{"id":2597,"date":"2009-11-02T22:36:28","date_gmt":"2009-11-02T20:36:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2597"},"modified":"2024-08-06T06:56:41","modified_gmt":"2024-08-06T04:56:41","slug":"parabeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/11\/parabeln.htm","title":{"rendered":"Parabeln"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/11\/parabeln.htm#comments'>9 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Meine Parabelsequenz sieht meist so aus, dass ich mit einem biblischen Gleichnis beginne, am besten mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es nahten aber zu ihm allerlei Z\u00f6llner und S\u00fcnder, da\u00df sie ihn h\u00f6rten. Und die Pharis\u00e4er und Schriftgelehrten murrten und sprachen: &#8222;Dieser nimmt die S\u00fcnder an und isset mit ihnen.&#8220; Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:<br>Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, so er deren eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der W\u00fcste und hingehe nach dem verlorenen, bis da\u00df er\u2019s finde? Und wenn er&#8217;s gefunden hat, so legt er&#8217;s auf seine Achseln mit Freuden. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein \u00fcber einen S\u00fcnder, der Bu\u00dfe tut, mehr als \u00fcber neunundneunzig Gerechte, die der Bu\u00dfe nicht bed\u00fcrfen. [&#8230;]<br>Also auch, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes \u00fcber einen S\u00fcnder, der Bu\u00dfe tut.<br>(Lutherbibel, Lukas 15, 1-10)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das klassische Gleichnis besteht aus drei Teilen: einer erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftigen Situation; einer kurzen Geschichte, die zur Erkl\u00e4rung der Situation beitragen soll; und aus einer Deutung dieser Geschichte, in der ihr Inhalt auf die Ursprungssituation bezogen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Parabeln sind quasi das weltliche Gegenst\u00fcck zum religi\u00f6sen Gleichnis. (Ich glaube, die Bibelwissenschaft unterscheidet auch innerhalb der Bibel Gleichnisse und Parabeln, aber das muss mich als Germanist nicht interessieren.) Ich zeige den Sch\u00fclern ein paar weitere Gleichnisse mit christlich-j\u00fcdischem Hintergrund, dann ein paar einfache Parabeln. Bei den Parabeln fehlt allerdings meist die Einbettung in eine konkrete Situation, und oft genug auch der dritte Teil mit einer expliziten Deutung. Dementsprechend sind manche Parabeln auch nicht so leicht zu deuten; sch\u00f6n sind da die Keuner-Geschichten von Brecht. (Bitte, kann mir jemand die Parabel &#8222;Luxus&#8220; erkl\u00e4ren?)<\/p>\n\n\n\n<p>Manche moderne Parabeln scheinen gar keine klare Sachebene zu haben, auf die man die Bildebene der Erz\u00e4hlung \u00fcbertragen kann. Kafka bietet sich da an:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es war sehr fr\u00fch am Morgen, die Stra\u00dfen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, dass es schon viel sp\u00e4ter war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken \u00fcber diese Entdeckung lie\u00df mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, gl\u00fccklicherweise war ein Schutzmann in der N\u00e4he, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er l\u00e4chelte und sagte: &#8222;Von mir willst du den Weg erfahren?&#8220; &#8222;Ja&#8220;, sagte ich, &#8222;da ich ihn selbst nicht finden kann.