{"id":2743,"date":"2010-04-06T11:13:16","date_gmt":"2010-04-06T09:13:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2743"},"modified":"2023-06-23T06:44:25","modified_gmt":"2023-06-23T04:44:25","slug":"erzaehlen-mit-perspektivenwechsel-eisbaer-im-haus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/04\/erzaehlen-mit-perspektivenwechsel-eisbaer-im-haus.htm","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlen mit Perspektivenwechsel: Eisb\u00e4r im Haus"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/04\/erzaehlen-mit-perspektivenwechsel-eisbaer-im-haus.htm#comments'>11 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Erlebniserz\u00e4hlung, 6. Klasse: Umgestaltung einer Zeitungsmeldung in eine Erz\u00e4hlung. Als Hausaufgabe gab es einen Artikel zu einem Eisb\u00e4ren, den ein Junge aus Neufundland aus der elterlichen Wohnung vertrieben hatte. Aus diesem Artikel sollte eine Erz\u00e4hlung werden. Ich hatte ihn mal aus einer Handreichung oder einem Schulbuch gezogen, und weil ich zu faul bin, nach der Quelle zu suchen, kann ich ihn hier nicht abdrucken.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzliche Bedingung bei dem \u00dcbungsaufsatz (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/05\/erzaehlen-mit-perspektive-die-schulaufgabe.htm\">und dann sp\u00e4ter auch in der Schulaufgabe<\/a>): Es musste einmal die Erz\u00e4hlperspektive gewechselt werden, zum Beispiel so, dass eben zuerst aus der Sicht einer Person erz\u00e4hlt wird und dann &#8211; nicht am Schluss, sondern im Hauptteil &#8211; aus der Sicht einer anderen Person, oder von mir aus auch des Eisb\u00e4ren. Am einfachsten geht das in der 3. Person, denn bei Ich-Erz\u00e4hlern f\u00fchrt das meist nur zu Verwirrung, wenn man nicht etwa Kapitel\u00fcberschriften hat.<\/p>\n<p>Wie das genau geht, habe ich gar nicht gro\u00df erkl\u00e4rt; die Sch\u00fcler sind mit Perspektivenwechsel ohnehin aus ihrer Freizeitlekt\u00fcre vertraut. Auch in Aufs\u00e4tzen ist das nicht neu, sondern steht seit Jahren in Handreichungen &#8211; selbst wenn vielleicht nicht viele Lehrer davon Gebrauch machen. Immerhin: zu meiner Schulzeit gab&#8217;s das gar nicht.<\/p>\n<p>Hier ist einer der \u00dcbungsaufs\u00e4tze. Abs\u00e4tze und Leerzeilen im Original, und herzlichen Dank daf\u00fcr. Ich habe lediglich f\u00fcnf oder sechs Rechtschreibfehler verbessert und sonst nichts ge\u00e4ndert. Abdruck mit Genehmigung der Autorin. <\/p>\n<blockquote style=\"text-align:justify\"><p>Das Brummen des Automotors wurde leiser. Endlich! Peter hatte sich schon seit einigen Tagen auf diesen Abend gefreut. Er war allein zu Haus. Seine Eltern waren gerade eben zu einem Konzert gefahren, seine Geschwister waren auf Partys oder bei Freunden. Alles im Haus war still. Obwohl es Anfang M\u00e4rz war, herrschte drau\u00dfen ein lauwarmer Abend wie im Sommer.<br \/>\nPeter \u00f6ffnete sein Zimmerfenster einen Spalt und schaltete den Fernseher ein. Jetzt konnte er tun lassen, was er wollte.<\/p>\n<p>Peter schreckte hoch. Leise Ger\u00e4usche hatten ihn geweckt. &#8222;Wahrscheinlich war das nur der Fernseher,&#8220; sagte er zu sich selbst und blickte in das immer noch laufende Ger\u00e4t. &#8222;Kein Wunder,&#8220; dachte er. Im Fernseher lief irgendein Krimi gerade an der Stelle, da der Inspektor den T\u00e4ter mit lautem Aufschrei verfolgte. Schnell schaltete er um. Langsam fielen ihm wieder die Augen zu. Abermals h\u00f6rte er ein Ger\u00e4usch, doch er konnte nicht unterscheiden, ob das Wirklichkeit oder Traum war. Da! Peter sprang auf. &#8222;Das war kein Traum! Werde ich verr\u00fcckt oder was?&#8220;, murmelte er, \u00f6ffnete die Zimmert\u00fcr und setzte den Fu\u00df auf die Schwelle.