{"id":2870,"date":"2011-03-27T16:21:43","date_gmt":"2011-03-27T14:21:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2870"},"modified":"2023-06-19T10:14:47","modified_gmt":"2023-06-19T08:14:47","slug":"wer-hat-dem-wird-gegeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/03\/wer-hat-dem-wird-gegeben.htm","title":{"rendered":"Wer hat, dem wird gegeben"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/03\/wer-hat-dem-wird-gegeben.htm#comments'>5 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Als Kind hat mich am katholischen Gottesdienst eigentlich nur die Lesung und deren anschlie\u00dfende Interpretation interessiert. (War das die Predigt?) Ein Text, an dem ich stets zu kauen hatte, war das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gleichnis_von_den_anvertrauten_Zentnern\">Gleichnis von den Talenten<\/a>. Das war gut so, denn mir nutzte der Reiz widerspr\u00fcchlicher Texte. Hier ist er:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Das Himmelreich ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Verm\u00f6gen an. Dem einen gab er f\u00fcnf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen F\u00e4higkeiten.<br>Sofort begann der Diener, der f\u00fcnf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch f\u00fcnf dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu. Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.<br>Nach langer Zeit kehrte der Herr zur\u00fcck, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.<br>Da kam der, der die f\u00fcnf Talente erhalten hatte, brachte f\u00fcnf weitere und sagte: Herr, f\u00fcnf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch f\u00fcnf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein t\u00fcchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine gro\u00dfe Aufgabe \u00fcbertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!<br>Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein t\u00fcchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine gro\u00dfe Aufgabe \u00fcbertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!<br>Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht ges\u00e4t hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.<br>Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht ges\u00e4t habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. H\u00e4ttest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann h\u00e4tte ich es bei meiner R\u00fcckkehr mit Zinsen zur\u00fcckerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im \u00dcberfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die \u00e4u\u00dferste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Z\u00e4hnen knirschen. (Matth\u00e4us 25,14-30)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Warum war der Text widerspr\u00fcchlich f\u00fcr mich? Weil er mir so eindeutig ungerecht erschien. He, der Diener sollte das Talent aufbewahren, und das hat er getan. Und dann wird er geschimpft daf\u00fcr. Unfair! Au\u00dferdem kam dieser phantasielos w\u00f6rtlich nehmende Diener meinem eigenen analytischen Wesen am n\u00e4chsten. Wenn der Herr etwas anderes gewollt h\u00e4tte, h\u00e4tte er sich gef\u00e4lligst deutlich ausdr\u00fccken sollen.<br>Vielleicht habe ich damals nicht verstanden, was gemeint ist mit: &#8222;vertraute ihnen sein Verm\u00f6gen an&#8220;, und welcher Auftrag dahintersteckt. Hier scheint es mir sehr auf die \u00dcbersetzung anzukommen, jedenfalls lautete der Auftrag des Herrn in meinem Verst\u00e4ndnis immer: &#8222;Pass gut darauf auf&#8220;, und sonst nichts. Heute nehme ich mal an, der Herr hat damit etwas anderes gemeint. Das n\u00e4chste Mal die Sprechakte etwas expliziter, bittesch\u00f6n!<\/p>\n\n\n\n<p>(Im Lukas-Evangelium hei\u00dft es im analogen Gleichnis: &#8222;Macht Gesch\u00e4fte damit, bis ich wiederkomme.&#8220; Das h\u00e4tte ich verstanden. Anscheinend ist mir immer nur das Matth\u00e4us-Evangelium untergekommen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Aber noch aus anderen Gr\u00fcnden haderte ich mit diesem Gleichnis. Zum einen glaube ich nicht, dass man verpflichtet ist, aus seinen Talenten etwas zu machen, jedenfalls wenn man darin Talente in der konkreten heutigen Bedeutung versteht: musikalische Begabung, Zeichenbegabung, sonstige Begabungen. Vor allem hat mich aber das Ungerechte an dem Prinzip: &#8222;wer hat, dem wird gegeben&#8220; gest\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aaaaaaandererseits&#8230; wie ist das so mit dem Lernen in der Schule? Wer viel wei\u00df, wird bald noch mehr wissen. Oder von mir aus auch modem\u00e4\u00dfig kompetenzorientiert: Wer viel kann, wird bald noch mehr k\u00f6nnen. &#8222;Wie schwierig ist doch der Lernproze\u00df \u2013 man hat vom Lernen eigentlich erst was, wenn man schon eine Menge gelernt hat&#8220; (<a href=\"http:\/\/rungholt.wordpress.com\/2010\/07\/07\/bilder-erklaren\/\">Lila<\/a>). Das deckt sich auch mit meinem Verst\u00e4ndnis von Konstruktivismus: wer sich schon viel konstruiert hat, kann Neues um so leichter irgendwo einbauen. Und der Matth\u00e4us-Effekt gilt wohl auch f\u00fcr die Schule: &#8222;Wenn man Sch\u00fcler \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg beobachtet, so f\u00e4llt auf, dass die Schule vorhandene Leistungsunterschiede verst\u00e4rkt.&#8220; (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Matth%C3%A4us-Effekt\">Wikipedia<\/a>, und hiermit gebe ich zu, dass ich zum Forschungsstand hierzu nicht die geringste Ahnung habe.)<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es diesen Effekt wirklich gibt, und ich zweifle nicht daran: kann man das verhindern? Soll man das verhindern? Klafft die Schere dann nicht immer weiter auseinander? Ich denke, das tut sie, und das will auch keiner ernsthaft verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>(Subjektiv wird das Problem vielleicht gar nicht so wahrgenommen. Dieser Aufsatz &#8211; <a href=\"http:\/\/eres.olin.wesleyan.edu\/eres\/docs\/12989\/dunnwhy.pdf\">&#8222;Why people fail to recognize their own incompetence&#8220; (pdf)<\/a>, schon mal verlinkt &#8211; legt nahe, dass Studenten ihre eigene Leistung proportional um so mehr \u00fcbersch\u00e4tzen, je schlechter sie sind. Wie sehr das \u00fcbertragbar ist, wei\u00df ich allerdings nicht.)<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich kommt es ja nicht darauf an, wie gro\u00df die Menge an Wissen ist, die sich jemand &#8211; ausgestattet mit den n\u00f6tigen Kompetenzen dazu &#8211; konstruiert hat. Um es mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Josh_Billings\">Josh Billings<\/a> zu sagen: &#8222;It ain&#8217;t what a man don&#8217;t know that makes him a fool, but what he does know that ain&#8217;t so.&#8220; Darauf nehmen die Lerntheorien wohl alle wenig R\u00fccksicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(5 Kommentare.) 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