde an der Geschichte ist die Erz\u00e4hlweise, das freundlich-interessierte, distanzierte Verhalten des Erz\u00e4hlers.<\/p>\n\n\n\n<p>Den meisten Kritikern gefiel die Geschichte nicht. Einige Reaktionen sind <a href=\"http:\/\/www.kipling.org.uk\/rg_sundayhome1.htm\">hier gesammelt<\/a>, darunter aber auch diese meiner \u00e4hnelnde von Angus Wilson (in: <em>The Strange Ride of Rudyard Kipling<\/em>):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Here in the humorous story, &#8222;My Sunday at Home&#8220;, ostensibly a leg-pull of an over-solemn American doctor travelling in England, he wrote the first of those superb impressionistic Constable-like accounts of the English countryside caught in a particular moment of English weather.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich glaube, die friedliche Ruhe an diesem sonnigen Sonntagnachmittag ist es, die mir so gef\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">The White Man&#8217;s Burden<\/h3>\n\n\n\n<p>Das d\u00fcrfte &#8211; neben George Orwells Essay &#8222;Shooting an Elephant&#8220; &#8211; jedem Englischlehrer mal begegnet sein. Imperialistisch bis ins Mark, aber vielleicht auch ironisch gemeint. Die Geisteshaltung darin l\u00e4sst sich heute nicht mehr so einfach nachvollziehen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Take up the White Man&#8217;s burden\u2014<br>Send forth the best ye breed\u2014<br>Go bind your sons to exile<br>To serve your captives&#8216; need;<br>To wait in heavy harness,<br>On fluttered folk and wild\u2014<br>Your new-caught, sullen peoples,<br>Half-devil and half-child.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>(Das ganze Gedicht und viel Kommentar <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_White_Man%27s_Burden\">bei Wikipedia<\/a>.)<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">The Janeites<\/h3>\n\n\n\n<p>In R\u00fcckblenden erz\u00e4hlt. Ein paar Offiziere einer Einheit im ersten Weltkrieg scheinen einer Art Geheimbund anzugeh\u00f6ren, den Janeites. Sie benutzen st\u00e4ndig Codew\u00f6rter und beziehen sich auf Personen, die sonst keiner kennt. Ein einfacherer Dienstgrad will Mitglied werden und wird mehr scherzhaft in den Club eingef\u00fchrt, und muss dazu so komische B\u00fccher lesen. Aber er findet dann doch auch Gefallen an diesen B\u00fcchern und liest sie regelm\u00e4\u00dfig. Die meisten Mitglieder der kleinen Gemeinschaft \u00fcberleben den Ersten Weltkrieg nicht, aber die Jane-Austen-Lekt\u00fcre hilft ihnen doch.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">The Ship that Found Herself<\/h3>\n\n\n\n<p>Schiffe gibt es oft bei Kipling. Hier wird eines sehr lyrisch geschildert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>If you lay your ear to the side of the cabin the next time you are in a steamer, you will hear hundreds of little voices in every direction, thrilling and buzzing, and whispering and popping, and gurgling and sobbing and squeaking exactly like a telephone in a thunder-storm. Wooden ships shriek and growl and grunt, but iron vessels throb and quiver through all their hundreds of ribs and thousands of rivets. The <em>Dimbula<\/em> was very strongly built, and every piece of her had a letter or number, or both, to describe it; and every piece had been hammered, or forged, or rolled, or punched by man, and had lived in the roar and rattle of the ship-yard for months. Therefore every piece had its own separate voice in exact proportion of the amount of trouble spent upon it. Cast-iron, as a rule, says very little; but mild steel plates and wrought-iron, and ribs and beams that have been much bent and welded and riveted, talk continuously. Their conversation, of course, is not half as wise as our human talk, because they are all, though they do not know it, bound down one to the other in a black darkness, where they cannot tell what is happening near them, nor what will overtake them next.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Bordingenieur auf diesen Schiffen ist \u00fcbrigens fast immer ein Schotte. (Schottland hat mindestens seit dem sp\u00e4ten 18. Jahrhundert einen guten Ruf im Ingenieurswesen. Viel mehr wei\u00df ich nicht.) Und da kommt nat\u00fcrlich auch unser Scotty von der Enterprise her. &#8222;You canna take herr any fasterr, captain!&#8220; Der Kessel droht st\u00e4ndig zu explodieren, wenn der Ingenieur ihm nicht gut zuredet.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup> Das vollst\u00e4ndige Gedicht von J.K. Stephen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>To R. K.<\/p>\n\n\n\n<p><small>As long I dwell on some stupendous<br>And tremendous (Heaven defend us!)<br>Monstr&#8216;-inform&#8216;-ingens-horrendous<br>Demoniaco-seraphic<br>Penman&#8217;s latest piece of graphic.<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;BROWNING.<br><\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Will there never come a season<br>Which shall rid us from the curse<br>Of a prose which knows no reason<br>And an unmelodious verse:<br>When the world shall cease to wonder<br>At the genius of an Ass,<br>And a boy&#8217;s eccentric blunder<br>Shall not bring success to pass:<\/p>\n\n\n\n<p>When mankind shall be delivered<br>From the clash of magazines,<br>And the inkstand shall be shivered<br>Into countless smithereens:<br>When there stands a muzzled stripling,<br>Mute, beside a muzzled bore:<br>When the Rudyards cease from kipling<br>And the Haggards Ride no more.<\/p>\n\n\n\n<p>James Kenneth Stephen (1859-1892)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><sup>2<\/sup> Der Kalauer &#8222;Do you like Kipling?&#8220; &#8222;I don&#8217;t know, I&#8217;ve never kippled&#8220; wurde mal in einer Ausgabe von <em>MAD Magazine<\/em> verbraten. Die deutsche \u00dcbersetzung war ein wenig holprig, aber immerhinque: &#8222;M\u00f6gen Sie Ibsen?&#8220; (Was man sich so alles merkt.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(7 Kommentare.) Rudyard Kipling ist aber auch so was von au\u00dfer Mode. Da hilft der Literaturnobelpreis von 1906 auch nur wenig. Unterhaltungsliteratur, Imperialismus, Verherrlicher eines britischen Weltreichs, blablabla. Schon im vorletzten Jahrhundert tr\u00e4umte J. K. 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