<\/p>\n<p>Peter z\u00f6gerte. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. War das ein Einbrecher, der sich gerade an ihrem goldverzierten T\u00fcrschloss zu schaffen machte und versuchte, leise wie eine Katze Dinge aus ihrem Haus zu bef\u00f6rdern? Oder war es nur die Nachbarskatze, die wieder einmal versuchte, einige Leckereien von der Familie Kennedy abzustauben?<br \/>\nLangsam schlich Peter die Treppe zum Erdgeschoss nach unten. &#8222;Verflucht! Kann Papa nicht endlich diese Treppenstufe reparieren?&#8220;, entfuhr es ihm. Die Treppenstufe quietschte schon seit Monaten und Peters Vater hatte schon vor Monaten versprochen sie zu reparieren. Peter war vor dem Quietschen zur\u00fcckgezuckt und hatte dabei den Getr\u00e4nkekasten umgesto\u00dfen. Jetzt purzelten die Flaschen hinunter und zerbrachen der Reihe nach. Im Haus war es still geworden wie in einem Leichenschauhaus. Hatte er den Einbrecher vertrieben? Er schlich weiter ins Wohnzimmer. Als Peters Augen sich an die Dunkelheit gew\u00f6hnt hatten, sah er nichts Verd\u00e4chtiges. Bis das Fenster zerbrach und er zu Boden gehen musste, um nicht von den messerscharfen Splittern getroffen zu werden&#8230;<\/p>\n<p>Als er sich langsam wieder aufrichtete, erkannte er eine Gestalt vor sich, keine drei Meter von ihm entfernt. Langsam wich er zur\u00fcck, doch die Gestalt bewegte sich nicht. Der K\u00f6rper war viereckig und&#8230; &#8222;Der K\u00f6rper ist viereckig?&#8220;, fragte Peter erstaunt. Es stellte sich heraus, dass es blo\u00df ihre alte Standuhr war. Dann wurde ihm sein Fehler bewusst. Er hatte sich lauthals etwas gefragt, falls wirklich ein Dieb oder schlimmer, ein Krimineller eingebrochen war, konnte das sein Ende bedeuten.<br \/>\nSchnell lie\u00df er sich auf die Knie fallen und st\u00fctzte sich mit den H\u00e4nden auf dem Teppich ab. Der Teppich war weich wie eine Baumwolldecke, ebenso warm und kuschelig und &#8230;bewegte sich? Er tastete weiter nach vorne und f\u00fchlte etwas Rundes mit einer Art&#8230; Ohren? Soweit seine Augen erkennen konnten, war der Gegenstand wei\u00df&#8230; Er wich mit einem Angstschrei zur\u00fcck. Das war nicht ihr Teppich. Es war ein Eisb\u00e4r!<\/p>\n<p>&#8222;Das war ein sch\u00f6ner Abend!&#8220;, meinte Frau Kennedy lachend und sperrte die Haust\u00fcr auf, nachdem ihr Mann endlich den Haust\u00fcrschl\u00fcssel aus dem Autofach gekramt hatte und zu ihr kam. Sie verharrte an dieser Stelle. &#8222;Ist irgend was?&#8220;, fragte ihr Mann erstaunt. Dann h\u00f6rte er es auch. Ein markersch\u00fctternder Schrei war zu h\u00f6ren. Frau Kennedy riss die Haust\u00fcr auf und musste zusehen, wie ihre Wohnzimmert\u00fcr aus den Angeln gerissen wurde. Peter kam aus dem T\u00fcrrahmen, erblickte die Eltern und kam auf sie zugerannt.<br \/>\n&#8222;Peter! Was hast du angerich&#8230;&#8220; Weiter kam sie nicht, denn ein Eisb\u00e4r, der, wie sie vermutete, die T\u00fcr aus den Angeln gerissen hatte, die quer durch den Hausgang auf die Familie Kennedy zugeflogen kam und dann an ihnen vorbei, kam auf die Familie zugerannt. Herr Kennedy schnappte sich das n\u00e4chstbeste Buch aus dem B\u00fccherregal, das in der N\u00e4he der T\u00fcr stand.  &#8222;Hier hast du ein Gastgeschenk!&#8220;, rief er grimmig und warf das Buch nach dem B\u00e4ren. Der sah den fliegenden Schinken nicht kommen, als ihn das Buch schon an der Flanke traf und sein Bein zum Einknicken brachte. Er fiel hin, blieb einige Sekunden verdattert liegen. Dann rappelte er sich wieder auf und hinkte, so schnell es ging, davon, um nicht noch weitere W\u00fcrfe einkassieren zu m\u00fcssen. Peter rannte ihm nach und sah gerade noch, wie die Hinterbeine des B\u00e4ren aus dem Fenster verschwanden. &#8222;Komm blo\u00df nicht wieder!