{"id":266,"date":"2005-04-05T06:20:51","date_gmt":"2005-04-05T04:20:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/04\/the-time-travelers-wife.htm"},"modified":"2005-04-13T18:46:40","modified_gmt":"2005-04-13T16:46:40","slug":"the-time-travelers-wife","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/04\/the-time-travelers-wife.htm","title":{"rendered":"The Time Traveler&#8217;s Wife"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/04\/the-time-travelers-wife.htm#comments'>3 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p><img src='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/niffenegger.jpg' alt='' \/><\/p>\n<p>Die dreifach hochgezogene Augenbraue in Gold f\u00fcr: Audrey Niffenegger, <em>The Time Traveler&#8217;s Wife<\/em>. Ich hatte das Buch einige Wochen im Regal, ohne rechte Lust. &#8222;The International Bestseller&#8220; steht vorne drauf, und dass die Autorin eine K\u00fcnstlerin ist, die in Chicago am College unterrichtet. Und dann habe ich&#8217;s gelesen.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4misse ist wunderbar simpel: Henry leidet an Zeitspr\u00fcngen. Immer wieder rei\u00dft es ihn aus seiner Gegenwart und er landet, nackt, in der Vergangenheit (ganz selten auch in die Zukunft), oft zu Zeiten und an Orten, die f\u00fcr sein Leben wichtig waren. Nach Minuten oder Stunden rei\u00dft es ihn dann wieder zur\u00fcck in seine Gegenwart, ebenso nackt.<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte die Basis f\u00fcr einen Science-Fiction-Roman sein k\u00f6nnen. Immerhin sind Zeitreisen ein beliebter und interessanter Topos, dessen M\u00f6glichkeiten noch l\u00e4ngst nicht ausgesch\u00f6pft sind. Das Buch ist statt dessen die komplizierte Liebesgeschichte von Henry und Clare, die Geschichte zweier Menschen, die sich st\u00e4ndig verlieren und wieder finden.<\/p>\n<p>Clare trifft Henry das erste Mal, als sie 6 Jahre alt ist und er 36. Henry trifft Clare das erste Mal, als er 28 Jahre alt ist und sie 20.<\/p>\n<p>F\u00fcr Clare stellt sich das so dar, dass, seit sie 6 Jahre alt ist, alle paar Wochen auf einer vom Haus aus nicht einsehbaren Wiese auf dem Anwesen ihrer Eltern ein nackter Mann auftaucht. Mal ist er 40, mal 36, mal 38, mal 32 Jahre alt. Er gibt Clare Nachhilfe in Schulf\u00e4chern, sie reden viel miteinander, werden Freunde. Clare kriegt mit 15 oder 16 heraus, dass sie und Henry heiraten werden. Sie verliebt sich in ihn. (Er liebt sie schon l\u00e4nger, schlie\u00dflich ist er seit Jahren mit ihr verheiratet.) Eine Zeitlang taucht Henry dann nicht mehr auf, bis Clare schlie\u00dflich in ihrer gemeinsamen Zeit zuf\u00e4llig auf ihn st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>F\u00fcr Henry sieht das so aus, dass er schon seit dem Kindesalter immer wieder in die Vergangenheit springt, dort kurz bleibt, und dann wieder zur\u00fcck springt. Langstreckenlauf wird sein Hobby, und Taschendiebstahl und Einbruch geh\u00f6ren zu seinen n\u00f6tigsten F\u00e4higkeiten: Schlie\u00dflich landet er oft genug nackt in der Vergangenheit und muss schauen, wie er zurecht kommt. Henry bringt sich das Schl\u00f6sserknacken bei. (Genauer: Ein 35j\u00e4hriger Henry bringt einem 12j\u00e4hrigen Henry das Schl\u00f6sserknacken bei.) Als er 28 Jahre ist, spricht ihn eine wildfremde Frau auf ihre 12 Jahre lange gemeinsame Vergangenheit an: Clare. Mit der ersten gemeinsam verbrachten Zeit geht die Geschichte dann erst richtig los.