{"id":2658,"date":"2010-01-01T21:18:18","date_gmt":"2010-01-01T20:18:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2658"},"modified":"2023-05-16T20:11:39","modified_gmt":"2023-05-16T18:11:39","slug":"sigmund-freud-zur-psychologie-des-gymnasiasten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/01\/sigmund-freud-zur-psychologie-des-gymnasiasten.htm","title":{"rendered":"Sigmund Freud, Zur Psychologie des Gymnasiasten"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/01\/sigmund-freud-zur-psychologie-des-gymnasiasten.htm#comments'>3 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Zugegeben, aus dem Titel h\u00e4tte man vielleicht noch mehr herausholen k\u00f6nnen. Aber immerhin: &#8222;Wir \u00fcbertrugen auf sie den Respekt und die Erwartungen von dem allwissenden Vater unserer Kindheitsjahre und dann begannen wir, sie zu behandeln wie unsere V\u00e4ter zu Hause. Wir brachten ihnen die Ambivalenz entgegen, die wir in der Familie erworben hatten, und mit Hilfe dieser Einstellung rangen wir mit ihnen, wie wir mit unseren leiblichen V\u00e4tern zu ringen gewohnt waren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht mal als Sachtext f\u00fcr die Oberstufe.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Sigmund Freud, Zur Psychologie des Gymnasiasten<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat ein sonderbares Gef\u00fchl, wenn man in so vorger\u00fcckten Jahren noch einmal den Auftrag erh\u00e4lt, einen \u00bbdeutschen Aufsatz\u00ab f\u00fcr das Gymnasium zu schreiben. Man gehorcht aber automatisch wie jener ausgediente Soldat, der auf das Kommando \u00bbHabt Acht!\u00ab die H\u00e4nde an die Hosennaht anlegen und seine P\u00e4ckchen zu Boden fallen lassen mu\u00df. Es ist merkw\u00fcrdig, wie bereitwillig man zugesagt hat, als ob sich in dem letzten Halbjahrhundert nichts Besonderes ge\u00e4ndert h\u00e4tte. Man ist doch alt geworden seither, steht knapp vor dem sechzigsten Lebensjahr, und K\u00f6rpergef\u00fchl wie Spiegel zeigen unzweideutig an, wieviel man von seinem Lebenslicht bereits heruntergebrannt hat.<br>Noch vor zehn Jahren etwa konnte man Momente haben, in denen man sich pl\u00f6tzlich wieder ganz jung f\u00fchlte. Wenn man, bereits graub\u00e4rtig und mit allen Lasten einer b\u00fcrgerlichen Existenz beladen, durch die Stra\u00dfen der Heimatstadt ging, begegnete man unversehens dem einen oder anderen wohlerhaltenen \u00e4lteren Herrn, den man fast dem\u00fctig begr\u00fc\u00dfte, weil man einen seiner Gymnasiallehrer in ihm erkannt hatte. Dann aber blieb man stehen und sah ihm versonnen nach: Ist er das wirklich oder nur jemand, der ihm so t\u00e4uschend \u00e4hnlich ist? Wie jugendlich sieht er doch aus und du bist selbst so alt geworden! Wie alt mag er heute wohl sein? Ist es m\u00f6glich, da\u00df diese M\u00e4nner, die uns damals die Erwachsenen repr\u00e4sentierten, um so weniges \u00e4lter waren als wir?<br>Die Gegenwart war dann wie verdunkelt und die Lebensjahre von zehn bis achtzehn stiegen aus den Winkeln des Ged\u00e4chtnisses empor mit ihren Ahnungen und Irrungen, ihren schmerzhaften Umbildungen und beseligenden Erfolgen, die ersten Einblicke in eine untergegangene Kulturwelt, die wenigstens mir sp\u00e4ter ein un\u00fcbertroffener Trost in den K\u00e4mpfen des Lebens werden sollte, die ersten Ber\u00fchrungen mit den Wissenschaften, unter denen man glaubte w\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, welcher man seine \u2013 sicherlich unsch\u00e4tzbaren \u2013 Dienste weihen w\u00fcrde. Und ich glaubte mich zu erinnern, da\u00df die ganze Zeit von der Ahnung einer Aufgabe durchzogen war, die sich zuerst nur leise andeutete, bis ich sie in dem Maturit\u00e4tsaufsatze in die lauten Worte kleiden konnte, ich wollte in meinem Leben zu unserem menschlichen Wissen einen Beitrag leisten.