&#8220;, schrie Peter ihm nach.<\/p>\n<p>&#8222;Oh Gott, warum hast du nicht uns, die Nachbarn oder Polizei angerufen? Das h\u00e4tte ein b\u00f6ses Ende nehmen k\u00f6nnen!&#8220;, fragte Frau Kennedy ihren Sohn halb vorwurfsvoll, halb erleichtert. Man konnte ihr deutlich anmerken, wie froh sie war, dass Peter noch heil und gesund war. &#8222;Glaubst du, das f\u00e4llt einem ein, wenn man komische Ger\u00e4usche h\u00f6rt?&#8220;, erwiderte Peter nur. Aber bevor seine Mutter noch etwas sagen konnte, meinte Herr Kennedy: &#8222;Wie w\u00e4r&#8217;s, wenn wir jetzt erst mal den Zoo anrufen und sagen, dass wir den entlaufenen B\u00e4ren gesichtet haben?&#8220;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Aufsatz oben ist sehr gut. Beim Vorlesen in der Stunde kam  der Perspektivenwechsel sehr sch\u00f6n zur Geltung. Nat\u00fcrlich gibt es noch einige Punkte zu verbessern, die vielen Auslassungszeichen etwa.<br \/>\nEine andere Sch\u00fclerin hat den Wechsel ein paarmal hin und her gemacht. War auch gut. Sehr interessant war es auch, bei einer dritten Sch\u00fclerin Spuren des Jugendbuchs zu entdecken, das ich ihr einige Zeit zuvor geliehen hatte. Man rechnet nicht damit, dass Sch\u00fcler bei so einer Aufgabenstellung in sehr personalem Jugendbuchstil schreiben.  <\/p>\n<p>Bei vielen Sch\u00fclern ist mir aufgefallen: die Neigung, besondere sprachliche Ausdrucksweisen nicht episch-beschreibend auszudr\u00fccken, sondern nachahmend-dramatisch. Wenn jemand stottert, wird d-d-das s-s-o g-g-geschrieben, wenn jemand inneh\u00e4lt, wird mitten im Wort abgebrochen (mit Auslassungszeichen), wenn jemand schreit, gibt es Gro\u00dfbuchstaben, und Krach! Peng! Zack! gibt es auch. Meine letzte Unterstufe Deutsch ist viele Jahre her; damals schien mir das nicht so h\u00e4ufig zu sein. (Insgesamt bin ich aber schon sehr zufrieden mit den Leistungen.)<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler und vor allem Sch\u00fclerinnen erz\u00e4hlen sehr gerne, man sollte das noch \u00f6fter von ihnen verlangen. Pers\u00f6nlicher Brief und sachlicher Brief dagegen, Bericht und Protokoll &#8211; nicht so gut. Das kann gerne sp\u00e4ter kommen.<\/p>\n<p>Auf die \u00dcbungsaufs\u00e4tze habe ich \u00fcbrigens Probenoten geben, also darunter geschrieben, welche Note das wohl in der Pr\u00fcfungssituation gewesen w\u00e4re. Das w\u00fcnschen sich Sch\u00fcler fast immer. Warum? Weil sie mit den Kommentaren unter der Aufgabe nicht genug anfangen k\u00f6nnen, aber wieso nicht? Weil sie sich einordnen k\u00f6nnen wollen, weil sie eine pr\u00e4zise Aussage statt p\u00e4dagogischer Verbr\u00e4mung wollen?<\/p>\n<p>Jedenfalls komme ich so gut wie nie diesem Wunsch nach. Bei unbekannten Aufsatztypen sowieso nicht: welche Kriterien sollte ich denn auf den \u00dcbungsaufsatz anwenden? Hei\u00dft eine &#8222;3&#8220; dann &#8222;befriedigend f\u00fcr eine erste \u00dcbung&#8220; oder &#8222;befriedigend, wenn das schon die Pr\u00fcfung w\u00e4re&#8220;? Au\u00dferdem ist das Benoten anstrengend.<br \/>\nAber bei einer Aufsatzart, die  den Sch\u00fclern gut genug bekannt ist, mache ich mir schon mal diese M\u00fche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(11 Kommentare.) Erlebniserz\u00e4hlung, 6. Klasse: Umgestaltung einer Zeitungsmeldung in eine Erz\u00e4hlung. Als Hausaufgabe gab es einen Artikel zu einem Eisb\u00e4ren, den ein Junge aus Neufundland aus der elterlichen Wohnung vertrieben hatte. Aus diesem Artikel sollte eine Erz\u00e4hlung werden. 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