<\/p>\n<p>Das Sch\u00f6ne am Buch ist einmal die bezaubernde Liebesgeschichte. Leichter in Worte zu fassen ist allerdings das intellektuelle Vergn\u00fcgen beim immer wieder neuen Entdecken von unerwarteten Konsequenzen der Pr\u00e4misse. Henry kann sich begegnen. Viele Henrys k\u00f6nnen sich begegnen. Clare und Henry teilen gemeinsame Erinnerungen, nur jeweils nicht zur gleichen Zeit. Wieviel darf der alte Henry der jungen Clare (oder einem j\u00fcngeren Henry) \u00fcber die Zukunft verraten? Kann man eifers\u00fcchtig auf sich selber sein? Ich verkneife mir m\u00fchsam, genauer auf die \u00fcberraschenden Kombinationen einzugehen.<\/p>\n<p>Das Buch ist umfangreich, \u00fcber 500 Seiten, aber leicht zu lesen. Es ist keinesfalls kompliziert, der Handlung zu folgen; am Anfang jedes Abschnittes erf\u00e4hrt man die Jahreszahl und das aktuelle Alter von Henry und Clare. Keinesfalls ist das ein Buch, bei dem man kontinuierlich mitdenken oder -rechnen muss.<\/p>\n<p><strong>Exkurs 1:<\/strong> Neben Rilke-Gedichten und ein wenig John Donne ist es vor allem Andrew Marvells &#8222;To His Coy Mistress&#8220;, das als Motiv durch den Roman zieht. &#8222;Had we but world enough and time&#8220;. Wundersch\u00f6nes Gedicht. Einfacher Aufbau, auch was f\u00fcr die Schule. Ich bin dem Gedicht sp\u00e4testens mit dem Erstlingsroman von Peter S. Beagle begegnet, <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/0285633716\/qid=1112631989\/sr=8-1\/ref=sr_8_xs_ap_i1_xgl\/302-3419166-4665609\">A Fine and Private Place<\/a><\/em>. Auch in der deutschen \u00dcbersetzung als <em>He! Rebeck!<\/em> bei dtv\/Klett-Cotta, damals zumindest, sehr wirkungsvoll. Allerdings geht das Yiddisch gef\u00e4rbte Amerikanisch einer der Hauptpersonen in der \u00dcbersetzung v\u00f6llig verloren. <em>A Fine and Private Place<\/em> ist eine sch\u00f6ne, nur ein bisschen melancholische Geschichte um einen Einzelg\u00e4nger, der seit vielen Jahren auf einem New Yorker Friedhof lebt, mit einem sprechenden Raben als Begleiter. In ihr Leben mischen sich unter anderem ein Geisterpaar, das sich erst langsam an seinen Zustand gew\u00f6hnen muss. Ich muss jedesmal an eine Szene im Buch denken, wenn ich Nat King Cole singen h\u00f6re: &#8222;Once on a high and windy hill \/ In the morning mist, two lovers kissed \/ And the world stood still&#8220; (&#8222;Love is a many-splendored thing&#8220;).<\/p>\n<p><strong>Exkurs 2:<\/strong> Als Leser mit reicher Science-Fiction-Vergangenheit und Freund von Zeitreisegeschichten frage ich mich: Ist das Buch Science Fiction? (Science-Fiction-Leser versuchen st\u00e4ndig, ihr Genre zu definieren, das geh\u00f6rt einfach dazu.) Asimov meinte: &#8222;Schlechte Literatur kann keine gute Science Fiction sein.&#8220; Ich sehe es ein bisschen anders, vielleicht sogar: &#8222;Gute Science Fiction darf keine gute Literatur sein.&#8220; He, wenn Asimov nicht erkl\u00e4ren muss, was gute Literatur ist, dann muss ich das auch nicht!