{"id":261,"date":"2005-03-30T08:35:41","date_gmt":"2005-03-30T07:35:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/03\/eleusis-2.htm"},"modified":"2019-08-29T15:43:51","modified_gmt":"2019-08-29T13:43:51","slug":"eleusis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/03\/eleusis.htm","title":{"rendered":"Eleusis"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/03\/eleusis.htm#comments'>8 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Als Zw\u00f6lf- oder Dreizehnj\u00e4hriger stie\u00df ich in der \u00f6rtlichen Stadtbibliothek auf ein Buch, das ich im Laufe der folgenden Jahre wieder und wieder auslieh: <em>Denken als Spiel<\/em> von Willy Hochkeppel, ein Buch mit Paradoxien, R\u00e4tseln, Denkaufgaben. Und zwar ein besonders gutes; ein R\u00e4tsel daraus (und zwar eines, bei dem die L\u00f6sung nicht angegeben war) lie\u00df mir Jahre lang keine Ruhe. Immer wieder lieh ich das Buch aus, und irgendwann hat&#8217;s dann auch mit dem R\u00e4tsel geklappt.<\/p>\n<p>Bemerkenswerter an dem Buch war aber, dass darin zwei Spiele vorgestellt wurden, die mich in den Jahren darauf immer wieder besch\u00e4ftigen w\u00fcrden. Zwei ungew\u00f6hnliche, interessante, gro\u00dfartige, weithin unbekannte Spiele &#8211; und beide im gleichen Buch vorgestellt.<br \/>\nDas eine war WFF &#8218;N PROOF, das <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/04\/wff-n-proof.htm\">einen eigenen Blog-Eintrag<\/a> bekommen <span style=\"text-decoration: line-through;\">wird<\/span> hat. (Ein ungemein abstraktes und nicht wirklich spielbares Logik-Brettspiel, im weitesten Sinn.) Das andere war <em>Eleusis<\/em>, ein \u00fcberaus gut spielbares Kartenspiel.<br \/>\nAn aktuelle Versionen beider Spiele kam ich damals, in den 80ern und weit vor dem WWW, \u00fcber Georg Keller (viele Gr\u00fc\u00dfe, wo immer du auch sein magst).<\/p>\n<p>Bei Eleusis geht es um logisches Denken, aber um <em>induktives<\/em> Denken: Es geht \u00e4hnlich wie bei Mau-Mau darum, seine Karten loszuwerden, aber w\u00e4hrend bei Mau-Mau die Ablageregel gegeben ist (man darf nur Karten von gleicher Farbe oder gleichem Wert wie die zuletzt gelegte Karte ablegen), ist diese Regel bei Eleusis den Spielern am Anfang unbekannt. Ein Spieler denkt sich am Anfang eine Regel aus und schreibt sie zur Sicherheit auf einen Zettel:<\/p>\n<ul>\n<li>Man darf nur eine Karte der gleichen Farbe (Herz, Pik, Kreuz, Karo) anlegen oder des gleichen Wertes.<\/li>\n<li>Ungerade Karten (A, 3, 5, 7, 9, J, K) sind generell verboten, gerade Karten (2, 4, 6, 8, T, Q) generell erlaubt (A=Ace\/1, T=Ten\/10, J=Jack\/11, Q=Queen\/12, K=King\/13).<\/li>\n<li>Nach einer roten Karte (Herz, Karo) muss eine niedrige Karte kommen (A-7), nach einer schwarzen Karte (Pik, Kreuz) ist alles erlaubt.<\/li>\n<li>Blonde Spieler d\u00fcrfen nur rote Karten spielen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>(Theoretisch ist alles erlaubt, aber es gibt wenig Punkte, wenn man die Regel zu schwer macht: Am meisten Punkte kriegt der Regelgeber, wenn mindestens ein Mitspieler alle seine Karten ablegen kann, und mindestens einer gar keine Ahnung hat, wie die Regel lautet.)<\/p>\n<p>Nachdem der Regelgeber seine Regel notiert hat, werden zwei Kartenspiele (zu je 52 Karten) gemischt, der Regelgeber deckt die erste Karte auf, und jeder der drei bis f\u00fcnf weiteren Mitspieler erh\u00e4lt 13 Karten (die sie verdeckt in der Hand halten). Ziel des Spiels ist es, seine Karten nach und nach abzulegen.<br \/>\nDie vom Regelgeber als Starterkarte aufgedeckte Karte ist zum Beispiel ein Pik K\u00f6nig. Der erste Spieler legt probeweise eine Herz 3 an, die vom Regelgeber als richtig akzeptiert wird. Jetzt ist der n\u00e4chste Spieler dran, der probeweise eine Pik 8 anlegt. Auch diese wird vom Regelgeber akzeptiert. Der n\u00e4chste Spieler legt eine Kreuz 9 an, die der Regelgeber zur\u00fcckweist. Die zur\u00fcckgewiesene Karte wird <em>unterhalb<\/em> der vorhergehenden Karte angelegt, also nicht die Reihe fortsetzend. So etwa:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/eleusis1.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Der Spieler, der die Kreuz 9 anzulegen versucht hat, erh\u00e4lt zwei Extrakarten vom Stapel. (Wer also richtig anlegt, hat danach eine Karte weniger, wer falsch anlegt, eine Karte mehr.)