{"id":2931,"date":"2010-08-23T08:07:26","date_gmt":"2010-08-23T06:07:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=2931"},"modified":"2023-05-14T10:38:22","modified_gmt":"2023-05-14T08:38:22","slug":"es-waren-zwei-dunkle-und-stuermische-naechte-wuthering-heights-und-cold-comfort-farm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/08\/es-waren-zwei-dunkle-und-stuermische-naechte-wuthering-heights-und-cold-comfort-farm.htm","title":{"rendered":"Es waren zwei dunkle und st\u00fcrmische N\u00e4chte: Wuthering Heights und Cold Comfort Farm"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/08\/es-waren-zwei-dunkle-und-stuermische-naechte-wuthering-heights-und-cold-comfort-farm.htm#comments'>2 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Nicht zuletzt wegen des <em>Ukulele Orchestra of Great Britain<\/em> mit seiner Version von Kate Bushs &#8222;Wuthering Heights&#8220; hatte ich mir vorgenommen, das Buch noch einmal zu lesen. Von der ersten Lekt\u00fcre vor zwanzig Jahren ist nicht mehr viel h\u00e4ngengeblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>(Wer&#8217;s immer noch nicht kennt: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FF0VaBxb27w\">hier die UOGB-Version<\/a>.)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"251\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/bronte_wuthering_heights.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2935\" title=\"bronte_wuthering_heights\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/bronte_wuthering_heights.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/bronte_wuthering_heights-89x150.jpg 89w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die erste H\u00e4lfte des Buches hat mir sehr gut gefallen, der Anfang ist hervorragend. Ein Herr Lockwood, der Erz\u00e4hler, sucht die Einsamkeit (ungl\u00fcckliche Liebe, Unzufriedenheit mit seinem Leben) und hat sich dazu ein Haus gemietet, bei dessen Vermieter er einen Anstandsbesuch macht. Lockwood freut sich, endlich jemanden gefunden zu haben, der ein zur\u00fcckgezogenes Leben noch mehr liebt als er selber, und beschlie\u00dft, diesen tollen Herrn Heathcliff \u00f6fter zu besuchen. Dieser Heathcliff ist ein Gentleman, aber m\u00fcrrisch bis grob, das Haus unordentlich, drau\u00dfen st\u00fcrmt es. An Personal gibt es den alten Joseph, ein religi\u00f6ser Eiferer, wenn auch kein sehr eifriger.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter unternimmt Lockwood seinen zweiten Besuch. Nach einigem vergeblichen Klopfen l\u00e4sst ihn Joseph &#8211; in kaum verst\u00e4ndlichem, aber vermutlich authentischen Dialekt sprechend &#8211; auch nicht hinein. Es schneit, und endlich erbarmt sich ein rustikaler junger Mann und f\u00fchrt ihn im einen Raum mit einer jungen Frau. Auch da ist nicht viel mit gesellschaftlich anerkannten Formen der H\u00f6flichkeit, er kriegt nicht mal einen Tee. Heathcliff kommt, wortkarg, und die drei Leute &#8211; junge Frau, junger Mann, Heathcliff &#8211; giften sich alle gegenseitig in wechselnden Kombinationen an. Lockwood hat immer noch keine Ahnung, wer das eigentlich ist, vorgestellt wird niemand. Und als es Abend wird und der Schneefall immer heftiger, da will man ihn vor die T\u00fcr schicken. Eine Haush\u00e4lterin f\u00fchrt ihn dann doch heimlich in ein Zimmer, das Heathcliff sonst eigentlich stets verschlossen h\u00e4lt. Dort findet Lockwood auf dem Fensterbrett den Namen Catherine in verschiedenen Varianten &#8211; Catherine Linton, Catherine Heathcliff, Catherine Earnshaw. Au\u00dferdem findet er einige alte B\u00fccher dieser Catherine, mit Randbemerkungen, die eine Art Tagebuch darstellen. Fasziniert liest Lockwood diese Passagen. Als er schlie\u00dflich einschl\u00e4ft, weckt ihn ein Alptraum: vor dem Fenster steht die geisterhafte Gestalt Catherines und will hereingelassen werden. Mit einem Schrei wacht Lockwood auf, Heathcliff kommt herein, wird bleich, als er von Catherine h\u00f6rt und st\u00fcrzt zum Fenster.