{"id":3171,"date":"2011-03-20T07:52:44","date_gmt":"2011-03-20T06:52:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3171"},"modified":"2023-05-22T21:44:02","modified_gmt":"2023-05-22T19:44:02","slug":"expressionistische-gedichte-gefalscht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/03\/expressionistische-gedichte-gefalscht.htm","title":{"rendered":"Expressionistische Gedichte, gef\u00e4lscht"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/03\/expressionistische-gedichte-gefalscht.htm#comments'>14 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Zwischendurch gemacht in der Q12: Jeder Sch\u00fcler sollte ein Gedicht schreiben, das &#8211; f\u00fcr Mitsch\u00fcler &#8211; m\u00f6glichst nicht von einem echten expressionistischen Gedicht zu unterscheiden war. Danach sollten die Gedichte bei Moodle hochgeladen werden, wo ich sie dann zusammenstellen und eine Abstimmung dar\u00fcber anlegen w\u00fcrde. Und so geschah es auch: letztlich schafften es dreizehn der anwesenden Sch\u00fcler, ihr Gedicht p\u00fcnktlich abzuliefern; ich legte selber noch ein nachgemachtes Gedicht von mir dazu (im Unterricht entstanden) und lie\u00df den Parallelkurs abstimmten, welches unter den Gedicht das angeblich echte sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstaunlicherweise verteilten sich ein Gro\u00dfteil der Stimmen auf genau zwei Gedichte, und meines war nicht dabei. Die Gewinner bekamen Schokolade. Ein echtes expressionistisches Gedicht war entgegen meiner Ank\u00fcndigung nicht dabei gewesen, da ich vermutet hatte, dass das dann doch jeder sofort erkennen w\u00fcrde. Inzwischen bin ich mir nicht so sicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe hier mal die Sch\u00fclergedichte, das Lehrergedicht und ein echtes Gedicht aus der Sammlung <em>Menschheitsd\u00e4mmerung<\/em> von Kurt Pinthus in alphabetischer Folge zusammengestellt. Ich habe drei Fragen, falls jemand meiner Leser mitspielen m\u00f6chte: welches Gedicht ist das echte, welches ist von mir, welches haben die Sch\u00fcler mit Abstand zu einem echten erkl\u00e4rt?<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>1<br>Das Ende<\/p>\n\n\n\n<p>Von weit her n\u00e4hert es sich an,<br>Der Schneesturm es begleitend.<br>Es baut sich auf wie ein Mann,<br>Die Gnade vom Gesichte weichend.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem schnellen Tanze es sich bewegt.<br>Durch das Dunkle der Gassen sich frisst.<br>Wo es brauste, sich nichts mehr regt.<br>Es nimmt des Menschen letzte Lebensfrist.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>2<br>Die Lagerfeuer an der K\u00fcste rauchen.<br>Ich muss mich niederwerfen tief in Not.<br>Leoparden wittern mein Gesicht und fauchen.<br>Du bist mir nahe, Bruder Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>Verworren zuckt Europa noch im Winde<br>Von Schiffen auf dem fabelhaften Meer;<br>Durch die ungeheure Angst bricht her<br>Schrei einer Mutter nach dem kleinen Kinde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>3<br>Es wird dunkel, die Nacht bricht herein.<br>Das t\u00f6dliche Ungeheuer n\u00e4hert sich der Stadt,<br>und die Bewohner beginnen zu schrein.<br>Der feurige Atem entz\u00fcndet die W\u00e4lder<br>und vernichtet die Welt; doch als die Sonne erwacht<br>wird die Welt neu gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>4<br>Geb\u00e4ude brennen lichterloh,<br>Kinder schauen nicht mehr froh.<br>Schweifende Blicke gehen umher,<br>Leben gibts nun nimmermehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Geb\u00e4ude brennen lichterloh,<br>nun h\u00fcpfen Flammen, wie die Kinder so.<br>Ein lachendes Inferno frisst die Stadt,<br>Feuer setzt die Stadt schachmatt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>5<br>H\u00e4user stehen leer,<br>es brennt.<br>Menschen laufen wild umher,<br>man rennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Winde wehen von den T\u00fcrmen,<br>man f\u00e4ngt an die Bank zu st\u00fcrmen<br>um dann noch sein letztes Geld,<br>in der kaputten, toten Welt<br>in den Kneipen auszugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4user stehen leer,<br>es rennt.<br>Menschen laufen wild umher,<br>man brennt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>6<br>Leute laufen durcheinander, umeinander, umher<br>tausend helle Schreie toben in den Gassen laut<br>durch die Stra\u00dfen jagt ein riesen Menschenmeer<br>bis in der Fr\u00fch der Morgen graut<\/p>\n\n\n\n<p>Von den D\u00e4chern st\u00fcrzen schwarze Felsen<br>und schlagen einen Jeden tot<br>Millionen schreien aus vollen H\u00e4lsen<br>und das Menschenmeer wird langsam rot.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>7<br>Nachtruhe<\/p>\n\n\n\n<p>Schwarze Nacht. Fahrt<br>Ohne Ende t\u00f6nen Wogen,<br>Schleppen Schleier aus Dunst<br>In die lichtlose Stadt.