<br \/>\nDie beste Science Fiction wurde, da sind sich alle einig, im Goldenen Zeitalter der Science Fiction geschrieben. Nur wann dieses <em>golden age<\/em> liegt, <em>darin<\/em> sind sich die Leute uneinig. David Hartwell hat 1982 die Antwort darauf gefunden (wobei ich nicht wei\u00df, ob er nicht vielleicht eine noch \u00e4ltere Quelle zitiert; er nennt jedenfalls keine): &#8222;The golden age of science fiction is twelve.&#8220; Einige sagen, das <em>golden age<\/em> war 1928, andere nennen 1939 oder 1953 &#8211; was auch immer man einen im Alter von 12 Jahren begeistert hat, <em>das<\/em> ist das <em>golden age<\/em>. Auf Deutsch funktioniert das Wortspiel leider nicht.<br \/>\nMit 12 oder 14 h\u00e4tte mich das Buch vermutlich nicht so gefesselt. Und die B\u00fccher, die mir damals so viel gebracht haben, w\u00fcrden mich heute kalt lassen. Nat\u00fcrlich bin ich dennoch froh, dass ich sie gelesen habe; soviel Wundersames h\u00e4tte ich sonst nie entdecken k\u00f6nnen, und viele davon habe ich auch heute noch.<br \/>\nAlso nein, keine SF, zumindest nach meiner engen idiosynkratischen Definition. Aber einen SF-Hintergrund muss Niffenegger haben. Niemand zitiert sonst so einfach: &#8222;The Monkey&#8217;s Paw&#8220;. (&#8222;Die Affenpfote&#8220;. Kennt ihr doch. Kommt. Kennt ihr doch.)<br \/>\nEin Kapitel bei Niffenegger hei\u00dft &#8222;Science Fiction&#8220;, aber das muss nichts hei\u00dfen. Das furiose Springen durch die Zeit brachte mich dazu, mich an Alfred Bester, <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/1857988140\/qid=1112632723\/sr=1-1\/ref=sr_1_10_1\/302-3419166-4665609\"><em>The Stars My Destination<\/em>\/<em>Tiger! Tiger!<\/em><\/a> zu erinnern. Das ist nicht nur ein Klassiker der Science Fiction, sondern auch ein sehr gutes Buch. (Zaghaftere sollten vielleicht zuerst <em>The Demolished Man<\/em> von Bester lesen. Mann, bin ich froh, dass ich SF gelesen habe.)<br \/>\nUnd letztlich brachten mich die bei Niffenegger verschiedentlich aufgeworfenen Probleme, was eigentlich genau Identit\u00e4t darstellt, dazu, mich an Algis Budrys&#8216; SF-Roman <em>Rogue Moon<\/em> zu erinnern. (Nichts zu holen bei Amazon, schade. Gutes Buch. Aber strictly SF.)<\/p>\n<p><strong>Exkurs 3:<\/strong> Muss ich mir schenken, um nicht zu spoilen.<\/p>\n<p><strong>Exkurs 4:<\/strong> Henry, S. 245, w\u00f6rtliche Rede: &#8222;und so wiete&#8220;. Personaler Erz\u00e4hler, S. 168: &#8222;und so wiete&#8220;. Henry, S. 58, w\u00f6rtliche Rede: &#8222;immer weider&#8220;. Kann man das Buch nicht mal vorher einem zeigen, der Deutsch kann? Nur die deutschen Stellen wenigstens? Niffenegger ist ja nicht die einzige, das sehe ich st\u00e4ndig bei amerikanischen Autoren.<br \/>\n(Ich gehe davon aus, dass uns die Autorin nichts damit sagen will, dass sie ihren Erz\u00e4hler falsch deutsch schreiben l\u00e4sst. Und ihre Hauptperson schriftlich falsch deutsch reden l\u00e4sst. Oder soll die falsche Schreibung eine falsche Aussprache bezeichnen?)<\/p>\n<p>Nachtrag: <a href=\"http:\/\/audreyniffenegger.com\/\">Audrey Niffenegger &#8211; Her Site<\/a>. Sch\u00f6nes Design, aber noch nicht viel Inhalt, aber wenigstens einige Links zu Interviews.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(3 Kommentare.) Die dreifach hochgezogene Augenbraue in Gold f\u00fcr: Audrey Niffenegger, The Time Traveler&#8217;s Wife. 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