{"id":2857,"date":"2011-05-01T08:40:17","date_gmt":"2011-05-01T06:40:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2857"},"modified":"2023-06-18T18:06:11","modified_gmt":"2023-06-18T16:06:11","slug":"abiturrede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/05\/abiturrede.htm","title":{"rendered":"Abiturrede"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/05\/abiturrede.htm#comments'>17 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Weil gerade wieder Abitur war, hier eine der Abireden, die ich aufgehoben habe, Jahrgang 2000. Ich benutze sie gelegentlich im Unterricht, wenn es um Aufbau einer Rede, Situationsbezogenheit und Stilmittel geht &#8211; manchmal auch im Kontrast zu anderen Abiturreden, die deutlich weniger gelungen sind.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Guten Abend &#8211; wir haben Abitur.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu haben wir 13 Jahre unseres Lebens gebraucht. 13 Jahre, in denen wir mehr oder weniger flei\u00dfig, intensiv, motiviert und interessiert meistens (fast immer!!!) unsere gesamten geistigen Kr\u00e4fte f\u00fcr unser schulisches Weiterkommen verwendet haben. 13 Jahre, in denen das XYZ-Gymnasium zu unserem zweiten Zuhause wurde, 13 Jahre, in denen sich die Anzahl unserer Mitstreiter kontinuierlich dezimierte. 13 Jahre, in denen sich die Kommunikation zwischen Lehrern und Sch\u00fclern mal zum Schlechten mal zum Rechten entwickelte.<br>Doch was soll&#8217;s?<br>Der Lohn daf\u00fcr ist der Schl\u00fcssel zu den Toren der Welt, das Visum f\u00fcr unsere glorreiche Zukunft, unsere akademische Green Card.<br>Heute Abend erhalten wir die Mappe aus Pappe, die die Welt bedeutet.<br>Doch was bedeutet sie wirklich?<\/p>\n\n\n\n<p>Sind wir tats\u00e4chlich auf unsere Zukunft vorbereitet?<br>Wir k\u00f6nnen lateinische Gedichte skandieren, wissen mit komplexen Zahlen umzugehen, hermetische Gedichte zu entschl\u00fcsseln, haben den eindimensionalen Potentialtopf kennengelernt, beherrschen das gesamte Regelwerk von mindestens vier Sportarten und sind in der Lage, die Strukturformeln jedes am Calvin-Zyklus beteiligten Stoffes zu zeichnen.<br>Sie sehen, wir sind im Allgemeinen gebildet, aber haben wir auch Allgemeinbildung?<br>F\u00fcr uns bedeutet dieser Begriff mehr als das im Gymnasium Erlernte.<br>Er umfasst zum Beispiel selbst\u00e4ndiges Denken, eigene Ideen zu entwickeln, zu individuellen Ergebnissen zu kommen und diese zielstrebig umzusetzen. Auch Flexibilit\u00e4t wird im Berufsleben immer wichtiger. Von uns wird erwartet, Konfliktsituationen zu bew\u00e4ltigen und Teamf\u00e4higkeit zu zeigen.<br>In der Schulzeit lernt man fr\u00fch, das eigene Wohl in den Vordergrund zu stellen. Jeder ist sich selbst der N\u00e4chste. Beim Streben nach guten Zensuren bleibt die Solidarit\u00e4t schnell auf der Strecke. Das Ziel ist der Weg, und der Weg ist man selbst.<br>Zu oft werden Ungerechtigkeiten von den Sch\u00fclern zwar bemerkt aber dennoch \u00fcbergangen. Der Grund daf\u00fcr ist h\u00e4ufig die Angst des Einzelnen, in der Gunst des Lehrers zu sinken oder auch nur die pure Ignoranz und Faulheit. Dies gilt ebenso f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis der Sch\u00fcler untereinander, welches oft alles andere als kollegial ist. Individualit\u00e4t wird nicht gern gesehen und kann nur mit einem gro\u00dfen Ma\u00df an Selbstbewusstsein ausgelebt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Unserer Meinung nach k\u00f6nnte der Egoismus durch schulisch gef\u00f6rderte Gruppenarbeit und gemeinsame Projekte gemindert werden. Dass daf\u00fcr die Sch\u00fcler ebenso Bereitschaft zeigen m\u00fcssen, steht au\u00dfer Frage. Auch wird im Unterricht zu wenig diskutiert. Die Streitf\u00e4higkeit als notwendiges Mittel im sozialen Umgang wird durch den Frontalunterricht leider zu wenig ber\u00fccksichtigt. Dabei ist gerade diese Eigenschaft im Berufsleben elementar.<br>Ebenso wichtig ist praktische Erfahrung, welche gerade am Gymnasium vernachl\u00e4ssigt wird. Die Aus\u00fcbung eines mehrt\u00e4gigen Praktikums beruht allzu oft auf Eigeninitiative und wird von der Schule zu wenig unterst\u00fctzt. Statt dessen wird dies Sch\u00fclern mit einem Hinweis auf den ohnehin \u00fcberf\u00fcllten Lehrplan nur unter Vorbehalt genehmigt bzw. ganz verweigert.