{"id":293,"date":"2005-05-28T14:12:17","date_gmt":"2005-05-28T12:12:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=293"},"modified":"2023-05-14T08:06:23","modified_gmt":"2023-05-14T06:06:23","slug":"christy-moore","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/05\/christy-moore.htm","title":{"rendered":"Christy Moore"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/05\/christy-moore.htm#comments'>6 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Man begegnet sich im Leben immer zweimal. Christy Moore bin ich jetzt zum vierten Mal begegnet, will hei\u00dfen: Zum vierten Mal war ich in einem Christy-Moore-Konzert. Zweimal in Deutschland, zweimal in England; das letzte Mal (letzte Woche) ganz zuf\u00e4llig und unvorhergesehen. Ich hatte gedacht, dass ich Christy Moore kaum mehr live sehen w\u00fcrde; dazu ist er zu selten in Deutschland (denke ich), und ich kriege ohnehin nie mit, wenn irgendwo ein Konzert ist.<br>Um so sch\u00f6ner war es also, dass ich das Konzert zuf\u00e4llig erwischte. Es war nicht so gut wie fr\u00fcher, aber es war gut. Jetzt bin ich zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Christy Moore lernte ich 1989 oder 1990 gleichzeitig aus zwei Ecken kennen: Einmal \u00fcber eine Kommilitonin, die eine Christy-Moore-CD hatte und ein irisches Liederbuch, und einmal \u00fcber meinen Plattenfreund, der mich best\u00e4ndig mit neuer Musik versorgte. (\u00dcblicherweise waren es eher exotische Amerikaner als irische Folk-S\u00e4nger.)<\/p>\n\n\n\n<p>Christy Moore ist in Irland ber\u00fchmt. In Gro\u00dfbritannien wohl auch. Ob man ihn in Deutschland kennt, wei\u00df ich nicht: In den 70er und 80er Jahren schw\u00e4rmten junge Deutsche gerne mal von Irland, h\u00f6rten irische Musik, und wollten unbedingt mal Urlaub dort machen. Auf Hochzeiten und in Wohnzimmern begegnete man allerorten einem &#8222;Traditional Irish Blessing&#8220;, das da anf\u00e4ngt: &#8222;May the road rise up to meet you&#8220; (oder wie ich selber paraphrasiere: &#8222;May you fall flat on your face&#8220;). &#8212; Ob das heute noch so ist, wei\u00df ich nicht; jetzt schw\u00e4rmt man wohl wieder mehr f\u00fcr Mittelerde oder Neuseeland .<\/p>\n\n\n\n<p>Biographische Details zu Christy Moore schenke ich mir, ich m\u00fcsste sie ohnehin erst von <a href=\"http:\/\/www.christymoore.com\/\">seiner Web-Seite<\/a> herausfinden. Er ist jedenfalls 60 Jahre alt, sein erster Auftritt war 1965, bald darauf verbrachte er einige Zeit in England und lernte das Leben der Exil-Iren kennen; das politisierte ihn. Mit der Gruppe Planxty wurde er bekannt; Planxty spielte alte und neue irische Lieder. Dann viele viele Solo-Platten, Auftritte und Interviews, eine Art <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/0340830735\/qid=1117267847\/sr=1-2\/ref=sr_1_8_2\/302-1072417-2043242\">Autobiographie<\/a> (die ich allerdings noch nicht kenne).<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich an Christy Moore mag:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><b>Die Art, wie er singt.<\/b> Die Arrangements sind schlicht; live trat er meist alleine auf (letztes Mal hatte er allerdings einen zweiten Gitarristen dabei), spielt Gitarre mit Stahlseiten, manchmal auch eine irische Trommel, und singt. Bei den Konzerten war er sehr konzentriert, lie\u00df wenig Zeit zwischen zwei Nummern f\u00fcr Beifall, wollte kein Mitklatschen (auch wenn das englische Publikum anders als das deutsche tats\u00e4chlich auf 2 und 4 klatschen kann). Nach jeweils einer Stunde begann er dann aufzutauen, entschuldigte seine Einsilbigkeit mit stets neuer Nervosit\u00e4t beim Auftreten, und fing an, mehr mit dem Publikum zu kommunizieren, ging auf Zwischenrufe und Liedw\u00fcnsche ein. Zu vielen Liedern erz\u00e4hlt er, wie er ihnen das erste Mal begegnet ist und deutet an, warum er sie singt.<\/li>\n\n\n\n<li><b>Die Lieder, die er singt.