{"id":3099,"date":"2010-12-19T19:47:09","date_gmt":"2010-12-19T18:47:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3099"},"modified":"2023-06-19T10:23:32","modified_gmt":"2023-06-19T08:23:32","slug":"sprachliche-bilder-1-metaphern-und-vergleiche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/12\/sprachliche-bilder-1-metaphern-und-vergleiche.htm","title":{"rendered":"Sprachliche Bilder 1: Metaphern und Vergleiche"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/12\/sprachliche-bilder-1-metaphern-und-vergleiche.htm#comments'>2 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><small>(Nach einer Diskussion auf der Mailingliste und einem Beitrag <a href=\"http:\/\/www.jochenenglish.de\/?p=6394\">bei JochenEnglish<\/a> jetzt auch hier etwas dazu.)<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem poetischen, literarischen Vergleich werden zwei Dinge miteinander verglichen, die etwas gemeinsam haben. Das hei\u00dft: so gut wie alles kann verglichen werden &#8211; das menschliche Gehirn ist gut darin, herauszufinden oder auch zu erfinden, was die Sachen gemeinsam haben k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Untersuchung eines Vergleichs sollen sich die Sch\u00fcler jeweils fragen: 1) welche zwei Dinge werden verglichen, und 2) vor allem, welche Gemeinsamkeit wird dadurch nahegelegt?<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schule nehme ich als Beispiel gerne die Gedichtzeile: &#8222;My love is like a red, red rose.&#8220; Hier wird die Angebetete des Sprechers mit einer Rose verglichen. Was haben sie gemeinsam? Beide sind sch\u00f6n, kostbar, exquisit. Beide riechen gut, f\u00fchlen sich gut an. Beide k\u00f6nnen stechen, sagen die Sch\u00fcler dann, und ich bitte darum, das Bild nicht mit einem anderen Bild zu erkl\u00e4ren. (Die angebetete Frau sticht sicher nicht im w\u00f6rtlichen Sinn.) Also gut, \u00e4ndern wir das in: beide k\u00f6nnen verletzen. Beide k\u00f6nnen <span style=\"text-decoration: line-through;\">welken<\/span> sind verg\u00e4nglich in ihrer Sch\u00f6nheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dieses Gemeinsame beim Vergleich nicht ganz einfach zu benennen ist, unscharf und Gef\u00fchlssache bleibt, macht den Reiz literarischer Vergleiche und Metaphern aus. Bei Allerweltsmetaphern f\u00e4llt einem da weniger ein: &#8222;Gl\u00fchbirne&#8220; &#8211; so ein Leuchtedings wird mit einer Birne verglichen, weil, weil, weil die so eine \u00e4hnliche Form haben. Und von oben herabh\u00e4ngen, das war&#8217;s dann schon. Andererseits kann auch manche tote Metapher noch \u00dcberraschendes zeigen, wenn man mal genau hinschaut. &#8222;Wellenreiten&#8220; etwa &#8211; die Bewegung auf einem Pferd wird verglichen mit der Bewegung auf einem Surfbrett. Die K\u00f6rperhaltung ist sich ein wenig \u00e4hnlich, die ge\u00f6ffneten Beine. Das Unsichere, Schwankende der Bewegung. Die Gefahr des Absturzes, die fehlende v\u00f6llige eigene Kontrolle, die leichte Auf- und Abbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Bilder gibt es auch in der Werbung. In der hier werden ein Pferd und Kaffee miteinander verglichen. Weit hergeholt? Man kann nun mal alles vergleichen, auch Pferde und Kaffee, wenn man will. Freundlicherweise erkl\u00e4rt uns die Werbung den Vergleich explizit, sonst w\u00fcrde man nicht so schnell darauf kommen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttps:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vbjfdGpvv1E\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>&#8222;Temperament, Eleganz, Klasse&#8220; &#8211; das hat das Pferd mit diesem Kaffee