&#8220; &#8222;Gibs auf, gibs auf&#8220;, sagte er und wandte sich mit einem gro\u00dfen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In dieser Geschichte bleibt das Verlangen nach Information und Aufkl\u00e4rung unbefriedigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch die einfache Parabel macht schon Schwierigkeiten, nicht nur bei der Deutung, auch bei der <em>Bewertung<\/em> der Sachebene. Hier ist eine buddhistische Parabel, vermutlich sehr bekannt, da sie mir in verschiedenen Fassungen immer wieder untergekommen ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Buddha erz\u00e4hlte in einem Sutra eine Parabel: Ein Mann, der \u00fcber eine Ebene reiste, stie\u00df auf einen Tiger. Er floh, den Tiger hinter sich. Als er an einen Abgrund kam, suchte er Halt an der Wurzel eines wilden Weinstocks und schwang sich \u00fcber die Kante. Der Tiger beschnupperte ihn von oben. Zitternd schaute der Mann hinab, wo weit unten ein anderer Tiger darauf wartete, ihn zu fressen. Nur der Wein hielt ihn. Zwei M\u00e4use, eine wei\u00dfe und eine schwarze, machten sich daran, nach und nach die Weinwurzel durchzubei\u00dfen. Der Mann sah eine saftige Erdbeere neben sich. W\u00e4hrend er sich mit der einen Hand am Wein festhielt, pfl\u00fcckte er mit der anderen die Erdbeere. Wie s\u00fc\u00df sie schmeckte!<br>(Paul Reps, <em>Zen Flesh, Zen Bones.<\/em> Deutsch: <em>Ohne Worte &#8211; ohne Schweigen<\/em>. O. W. Barth bei Scherz; 12. Auflage: 2008.)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><small>(Fu\u00dfnote: Ein paar Zen-Koans zeige ich den Sch\u00fclern auch gerne, wenn es um Parabeln geht.)<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Deutung dieser Parabel\/dieses Gleichnis f\u00e4llt Sch\u00fclern nicht schwer. Aber sie wollen auch wissen, ob es etwas bedeutet, dass die eine Maus schwarz und die andere wei\u00df ist. Zur Erkl\u00e4rung biete ich den Sch\u00fclern folgende Verse von Friedrich R\u00fcckert an:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es ging ein Mann im Syrerland,<br>F\u00fchrt&#8216; ein Kamel am Halfterband.<br>Das Tier mit grimmigen Geb\u00e4rden<br>Urpl\u00f6tzlich anfing scheu zu werden<br>Und tat so ganz entsetzlich schnaufen,<br>Der F\u00fchrer vor ihm musst&#8216; entlaufen.<br>Er lief und einen Brunnen sah<br>Von ungef\u00e4hr am Wege da.<br>Das Tier h\u00f6rt&#8216; er im R\u00fccken schnauben,<br>Das musst&#8216; ihm die Besinnung rauben.<br>Er in den Schacht des Brunnens kroch,<br>Er st\u00fcrzte nicht, er schwebte noch.<br>Gewachsen war ein Brombeerstrauch<br>Aus des geborstnen Brunnens Bauch;<br>Daran der Mann sich fest tat klammern<br>Und seinen Zustand drauf bejammern.<br>Er blickte in die H\u00f6h&#8216; und sah<br>Dort das Kamelhaupt furchtbar nah&#8216;,<br>Das ihn wollt&#8216; oben fassen wieder.<br>Dann blickt&#8216; er in den Brunnen nieder;<br>Da sah am Grund er einen Drachen<br>Aufg\u00e4hnen mit entsperrtem Rachen,<br>Der drunten ihn verschlingen wollte,<br>Wenn er hinunter fallen sollte.<br>So schwebend in der beiden Mitte,<br>Da sah der Arme noch das Dritte.<br>Wo in die Mauerspalte ging<br>Des Str\u00e4uchleins Wurzel, dran er hing,<br>Da sah er still ein M\u00e4usepaar,<br>Schwarz eine, wei\u00df die andre war.<br>Er sah die schwarze mit der wei\u00dfen<br>Abwechselnd an der Wurzel bei\u00dfen.<br>Sie nagten, zausten, gruben, w\u00fchlten,<br>Die Erd&#8216; ab von der Wurzel sp\u00fclten;<br>Und wie sie rieselnd niederrann,<br>Der Drach&#8216; im Grund aufblickte dann,<br>Zu sehn, wie bald mit seiner B\u00fcrde<br>Der Strauch entwurzelt fallen w\u00fcrde.<br>Der Mann in Angst und Furcht und Not,<br>Umstellt, umlagert und umdroht,<br>Im Stand des jammerhaften Schwebens,<br>Sah sich nach Rettung um vergebens.<br>Und da er also um sich blickte,<br>Sah er ein Zweiglein, welches nickte<br>Vom Brombeerstrauch mit reifen Beeren;<br>Da konnt&#8216; er doch der Lust nicht wehren.<br>Er sah nicht des Kameles Wut<br>Und nicht den Drachen in der Flut<br>Und nicht der M\u00e4use T\u00fcckespiel,<br>Als ihm die Beer&#8216; ins Auge fiel.