<br>Auch der Umgang mit neuen Medien kommt zu kurz. In der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist der Computer zu einem st\u00e4ndigen Begleiter geworden, mit dem auch wir in unserer Schulzeit stolze zwei Stunden konfrontiert wurden.<br>Gl\u00fccklicherweise wurde dieses Problem bereits erkannt mit der Konsequenz, Informatik in absehbarer Zeit mehr in den Lehrplan zu integrieren. (Dieser Ansatz sollte auch auf die \u00fcbrigen neuen Medien ausgeweitet werden.) Doch f\u00fcr jede Ver\u00e4nderung reicht die alleinige Initiative des Kultusministeriums nicht aus; um eine Reform effektiv zu realisieren, muss ebenso viel von Seiten der Lehrer und Sch\u00fcler beigetragen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu all den eben genannten Kritikpunkten noch ein paar Worte in eigener Sache: Wir, die 13. Klasse des XYZ-Gymnasiums sind immer mit vorbildlichem Beispiel vorangegangen. Tagt\u00e4glich zeigten wir mit jeder Faser unseres K\u00f6rpers vollen Einsatz, haben die Lehrer stets zu innovativen Projekten angehalten, waren f\u00fcr alle Neuerungen offen und haben auch au\u00dferhalb des Unterrichts unser schulisches Engagement nie aufgegeben. Die Lehrer konnten sich vor intellektuellen Sch\u00fclerbeitr\u00e4gen kaum retten, wurden mit interessierten Fragen bombardiert und unser enthusiastischer Wissensdrang konnte selbst durch den Schulgong nicht einged\u00e4mmt werden. Irgendwelche Zweifel??? Die haben wir auch.<br>Wir sind uns bei aller Kritik am Schulsystem durchaus dar\u00fcber im Klaren, dass die Motivation und das Engagement der Sch\u00fcler zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassen. Die Schule wurde von uns zu oft nur als Belastung empfunden und nicht beispielsweise als M\u00f6glichkeit zur Interessensfindung gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch das haben wir alles hinter uns.<br>Blicken wir in die Zukunft.<br>Arbeitslosigkeit und Aufstiegschancen sind Schlagworte, mit denen wir fast t\u00e4glich konfrontiert werden. Man h\u00f6rt regelm\u00e4\u00dfig von der Unsicherheit des Arbeitsplatzes, h\u00f6heren Anforderungen im Bereich Flexibilit\u00e4t und Belastbarkeit, von Globalisierung und Rationalisierung.<br>Doch was sollen diese Begriffe f\u00fcr uns bedeuten? Wir haben unsere Schulzeit gerade beendet und stehen nun vor der schwierigen Entscheidung, welchen Weg wir einschlagen sollen. Die Tatsache, dass uns so gut wie alle T\u00fcren offenstehen, bedeutet gleichzeitig auch die Qual der Wahl. Es stellt sich die Frage, welche Faktoren f\u00fcr unsere Berufsfindung wirklich wichtig sind: Soll der Arbeitsmarkt \u00fcber unsere Zukunft entscheiden, oder doch lieber unsere individuellen Interessen? Inwieweit sind Arbeitsmarkt und Interesse \u00fcberhaupt miteinander vereinbar? Bedeutet beispielsweise Talent und Begeisterung f\u00fcr das Schulfach Deutsch auch Freude am Beruf des Germanisten?<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem lassen wir uns davon nicht beeindrucken. Wir nehmen unsere Zukunft selbst in die Hand, wir werden unseren Weg gehen.<br>Wir kriegen das hin.<br>Schlie\u00dflich sind wir ja der Abi-Jahrgang 2000!!!!<\/p>\n\n\n\n<p>(Birgit F., Florian F.)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><small>Ohne explizite Erlaubnis ins Blog gestellt, ich habe damals nur die Erlaubnis f\u00fcr die Schulhomepage eingeholt. Deshalb auch (c) Birgit F., Florian F., keine CC-Lizenz. Ich habe leider keinen Kontakt zu diesen Sch\u00fclern, so dass ich nicht fragen kann. Bei Einw\u00e4nden bitte melden.<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Verschiedene Links zum Thema, die ersten drei innerhalb meines Blogs, damit ich hier mal alles versammelt habe und auch einen Ort f\u00fcr zuk\u00fcnftige Links habe:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/reden-zum-schuljahresende.htm\">Sch\u00fclerreden zum Schuljahresende<\/a> (Beispiel aus dem Blog hier)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/06\/abiturreden-kurz.htm\">Sammlungen von Abiturreden (als Buch)<\/a> (Blogeintrag)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/10\/reden-und-interviews.htm\">Sch\u00fclerrede im Unterricht<\/a> (Beispiel aus dem Blog hier)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"http:\/\/jensscholz.com\/index.php\/2010\/06\/28\/abirede-1989\">Abiturrede von 1989<\/a> (Jens Scholz)<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(17 Kommentare.) 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