{"id":2699,"date":"2010-02-12T06:33:29","date_gmt":"2010-02-12T05:33:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2699"},"modified":"2023-05-24T13:37:52","modified_gmt":"2023-05-24T11:37:52","slug":"schloemann-klassenbewusstsein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/02\/schloemann-klassenbewusstsein.htm","title":{"rendered":"Schloemann, Klassenbewusstsein"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/02\/schloemann-klassenbewusstsein.htm#comments'>13 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am letzten Samstag erschien in der S\u00fcddeutschen Zeitung ein ausf\u00fchrlicher Beitrag von Johan Schloemann: &#8222;Klassenbewusstsein. Das Land braucht nicht viele Abiturienten, sondern bessere.&#8220; Der wurde in unserem Kollegium, aber sicher auch in anderen viel diskutiert. Der Tenor: Wenn das Abitur zu leicht wird, wird es weniger wert. Und: das Gymnasium wird immer mehr als Maschine empfunden, deren Aufgabe es ist, dass am Ende jeder Sch\u00fcler ein Abitur kriegt.<br>Ich will mich dieser Meinung vorsichtig anschlie\u00dfen. Allerdings mit zwei Einschr\u00e4nkungen: ich sehe die angesprochenen Tendenzen auch, halte sie aber noch nicht f\u00fcr so dramatisch. Aber es sind Tendenzen. Und zweitens: ich kann nicht beurteilen, ob unser Land mehr Abiturienten braucht oder bessere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn es mehr und schlechtere Abiturienten kriegt, dann sicher nicht schlechtere Menschen. Das keinesfalls. Und auch nicht d\u00fcmmere Menschen. \u00dcberhaupt nicht. Der Grad der akademischen Bildung korrespondiert ohnehin nur m\u00e4\u00dfig mit Intelligenz, wie sie von Intelligenztests gemessen wird. (Beleg fehlt. Wei\u00df jemand eine Quelle?) Beim Gymnasium &#8211; und sp\u00e4ter bei akademischer Bildung &#8211; kommt es vielmehr auf Folgendes an:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gymnasium sieht seine Aufgabe darin, alle Sch\u00fcler gezielt zu f\u00f6rdern, die sich aufgrund ihrer Begabung, ihrer Einsatzfreude, ihres Leistungsverm\u00f6gens und ihrer Leistungsbereitschaft f\u00fcr ein Studium und f\u00fcr herausgehobene berufliche Aufgaben eignen.<br>Sch\u00fcler des Gymnasiums sollen geistig besonders beweglich und phantasievoll sein, gern und schnell, zielstrebig und differenziert lernen sowie \u00fcber ein gutes Ged\u00e4chtnis verf\u00fcgen. Sie m\u00fcssen die Bereitschaft mitbringen, sich ausdauernd und unter verschiedenen Blickwinkeln mit Denk- und Gestaltungsaufgaben auseinanderzusetzen und dabei zunehmend die F\u00e4higkeit zu Abstraktion und flexiblem Denken, zu eigenst\u00e4ndiger Probleml\u00f6sung und zur zielgerichteten Zusammenarbeit in der Gruppe entwickeln. (<a href=\"http:\/\/www.isb-gym8-lehrplan.de\/contentserv\/3.1.neu\/g8.de\/index.php?StoryID=26350\">Lehrplan<\/a>)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So sieht laut Lehrplan ein Gymnasiast aus. Wenn 40% eines Jahrgangs diesem Bild entsprechen: wunderbar, sollen alle aufs Gymnasium. Je mehr, desto besser, vermute ich sogar. Und wenn es nur 20% sind?<br>Die derzeitige Politik scheint eher darauf hinzuzielen, dass einfach 40% am Gymnasium das Abitur machen sollen (wobei es nat\u00fcrlich auch andere Wege gibt, die Hochschulreife zu erlangen). Vielleicht ist das tats\u00e4chlich auch sinnvoll, das Abitur wird dann leichter, weil die Sch\u00fcler weniger dem oben zitierten Bild entsprechen m\u00fcssen. Aber das aktuelle Niveau wird dann nicht gehalten werden k\u00f6nnen. Au\u00dfer, wie gesagt, man schafft es, dass diese 40% tats\u00e4chlich dem Bild des Gymnasiasten entsprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das G8 ist stolz darauf, dass weniger Sch\u00fcler durchfallen. Andererseits ist das Durchfallen ist auch merklich erschwert worden &#8211; was nicht hei\u00dft, dass die Leistungen besser geworden sein m\u00fcssen. Das Pflichtwiederholen ist eine bl\u00f6de Sache und sollte tats\u00e4chlich minimiert werden. Und zwar nicht dadurch, dass man weniger Leistung verlangt, sondern dadurch, dass man fehlende Leistung einfordert und herauskitzelt: Nachpr\u00fcfungen.