<br>Er lie\u00df das Tier von oben rauschen<br>Und unter sich den Drachen lauschen<br>Und neben sich die M\u00e4use nagen,<br>Griff nach den Beerlein mit Behagen,<br>Sie deuchten ihm zu essen gut,<br>A\u00df Beer&#8216; auf Beerlein wohlgemut,<br>Und durch die S\u00fc\u00dfigkeit im Essen<br>War alle seine Furcht vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Du fragst: &#8222;Wer ist der t\u00f6richt&#8216; Mann,<br>Der so die Furcht vergessen kann?&#8220;<br>So wiss&#8216;, o Freund, der Mann bist du;<br>Vernimm die Deutung auch dazu.<br>Es ist der Drach&#8216; im Brunnengrund<br>Des Todes aufgesperrter Schlund;<br>Und das Kamel, das oben droht,<br>Es ist des Lebens Angst und Not.<br>Du bist&#8217;s, der zwischen Tod und Leben<br>Am gr\u00fcnen Strauch der Welt musst schweben.<br>Die beiden, so die Wurzel nagen,<br>Dich samt den Zweigen, die dich tragen,<br>Zu liefern in des Todes Macht,<br>Die M\u00e4use hei\u00dfen Tag und Nacht.<br>Es nagt die schwarze wohl verborgen<br>Vom Abend heimlich bis zum Morgen,<br>Es nagt vom Morgen bis zum Abend<br>Die wei\u00dfe, wurzeluntergrabend.<br>Und zwischen diesem Graus und Wust<br>Lockt dich die Beere Sinnenlust,<br>Dass du Kamel, die Lebensnot,<br>Dass du im Grund den Drachen Tod,<br>Dass du die M\u00e4use Tag und Nacht<br>Vergissest und auf nichts hast acht,<br>Als dass du recht viel Beerlein haschest,<br>Aus Grabes Brunnenritzen naschest.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Gedicht ist mir mal beim Bl\u00e4ttern in Ludwig Reiners <em>Ewigem Brunnen<\/em> untergekommen. Es erz\u00e4hlt fast die gleiche Geschichte und liefert die Deutung gleich mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Bewertung scheiden sich aber die Geister: Wenn ich Sch\u00fcler frage, wie R\u00fcckert die Haltung dieses Mannes, der da zwischen Kamel und Drache h\u00e4ngt, <em>bewertet<\/em>, dann erkennen sie nicht, dass diese Haltung kritisiert wird &#8211; dieses Genie\u00dfen des Augenblicks ungeachtet der Gefahr ist kein christlich angemessenes Verhalten. Sage ich jedenfalls. Ich finde das offensichtlich, aber tats\u00e4chlich sind die Merkmale im Gedicht, wenn ich sie Sch\u00fclern zu erkl\u00e4ren versuche, nicht viele: &#8222;t\u00f6richt&#8220; ist der Mann (aber das k\u00f6nnte ja Ironie sein); die Furcht vergessen kann negativ oder positiv gesehen werden; die &#8222;Sinnenlust&#8220; wird nicht als negativ gesehen (ist doch sch\u00f6n), und auch das &#8222;du bist der Mann&#8220; sagt Sch\u00fclern nichts (Nathan zu K\u00f6nig David im 2. Buch Samuel, dem Nathan mit einer Parabel den Kopf w\u00e4scht).<\/p>\n\n\n\n<p>(Meine Lieblingsform dieser Geschichte, weil am anschaulichsten: <a href=\"https:\/\/sacred-texts.com\/neu\/dun\/fotd\/fotd09.htm\">Lord Dunsany, &#8222;The Workman&#8220;<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(9 Kommentare.) Meine Parabelsequenz sieht meist so aus, dass ich mit einem biblischen Gleichnis beginne, am besten mit dem Gleichnis vom verlorenen Schaf: Es nahten aber zu ihm allerlei Z\u00f6llner und S\u00fcnder, da\u00df sie ihn h\u00f6rten. Und die Pharis\u00e4er und Schriftgelehrten murrten und sprachen: &#8222;Dieser nimmt die S\u00fcnder an und isset mit ihnen.&#8220; Er sagte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[101],"tags":[231,51],"class_list":["post-2597","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-deutsch","tag-deutsch","tag-lyrik"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2597","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2597"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2597\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62779,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2597\/revisions\/62779"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2597"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2597"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}