{"id":2774,"date":"2010-06-07T21:21:35","date_gmt":"2010-06-07T19:21:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2774"},"modified":"2023-05-24T16:21:09","modified_gmt":"2023-05-24T14:21:09","slug":"frank-mccourt-teacher-man","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/06\/frank-mccourt-teacher-man.htm","title":{"rendered":"Frank McCourt, Teacher Man"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/06\/frank-mccourt-teacher-man.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"251\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/mccourt_teacher_man.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2775\" title=\"mccourt_teacher_man\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/mccourt_teacher_man.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/mccourt_teacher_man-89x150.jpg 89w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>In den Ferien habe ich dieses dritte Buch von Frank McCourt gelesen (nach <em>Angela&#8217;s Ashes<\/em> und <em>&#8218;Tis<\/em>); es enth\u00e4lt die Erinnerungen von McCourt an sein Leben als Lehrer an verschiedenen amerikanischen Schulen seit den 1950er Jahren. Das Lesen hat Spa\u00df gemacht, das Buch enth\u00e4lt Heiteres und Trauriges, viele Schulgeschichten und auch Privatleben. Allerdings: so gut wie im Vorwort wurde das Buch f\u00fcr mich nie wieder. Dort dankt McCourt nicht wie \u00fcblich denjenigen, ohne die dieses Buch nicht entstanden w\u00e4re &#8211; stattdessen <em>vergibt<\/em> er ihnen, Papst Pius XII, den Engl\u00e4ndern allgemein, dem Bischof von Limerick und vielen anderen. Und das in einem Tonfall, genial.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rest ist auch gut, McCourts Kampf mit sich und dem Schulwesen, mit Vorgesetzten, Kollegen und Sch\u00fclern. Wenn das ein Roman w\u00e4re, h\u00e4tte ich aber auf ein paar Kapitel verzichten k\u00f6nnen &#8211; die Handlung lebt von der Sympathie und dem Mitgef\u00fchl, die man f\u00fcr McCourt aufbringt, und meine Geduld hat er eine klitzekleines bisschen strapaziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht hat mich auch nur gest\u00f6rt, dass McCourt von vielen als Vorbild F\u00fcr Uns Alle dargestellt wird, der ewige (Englisch-)Lehrer im Kampf mit dem System. Aber f\u00fcr mich ist er keine moderne Lehrerfigur &#8211; und er w\u00e4re der erste, der das zugibt, meine ich dem Buch zu entnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen sind amerikanische Verh\u00e4ltnisse nicht auf deutsche zu \u00fcbertragen, und die vor vierzig oder f\u00fcnfzig Jahren auch nicht. McCourt schildert ausf\u00fchrlich, wie wichtig das Hereinkommen der Sch\u00fcler ist, wie jeder von ihnen das Eintreten ins Klassenzimmer dazu n\u00fctzt, sich in Szene zu setzen, den eigenen Rang zu demonstrieren &#8211; das Verhalten kenne ich aus amerikanischen Fernsehserien, aber f\u00fcr bayerische Gymnasien gilt das nicht. Schon mal, weil da die Sch\u00fcler nicht hereinkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unver\u00e4ndert gilt aber, was McCourt \u00fcber Schulleitungen und dergleichen sagt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>This is the situation in the public schools of America: The farther you travel from the classroom the greater your financial and professional rewards. Get the license, teach for two or three years. Take courses in administra\u00adtion, supervision, guidance, and with your new certifi\u00adcates you can move to an office with air-conditioning, private toilets, long lunches, secretaries. You won&#8217;t have to struggle with large groups of pain-in-the-arse kids. Hide out in your office, and you won&#8217;t even have to see the little buggers. (p. 187)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Vor allem stellt McCourt f\u00fcr mich das romantische, und nicht professionelle, Bild vom Lehrer da, den wir aus <em>Dead Poets Society<\/em> und vielen anderen Geschichten kennen: genialisch, beliebt, ohne Zusammenarbeit mit Kollegen, unbequem, ohne an irgendeinen Lehrplan gebunden zu sein. Und mit einer enormen Kapazit\u00e4t, sich von der Schule vereinnahmen zu lassen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>At the end of a school day you leave with a head filled with adolescent noises, their worries, their dreams. They follow you to dinner, to the movies, to the bathroom, to the bed. (p. 217f)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Also, gesund ist das nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht liegt das alles daran, dass <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/10\/our-miss-brooks-und-andere-lehrerinnen-und-lehrer.htm\">diese Lehrer<\/a> alles Englischlehrer sind. Das scheint der archetypische Lehrer zu sein. Ich w\u00fcrde gerne mehr von anderen Lehrern h\u00f6ren oder lesen. Denn wie das mit den Englisch- oder Deutschlehrern eben so ist&#8230; das sagt am besten dieses Zitat von Kurt Vonnegut \u00fcber Allen Ginsbergs Gedicht &#8222;Howl&#8220;, eine Hymne der Beat-Generation. Es beginnt mit den Worten: &#8222;I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the Negro streets at dawn looking for an angry fix.&#8220; Ich habe das Vonnegut-Zitat selbst mal beim Lesen herausgepickt, es hat aber anscheinend auch viele andere Nerven getroffen, so oft wie es zitiert wird:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>I like &#8222;Howl&#8220; a lot. Who wouldn&#8217;t? It just doesn&#8217;t have much to do with me or what happened to my friends. For one thing, I believe that the best minds of my generation were probably musicians and physicists and mathematicians and biologists and archaeologists and chess masters and so on, and Ginsberg&#8217;s closest friends, if I&#8217;m not mistaken, were undergraduates in the English department of Columbia University.<br>No offense intended, but it would never occur to me to look for the best minds in any generation in an undergraduate English department anywhere. I would certainly try the physics department or the music department first &#8212; and after that biochemistry.<br>Everybody knows that the dumbest people in any American university are in the education department, and English after that.<br>(<em>Palm Sunday<\/em>, p. 156)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ach ja, Vonnegut. Einer meiner literarischen Helden&#8230;. Er z\u00e4hlt die Informatiker nat\u00fcrlich nur deshalb nicht auf, weil es die damals noch nicht so gab.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; Eine Erfahrung, die McCourt macht, ohne sie zu thematisieren: das Wichtigste f\u00fcr den Lernerfolg sind Klassen, die lernen wollen. Die gibt es bei ihm n\u00e4mlich manchmal. Und das macht einen gr\u00f6\u00dferen Unterschied als Computer und Lern- und Lehrmethoden und alles andere. Auch heute gibt es manchmal, und an meiner Schule gar nicht so selten, solche Klassen. Und das ab der 5. Klasse. K\u00fcmmert sich die Forschung bitte mal darum, wie solche Klassen entstehen? Das ist wichtiger als alles, was man an Methodik am Gymnasium treiben kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Zitierte Werke:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Frank McCourt, <em>Teacher Man. A Memoir.<\/em> New York: Scribner 2006.<\/li>\n\n\n\n<li>Kurt Vonnegut, <em>Palm Sunday. An Autobiographical Collage.<\/em> London: Jonathan Cape 1981.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) In den Ferien habe ich dieses dritte Buch von Frank McCourt gelesen (nach Angela&#8217;s Ashes und &#8218;Tis); es enth\u00e4lt die Erinnerungen von McCourt an sein Leben als Lehrer an verschiedenen amerikanischen Schulen seit den 1950er Jahren. Das Lesen hat Spa\u00df gemacht, das Buch enth\u00e4lt Heiteres und Trauriges, viele Schulgeschichten und auch Privatleben. 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