<br>Laut einem Rundschreiben der Landes-Eltern-Vereinigung darf man jetzt nicht nur in den Jahrgangsstufen 5-8, sondern auch in 9 auf Probe vorr\u00fccken darf, egal wieviel 5er oder 6er man hat. (Wenn das stimmt, ist es schade, dass Lehrer das so erfahren und nicht vom Kultusministerium.) Und gerundet wird in der elften Klasse so: Einmal 7 und einmal 8 Punkte m\u00fcndlich, dazu einmal 7 Punkte in der Klausur &#8211; gibt nat\u00fcrlich 8 Punkte im Zeugnis, ohne Diskussion. Gerundet wird in der zehnten Klasse so: Einmal 5,50 in Geschichte (wird zu 5), einmal 4,50 in Sozialkunde (wird zu 4), gibt im Zeugnis die gemeinsame Note 4. Klar gibt es dann weniger Pflichtwiederholer. Aber gleichbleibende Leistung wie zuvor halt auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jeder, der wiederholen muss, ist f\u00fcrs Gymnasium ungeeignet. Nicht jeder, der es verlassen musste, war daf\u00fcr ungeeignet. Oft kommt nur die Pubert\u00e4t dazwischen. Andererseits: laut der Definition oben geh\u00f6rt nun mal Ausdauer und Zielstrebigkeit dazu. Ich verstehe nat\u00fcrlich Eltern, dass die f\u00fcr ihr Kind Abitur am Gymnasium wollen. Das braucht man f\u00fcr viele Berufe. Eine L\u00f6sung dieses Dilemmas habe ich auch keine. Aber ich gebe wenigstens zu, dass das ein Dilemma ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8212; Drei Einw\u00e4nde will ich nennen. Den ersten habe ich schon angeschnitten: vielleicht macht es nichts aus, dass das Abitur leichter und damit weniger aussagekr\u00e4ftig ist. Mein Bauch sagt nein, aber ich will mich da nicht festlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens: Das <a href=\"http:\/\/gebattmer.twoday.net\/stories\/6180067\/\">GBlog weist darauf hin<\/a>, dass das von Schloemann als demokratisch bezeichnete Gymnasium des 19. Jahrhunderts das gar nicht war. Und dass das Gymnasium mitnichten jene &#8222;freundliche, ermunternde Souver\u00e4nit\u00e4t, die sich aus Wissen, Klugheit und Interesse speist&#8220;, hervorgebracht hat. Das stimmt wohl, ist aber f\u00fcr die Gegenwart wenig wichtig. Weitere interessante Kritikpunkte siehe dort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drittens, und das ist ein echter Einwand und ein echtes Problem: Vielleicht hat das Gymnasium ja gar nicht die f\u00fcr diese Schulform geeignetsten 20% eines Jahrgangs gekriegt. Wenn uns weitere 20% durch die Lappen gehen, obwohl sie geeignet sind, obwohl sie die oben zitierten Kriterien erf\u00fcllen, dann k\u00f6nnte man mit diesen 40% den Anspruch des Gymnasiums beibehalten.<br>Denn es ist laut PISA ja tats\u00e4chlich so, und beklagenswert, dass der Schulabschluss der Kinder zu sehr mit der formalen Schulbildung der Eltern korrespondiert: Wenn die Eltern studiert haben, geht das Kind wahrscheinlicher aufs Gymnasium als bei Eltern mit Hauptschulabschluss. Da geht wirklich Potential verloren. (Leute wie ich etwa: bei mir haben die Eltern nicht studiert oder auch nur Abitur.)<br>Zwei M\u00f6glichkeiten gibt es, dieses Ph\u00e4nomen zu erkl\u00e4ren: a) Akademiker bringen ihre Kinder eher aufs Gymnasium, obwohl diese gleich gut oder schlecht daf\u00fcr geeignet sind wie Kinder von Nichtakademikern, oder b) die Kinder von Akademikern haben, wenn sie erst mal 10 Jahre alt sind, mehr Einsatzfreude und Leistungsbereitschaft etc. und sind damit tats\u00e4chlich besser f\u00fcrs Gymnasium geeignet. In beiden F\u00e4llen muss man dringend etwas unternehmen. Aber das ist nicht das, was gerade am Gymnasium passiert.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute ist Sch\u00fclerstreik\/Demo. Ich bin m\u00e4\u00dfig gespannt, wer von meinen Elftkl\u00e4sslern dorthin geht. \u00dcbel w\u00fcrde ich es keinem nehmen, aber mehr Respekt h\u00e4tte ich vor einer Demo, wenn sie nicht w\u00e4hrend der Schulzeit stattfinden w\u00fcrde. Grund zu einer Demo gibt es genug, vieles am G8 ist \u00fcberst\u00fcrzt und wenig planvoll eingef\u00fchrt worden. Deswegen begr\u00fc\u00dfe ich die Demo, unterst\u00fctze aber nicht alle ihre Ziele.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier geht&#8217;s zu den <a href=\"http:\/\/q11.bildungsstreik-bayern.de\/forderungen\/\">Forderungen der Streikenden<\/a>. Einige halte ich f\u00fcr begr\u00fcndet, andere f\u00fcr unbegr\u00fcndet. Wahlfreiheit zwischen G9 und G8: von mir aus sehr gerne. (Die Alternative FOS\/BOS gibt es jetzt schon, nur w\u00e4hlen diesen Weg noch zu wenige.)<br>Sehr lesenswert sind auf der Seite die vielen Kommentare, die meisten davon durchaus kritisch (dem Kultusministerium, den Mitsch\u00fclern und der Demo gegen\u00fcber) und mit Augenma\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das deckt sich auch mit meinem Eindruck meines Q11-Informatikkurses. Mit dessen Leistungen und Verhalten bin ich sehr zufrieden, und das, nachdem ich am Anfang den Lehrplan f\u00fcr \u00fcbertrieben und das Probe-Abitur f\u00fcr viel zu schwer hielt. Ob das auf die anderen F\u00e4cher \u00fcbertragbar ist, kann ich nicht sagen &#8211; Informatik ist ein Fach, das man eher freiwillig w\u00e4hlt, und einen Vergleich mit dem G9 gibt es auch nicht, da das Fach ja neu ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(13 Kommentare.) 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