<br>Ich bin dann Arzt geworden, aber eigentlich doch eher Psychologe, und konnte eine neue psychologische Disziplin schaffen, die sogenannte \u00bbPsychoanalyse\u00ab, welche gegenw\u00e4rtig \u00c4rzte und Forscher in nahen wie in fernen fremdsprachigen L\u00e4ndern in Atem h\u00e4lt und zu Lob und Tadel aufregt, die des eigenen Vaterlandes nat\u00fcrlich am geringsten.<br>Als Psychoanalytiker mu\u00df ich mich mehr f\u00fcr affektive als f\u00fcr intellektuelle Vorg\u00e4nge, mehr f\u00fcr das unbewu\u00dfte als f\u00fcr das bewu\u00dfte Seelenleben interessieren. Meine Ergriffenheit bei der Begegnung mit meinem fr\u00fcheren Gymnasialprofessor mahnt mich, ein erstes Bekenntnis abzulegen: Ich wei\u00df nicht, was uns st\u00e4rker in Anspruch nahm und bedeutsamer f\u00fcr uns wurde: die Besch\u00e4ftigung mit den uns vorgetragenen Wissenschaften oder die mit den Pers\u00f6nlichkeiten unserer Lehrer. Jedenfalls galt den letzteren bei uns allen eine niemals aussetzende Unterstr\u00f6mung, und bei vielen f\u00fchrte der Weg zu den Wissenschaften nur \u00fcber die Personen der Lehrer; manche blieben auf diesem Weg stecken und einigen ward er auf solche Weise \u2013 warum sollen wir es nicht eingestehen? \u2013 dauernd verlegt.<br>Wir warben um sie oder wandten uns von ihnen ab, imaginierten bei ihnen Sympathien oder Antipathien, die wahrscheinlich nicht bestanden, studierten ihre Charaktere und bildeten oder verbildeten an ihnen unsere eigenen. Sie riefen unsere st\u00e4rksten Auflehnungen hervor und zwangen uns zur vollst\u00e4ndigen Unterwerfung; wir sp\u00e4hten nach ihren kleinen Schw\u00e4chen und waren stolz auf ihre gro\u00dfen Vorz\u00fcge, ihr Wissen und ihre Gerechtigkeit. Im Grunde liebten wir sie sehr, wenn sie uns irgendeine Begr\u00fcndung dazu gaben; ich wei\u00df nicht, ob alle unsere Lehrer dies bemerkt haben. Aber es ist nicht zu leugnen, wir waren in einer ganz besonderen Weise gegen sie eingestellt, in einer Weise, die ihre Unbequemlichkeiten f\u00fcr die Betroffenen haben mochte. Wir waren von vornherein gleich geneigt zur Liebe wie zum Ha\u00df, zur Kritik wie zur Verehrung gegen sie. Die Psychoanalyse nennt eine solche Bereitschaft zu gegens\u00e4tzlichem Verhalten eine ambivalente; sie ist auch nicht verlegen, die Quelle einer solchen Gef\u00fchlsambivalenz nachzuweisen.<br>Sie hat uns n\u00e4mlich gelehrt, da\u00df die f\u00fcr das sp\u00e4tere Verhalten des Individuums so \u00fcberaus wichtigen Affekteinstellungen gegen andere Personen in ungeahnt fr\u00fcher Zeit fertig gemacht werden. Schon in den ersten sechs Jahren der Kindheit hat der kleine Mensch die Art und den Affektton seiner Beziehungen zu Personen des n\u00e4mlichen und des anderen Geschlechts festgelegt, er kann sie von da an entwickeln und nach bestimmten Richtungen umwandeln, aber nicht mehr aufheben. Die Personen, an welche er sich in solcher Weise fixiert, sind seine Eltern und Geschwister. Alle Menschen, die er sp\u00e4ter kennen lernt, werden ihm zu Ersatzpersonen dieser ersten Gef\u00fchlsobjekte (etwa noch der Pflegepersonen neben den Eltern) und ordnen sich f\u00fcr ihn in Reihen an, die von den \u00bbImagines\u00ab, wie wir sagen, des Vaters, der Mutter, der Geschwister usw. ausgehen. Diese sp\u00e4teren Bekanntschaften haben also eine Art von Gef\u00fchlserbschaft zu \u00fcbernehmen, sie sto\u00dfen auf Sympathien und Antipathien, zu deren Erwerbung sie selbst nur wenig beigetragen haben; alle sp\u00e4tere Freundschafts- und Liebeswahl erfolgt auf Grund von Erinnerungsspuren, welche jene ersten Vorbilder hinterlassen haben.