{"id":2752,"date":"2010-04-20T14:34:20","date_gmt":"2010-04-20T12:34:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2752"},"modified":"2023-05-24T16:15:28","modified_gmt":"2023-05-24T14:15:28","slug":"die-deutschstunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/04\/die-deutschstunde.htm","title":{"rendered":"Die Deutschstunde"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/04\/die-deutschstunde.htm#comments'>5 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutsch, 6. Klasse, Erlebniserz\u00e4hlung. Verlangt: Perspektivenwechsel, Metapher\/Vergleich, innere Handlung.<br>Manche Sch\u00fcler tun sich schwer bei innerer Handlung. Mit der Kettens\u00e4ge auf den Eisb\u00e4ren los, das ist kein Problem, aber Angst, Neugier, Tollk\u00fchnheit schildern, das schon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum \u00dcben habe ich den Sch\u00fclern &#8222;Die Klavierstunde&#8220; von Gabriele Wohmann gegeben, eine Geschichte, die fast nur aus innerer Handlung besteht: Ein Junge geht zur Klavierstunde und spielt mit dem Gedanken, sich zu dr\u00fccken, etwas anderes zu tun. Er hasst diese Klavierstunde. Parallel dazu bereitet sich die Klavierlehrerin auf die Stunde vor. Sie hasst die Stunde ebenso, hat Kopfschmerzen, w\u00fcrde lieber absagen. Die Perspektive wechselt regelm\u00e4\u00dfig zwischen beiden hin und her, die Abs\u00e4tze werden immer k\u00fcrzer, bis der Junge das Haus erreicht hat und hereintritt und zum Schluss die Klavierstunde beginnt. (Und die Geschichte endet.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist \u00fcblicherweise etwas f\u00fcr die 9. Jahrgangsstufe. Da hatte ich vor ein paar Jahren auch schon einmal ausprobiert, die Sch\u00fcler die naheliegende Parallelgeschichte &#8222;Die Deutschstunde&#8220; schreiben zu lassen. (In einem Wiki, nebenbei.) Klappt mit der 6. Klasse aber auch, wie man hier sieht:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Deutschstunde<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die S-Bahn hielt an. Der Junge stieg aus. Genau wie viele andere Leute, die schlaftrunken, m\u00fcde und missgelaunt durch das schlechte Wetter gingen. &#8222;Es ist ungem\u00fctlich,&#8220; war der erste Gedanke als ihm der eisige Wind ins Gesicht blies. Langsam ging er in Richtung der schmutzverschmierten, matschigen, glitschigen Treppe, die er heruntergehen musste. Unten angekommen schlurfte er an einem verstopften Gulli vorbei. Er entzifferte die verworrene Schrift auf den Plakaten, die zerfetzt und verschimmelt an der Wand hingen. Die schlechten Graffities an der Fassade einer Ruine, die p\u00f6belnden Jugendlichen und die ungewaschenen Bettler, die flehend die H\u00e4nde ausstreckten, das alles beachtete er nicht. Ab und zu blieb er stehen und fand in sich die f\u00fcrchterliche M\u00f6glichkeit, umzukehren, nicht hinzugehen. Sein Mund, trocken vor Angst, er k\u00f6nnte wirklich so etwas tun. Er war allein, niemand der ihn bewachte. Trotzdem: Die Beine trugen ihn fort und er leugnete vor sich selbst den Befehl ab, der das bewirkte und den er gegeben hatte.<br>Er hoffte, er w\u00fcrde krank werden, als er vor der Ampel stand, oder er w\u00fcrde sich etwas brechen. Die Ampel schaltete auf gelb. Die Ampel schaltete auf gr\u00fcn. Mechanisch fuhr er los. Der Scheibenwischer schrappte \u00fcber das Frontglas. Er bog nach rechts auf den \u00fcberf\u00fcllten Parkplatz ein und zog den Z\u00fcndschl\u00fcssel aus dem Schloss. Und da sah er den Jungen, der ihn an sein grausames Schicksal erinnerte. In der ersten Stunde hatte er die schlimmste Klasse der Schule. Widerliche kleine Affen!<br>Widerlicher fetter Affe! Damit meinte der Junge die laufenden 190 Kilo, die gerade aus dem Auto stiegen und ihm an sein grausames Schicksal erinnerten. In der ersten Stunde hatte er den schlimmsten Lehrer im Land, der eine M\u00fctze \u00fcber seine sauber frisierten drei Haare zog. Das machte sein Aussehen nicht gerade besser, denn er sah aus als w\u00e4re er ein 80 Jahre alter Elefant. Trotzdem ging er weiter \u00fcber die schief gelegten Betonplatten, \u00fcber den alten fast haarlosen Teppich. Er ging extra langsam und hoffte damit zwei Minuten herausholen zu k\u00f6nnen. Es gelang ihm nicht.<br>Der Lehrer dachte immer noch wie er es schaffte zu Hause zu bleiben. Aber trotzdem kam er zur T\u00fcr der Klasse, durch die er schon die Sch\u00fcler h\u00f6rte. Er ging dort hinein und sah fl\u00fcchtig \u00fcber die Sch\u00fcler, lie\u00df die Begr\u00fc\u00dfung aus und begann zu erkl\u00e4ren. Laut und humorlos.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Unverbessert, ein paar Holperer sind noch drin. Mit Erlaubnis und gegen 1 Euro Bezahlung abgedruckt, aber <em>nicht<\/em> unter CC-Lizenz ver\u00f6ffentlicht. Und nat\u00fcrlich sind Teile des Aufsatzes sehr nahe am Wohmann&#8217;schen Original.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der letzten Stunde haben die Sch\u00fcler f\u00fcnf oder sechs dieser Geschichten mit sichtlichem Vergn\u00fcgen vorgelesen und angeh\u00f6rt. Bei allem Stolz auf die sch\u00f6nen Leistungen, so eine Stunde zieht die Lehrerstimmung schon ganz sch\u00f6n herunter, wenn die Sch\u00fcler da mit ihren Engelsgesichtern solche Sachen vorlesen.<br>Das ganze ist nat\u00fcrlich eine Finger\u00fcbung, die Sch\u00fcler wissen sehr wohl, dass sie damit nicht ihren Alltag beschreiben. (Ich rate also davon ab, das als Audruck einer gequ\u00e4lten Sch\u00fclerseele zu sehen.) An dieser hier hat mir die apokalyptische Stimmung am Bahnhof so gut gefallen, auch wenn die gar nicht Thema war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(5 Kommentare.) Deutsch, 6. Klasse, Erlebniserz\u00e4hlung. Verlangt: Perspektivenwechsel, Metapher\/Vergleich, innere Handlung.Manche Sch\u00fcler tun sich schwer bei innerer Handlung. Mit der Kettens\u00e4ge auf den Eisb\u00e4ren los, das ist kein Problem, aber Angst, Neugier, Tollk\u00fchnheit schildern, das schon. 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