{"id":2691,"date":"2010-02-15T15:19:28","date_gmt":"2010-02-15T14:19:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2691"},"modified":"2023-05-14T10:18:16","modified_gmt":"2023-05-14T08:18:16","slug":"peter-handke-publikumsbeschimpfung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/02\/peter-handke-publikumsbeschimpfung.htm","title":{"rendered":"Peter Handke, Publikumsbeschimpfung"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/02\/peter-handke-publikumsbeschimpfung.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Was f\u00fcr eine sch\u00f6ne \u00dcberraschung! Ich muss mich beherrschen, dass ich nicht zu g\u00f6nnerhaft-sentimental \u00fcber eine Zeit schreibe, die ich gar nicht kenne. Jedenfalls: aus einer Nebenbemerkung im LK heraus habe ich beschlossen, mir mal Peter Handkes St\u00fcck <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Publikumsbeschimpfung\">Publikumsbeschimpfung<\/a> anzuschauen. Ich kannte es nur dem Namen nach, hatte selber als Sch\u00fcler mal davon geh\u00f6rt, aber auch da nicht viel. Und mit anschauen meinte ich eigentlich: lesen, aber dann sah ich diese Ausgabe, der eine DVD der Theaterauff\u00fchrung 1966 beilag:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"313\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Handke_Publikumsbeschimpfung.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2702\" title=\"Handke_Publikumsbeschimpfung\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Handke_Publikumsbeschimpfung.jpg 200w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Handke_Publikumsbeschimpfung-95x150.jpg 95w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Und die habe ich dann mit den Sch\u00fclern angeschaut. Denen hat sie hoffentlich gefallen, ich selber habe mich jedenfalls k\u00f6niglich am\u00fcsiert. Regie: Claus Peymann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufnahme, schwarz-wei\u00df, beginnt damit, dass ein junger Herr vors Publikum tritt und diesem erkl\u00e4rt, dass heute das Fernsehen da sei und die Auff\u00fchrung filme. Die Leute in der ersten Reihe sollten Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr haben, dass die Kameras sehr gelegentlich dort vorbei m\u00fcssten. Erste Buhrufe, ein kollektives Zischen &#8211; eine Form der Unmuts\u00e4u\u00dferung, die ich sonst gar nicht kenne. &#8222;Fernsehen raus!&#8220;, ruft eine Stimme. Ein sehr selbstbewusstes, kommunikationsbereites Publikum. Zugegeben, die Auff\u00fchrung findet im Rahmen eines Theaterfestivals statt. Der junge Herr beginnt dem Publikum zu erkl\u00e4ren, dass das Fernsehen auch das Publikum filmen werde (Fernsehen raus! Buh!), wer das nicht m\u00f6chte, k\u00f6nne in die R\u00e4nge gehen oder seine Eintrittskarte an der Kasse zur\u00fcckgeben. (Soll das Fernsehen doch eine eigene Vorstellung bezahlen!) Noch ein bisschen hin und her und das St\u00fcck konnte beginnen. Ich war jetzt schon hin und weg. Meine Sch\u00fcler wollten wissen, ob das auch schon zum St\u00fcck geh\u00f6re.<\/p>\n\n\n\n<p>Beschimpft wird in dem St\u00fcck gar nicht sehr. Zum Ende hin, das Publikum wartet schon darauf, gibt es eine recht ritualisierte Beschimpfung, eher ein Sprechgesang. Und das &#8222;ihr Nazischweine&#8220; hat Peymann aus der Inszenierung ausgelassen. Auch sonst &#8211; richtig beleidigt f\u00fchlt sich das Publikum nicht. Es ist aber auch ein ganz besonderes Publikum: intellektuell, selbstbewusst und diskursbereit (das St\u00fcck l\u00e4uft allerdings auch im Rahmen eines Theaterfestivals). Ganz anders als b\u00fcrgerliche Theaterbesuche heute oder Autorenlesungen in der Schule, wo man still lauscht, gelangweilt oder ehrfurchtsvoll. Der Tenor des St\u00fccks: Zuschauer sind Teil der Inszenierung, Schauspieler sind Schauspieler, die B\u00fchne ist die B\u00fchne:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Dieser Raum t\u00e4uscht keinen Raum vor. Die offene Seite zu Ihnen ist nicht die vierte Wand eines Hauses.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Leere dieser B\u00fchne ist kein Bild von einer anderen Leere. Die Leere dieser B\u00fchne bedeutet nichts. [&#8230;] Diese B\u00fchne stellt nichts dar. Sie stellt keine andere Leere dar. Die B\u00fchne <em>ist<\/em> leer.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich kann schlecht einordnen, wie neu diese Gedanken damals waren. Heute sind sie es jedenfalls gar nicht mehr. Aber durch die fortlaufende Negierung, sprachlich durchaus abwechslungsreich, werden einem die Theaterkonventionen wieder in Erinnerung gerufen. Viel mehr Inhalt habe ich nicht mitgekriegt, aber die Inszenierung ist spielerisch, akrobatisch-kom\u00f6diantisch, musikalisch und erinnert mich durchweg an Improvisations\u00fcbungen aus meiner Unizeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Irritiert reagiert das Publikum allenfalls an einer Stelle, wenn die Schauspieler tats\u00e4chlich die B\u00fchne verlassen und sich unter die Zuschauer mischen. Das ist aber noch gar nichts gegen eine andere Szene, als die Schauspieler dem Publikum klar machen, was es f\u00fcr sie bedeutet, in geordneten Reihen zu sitzen, und das durchaus im Tonfall eines Vorwurfs:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Im Stehen k\u00f6nnten Sie besser als Zwischenrufer wirken. [&#8230;] Sie k\u00f6nnten Ihren Widerspruchsgeist zeigen. Sie h\u00e4tten gr\u00f6\u00dfere Bewegungsfreiheit. [&#8230;] Im Stehen w\u00e4ren Sie individueller. Sie w\u00e4ren standhafter gegen das Theater.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Worauf einige Zuschauer aufstehen, dann auch auf die B\u00fchne kommen, sich einen Tisch heranziehen und um ihn setzen&#8230; das St\u00fcck geht aber erst weiter, als die Zuschauer wieder brav ins Publikum zur\u00fcckgeschickt worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Lesen vermutlich uninteressant. In dieser Inszenierung ist das aber genau das richtige St\u00fcck f\u00fcr mich: viel Sprache, viele W\u00f6rter, gerne auch gleichzeitig. Und keine bedeutungsschwangeren Pausen, die mich wieder und wieder langweilen und f\u00fcr mich der Inbegriff zeitgen\u00f6ssischer Inszenierungen sind. (Joey aus <em>Friends<\/em> nutzt diese Technik, wenn ihm sein Text nicht mehr einf\u00e4llt: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=H0FoAilP1K0&amp;NR=1\">smell-the-fart-acting<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) Was f\u00fcr eine sch\u00f6ne \u00dcberraschung! 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