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag flieht Lockwood in sein eigenes Haus und l\u00e4sst sich von seiner Haush\u00e4lterin die Geschichte des merkw\u00fcrdigen Haushalts um Heathcliff erz\u00e4hlen, und diese Erz\u00e4hlung macht den Gro\u00dfteil des Romans auf. (Die letzten Kapitel schlie\u00dfen dann wieder an diesen Rahmen an.)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe den Anfang so ausf\u00fchrlich wiedergegeben, weil man daraus ein tolles <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/10\/englisch-spielend-lernen.htm\">Textadventure<\/a> machen k\u00f6nnte. Man kann auch <em>interactive fiction<\/em> dazu sagen. Wenn ich mal Zeit habe, schreibe ich das mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite H\u00e4lfte hat mich weniger interessiert. Lohnenswert ist vielleicht der Vergleich mit den dysfunktionalen Familien des deutschen Naturalismus. Aber w\u00e4hrend dort das bekannte Milieu Ursache f\u00fcr deren Niedergang ist, treibt bei <em>Wuthering Heights<\/em> der Ansturm von unbeherrschbaren Gef\u00fchlen und vor allem die kalt kalkulierende Rachsucht Heathcliffs, der darin den Grafen von Monte Christo \u00fcbertrifft, die Menschen in den Untergang. Aber irgendwann reicht es dann auch; als Catherine weg ist, verliert das Buch f\u00fcr mich an Schwung.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Person ist mir beim Lesen besonders aufgefallen: Ellen\/Nellie, die Erz\u00e4hlerin des gr\u00f6\u00dften Teils der Geschichte. Sie war mir nicht sehr sympathisch, oder eher: ihr Verhalten an einigen Stellen der Handlung geh\u00f6rt kritisiert, und mir fehlte eine Instanz, die diese Kritik aus\u00fcbte. Lockwood &#8211; der Zuh\u00f6rer, dem sie die Geschichte erz\u00e4hlt &#8211; ist f\u00fcr diese Aufgabe viel zu unreflektierend.<br>Ellie \u00fcberbringt Briefchen, erm\u00f6glicht Stelldicheine, erz\u00e4hlt Geheimnisse oder h\u00e4lt Wissen zur\u00fcck und sorgt generell daf\u00fcr, dass die Handlung vorankommt. Nat\u00fcrlich kann sie nie etwas daf\u00fcr und h\u00e4tte auch nie anders handeln k\u00f6nnen. (Wieviel Spielraum hat man als Dienstbote?) Au\u00dferdem ist es erz\u00e4hltechnisch sehr praktisch, wenn die Erz\u00e4hlerfigur bei allen entscheidenden Stellen dabei ist. Aber bei Wikipedia habe ich den Aufsatz <a href=\"http:\/\/livingston.schoolwires.com\/139620929192030233\/lib\/139620929192030233\/_files\/Ellen_Dean_as_villain.pdf\">&#8222;The Villain in Wuthering Heights&#8220;<\/a> von James Hafley (1958) gefunden, in dem argumentiert wird, dass Nellie\/Ellen tats\u00e4chlich die planvoll handelnde und manipulierende Schurkin des Romans ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Schon w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre hatte ich mich auf das Buch gefreut, das ich als N\u00e4chstes lesen w\u00fcrde: <em>Cold Comfort Farm<\/em> von Stella Gibbons.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"235\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/gibbons_cold_comfort_farm.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2936\" title=\"gibbons_cold_comfort_farm\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/gibbons_cold_comfort_farm.