gemeinsam. Und nat\u00fcrlich die Farbe, auch wenn die nicht als Teil des <em>tertium comparationis<\/em> genannt wird. Werbung ist voller derartiger Bilder, auch wenn die meisten Metaphern keinesfalls erkl\u00e4rt werden, sondern ihre Wirkung auch so erf\u00fcllen sollen. Autowerbung d\u00fcrfte da ganz typisch sein, auch wenn mir im Moment keine weiteren Metaphern einfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Scherze kann man auch treiben mit Vergleichen, wenn auch nur m\u00e4\u00dfig witzige. Man l\u00e4sst den H\u00f6rer erst die eine Basis des Vergleichs erwarten und pr\u00e4sentiert dann eine andere: &#8222;Du hast Beine wie ein Reh. (Pause.) Nicht so schlank, aber genauso haarig.&#8220; &#8222;Du bist wie ein Fuchs. (Pause.) Ned so schlau, aber so gstinkert.&#8220;<br>Da ist Voltaire schon lustiger:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Bei einer Beerdigung fragte man Voltaire, wie er die Grabrede f\u00e4nde. &#8222;Wie das Schwert Karls des Gro\u00dfen&#8220;, erwiderte er. Und als niemand diese Anspielung verstand, f\u00fcgte er hinzu: &#8222;Lang und flach.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>(Aus einer Anekdotensammlung im B\u00fccherschrank meiner Eltern.)<\/p>\n\n\n\n<p>In eine \u00e4hnliche Ecke geh\u00f6rt auch die Klappentextmetapher. Auf den Diogenes-B\u00e4nden von Ray Bradbury stand zumindest fr\u00fcher das Zitat: &#8222;Ray Bradbruy ist der Louis Armstrong der Science Fiction&#8220; (Kingsley Amis). Man denkt: weil der so virtuos, so elegant, so munter, fr\u00f6hlich, gut ist. Tats\u00e4chlich meint Amis in der Quelle den Vergleich explizit so: selbst Leute, die von diesem Spezialgebiet (der Science Fiction, des Jazz) keine Ahnung haben, haben den Namen schon einmal geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal wird so ein Vergleich gleich \u00fcber mehrere Zeilen ausgebreitet, das hei\u00dft dann <em>extended metaphor\/simile<\/em> oder sogar <em>conceit<\/em> und war besonders bei den <em>metaphysical poets<\/em> des 17. Jahrhunderts beliebt. Hier wird der Vergleich gleich im Gedicht analysiert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Go, lovely Rose &#8211;<br>Tell her that wastes her time and me,<br>That now she knows,<br>When I resemble her to thee,<br>How sweet and fair she seems to be.<\/p>\n\n\n\n<p>Tell her that &#8217;s young,<br>And shuns to have her graces spied,<br>That hadst thou sprung<br>In deserts where no men abide,<br>Thou must have uncommended died.<\/p>\n\n\n\n<p>Small is the worth<br>Of beauty from the light retired:<br>Bid her come forth,<br>Suffer herself to be desired,<br>And not blush so to be admired.<\/p>\n\n\n\n<p>Then die &#8211; that she<br>The common fate of all things rare<br>May read in thee;<br>How small a part of time they share<br>That are so wondrous sweet and fair!<\/p>\n\n\n\n<p>Edmund Waller 1606\u20131687<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Fast schon ein <em>conceit<\/em> ist auch diese Metapher von Wolfram von Eschenbach (etwa 1170-1220) in einem <em>tageliet<\/em>. In dieser Gattung geht es stets darum, dass der Morgen anbricht und das Paar von heimlich minnendem Ritter und Minnedame trennt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>S\u00eene kl\u00e2wen<br>durch die wolken sint geslagen,<br>er st\u00eeget \u00fbf mit gr\u00f4zer kraft,<br>ich sich in gr\u00e2wen<br>tegel\u00eech, als er will tagen,<br>den tac<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hier wird das Hereinbrechen des Morgens, die Streifen von Sonnenlicht durch die Wolken, verglichen mit den Klauen eines Raubtiers, das