{"id":3113,"date":"2011-02-08T11:02:30","date_gmt":"2011-02-08T10:02:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3113"},"modified":"2025-05-14T10:22:06","modified_gmt":"2025-05-14T08:22:06","slug":"von-kopf-und-herz-oder-warum-lesen-wir-nathan-in-der-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/02\/von-kopf-und-herz-oder-warum-lesen-wir-nathan-in-der-schule.htm","title":{"rendered":"Von Kopf und Herz, oder: Warum lesen wir Nathan in der Schule?"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/02\/von-kopf-und-herz-oder-warum-lesen-wir-nathan-in-der-schule.htm#comments'>10 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Vor einigen Jahren trieb man in der 11. Klasse im neunj\u00e4hrigen Gymnasium Aufkl\u00e4rung und las dazu h\u00e4ufig <em>Nathan der Weise<\/em> von Lessing. Ein St\u00fcck, das ich mag &#8211; weniger wegen der Ringparabel, die ich f\u00fcr \u00fcbersch\u00e4tzt und nicht besonders anschaulich halte und die mir in ihrer Religionskritik nicht weit genug geht. Aber der Zwiespalt des Tempelherrn und die Figuren Patriarch und Klosterbruder haben es mir angetan, und allen voran die Er\u00f6ffnung mit Recha, die von einem Engel gerettet worden zu sein w\u00fcnscht; mit Daja, die ihr den harmlosen Wahn lassen will; und mit Nathan, der \u00fcberzeugend argumentiert, warum das Engel-Konzept nicht nur \u00fcberfl\u00fcssig, sondern sogar sch\u00e4dlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterricht fragte damals ein Sch\u00fcler &#8211; einer, der sp\u00e4ter viel Geld verdienen m\u00f6chte und dazu halt einen Abiturbescheinigung braucht &#8211; warum man in der Schule als Lekt\u00fcre immer nur so Sachen wie Nathan liest und nie etwas, <em>das einem f\u00fcrs Leben wirklich etwas bringt<\/em>. (Eine legitime Frage, die ich gerne beantworte, sofern sie aus echtem Interesse gestellt wird.) Der Sch\u00fcler hatte sogar ein Buch, das einem f\u00fcrs Leben wirklich etwas bringt, und lieh es mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch war <strong><em>Vom Kopf ins Herz<\/em><\/strong> von Franz X. Buehler und die Lekt\u00fcre war ein Erlebnis, das ich bis heute noch nicht ausreichend und zu meiner Zufriedenheit verarbeitet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch sah aus wie eines aus dem Weltbild-Verlag. War es aber nicht, sondern in einem, uh, spezialisierten Verlag erschienen. Keine Sorge, inzwischen gibt es das Buch <a href=\"http:\/\/www.weltbild.de\/3\/16283071-1\/buch\/vom-kopf-ins-herz.html\">tats\u00e4chlich bei Weltbild<\/a>. (Ein Buch, wo man schon froh sein muss, dass es nicht auf dem <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/11\/was-liest-ein-lehrer-am-gymnasium-so.htm\">Gabentisch f\u00fcr Lehrer<\/a> landet.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist eine dieser \u00fcblichen Sammlungen von Erkenntnissen, Lebensweisheiten und Geheimnissen f\u00fcr den inneren und \u00e4u\u00dferen Erfolg. Echte Fans des Genres machen sicher einen Unterschied zwischen den verschiedenen Erfolgsheimnissen, ob Dale Carnegie oder J\u00fcrgen H\u00f6ller, ob vier S\u00e4ulen oder drei, positives Denken oder W\u00fcnsche ans Universum &#8211; f\u00fcr mich ist das alles gleicherma\u00dfen unbrauchbar und ungenie\u00dfbar. Ich spiele ja nicht mal bei Getting Things Done mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist drin in dem Buch, das einem f\u00fcrs Leben wirklich etwas bringt? Zitate von erfolgreichen Menschen zum Beispiel. Erfolgreich, das sind gerne mal Figuren aus dem Sport. Ein Nationalmannschafts-Trainer wird als Autorit\u00e4t f\u00fcr Konsequenz bem\u00fcht. (Fu\u00dfnote: Ende Dezember wurde die Eisschnelll\u00e4uferin Jenny Wolf uns allen in einem Interview in der SZ als Vorbild hingestellt &#8211; erfolgreich im Sport <em>und<\/em> nebenbei Germanistik studieren. Was nat\u00fcrlich nur geht mit der Disziplin, die man vom Leistungssport lernt. Ein Leserbrief ein paar Tage sp\u00e4ter merkte die germanistischen Fehler im Interview an &#8211; unter anderem sei Fontane nun mal kein Autor der Romantik. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass da der Interviewer geschlampt hat.)<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt, Autorit\u00e4ten. &#8222;Schon Friedrich Schiller sagte.&#8220; Und Henry David Thoreau wird zitiert: &#8222;you are what you think, all day long&#8220;, ein Zitat, das &#8211; in besserem Englisch als hier &#8211; laut Google-Recherche in der Motivationsszene schon seit Generationen bem\u00fcht wird, mal diesem, mal jenem zugeschrieben. Geht wohl auf Wayne Dyer zur\u00fcck, der das ganze von Ralph Waldo Emerson hat. Kein Thoreau weit und breit. Auch Marc Aurel hat \u00c4hnliches gedacht. Aber wen auch immer man als Autorit\u00e4ten f\u00fcr Zitate anf\u00fcgt: es ist egal. Wenn man wirklich wissen will, was diese Leute damit jeweils gemeint haben, muss man ihre ganzen B\u00fccher lesen. Ein Zitat ist ein Hinweis auf ein solches Buch und sagt nur dem viel, der Werk und Autor bereits kennt.<\/p>\n\n\n\n<p>(Meine pers\u00f6nlicher Lieblingsversion ist \u00fcbrigens: &#8222;We are what we pretend to be, so we must be careful about what we pretend to be.&#8220; Aber wer das verstehen will, kommt nicht umhin, <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mother_Night\">Mother Night<\/a> von Kurt Vonnegut zu lesen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Auch sch\u00f6n: &#8222;only what you measure get&#8217;s [sic] improved&#8220; &#8211; wie wichtig es ist, regelm\u00e4\u00dfig zu messen. Laut Quelle stammt das Zitat, ganz ironiefrei, vom &#8222;CEO einer Messger\u00e4tevermietungs-Gesellschaft&#8220;.<br>Aber die meisten Zitate stammen doch von unserem alten Freund &#8222;unbekannt&#8220; oder vom Autor dieses kleinen B\u00fcchleins selber.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wiederkehrendes Thema dieser B\u00fccher &#8211; ich fasse jetzt mal zusammen &#8211; ist der Umgang mit Misserfolgen. Die gibt es als solche nicht. Positiv denken. Zweifel hemmen nur, &#8222;ja, aber&#8220; sind Verliererworte. Ich bin selber ein gro\u00dfer Aber-Sager und halte es mit Brecht:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Gelobt sei der Zweifel! Ich rate Euch, begr\u00fc\u00dft mir<br>Heiter und mit Achtung den<br>Der Euer Wort wie einen schlechten Pfennig pr\u00fcft!<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Hauptthema solcher Ratgeber scheint mir aber zu sein: Man muss nur wollen. Du kannst alles, wenn du nur willst. Und das ist nat\u00fcrlich falsch. Darf ich das den Legasthenikern in meinen Klassen auch sagen? Und Basketball-Nationalspieler werden, kann das auch jeder, wenn er nur will? Dass diese Schule der Selbsthilfeb\u00fccher ihre Wurzeln in den USA hat, wundert mich nicht, das ist schlie\u00dflich nur eine Umformung des amerikanischen Traums: du kannst alles werden, was du willst. Ein sch\u00f6ner Gedanke mit einer furchtbaren Umkehrung: wer kein Nationalspieler ist, wer erfolglos, arm oder krank ist, der hat halt einfach nicht genug gewollt. (Und die wichtige Frage, <em>was<\/em> man eigentlich wollen soll, bleibt dabei ohnehin unbeantwortet.)