{"id":3162,"date":"2011-02-11T14:20:30","date_gmt":"2011-02-11T13:20:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3162"},"modified":"2023-06-19T10:19:10","modified_gmt":"2023-06-19T08:19:10","slug":"motivationscoach-an-der-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/02\/motivationscoach-an-der-schule.htm","title":{"rendered":"Motivationscoach an der Schule"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/02\/motivationscoach-an-der-schule.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>So \u00e4hnlich muss es fr\u00fcher gewesen sein, vor hundert Jahren in den USA, als ein Wanderprediger in die d\u00f6rfliche Gemeinschaft kam, ein Zelt wurde aufgebaut, das Harmonium herausgeholt, und dann begann die Show: Gestern war ein Motivationscoach an unserer Schule. Zugegeben, ich war nicht die Zielgruppe. Die Witze kannte ich schon und inhaltlich kam nichts, das ich nicht schon mehrfach gedacht, gelesen und diskutiert habe. Die schwungvolle Vortragsweise war f\u00fcr einen Skeptiker wie mich auch eher abschreckend.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die anderen Lehrer? Gemischte Reaktionen. Ein Teil findet die Wahrheiten eines Motivationstrainers gar nicht so schlecht. Aber der Teil h\u00e4lt auch das <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/02\/von-kopf-und-herz-oder-warum-lesen-wir-nathan-in-der-schule.htm\">gestern beschriebene<\/a> Gutf\u00fchl-Selbstfindungsbuch f\u00fcr gar nicht so schlecht.<br>Ein gr\u00f6\u00dferer Teil ist schon mal prinzipiell dagegen: da kommt ein Fremder von drau\u00dfen an die Schule und meint, den Sch\u00fclern etwas beibringen zu k\u00f6nnen, <em>was ihnen f\u00fcrs Leben etwas bringt<\/em>. Andere meinen darin die Implikation zu erkennen, dass wir Lehrer das nicht oder nicht gen\u00fcgend tun, und dass die Einladenden diesen Mangel sehen und beheben wollen. Das ist tats\u00e4chlich nicht v\u00f6llig unproblematisch, aber ich kann damit leben. Es ist prinzipiell positiv, wenn Leute von au\u00dfen an die Schule kommen, und wenn an so einer Sache die ganze Schule beteiligt ist &#8211; das gibt es bei franz\u00f6sischen und europ\u00e4ischen und bewegten und sonstigen zentral ausgerufenen Tagen nicht. Aber nat\u00fcrlich ist nicht jeder Besuch von drau\u00dfen eine gute Idee, es kommt auf den Einzelfall an.<br>Und dann gibt es nat\u00fcrlich ein paar Lehrer, die etwas dagegen haben, dass der Coach so viel Geld mit einem Auftritt verdient. Damit habe ich nicht die geringsten Probleme, das ist Marktwirtschaft, wer das machen will und Erfolg hat: soll er haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfteil der Lehrer argumentiert bei der Einsch\u00e4tzung allerdings sinnvollerweise nur mit dem Inhalt des Programms. Einige Sachen hielt ich inhaltlich f\u00fcr grundfalsch, die meisten f\u00fcr richtig, gefreut habe ich \u00fcber die Kritik am Spruch: &#8222;Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden m\u00f6chtest,&#8220; den ich schon vor langer Zeit als falsch erkannt habe. Nur: das sind alles Sachen, \u00fcber die man reden muss, um sie zu verinnerlichen. Lauter Er\u00f6rterungsthemen. Anh\u00f6ren im Vortrag bringt nichts. Aber vielleicht reden die Sch\u00fcler wirklich irgendwann dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Sache fand ich sogar tats\u00e4chlich effektiv: die Metapher vom Eimer voller Selbstvertrauen, den wir alle in uns tragen, und in das wir uns gegenseitig \u00f6fter mal Inhalt l\u00f6ffeln sollten. Effektiv nur deshalb, aber das reicht ja schon, weil das eine gemeinsame Metapher ist, die jetzt jeder Sch\u00fcler und Lehrer geh\u00f6rt hat und die eine Grundlage f\u00fcr gemeinsame Gespr\u00e4che und Anspielungen bietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mag nicht, dass mit solchen Veranstaltungen der Glaube an einfache L\u00f6sungen und simple Botschaften unterst\u00fctzt wird. Zitat: &#8222;Das Leben ist so einfach, und wir machen es so kompliziert.&#8220; Ja und nein. Aber eher: nein. Was auch immer man unter &#8222;dem Leben&#8220; versteht, es gibt jedenfalls eine ganze Menge Sachen, die sind verdammt kompliziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, h\u00f6re ich von Kollegen im Lehrerzimmer: Hauptsache, den Leuten gef\u00e4llt es. Hm, ja. Irgendwie schon, es ist vielleicht tats\u00e4chlich die Hauptsache, die achtzig Jahre, die wir hier haben, erfreulich und erfreut hinter uns zu bringen. Wenn Leute B\u00fccher lesen, denke ich mir auch: Hauptsache, es gef\u00e4llt den Leuten. Oder ich sollte es denken. Allerdings soll ich ja auch geschmacksbildend wirken, soll manche B\u00fccher f\u00fcr besser halten als andere. Wenn die Leute Wasseradern sp\u00fcren und an Hom\u00f6opathie glauben: Hauptsache, den Leuten gef\u00e4llt es. Warum Zweifel s\u00e4en, wo das Leben doch so einfach ist. Oder um mit Daja aus <em>Nathan, der Weise<\/em> zu sprechen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>Daja (zu Nathan)<\/em> Wollt Ihr denn<br>Ihr ohnedem schon \u00fcberspanntes Hirn<br>Durch solcherlei Subtilit\u00e4ten ganz<br>Zersprengen?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Was schadet&#8217;s\u2014Nathan, wenn ich sprechen darf\u2014<br>Bei alledem, von einem Engel lieber<br>Als einem Menschen sich gerettet denken?<br>F\u00fchlt man der ersten unbegreiflichen<br>Ursache seiner Rettung nicht sich so<br>Viel n\u00e4her?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aber ich bin jetzt sehr, sehr m\u00fcde und ersch\u00f6pft von der Woche. Bin eigentlich noch nicht fertig mit diesem Blogbeitrag, gehe jetzt aber trotzdem ins Wochenende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) So \u00e4hnlich muss es fr\u00fcher gewesen sein, vor hundert Jahren in den USA, als ein Wanderprediger in die d\u00f6rfliche Gemeinschaft kam, ein Zelt wurde aufgebaut, das Harmonium herausgeholt, und dann begann die Show: Gestern war ein Motivationscoach an unserer Schule. Zugegeben, ich war nicht die Zielgruppe. 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