irgendeinen undurchsichtigen Vorhang zerrei\u00dft. Die Basis des Vergleichs: die Risse in der undurchsichtigen H\u00fclle, durch die Spuren des Verursachers brechen, die drohende Gefahr, die Aussichtslosigkeit, sich ihr zu widersetzen. Im <em>tageliet<\/em> bedeutet der Morgen ja die Gefahr, erwischt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war dann auch eine <strong>Personifikation<\/strong>, eine Sonderform von Vergleich und Metapher. Metaphern sehe ich \u00fcbrigens mehr oder weniger nur als Kurzform des Vergleichs. Nat\u00fcrlich gibt es auf der einen Ebene einen Riesenunterschied: wenn man einen Vergleich aufstellt, l\u00e4dt man ein, dem Gedankengang zu folgen (<em>my love is like a red, red rose<\/em> &#8211; kann man auch so sehen oder nicht); bei einer Metapher stellt man eine Behauptung auf, die sachlich unwahr ist (<em>my love is a red rose<\/em>). Bei einem Vergleich wird h\u00e4ufig die Basis des Vergleichs &#8211; das <em>tertium comparationis<\/em> &#8211; genannt, bei einer Metapher nur selten. Trotzdem ist der Unterschied f\u00fcr mich nicht sehr wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergleiche und Metaphern zum \u00dcben:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Sie roch so, wie das Taj Mahal bei Mondschein aussieht. (Raymond Chandler) &#8211; sch\u00f6n, exotisch, \u00fcberw\u00e4ltigend, nicht sehr subtil, fast ein bisschen kitschig?<\/li>\n\n\n\n<li>Es war, als h\u00e4tt der Himmel \/ Die Erde still gek\u00fcsst (Eichendorff)<\/li>\n\n\n\n<li>&#8222;Daten sind das M\u00fcllproblem der Informationsgesellschaft&#8220; (Bruce Schneier)<\/li>\n\n\n\n<li>Und frische Nahrung, neues Blut \/ Saug ich aus freier Welt \/ Wie ist Natur so hold und gut, \/ Die mich am Busen h\u00e4lt! (Goethe)<\/li>\n\n\n\n<li>Das Land der Griechen mit der Seele suchen. (Goethe)<\/li>\n\n\n\n<li>&#8222;Das j\u00fcngste Konjunkturpaket ist f\u00fcr den Bildungsbereich nur eine Dopingspritze, um Fassaden zu versch\u00f6nen&#8220;, warnt Ludwig Eckinger, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). &#8222;Wenn erst richtig realisiert wird, welcher enorme Schuldenberg aufgesch\u00fcttet wird, droht dem Bildungsbereich eine Hungerkur ohnegleichen.&#8220; &#8211; Puh, ich z\u00e4hle mindestens f\u00fcnf Metaphern in diesem Zitat, auch ohne die toten Bilder, die in unserer Sprache historisch ohnehin in jedem zweiten Wort sein d\u00fcrften. Erziehung, Verband, Vorsitzender, Bildung, alles mal Bilder gewesen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Warum muss man Bilder \u00fcberhaupt analysieren? Muss man gar nicht. Aber Analyse ist ein Weg, um ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Bilder zu kriegen, und dieses Gesp\u00fcr muss man erst erwerben. Dann k\u00f6nnen Bilder erst ihre Wirkung entfalten. Diese Wirkung besteht selten darin, &#8222;dass man sich die Sache besser vorstellen kann&#8220;. Sondern darin, einen bestimmten Aspekt der Sache zu betonen, eine Sichtweise zu erm\u00f6glichen, auf die man sonst nicht gekommen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/01\/sprachliche-bilder-2-metonymie-und-symbol.htm\">Zweiter Teil: Metonymie und Symbol.<\/a>)<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/8b2257b7de374f6898efb52ce8034670\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2 Kommentare.) (Nach einer Diskussion auf der Mailingliste und einem Beitrag bei JochenEnglish jetzt auch hier etwas dazu.) Bei einem poetischen, literarischen Vergleich werden zwei Dinge miteinander verglichen, die etwas gemeinsam haben. 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