{"id":3060,"date":"2010-12-29T09:26:10","date_gmt":"2010-12-29T08:26:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3060"},"modified":"2023-05-13T15:11:24","modified_gmt":"2023-05-13T13:11:24","slug":"john-updike-gertrude-and-claudius","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/12\/john-updike-gertrude-and-claudius.htm","title":{"rendered":"John Updike, Gertrude and Claudius (or, hello James Branch Cabell)"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"230\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/updike_gertrude_and_claudius.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3110\" title=\"updike_gertrude_and_claudius\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/updike_gertrude_and_claudius.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/updike_gertrude_and_claudius-97x150.jpg 97w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich merke schon, wenn ich jetzt nichts aufschreibe, vergesse ich das meiste wieder. Also gut: In diesem Buch erz\u00e4hlt Updike die Vorgeschichte von <em>Hamlet<\/em>. Im ersten der drei Teile wird Gerutha (Getrude) von ihrem Vater an den plumpen Edelmann Horwendil verheiratet (den zuk\u00fcnftigen Vater Hamlets). Gerutha ist alles andere als begeistert, l\u00e4sst die Hochzeit aber trotzdem geschehen. Am Ende des Abschnitts ist Gerutha Mitte drei\u00dfig, sie hat ihrem Mann einen Erben geboren, Amleth (Hamlet). Nur ihrem K\u00e4mmerer Corambus (Polonius) hat sie anvertraut, dass sie nicht wirklich gl\u00fccklich ist mit ihrem Mann. Heimlich findet sie dessen Bruder Feng (Claudius) faszinierender, eine k\u00fchneren K\u00e4mpfer und tiefereren Denker, der sich aber meist auf Reisen befindet. Auch Feng liebt Gerutha, und h\u00e4lt deshalb so viel Abstand zum Hof.<\/p>\n\n\n\n<p>Woher die komischen Namen? Updike benutzt f\u00fcr diesen Teil der Geschichte die Namen aus der \u00e4ltesten Hamlet-Quelle, der <em>Historia Danica<\/em> von Saxo Grammaticus (sp\u00e4tes 12. Jahrhundert, Erstdruck 1514). Im zweiten Teil nimmt Updike die Namen aus einer Saxo-Adaption von 1576: <em>Histoires tragiques<\/em> von Fran\u00e7ois de Belleforest, im dritten die von Shakespeare.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil sind alle Hauptpersonen schon mittleren Alters. Der Thronfolger Hamblet ist bald drei\u00dfig und treibt sich immer noch auf der Universit\u00e4t herum. Horvendile ist immer noch K\u00f6nig, Geruthe ist immer noch unzufrieden und sucht eine M\u00f6glichkeit, sich ab und zu fern vom Hof und ihrem Mann aufzuhalten. Das H\u00e4uschen, das sich K\u00e4mmerer Corambis &#8211; der einzige am Hof, der noch den alten K\u00f6nig und Geruthe als Kind kannte &#8211; f\u00fcr den Ruhestand zugelegt hat, kommt ihr da zugegen. Corambis kann ihr die Bitte nicht abschlagen, wird aber dadurch zum Mitwisser, denn das H\u00e4uschen entwickelt sich zum geheimen Treffpunkt von Geruthe und Fengon, dem Bruder des K\u00f6nigs. Die beiden werden ein grauhaariges Liebespaar, und als der schmierige K\u00f6nig das durch Verrat erf\u00e4hrt, t\u00f6tet Fengon ihn, ohne dass jemand davon erf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten Teil haben Claudius (vormals Feng\/Fengon) und Gertrude geheiratet. Ihr Verh\u00e4ltnis ist ein wenig gespannt, Hamlet macht Sorgen, Ophelia auch, der Mord lastet auf der Beziehung. Aber am Schluss des Abschnittes scheint alles gekl\u00e4rt: Hamlet reist nicht wieder nach Wittenberg, sondern bleibt am Hof, wird Ophelia heiraten und Kinder kriegen und in zehn Jahren oder so, wenn Claudius stirbt, den Thron \u00fcbernehmen, Getrude wird in Friede und Ehren altern. &#8222;All would be well&#8220; sind die letzten W\u00f6rter des Buches. Es h\u00f6rt da auf, wo Shakespeares Hamlet