<\/b> Es sind selbst geschriebene, aber auch sehr viele Lieder anderer K\u00fcnstler. <span style=\"color: grey;\">(Das mag ich. Damit steht das Lied im Vordergrund und nicht das Gesamtkunstwerk Interpret+Lied, an das wir uns heute gew\u00f6hnt haben. Angefangen hat das ja wohl erst mit dem Rock&#8217;n&#8217;Roll. Davor gab es keine Cover-Versionen, oder genauer: Es gab keine Originale. Es gab nur Lieder, die von verschiedenen Leuten gesungen werden. Bevor die Charts anhand verkaufter Platten errechnet wurden, ma\u00df man die Menge der verkauften Musiknoten. Vor hundert Jahren wurde ein Lied durch eine Show am Broadway bekannt, was sich die K\u00fcnstler am Broadway gut bezahlen lie\u00dfen, und danach verkauften sich die Noten, und das Orchester im Hotel oder Restaurant spielte die Nummern dann ebenfalls. Ich habe jedenfalls gro\u00dfen Respekt vor Musikern, die auch mal Lieder anderer Leute singen. Gute Lieder erkennt man auch daran, dass sie verschiedene Interpreten zu verschiedenen Interpretationen reizen.)<\/span><br>Christy Moore singt einige irische Volkslieder wie &#8222;Cliffs of Doneen&#8220; und &#8222;Black is the colour of my true love&#8217;s hair&#8220;, einige wenige irische Kunstlieder der letzten zweihundert Jahre (&#8222;The Curragh of Kildare&#8220;), vor allem aber moderne irische Lieder wie &#8222;Nancy Spain&#8220; von Barney Rush oder &#8222;Fairytale of New York&#8220; von Shane McGowan\/Jem Finer, dazu viele eigene Lieder. Viele der Lieder sind politisch.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Eine Art Lieder interessiert mich besonders, die nur am Rande etwas mit Christy Moore zu tun hat: Lieder zu zeitgeschichtlichen Vorg\u00e4ngen. Protestsongs. Vor allem dann, wenn sie ganz konkret werden, Namen nennen, die sonst vielleicht in Vergessenheit gerieten. Hier wird, oder wurde, Information noch m\u00fcndlich weitergegeben, in Liedern aufgezeichnet. Zum Beispiel (alles Lieder, die auch Christy Moore singt):<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>&#8222;Sacco and Vanzetti&#8220; (Woody Guthrie). Zur Erinnerung siehe <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sacco_und_Vanzetti\">Wikipedia-Eintrag<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.courttv.com\/archive\/greatesttrials\/sacco.vanzetti\/\">diese Seite<\/a>. Wie schuldig oder unschuldig die beiden waren, ist offen (zur Zeit geht man davon aus, dass mindestens einer tats\u00e4chlich beteiligt war); unbestritten ist jedoch, dass ihr Gerichtsverfahren und ihre Hinrichtung 1927 nicht rechtm\u00e4\u00dfig waren. Woody Guthrie schrieb und spielte ein ganzes Album mit &#8222;Ballads of Sacco and Vanzetti&#8220;. Das bekannteste Lied daraus nennt den Schauplatz, nennt die Namen des Richters, der Ankl\u00e4ger, bringt Zitate.<\/li>\n\n\n\n<li>Namen nennt auch &#8222;Scapegoats&#8220; (Cowan\/Moore). Darin geht es um die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Birmingham_Six\">Birmingham Six<\/a> &#8211; sechs geb\u00fcrtige Nordiren, in Birmingham lebend, wurden 1975 zu lebensl\u00e4nglicher Haft wegen eines IRA-Bombenattentats verurteilt. Schon w\u00e4hrend der Verhandlungen gab es Vorw\u00fcrfe, die Beweise seien manipuliert worden; 1991 wurde das Urteil aufgehoben, 2001 gab es Schadenersatz. Ein \u00e4hnlicher Fall sind die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Guildford_Four\">Guildford Four<\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li>&#8222;Viva la quinte brigada&#8220; (Christy Moore). Ein Lied \u00fcber die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Internationale_Brigaden\">Internationalen Brigaden<\/a>, genauer: die daran beteiligten Iren, die im spanischen B\u00fcrgerkrieg gegen Franco k\u00e4mpften. Wikipedia hat eine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_von_ausl%C3%A4ndischen_Teilnehmern_am_Spanischen_B%C3%BCrgerkrieg\">Liste von ausl\u00e4ndischen Teilnehmern am spanischen B\u00fcrgerkrieg<\/a>, z\u00e4hlt aber nur die ber\u00fchmten Namen auf. Christy Moore nennt die weniger Bekannten: &#8222;Bob Hilliard was a Church of Ireland pastor \/ Form Killarney across the Pyrenees he came \/ From Derry came a brave young Christian Brother \/ Side by side they fought and died in Spain \/\/ Tommy Woods age seventeen died in Cordoba \/ With Na Fianna he learned to hold his gun \/ From Dublin to the Villa del Rio \/ Where he fought and died beneath the blazing sun&#8220;. Moore verschweigt nicht, dass auch auf Seiten Francos Iren k\u00e4mpften.