{"id":303,"date":"2005-06-04T11:31:23","date_gmt":"2005-06-04T09:31:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=303"},"modified":"2023-05-24T11:27:02","modified_gmt":"2023-05-24T09:27:02","slug":"michael-roes-leeres-viertel-rub-al-khali","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/06\/michael-roes-leeres-viertel-rub-al-khali.htm","title":{"rendered":"Michael Roes, Leeres Viertel Rub&#8216; Al-Khali"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/06\/michael-roes-leeres-viertel-rub-al-khali.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/leeresviertel.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Geschichte spielt im S\u00fcden von Arabien, im Jemen. Es sind zwei Geschichten: Im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert bricht eine Forschergruppe aus Weimar dorthin auf. Dokumentiert wird deren Reise durch das Tagebuch Alois Ferdinand Schnittkes &#8211; ein Tagebuch, das nicht ganz vollst\u00e4ndig erhalten ist. Die Forscher erleben orientalische Abenteuer &#8211; Verbrecherbanden, Hinrichtungen, Sklavenschiffe, Flucht in Frauengew\u00e4ndern &#8211; auf ihrem Weg zu einem Ziel, das lange nicht offenbar wird.<br>Ende des 20. Jahrhunderts bricht ein junger deutscher Volkerkundler in die gleiche Gegend auf. Sein Ziel sind ethnographische Studien, er sammelt und untersucht Spiele der arabischen Welt. Auch er f\u00fchrt Tagebuch, und er kennt Schnittkes Tagebuch &#8211; ist sich allerdings nicht sicher, ob es sich um ein echtes Tagebuch handelt oder doch um Fiktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Beider Geschichten werden parallel erz\u00e4hlt, und es gibt Parallelen zwischen ihren Geschichten. Dabei gef\u00e4llt mir die Schnittke-Handlung wesentlich mehr. Schon mal wegen der exotischeren Vergangenheit, aber auch, weil mich der analysierende, zweifelnde, wenig spielerische moderne Reisende wenig interessiert.<br>Das Buch ist \u00fcber 800 Seiten dick, dazu kommen ein Anhang und Verzeichnis der erw\u00e4hnten Spiele. Der zweite Teil des Buches, nach jeweils dramatischen Ereignissen im Leben der beiden Helden, ist k\u00fcrzer und interessanter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erw\u00e4hne das Buch eigentlich nur aus einem Grund: Wessen Tagebuch man gerade liest, geht nicht nur aus dem Inhalt hervor, sondern auf den ersten Blick schon aus der Orthographie. Das moderne Tagebuch benutzt gem\u00e4\u00dfigte Kleinschreibung: Nur Eigennamen und Satzanf\u00e4nge sind gro\u00df geschrieben, alles andere, auch jedes Substantiv, beginnt mit einem Kleinbuchstaben. Au\u00dferdem steht statt &#8222;\u00df&#8220; jeweils &#8222;sz&#8220;. Ein typischer Satz sieht also so aus: &#8222;Ich antworte offen, dasz ich eher an den traditionellen spielen auf der strasze als an sportlichen \u00fcbungen interessiert sei.&#8220;<br>Schnittke dagegen benutzt die vertraute Gro\u00df- und Kleinschreibung, schreibt aber h\u00e4ufig &#8222;ey&#8220; statt &#8222;ei&#8220;, &#8222;th&#8220; statt &#8222;t&#8220;; generell sind Fremdw\u00f6rter aus dem Lateinischen oder Franz\u00f6sischen weniger dem Deutschen angepasst als bei heutiger Rechtschreibung: &#8222;Die drey oder vier Schiffe, die zum Absegeln bereit, sind indessen von t\u00fcrkischen Officiren in Beschlag genommen.&#8220;<br>Auf S. 583 kommt dann unvorbereitet folgender Absatz; beide Helden befinden sich in einer \u00e4hnlichen Situation:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ich nehme nicht wirklich an ihrem leben teil. Ich geh\u00f6re nicht dazu. Ich probiere verschiedene rollen aus, erwartete, gew\u00e4hlte. Doch zugeh\u00f6rigkeit ist keine rolle, sondern ein dasein an sich. Wie soll ich die H\u00f6lle der Einsamkeit nun benennen, nachdem ich mich im Purgatorium der Zweysamkeit bereits in Ersterer w\u00e4hnte?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wenn man das ganze Buch \u00fcber die strikte Trennung der Ortographien gew\u00f6hnt ist, rei\u00dft es einen derma\u00dfen beim Lesen dieser Stelle. Pl\u00f6tzlich macht die ungewohnte Rechtschreibung auch Sinn; bislang hatte sie mich immer als eine Affectation gest\u00f6rt. Wie w\u00e4re es, wenn pl\u00f6tzlich eine Mischform beider Schreibungen erschiene? Wer spricht dann? &#8212; Im Fiebertraum folgt der neue Reisende den Spuren des alten, die Wege vermischen sich. (Vielleicht aufgrund \u00fcbernat\u00fcrlicher M\u00e4chte, eher aber, weil er ja dessen Reisebericht kennt.)<br>Leider bleibt das die einzige Stelle, an der beide Formen so unmittelbar aufeinanderprallen. Die einzige Stelle, an der sich Formen innerhalb eines Kapitels treffen. Innerhalb eines Satzes &#8211; gar nicht zu denken. Schade, h\u00e4tte mich gefreut. Vielleicht war&#8217;s nur ein Layoutfehler und es fehlt an dieser Stelle ein Seitenumbruch.<\/p>\n\n\n\n<p>(Kleinigkeiten, die mich st\u00f6ren: S. 729 ein Tippfehler &#8222;W\u00c4CHTFR&#8220; statt &#8222;W\u00c4CHTER&#8220;, der mich sehr an meine eigenen Scan-Fehler erinnert; S. 742 &#8222;&lt;einzigartiger\/&#8220; statt &#8222;&lt;einzigartiger&gt;&#8220;. Merkw\u00fcrdig. Au\u00dferdem S. 743, wenn auch als Spiel im Spiel, ein falscher Imperativ: &#8222;nehme sie&#8220; statt &#8222;nimm sie&#8220;.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) Die Geschichte spielt im S\u00fcden von Arabien, im Jemen. Es sind zwei Geschichten: Im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert bricht eine Forschergruppe aus Weimar dorthin auf. Dokumentiert wird deren Reise durch das Tagebuch Alois Ferdinand Schnittkes &#8211; ein Tagebuch, das nicht ganz vollst\u00e4ndig erhalten ist. 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