{"id":272,"date":"2005-05-06T22:24:33","date_gmt":"2005-05-06T20:24:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/04\/georges-perec-a-void.htm"},"modified":"2023-05-24T11:25:11","modified_gmt":"2023-05-24T09:25:11","slug":"georges-perec-a-void","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/05\/georges-perec-a-void.htm","title":{"rendered":"Georges Perec, A Void"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/05\/georges-perec-a-void.htm#comments'>6 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Das Buch, das ich k\u00fcrzlich zur\u00fcck in das Schrankfach tat, ist im Original franz\u00f6sisch und tr\u00e4gt dort als Inschrift &#8222;La Disparation&#8220;. <span style=\"text-decoration: line-through;\">Die Fassung<\/span> Das Buch aus London hat <span style=\"text-decoration: line-through;\">aber<\/span> daf\u00fcr &#8222;A Void&#8220; vorn am Umschlag. Und darum rankt sich manch&#8216; Arkanum. Und zwar n\u00e4mlich:<br>(Das ist anstrengend. Ich geb&#8217;s auf! Weiter ganz normal.)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mag Kuriosit\u00e4ten, und als Kuriosit\u00e4t ist mir dieses Buch begegnet: <em>La Disparation<\/em> von Georges Perec. Gelesen habe ich es in der englischen \u00dcbersetzung <em>A Void<\/em> von Gilbert Adair. Der gesamte Text des Buches enth\u00e4lt kein einziges Mal den Buchstaben &#8222;e&#8220; &#8211; den h\u00e4ufigstenBuchstaben im Franz\u00f6sischen, Englischen und Deutschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist gar nicht so einfach. Kein &#8222;he&#8220;, kein &#8222;she&#8220;, kein &#8222;yes&#8220;, kein &#8222;when&#8220;, kein &#8222;the&#8220;; keine past-tense-Formen wie &#8222;looked, asked, wanted&#8220;. Da ich nicht mehr viel Franz\u00f6sisch kann, habe ich die englische Version des Buches gelesen, und meine Beispiele stammen daraus. Die deutsche Ausgabe besitze ich ebenfalls, <em>Anton Voyls Fortgang<\/em>, \u00fcbersetzt von Eugen Helml\u00e9. Im Gegensatz zur englischen Version ist die deutsche Ausgabe m\u00fchsam zu lesen (wof\u00fcr der geniale \u00dcbersetzer nichts kann), da der Verzicht auf den Buchstaben im Deutschen zu Notbehelfen und uneleganten Konstruktionen f\u00fchrt.<br>Anderes erlaubt die englische Sprache. Das Lesen f\u00fchlt sich anders an als gewohntes Lesen, ist aber nicht beschwerlich. Ich musste nach manchen Abs\u00e4tzen, in denen es um &#8222;sleep&#8220; oder &#8222;police&#8220; ging, anhalten und mich fragen, wie es dem Autor beziehungsweise dem \u00dcbersetzer gelungen war, mir diese Inhalte zu vermitteln, ohne die W\u00f6rter verwendet zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu meiner \u00dcberraschung ist das Buch dann sogar spannend. Anton Vowl, die Hauptperson am Anfang, leidet unter Schlaflosigkeit und Visionen. Er f\u00fchlt eine Leere, eine L\u00fccke, wei\u00df aber nicht, was ihm fehlt. Er tr\u00e4umt von B\u00fccherregalen mit 25 B\u00e4nden, nummeriert von 1 bis 26. Niemand sonst scheint zu bemerken, dass irgend etwas fehlt in der Welt. Und pl\u00f6tzlich verschwindet Vowl. Sein Freund Amaury Conson sucht nach ihm und st\u00f6\u00dft auf eine Verschw\u00f6rung. Geheimdienste verschiedener Nationen scheinen beteiligt zu sein, der Kreis der Eingeweihten w\u00e4chst &#8211; und schrumpft dann schlie\u00dflich wieder, als Todesfall sich an Todesfall reiht. Die Geschichte ist eine haneb\u00fcchene R\u00e4uberpistole, nimmt halsbrecherische Wendungen, eine Reihung exotischer Schaupl\u00e4tze. Einige Personen scheinen sich klar dar\u00fcber zu sein, dass ein Verh\u00e4ngnis \u00fcber ihnen liegt: Aber was genau es ist, k\u00f6nnen sie nicht in Worte fassen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>This is what I think. Within a Logos, in its marrow, so to say, lurks a domain that for us is off-limits, a zonal injunction that nobody can broach and to which no suspicion can attach: a Void, a Blank, a missing sign prohibiting us on a daily basis <span style=\"text-decoration: line-through;\">fromt alking<\/span> from talking, from writing, from using words with any thrust or point, mixing up our diction and abolishing our capacity for rigorous vocal articulation in favor of a gurgling mumbo jumbo. (Kapitel 11, \u00e4hnlich Anfang Kapitel 14 und 20)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Bei aller Unterhaltsamkeit: Das Buch ist nur f\u00fcr ge\u00fcbte Leser.