<br>Von den Imagines einer gew\u00f6hnlich nicht mehr im Ged\u00e4chtnis bewahrten Kindheit ist aber keine f\u00fcr den J\u00fcngling und Mann bedeutungsvoller als die seines Vaters. Organische Notwendigkeit hat in dies Verh\u00e4ltnis eine Gef\u00fchlsambivalenz eingef\u00fchrt, als deren ergreifendsten Ausdruck wir den griechischen Mythus vom K\u00f6nig \u00d6dipus erfassen k\u00f6nnen. Der kleine Knabe mu\u00df seinen Vater lieben und bewundern, er scheint ihm das st\u00e4rkste, g\u00fctigste und weiseste aller Gesch\u00f6pfe; ist doch Gott selbst nur eine Erh\u00f6hung dieses Vaterbildes, wie es sich dem fr\u00fchkindlichen Seelenleben darstellt. Aber sehr bald tritt die andere Seite dieser Gef\u00fchlsrelation hervor. Der Vater wird auch als der \u00fcberm\u00e4chtige St\u00f6rer des eigenen Trieblebens erkannt, er wird zum Vorbild, das man nicht nur nachahmen, sondern auch beseitigen will, um seine Stelle selbst einzunehmen. Die z\u00e4rtliche und die feindselige Regung gegen den Vater bestehen nun nebeneinander fort, oft durch das ganze Leben hindurch, ohne da\u00df die eine die andere aufheben k\u00f6nnte. In einem solchen Nebeneinander der Gegens\u00e4tze liegt der Charakter dessen, was wir eine Gef\u00fchlsambivalenz hei\u00dfen.<br>In der zweiten H\u00e4lfte der Kindheit bereitet sich eine Ver\u00e4nderung dieses Verh\u00e4ltnisses zum Vater vor, deren Bedeutung man sich nicht gro\u00dfartig genug vorstellen kann. Der Knabe beginnt aus seiner Kinderstube in die reale Welt drau\u00dfen zu schauen, und nun mu\u00df er die Entdeckungen machen, welche seine urspr\u00fcngliche Hochsch\u00e4tzung des Vaters untergraben und seine Abl\u00f6sung von diesem ersten Ideal bef\u00f6rdern. Er findet, da\u00df der Vater nicht mehr der M\u00e4chtigste, Weiseste, Reichste ist, er wird mit ihm unzufrieden, lernt ihn kritisieren und sozial einordnen und l\u00e4\u00dft ihn dann gew\u00f6hnlich schwer f\u00fcr die Entt\u00e4uschung b\u00fc\u00dfen, die jener ihm bereitet hat. Alles Hoffnungsvolle, aber auch alles Anst\u00f6\u00dfige, was die neue Generation auszeichnet, hat diese Abl\u00f6sung vom Vater zur Bedingung.<br>In diese Phase der Entwicklung des jungen Menschen f\u00e4llt sein Zusammentreffen mit den Lehrern. Wir verstehen jetzt unser Verh\u00e4ltnis zu unseren Gymnasialprofessoren. Diese M\u00e4nner, die nicht einmal alle selbst V\u00e4ter waren, wurden uns zum Vaterersatz. Darum kamen sie uns, auch wenn sie noch sehr jung waren, so gereift, so unerreichbar erwachsen vor. Wir \u00fcbertrugen auf sie den Respekt und die Erwartungen von dem allwissenden Vater unserer Kindheitsjahre und dann begannen wir, sie zu behandeln wie unsere V\u00e4ter zu Hause. Wir brachten ihnen die Ambivalenz entgegen, die wir in der Familie erworben hatten, und mit Hilfe dieser Einstellung rangen wir mit ihnen, wie wir<br>mit unseren leiblichen V\u00e4tern zu ringen gewohnt waren. Ohne R\u00fccksicht auf die Kinderstube und das Familienhaus w\u00e4re unser Benehmen gegen unsere Lehrer nicht zu verstehen, aber auch nicht zu entschuldigen.<br>Noch andere und kaum weniger wichtige Erlebnisse hatten wir als Gymnasiasten mit den Nachfahren unserer Geschwister, mit unseren Kameraden, aber diese sollen auf einem anderen Blatt beschrieben werden. Das Jubil\u00e4um der Schule h\u00e4lt unsere Gedanken bei den Lehrern fest.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(3 Kommentare.) Zugegeben, aus dem Titel h\u00e4tte man vielleicht noch mehr herausholen k\u00f6nnen. Aber immerhin: &#8222;Wir \u00fcbertrugen auf sie den Respekt und die Erwartungen von dem allwissenden Vater unserer Kindheitsjahre und dann begannen wir, sie zu behandeln wie unsere V\u00e4ter zu Hause. 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