anf\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Erw\u00e4hnenswert ist das Buch, weil ich mich f\u00fcr solche Parallelgeschichten interessiere und dereinst einen langen, langen Blogeintrag dazu verfassen werde. Vor allem ist es aber f\u00fcr mich als Leser von <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/06\/james-branch-cabell.htm\">James Branch Cabell<\/a> interessant. Der hat mich <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/07\/james-branch-cabell-ladies-and-gentlemen.htm\">in einem Buch<\/a> mit dem Hamlet des Saxo Grammaticus bekannt gemacht. (Vermutlich habe ich an der Uni auch schon davon geh\u00f6rt, es aber wieder vergessen.) Dort ist Hamlet mutig, entschlussfreudig, heiratet die K\u00f6niginnen von England und Schottland, nach jener ungl\u00fccklichen Episode in D\u00e4nemark. Au\u00dferdem hat auch Cabell den urspr\u00fcnglichen Stoff schon einmal in <em>Hamlet Had An Uncle<\/em> (1940) behandelt, mit Horvendile, Fengon, Geruth. Und schlie\u00dflich ist Horvendile ein Name, der sich durch Cabells Hauptwerk, die vielb\u00e4ndige Biographie von Manuel, zieht. Er ist ein Gegenspieler Manuels und seiner Nachfahren, gleichzeitig ein Alter Ego des Autors, ein russischer Waldgeist (ein L\u00e9shy), oder Koschei (eine mehr oder weniger unfreundliche Sch\u00f6pfergestalt) &#8211; lange Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es nur das w\u00e4re, h\u00e4tte ich vielleicht immer noch nichts geschrieben. Aber zwischen Updike und Cabell gibt es noch weitere Parallelen, auf die ich hinweisen m\u00f6chte. Das beginnt mit Updikes Widmung, einem Zitat aus einem Lied des s\u00fcdfranz\u00f6sischen Trobadors <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jaufr%C3%A9_Rudel\">Jaufr\u00e9 Rudel<\/a> (12. Jahrhundert):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>De dezir mos cors no fina<br>Vas selha res qu&#8217;ieu pus am<\/p>\n\n\n\n<p>(Mein Herz verlangt ohne Unterlass<br>nach dem Wesen, das ich am meisten liebe)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Oha, denkt sich da der Cabell-Freund. Provenzalische Lyrik des Mittelalters, das ganze Trobadorwesen, spielt bei Cabell eine gro\u00dfe Rolle. Im kalten D\u00e4nemark vermutet man das sonst weniger. Dorothy la Desir\u00e9e ist die gro\u00dfe Liebe des jungen J\u00fcrgen in <em>Jurgen<\/em>. <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Poictesme\">Poictesme<\/a>, das erfundendene mittelalterliche Land, in dem Cabells Hauptwerke spielen, erinnert an Poictiers (heute Poitiers) und Angoulesme (heute Angoul\u00eame). In <em>The Certain Hour (Dizain de Po\u00ebtes)<\/em> sammelt Cabell Geschichten \u00fcber Dichter, der Titel seines <em>Domnei<\/em> benutzt das provenzalische Wort der Trobadordichter, das ungef\u00e4hr dem deutschen Minnekonzept entspricht; Cabell auch sonst oft die Trobadorlyrik, aber das m\u00fcsste ich erst heraussuchen.<br>Auch Updike benutzt nicht nur in der Widmung altfranz\u00f6sische Lyrik, er l\u00e4sst Feng selbst Betran de Born w\u00f6rtlich und altfranz\u00f6sisch zitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Cabells &#8211; von manchen vielleicht beklagte &#8211; Liebe zu zweideutigen Witzeleien findet sich ebenso bei Updike. Fengon hat Gertrude im Zuge seiner Werbung einen silbernen Kelch aus dem S\u00fcden geschenkt, juwelenbesetzt und mit Sagengestalten verziert. Getrude l\u00e4sst ihre Finger \u00fcber den Stiel des Gef\u00e4\u00dfes gleiten. &#8222;It reminded her, in its lumphy heft, of something she had often handled, with mixed emotions, distaste and dread yielding to amusement and wonder.&#8220; Und schon im ersten Teil, beim Essen mit Fengon, gibt es unter anderem &#8222;those little dry spicy sausages for which the peasants have an obscene name.