<br \/>\nDer n\u00e4chste Spieler legt ein Karo As an, das akzeptiert wird. Der Spieler danach legt eine Karo 7, die abgelehnt und unterhalb der vorhergegangenen Karte angelegt wird. (Dazu zwei Strafkarten.) Der n\u00e4chste Spieler legt eine Karo 9, auch sie wird abgelehnt und au\u00dferhalb der Reihe platziert. Dann wird jemand erfolgreich eine Kreuz 10 los, darauf einer eine Karo 6.<\/p>\n<p>Die meisten Spieler werden jetzt schon eine Vermutung haben, wie die geheime Regel des Regelgebers lautet, und erfolgreich ihre Karten loswerden. (Es gibt auch die M\u00f6glichkeit, bis zu 4 Karten auf einmal zu spielen, und so seine Karten noch schneller abzulegen.) Aber letztlich kann man nie sicher sein, die Regel wirklich erfasst zu haben; sie k\u00f6nnte ja auch durchaus den Zusatz haben: &#8222;Und jede f\u00fcnfte Karte muss 7 oder h\u00f6her sein.&#8220; Es geht aber auch nur indirekt darum, die Regel zu entdecken &#8211; Ziel ist es lediglich, seine Karten abzulegen.<\/p>\n<p>Das Spiel ist aus, wenn ein Spieler keine Karten mehr hat. Der Spieler erh\u00e4lt dann soviel Punkte, wie der Spieler mit den meisten Karten auf der Hand Karten hat, die anderen dementsprechend: Anzahl der Karten des schw\u00e4chsten Spielers minus Anzahl der eigenen Karten. Der schw\u00e4chste Spieler erh\u00e4lt 0 Punkte. Das Spiel endet nach einer bestimmten Anzahl gelegter Karten, auch wenn kein Spieler alle Karten losgeworden ist. So oder so erh\u00e4lt der Regelgeber folgende Punktzahl: Karten des schw\u00e4chsten Spielers minus Karten des besten Spielers. Wenn also alle Spieler ihre Karten fast losgeworden sind, oder alle Spieler sehr viele Karten haben, weil die Regel zu schwierig war, erh\u00e4lt der Regelgeber nur wenig Punkte.<\/p>\n<p>Interessant am Spiel ist die Parallele zur naturwissenschaftlichen Methode: Es gibt Regeln\/Naturgesetze, und man versucht sie herauszufinden. Man kann nie sicher sein, dass man ein Gesetz gefunden hat, mehr als eine Theorie kann es in der Naturwissenschaft nicht geben. Man formuliert Hypothesen und testet sie, indem man Experimente anstellt\/Karten anlegt. So sammelt man Datenmaterial, das die Hypothese unterst\u00fctzt oder widerlegt. Manche Hypothesen passen besser zum Datenmaterial als andere, auch wenn sie noch nicht perfekt sind\/alle Ph\u00e4nomene erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>(Ein Spieler, der sich sicher ist, die Regel herausgefunden zu haben, kann sich zum Propheten erkl\u00e4ren. Er verzichtet auf seine regul\u00e4ren Z\u00fcge, entscheidet aber statt des Regelgebers, ob die angelegten Karten der anderen Mitspieler zur Regel passen oder nicht. Irrt er sich nie, kann er sogar mehr Punkte machen als der Regelgeber, was ansonst nicht m\u00f6glich ist. Irrt er sich jedoch, so war er ein falscher Prophet und muss bitter b\u00fc\u00dfen, punktem\u00e4\u00dfig.)<\/p>\n<p>Interessant am Spiel ist au\u00dferdem, sich beim Denken zu beobachten. Schon einfache Regeln stellen beim Spielen eine gro\u00dfe Herausforderung da. Meistens h\u00e4lt man die Regel f\u00fcr komplizierter, als sie ist; eine zuf\u00e4llige Abfolge von rot-schwarz-rot-schwarz (bei einer Regel, bei der es eigentlich nur um gerade\/ungerade geht) h\u00e4lt man f\u00fcr einen essentiellen Teil der Regel: Und dadurch, dass alle Spieler das glauben, halten sie sich auch daran, so dass auf dem Spielfeld bald tats\u00e4chlich nur rot-schwarz-rote Karten liegen und so die Hypothese zu unterst\u00fctzen scheinen.<br \/>\nAlle f\u00fcnf oder sechs Karten schl\u00e4gt sich au\u00dferdem ein anderer Spieler vor den Kopf und ruft &#8222;Jetzt hab&#8216; ich&#8217;s!&#8220;, um zwei Karten weiter verdutzt zu schauen und seine Hypothese widerlegt zu sehen.<\/p>\n<p>Eleusis wurde 1956 von Robert Abbott erfunden, und 1976 (nach dem Erscheinen von Hochkeppels Buch) deutlich als New Eleusis verbessert. Die vollst\u00e4ndigen Regeln sind nicht viel ausf\u00fchrlicher als dieser Text, aber einige wichtige Feinheiten fehlen dennoch.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Eleusis_(card_game)\">Wikipedia zum Spiel.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(8 Kommentare.) Als Zw\u00f6lf- oder Dreizehnj\u00e4hriger stie\u00df ich in der \u00f6rtlichen Stadtbibliothek auf ein Buch, das ich im Laufe der folgenden Jahre wieder und wieder auslieh: Denken als Spiel von Willy Hochkeppel, ein Buch mit Paradoxien, R\u00e4tseln, Denkaufgaben. 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