<\/p>\n\n\n\n<p>Sicher gibt es in <em>Vom Kopf ins Herz<\/em> auch sinnvolle Texte, die ich unterschreiben kann. Nur: ohne Kontext, einfach so in Yoda-artigen H\u00e4ppchen, bringt das nichts. Lesen \u00f6der H\u00f6ren, einmal dazu nicken, das \u00e4ndert einem das Leben nicht. Es gibt bestimmt Momente, in denen ein einziger Satz, weise oder nicht, einem eine Erleuchtung bringt, auch ohne mehrj\u00e4hrige Meditation zuvor. Aber solche Epiphanien sind Ausnahmen und k\u00f6nnen auch nicht dadurch vermittelt werden, dass man anderen diesen kostbaren Satz weitergibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleiben zwei Fragen: warum glaubte der Sch\u00fcler, das Buch w\u00fcrde ihm mehr f\u00fcrs Leben bringen als Nathan? Und: warum halte ich das f\u00fcr eine so wichtige Frage, dass sie mich noch nicht losgelassen hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Erst einmal ist das ja begr\u00fc\u00dfenswert, wenn Leute etwas lernen wollen, das einem f\u00fcrs Leben etwas bringt. Das zeigt von einem gewissen Bildungswunsch, jedenfalls ist das nicht bildungsfern. M\u00f6glicherweise ist das Konzept von Bildung und die Auswahl dessen, was man lernen will, aber sehr eng: Bildung ist, was einem Erfolg im Beruf bringt. Es sollte aber sein: was einem ein gl\u00fcckliches Leben beschert. Aber da sind wir schon in Woody-Allen-Land. Am Ende von <em>Annie Hall<\/em> sieht Allen ein gl\u00fcckliches P\u00e4rchen auf der Stra\u00dfe und fragt es nach dem Rezept f\u00fcr ihr Gl\u00fcck. Die Antwort: &#8222;Uh, I&#8217;m very shallow and empty and I have no ideas and nothing interesting to say.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich glaube, man lernt nicht viel aus weise klingenden Zitaten ohne Hintergrundwissen. Es ist ein verbreiteter, aber naiver Glaube, man m\u00fcsse den Leuten etwas blo\u00df mal sagen und dann funktioniere das schon. Die bl\u00f6den Lehrer lesen immer nur <em>Nathan<\/em> und so komplizierte Sachen, statt den Sch\u00fcler einfach mal deutlich zu sagen: &#8222;Ihr m\u00fcsst euch anstrengen, sonst wird das nichts.&#8220; Ich kann mich an die Abiturrede eines Elternbeirats erinnern, die auf mich den Eindruck machte, als sollten darin die Vers\u00e4umnisse der Schule dadurch wett gemacht werden, den Sch\u00fclern eben genau diese Botschaft mitzugeben, die die Schule zu verbreiten zugunsten von weniger griffigen Dingen vers\u00e4umt hat: &#8222;Ihr m\u00fcsst euch anstrengen, sonst wird das nichts.&#8220; Den Satz unterschreibe ich ja, cum grano salis. Aber dadurch, dass man das den Sch\u00fclern einfach nur sagt, \u00e4ndert sich noch lange nichts.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Als Fundst\u00fcck zum Schluss: <strong><a href=\"http:\/\/www.huffingtonpost.com\/stephen-downes\/things-you-really-need-to_b_788989.html\">Things you really have to learn<\/a><\/strong> von Stephen Downes, gefunden bei <a href=\"http:\/\/www.weiterbildungsblog.de\/2010\/12\/08\/things-you-really-need-to-learn\/\">Jochen Robes<\/a>. Hier die Kurzfassung:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>1. How to predict consequences<br>2. How to read<br>3. How to distinguish truth from fiction<br>4. How to empathize<br>5. How to be creative<br>6. How to communicate clearly<br>7. How to learn<br>8. How to stay healthy<br>9. How to value yourself<br>10. How to live meaningfully<\/p>\n\n\n\n<p><em>And to educators, I ask, if you are not teaching these things in your classes, why are you not?<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Daran k\u00f6nnte man seinen Unterricht und Selbsthilfeb\u00fccher und Motivationstrainer messen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Bleibt noch, zu untersuchen, ob <em>Nathan<\/em> einem mehr bringt als Selbsthilfeb\u00fccher. Das passt aber nicht mehr in diesen Eintrag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(10 Kommentare.) Vor einigen Jahren trieb man in der 11. Klasse im neunj\u00e4hrigen Gymnasium Aufkl\u00e4rung und las dazu h\u00e4ufig Nathan der Weise von Lessing. Ein St\u00fcck, das ich mag &#8211; weniger wegen der Ringparabel, die ich f\u00fcr \u00fcbersch\u00e4tzt und nicht besonders anschaulich halte und die mir in ihrer Religionskritik nicht weit genug geht. 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