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das erinnert an die Anklageschrift gegen <em>Jurgen<\/em>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Represents and is descriptive of scenes of lewdness and obscenity, and particularly upon pages 56, 57, 58, 59, 61, 63, 64, 67, 80, 84, 86, 89, 92, 93, 98, 99, 100, 103, 104, 105, 106, 107, 108, 114, 120, 124, 125, 127, 128, 134, 135, 142, 144, 148, 149, 150, 152, 153, 154, 155, 156, 157, 158, 161, 162, 163, 164, 165, 166, 167, 168, 170, 171, 174, 175, 176, 177, 186, 196, 197, 198, 199, 200, 203, 206, 207, 211, 228, 229, 236, 237, 238, 239, 241, 242, 271, 272, 275, 286, 321, 340, 342, 343<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>&#8211; wobei die Anspielungen auf diesen Seiten ebenso harmlos sind wie die bei Updike:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;The avenging sword of Jurgen, my charming Sylvia, is the terror of envious men, but it is the comfort of all pretty women.&#8220;<br>&#8222;It is undoubtedly a very large sword,&#8220; said she: &#8222;oh, a magnificent sword, as I can perceive even in the dark. But Smoit, I repeat, is not here to measure weapons with you. [&#8230;] But you upset me, with that big sword of yours, you make me nervous, and I cannot argue so long as you are flourishing it about. Come now, put up your sword! Oh, what is anybody to do with you! Here is the sheath for your sword,&#8220; says she.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine weitere Parallele &#8211; aber ab jetzt mache ich es kurz &#8211; ist das Geschlechterbild. F\u00fcr Cabell sind die M\u00e4nner (J\u00fcrgen) die Tr\u00e4umer und die Frauen (Dame Lisa, J\u00fcrgens Frau) haben den gesunden Menschenverstand. Updike: &#8222;Not the least of the King&#8217;s [Claudius&#8216;] reasons for loving her was that female realism which levelly saw through the agitations and hallucinations of men.&#8220; Das Weltbild ist bei beiden Cabell und Updike gentlemenhaft distanziert: &#8222;war was becoming [&#8230;] unfashionable&#8220; &#8211; k\u00f6nnte auch bei Cabell stehen. Und die Figuren neigen zu anachronistischen philosophischen Diskussionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wozu das alles? Wei\u00df nicht, ist mir so aufgefallen. Wenn ich noch literaturwissenschaftliche Arbeiten schreiben w\u00fcrde, k\u00f6nnte ich nach weiteren Parallelen schauen und auf deren Basis irgendwelche klugen Schl\u00fcsse ziehen. Aber dazu wei\u00df ich zu wenig \u00fcber Updike. Ich wei\u00df, dass er die Rabbit-Romane und dergleichen geschrieben hat; habe mal reingeschaut und mich gelangweilt. Aber er hat auch die <em>Hexen von Eastwick<\/em> geschrieben, das mir gefallen hat und mir nicht zu seinen anderen B\u00fcchern zu passen scheint. Und dann so etwas, Hamlet und altfranz\u00f6sische Trobadore. Tse.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten erinnert mich das Updike-Buch ein bisschen an die Star-Wars-Prequels. Dinge, von denen man zuerst in der R\u00fcckschau erfahren hat, erf\u00e4hrt man jetzt etwas detaillierter. Horwendils Sieg gegen Fortinbras den \u00c4lteren; Yorick lebt noch und ist schlechter Umgang f\u00fcr Hamlet. Wie bei den Star-Wars-Filmen wird die Geschichte der Vorg\u00e4ngergeneration der urspr\u00fcnglichen Helden erz\u00e4hlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich merke schon, wenn ich jetzt nichts aufschreibe, vergesse ich das meiste wieder. Also gut: In diesem Buch erz\u00e4hlt Updike die Vorgeschichte von Hamlet. Im ersten der drei Teile wird Gerutha (Getrude) von ihrem Vater an den plumpen Edelmann Horwendil verheiratet (den zuk\u00fcnftigen Vater Hamlets). 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