<br>Kein Schrei, nur jede Ecke<br>Misstraut der n\u00e4chsten Kante<br>Und Kurven fl\u00fcchten in die Dunkelheit.<br>Dunst und hoher Kamine Rauch<br>T\u00fcrmen sich zu Missgebilden,<br>T\u00f6ten wenn der Morgen graut.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>8<br>Neuanfang<\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt geht unter<br>auch Gott l\u00e4sst sie sterben, denn ihn gibt es nicht.<br>Menschen munter Welt zu retten<br>wirres Chaos entbricht<\/p>\n\n\n\n<p>Menschenfluten in den Scherbenhaufen der St\u00e4dte,<br>L\u00fcstern,<br>Neues zu erschaffen.<br>Die Muskeln des Untergangs langsam erschlaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Neuanfang liegt nun im Bette<br>und erwacht.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>9<br>Nudrev<\/p>\n\n\n\n<p>Kanonen kriechen schreiend Richtung schwarze Mauer,<br>Feuer tr\u00fcmmert Hand entzwei,<br>Ostens steht des Reiters rote Auge Lauer,<br>Gleich zerst\u00f6rt das Heer in Reih\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Tausend Waffen sind schon tot,<br>Tyrann den Zug regiert,<br>Blauer Fluss in gro\u00dfer Not,<br>Schwarz Tod den Mord negiert.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>10<br>Schicksal<\/p>\n\n\n\n<p>In den St\u00e4dten peitschte die rote Feuerbrunst,<br>Keiner mag das Ausma\u00df kennen, es zu \u00fcberleben<br>Und schaut, h\u00f6rt ein neues dunkles Beben,<br>Warum geschieht dies hier, die Menschen haben keinen Dunst<\/p>\n\n\n\n<p>Es ward Morgen, als alles still und farbenfroh erwachte,<br>Doch von den St\u00e4dten waren keine Massen<br>Es war das Ende vieler, es rasteten alle Rassen<br>Nur das blaue Meer bewegte sich sachte1<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>11<br>Schwarze Fahnen windig wehen,<br>H\u00e4userd\u00e4cher tiefes Gr\u00f6hlen,<br>Tod und Teufel durch die Gassen,<br>um zu holen diese Massen.<br>Wie Nacht und Nebel, Finsternis und Dunkelheit,<br>die Welt dem Ende, D\u00e4mmerung und Einsamkeit.<br>Bis zum Morgen, Angst und Schrecken,<br>bis die Glocken Menschen wecken.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>12<br>Untergang<\/p>\n\n\n\n<p>Dunkel f\u00e4rbt sich der Himmel,<br>Schreie laufen durch das Land<br>und von den V\u00f6geln \u00fcberall Gewimmel.<br>So war&#8217;s bisher niemandem bekannt!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Meere t\u00fcrmen sich zu Bergen,<br>H\u00e4user brechen in sich zusammen,<br>Menschen laufen auf Millionen Scherben.<br>Alle sind in dieser Welt gefangen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>13<br>Vom Mantel springt dem dicken Mann ein Knopf<br>Und M\u00e4dchen l\u00e4cheln wohlig und verz\u00fcckt.<br>Ein Herr verliert im \u00dcbermut den Kopf<br>Und ferne Hunde bellen wie verr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Z\u00fcge fahren auf den morschen Schienen<br>Und Pferde legen sich zum Sterben hin<br>Herunter purzeln Reitersleut mit ihnen<br>Und freuen sich an ihrem heitern Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>14<br>Welt der Kontraste<\/p>\n\n\n\n<p>Brennend kommt er der Stadt entgegen,<br>brennend die Lichter auf allen Wegen.<br>In Dunkelheit und K\u00e4lte sehr<br>die Nacht entz\u00fcndet die Flammen wie Meer.<\/p>\n\n\n\n<p>Mal warm, mal kalt, dunkel und hell<br>die Welt geht zu Grunde mal langsam, mal schnell.<br>Sie fallen und fallen, die Welt, der Himmel ist grell<br>er stirbt und raucht auf dem brennenden Fell.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<br>15<br>Zerrissen sind die ansichten<br>Voller zweifel findet sicht<br>Alles gleicht dem nichten<br>Am ende entsteht licht<br>Verlangen steigert sehr<br>Ende ist nicht mehr<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wie oben angedeutet: ich bin mir nachtr\u00e4glich nicht sicher, dass Sch\u00fcler das echte Gedicht als solches erkannt h\u00e4tten. Ich bilde mir erstens ein, dass das echte Gedicht herausssticht unter all den anderen, und dass ich zweitens bei fast allen Sch\u00fclergedichten den Finger auf eine Stelle legen kann, von der ich sage: hier hakt es! (Auch wenn der Rest gut ist.) Und ich glaube drittens, dass meine Sch\u00fcler diese Stellen nicht als solche erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das soll \u00fcbrigens kein Vorwurf an die Sch\u00fcler sein, sondern eine Feststellung. Vielleicht ist das auch gar nicht schlimm. Vielleicht ist das auch ein Punkt, um didaktisch anzusetzen. Ich w\u00fcrde gerne mehr Lyrik machen, aber weniger Epochen. Und einen Wahlkurs &#8222;Gedichte schreiben&#8220; vielleicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(14 Kommentare.) Zwischendurch gemacht in der Q12: Jeder Sch\u00fcler sollte ein Gedicht schreiben, das &#8211; f\u00fcr Mitsch\u00fcler &#8211; m\u00f6glichst nicht von einem echten expressionistischen Gedicht zu unterscheiden war. 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