<br>Im Nachwort erkl\u00e4rt Perec (immer noch ohne e&#8217;s) seine Vorstellungen und Erfahrungen beim Schreiben. Er beschreibt sein Vergn\u00fcgen an Reihungen, am Zitieren, am Spielen. &#8222;Constrained writing&#8220; hei\u00dft das Prinzip, nach dem man sich beim Schreiben eines Textes zus\u00e4tzliche Bedingugnen auferlegt, die man einhalten muss. Derlei constraints gibt es viele.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonderes Vergn\u00fcgen ist Kapitel 10. Es enth\u00e4lt sechs Gedichte, und zwar Neufassungen bekannter Gedichte, die versuchen, sich m\u00f6glichst nah am Original zu halten, ohne dabei nat\u00fcrlich den Buchstaben e zu verwenden.<br>In der englischen Fassung ist das etwa der Hamlet-Monolog, beginnend: &#8222;Living, or not living: that is what I ask: \/ If &#8218;tis a stamp of honour to submit \/ To slings and arrows waft&#8217;d us by ill winds, \/ Or brandish arms against a flood of affliction&#8230;&#8220;<br>Ozymandias: &#8222;I know a pilgrim from a distant land \/ Who said: Two vast and sawn-off limbs of quartz \/ Stand on an arid plain&#8230;&#8220;<br>Dazu etwas Milton, Hood, Rimbaud im franz\u00f6sischen Original, und als Meisterst\u00fcck: &#8222;Black Bird&#8220;, alle 18 Strophen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8218;Twas upon a midnight tristful I sat poring, wan and wistful,<br>Through many a quaint and curious list full of my consorts slain &#8211;<br>I sat nodding, almost napping, till I caught a sound of tapping&#8230;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Poe selber hat &#8222;The Raven&#8220; nach strengen selbst gegebenen constraints geschrieben. (Und einen \u00e4hnlich mathematisch strengen Ansatz vertritt er auch in seiner Poetik.) Letztlich sind Vers- und Strophenformen ja auch solche constraints. &#8222;The Raven&#8220; scheint aber so etwas wie ein besonderer Pr\u00fcfstein f\u00fcr Wortbastler zu sein. Vor einiger Zeit habe ich ja mal \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/05\/the-anagrammed-bible.htm\">The Anagrammed Bible<\/a> geschrieben. Auf der <a href=\"http:\/\/users.aol.com\/s6sj7gt\/mikehome.htm\">Homepage des Autors<\/a> gibt es eine Version des Gedichts, das die Zahl pi als Grundlage des constraint hat, und au\u00dferdem eine Anagramm-Fassung des Originals. Daneben gibt es dort eine Anagramm-Version eines anderen Poe-Gedichts (&#8222;To Helen&#8220;), die auf vertrackte Weise ein Foto von Poe in digitaler Form kodiert. <a href=\"http:\/\/users.aol.com\/s6sj7gt\/poeana.htm\">Selber lesen zum besseren Verstehen.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>(Eine \u00e4hnliche Leistung wie &#8222;Black Bird&#8220; ist in der deutschen \u00dcbersetzung von <em>La Disparation<\/em> nicht enthalten. Die Gedichte dort scheinen direkte Entsprechungen des franz\u00f6sischen Originals zu sein.)<\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt und der Vollst\u00e4ndigkeit halber: Mit den ungebrauchten Buchstaben &#8222;e&#8220; schrieb Perec den Kurzroman <em>Les Revenentes (dt. Dee Weederg\u00e4nger)<\/em>. Darin ist das e das einzige Vokalzeichen, es tauchen also keine <em>aiou<\/em> auf. Das geht nur mit Tricks.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(6 Kommentare.) 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