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/gibbons_cold_comfort_farm-95x150.jpg 95w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Kennengelernt hatte ich das Buch \u00fcber die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cold_Comfort_Farm_%28film%29\">BBC-Fernsehverfilmung<\/a> von 1995 (Kate Beckinsale, Stephen Fry, Joanna Lumley, Ian McKellen, Miriam Margolyes). Sehr sehenswert. <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Cold_Comfort_Farm\">Das Buch<\/a> ist 1932 entstanden als eine Art Parodie auf das damals wohl verbreitete <em>Loam-and-Lovechild<\/em>-Genre: d\u00fcstere Geschichten um heruntergekommene Bauernh\u00f6fe, religi\u00f6sen Wahn, sexuell ungebremste Knechte, schwangere M\u00e4gde. D.H. Lawrence geh\u00f6rt auch irgendwie in diese Ecke, nicht dass ich schon mal etwas von ihm gelesen h\u00e4tte. Aber auch als Parodie auf manche Aspekte von <em>Wuthering Heights<\/em> l\u00e4sst sich das Buch lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Handlung: Die junge Flora Poste muss bei Verwandten unterkommen und schreibt dazu alle in Frage kommenden an. Das Angebot der Starkadder-Familie in Sussex klingt am besten, auch wenn das einen zutiefst heruntergekommenden Bauernhof bedeutet. Die Leute hei\u00dfen Seth und Adam und Reuben, sind wortkarg, oversexed oder religi\u00f6s eifernd; beherrscht wird die Gro\u00dffamilie von einer lange unsichtbar bleibenden Matriarchin mit einem Geheimnis (sah als Kind &#8222;something nasty in the woodshed&#8220;). Die Familienverh\u00e4ltnisse sind undurchsichtig. Flora ist dort erst einmal nur &#8222;Robert Poste&#8217;s child&#8220;, der eine alte Schuld zu begleichen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Tee am Nachmittag hat man dort noch nie geh\u00f6rt. Flora analysiert ihre erste Begegnung mit Judith Starkadder so: &#8222;For the first time a Starkadder looked upon a civilized being.&#8220; In der K\u00fcche gibt es einen gro\u00dfen unappetitlichen Topf Porridge f\u00fcr alle:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>The porridge gave an ominous leering heave; it might almost have been endowed with life, so uncannily did its movements keep pace with the human passions that throbbed above it.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wenn diese Passage etwas arg lyrisch klingt, so ist das Absicht. Stella Gibbons erkl\u00e4rt in einer ausf\u00fchrlichen, von vorn bis hinten erfundenen Widmung, das System: wie im Baedeker-Reisef\u00fchrer die Sehensw\u00fcrdigkeiten eigens markiert sind, so hat auch Gibbons die besonders lesenswerten (lies: kitschig-lyrischen) Passagen des Romans mit ein bis drei Sternchen markiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Flora krempelt jedenfalls die \u00c4rmel hoch und bringt das 20. Jahrhundert auf die Farm. (Tats\u00e4chlich spielt der Roman zwanzig Jahre in der Zukunft, nach einem britisch-nicaraguanischen Krieg, aber bis auf ein paar kleine Seitenhiebe spielt das f\u00fcr die Handlung keine Rolle.) Erst mal k\u00fcmmert sie sich um Meriam, eine Dienstmagd, die jeden Fr\u00fchling aufs neue ein Kind kriegt, weil sie den Sommern\u00e4chten nicht widerstehen kann. &#8222;&#8218;Tes the hand of Nature, and we women cannot escape it.&#8220; Flora kl\u00e4rt Meriam \u00fcber Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung auf. Dann nimmt sie sich den d\u00fcsteren, wildromantischen, finster-attraktiven Seth vor und bringt ihn beim Film unter. Und so l\u00f6st sie nach und nach die Probleme dieser pittoresken Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr lustig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2 Kommentare.) Nicht zuletzt wegen des Ukulele Orchestra of Great Britain mit seiner Version von Kate Bushs &#8222;Wuthering Heights&#8220; hatte ich mir vorgenommen, das Buch noch einmal zu lesen. Von der ersten Lekt\u00fcre vor zwanzig Jahren ist nicht mehr viel h\u00e4ngengeblieben. (Wer&#8217;s immer noch nicht kennt: hier die UOGB-Version.) 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