<\/li>\n\n\n\n<li>&#8222;The Ludlow Massacre&#8220; (Woody Guthrie): Siehe <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Ludlow_Massacre\">Wikipedia-Eintrag<\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li>&#8222;They never came home&#8220; (Christy Moore): Ein Lied um den <a href=\"http:\/\/www.irishfireservices.com\/pages\/stardust.html\">Stardust-Brand von 1981<\/a>: Bei einem Feuer in einer Disco starben 48 junge Menschen. Panik, abgesperrte Notausg\u00e4nge, keine Verurteilung f\u00fcr die Betreiber, aber Gerichtsurteil gegen Christy Moore wegen des Liedes. Ich habe das Lied auf dem Konzert letzte Woche zum ersten Mal geh\u00f6rt, sonst h\u00e4tte ich nie von dem Stardust-Brand erfahren.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist diese Art der Geschichtsschreibung einseitig, oberfl\u00e4chlich und ein wenig sensationsl\u00fcstern. Und bestimmt bekomme ich zu h\u00f6ren, dass ich die wichtigsten Beispiele f\u00fcr Lieder dieser Art ignoriert habe. Ich lerne gerne dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Konzert letzte Woche habe ich gar nicht mehr viel zu sagen. Als Vornummer erschien (unangek\u00fcndigt, aber auch nicht sehr \u00fcberraschend) der irische Musiker Freddie White und sang und spielte auf der Gitarre einige eigene Nummern, aber auch Versionen von &#8222;Martha&#8220; von Tom Waits und eine eigenwillige Version eines zumindest mir vorher nicht bekannten Irving-Berlin-St\u00fccks, <a href=\"http:\/\/www.oldielyrics.com\/lyrics\/irving_berlin\/my_walking_stick.html\">My Walking Stick<\/a>.<br>Christy Moore danach war nicht allein, sondern hatte sich einen zweiten Gitarristen mitgebracht: Declan Sinnott, der akustische, h\u00e4ufig aber auch E-Gitarre zu Christys akustischer Gitarre spielte. Das gab bei ein oder zwei Liedern nette Effekte (vor allem bei &#8222;North and South of the River&#8220;), ansonsten fand ich es \u00fcberfl\u00fcssig. Christy allein ist mir lieber, aber wenn er mal etwas Neues ausprobieren m\u00f6chte, soll er das jederzeit machen.<br>Schon bald setzten die Zwischenrufe und W\u00fcnsche ein. Christy, ernst und still bis auf ein knappes &#8222;Thank you&#8220; zum Beifall, bat sich erst einmal eine Stunde Ruhe aus, um seine Nummern zu spielen. Danach taute er auf, erz\u00e4hlte ein paar Ankedoten, machte sich \u00fcber ein paar tats\u00e4chlich sehr st\u00f6rende Zwischenrufer lustig, und erf\u00fcllte Musikw\u00fcnsche. Folgendes hat er gespielt; vermutlich habe ich ein paar Titel vergessen, und die Reihenfolge bringe ich ohnehin nicht mehr zusammen:<\/p>\n\n\n\n<p>All I Remember<br>North and South of the River<br>Yellow Triangle<br>Viva la quinte brigada<br>America, I Love You (= &#8222;America, You are not the world&#8220; von Morrissey)<br>Ordinary Man<br>Go Move Shift<br>Don&#8217;t forget your shovel<br>Ordinary Man<br>Reel in the flickering light (ein leichtf\u00fc\u00dfiges, lustiges Lied)<br>Biko Drum<br>Burning Times<br>All for the Roses<br>Lisdoonvarna (auf Wunsch; mit der \u00fcblichen Van-the-Man-Einlage)<\/p>\n\n\n\n<p>Plattentipp: Als Einstieg und \u00dcberblick <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/search-handle-form\/ref=sr_sp_go_qs\/302-1072417-2043242\">Christy Moore Live at the Point<\/a>. Christy live mit Gitarre, alte und neue Lieder, laute und leise, lustige und ernste. Nicht so viel ernste wie auf den letzten Platten.<br>F\u00fcr den Anfang vermeiden, da untypisch: Das <em>Traveller<\/em>-Album.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(6 Kommentare.) Man begegnet sich im Leben immer zweimal. Christy Moore bin ich jetzt zum vierten Mal begegnet, will hei\u00dfen: Zum vierten Mal war ich in einem Christy-Moore-Konzert. Zweimal in Deutschland, zweimal in England; das letzte Mal (letzte Woche) ganz zuf\u00e4llig und unvorhergesehen. 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