{"id":3251,"date":"2011-06-05T20:25:57","date_gmt":"2011-06-05T18:25:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3251"},"modified":"2023-06-15T08:40:18","modified_gmt":"2023-06-15T06:40:18","slug":"fundsachen-dann-doch-fast-nur-zu-einem-brief-in-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/06\/fundsachen-dann-doch-fast-nur-zu-einem-brief-in-der-zeit.htm","title":{"rendered":"Fundsachen, dann doch fast nur zu einem Brief in der <em>Zeit<\/em>"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/06\/fundsachen-dann-doch-fast-nur-zu-einem-brief-in-der-zeit.htm#comments'>12 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Lesenswert und oft verlinkt: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/22\/DOS-G8\/komplettansicht\">Liebe Marie<\/a>, ein Artikel in der Zeit, in dem der Journalist Henning Su\u00dfebach so tut, als schriebe er seiner Tocher (f\u00fcnfte Klasse, Gymnasium, Schleswig-Holstein) einen Brief. Und mit vielem in diesem Brief hat er recht. Er greift dabei nur wenig die Lehrer an, sondern eher das Schulsystem, die Politik, die Erwachsenen. F\u00fcr den Unterricht ist der Text gut geeignet, da ich mir vorstellen kann, dass jeder dort viele Punkte findet, denen er zustimmt, und andere, die er ablehnt. So auch ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tenor: Warum m\u00fcssen die Kinder so viel Leid und Stress haben in der Schule, so viel Zeit damit verbringen, wo man ihnen dadurch wichtige Kindheitszeit stiehlt, wo man ihnen dadurch wichtige Erfahrungen vorenth\u00e4lt &#8211; auch Mu\u00dfe und Langeweile &#8211; und sie stattdessen zu b\u00fcrofreundlichen Arbeitserledigern heranbildet?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Prinzip gebe ich Su\u00dfebach Recht, aber ich mag das Kleinzprinzliche der Brieffiktion nicht. &#8222;In dem Zauber verweilen, den jeder kennt, der aus dem Kinodunkel ins Licht tritt \u2013 als laufe man erwachend durch einen Traum.&#8220; Da m\u00f6chte ich mit Ringelnatz immer seufzen: <a href=\"http:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/%E2%80%9EOh%E2%80%9C,_rief_ein_Glas_Burgunder\">&#8222;Ich wei\u00df! Ich wei\u00df! Schon gut! Schon gut!&#8220;<\/a> Warum h\u00f6rt man immer von den kleinen M\u00e4dchen, die ihre Reitstunden aufgeben m\u00fcssen, weil das Gymnasium so schwer ist, und nie von den betrunkenen Abiturfeiernden, wie sie letzten Mittwoch nach den letzten Pr\u00fcfungen im Supermarkt neben unserer Schule Kassiererinnen nervten? Oder von den Sch\u00fclern der Nachbarschule, die ihre Hochschulreife mit Bier- und Schnapsflaschen und F\u00e4ssern auf dem gemeinsamen Schulgel\u00e4nde gr\u00f6lend feierten? Das sehe ich noch viel mehr als Versagen von Bildung und Erziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei verkl\u00e4renden Kindheitsbildern seit Rousseau schalte ich gerne mal voreilig ab. Neulich Hartmut von Hentig gelesen, <em>Bildung<\/em> &#8211; und alle Beispiele darin entstammten der sch\u00f6nen Literatur. Bis auf eines, die Biographie einer Schauspielerin (Namen vergessen), die auch ganz ohne Schule und unabh\u00e4ngig und auf Boot etc. aufgewachsen. Informiert man sich, stellt man fest: diese Biographie war auch nur erfunden. Das hei\u00dft alles nicht, dass Hentigs Menschenbild nicht stimmt. Es hei\u00dft nur, dass man gerne auf sch\u00f6ne Geschichten hereinf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zum Brief an Marie. Dort wird die Ansicht des Soziologen Hartmu Rosa wiedergegeben: &#8222;Ihr Kinder m\u00fcsst Euch wieder langweilen d\u00fcrfen.&#8220; D&#8217;accord. Wie sch\u00f6n allerdings, dass <a href=\"http:\/\/bildungsklick.de\/a\/78898\/schulstunden-sind-langweilig-und-freudlos\/\">eine Studie herausgefunden hat, dass Schule langweilig ist<\/a>&#8211; und damit \u00fcbrigens eine <a href=\"http:\/\/www.suedkurier.de\/region\/kreis-konstanz\/konstanz\/-bdquo-An-Schulen-dominiert-Langeweile-ldquo-;art372448,4311977\">wenig \u00e4ltere Studie best\u00e4tigt, die zum gleichen Ergebnis kommt<\/a>. Wir tun ja schon alles, was wir k\u00f6nnen!<\/p>\n\n\n\n<p>(Man k\u00f6nnte argumentieren, dass es Rosa um ein Langweilen-D\u00fcrfen geht, w\u00e4hrend Schule eine Langweilen-M\u00fcssen ist. Aber selbst bei letzterem kann man gut kritzeln und Briefchen schreiben, und solange es Two-and-a-Half-Men und Facebook gibt, wird ersteres nicht mehr geschehen. Langweilen kann man sich nur, wenn man nicht gelernt hat, wie man Zeit totschl\u00e4gt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Ergebnis der Studie: Sch\u00fcler langweilen sich auf der Grundschule wenig, auf Mittelschule und Gymnasium mehr. Das ist schlecht, keine Frage. Aber: kann das nicht auch am Alter liegen? Entwicklungsbedingt sein? Ab wann haben Sch\u00fcler das Recht, selbst zu verantworten, ob sie sich langweilen oder nicht? So oder so ist es wohl: selbstbestimmte Arbeit ist keine Arbeit, sondern macht Spa\u00df. Fremdbestimmte Arbeit ist immer Arbeit. Die kann allenfalls halbwegs ertr\u00e4glich sein (so wie ich das aus meiner Schulzeit kenne), wenn die Anforderungen gerade so sind, dass ich mit ein wenig M\u00fche knapp erreiche. Das ist dann befriedigend. Aber immer noch Arbeit. Warum kann die Arbeit an der Schule nicht selbstbestimmt sein? Weil der Staat sagt, dass Sch\u00fcler bestimmte Sachen lernen sollen. Dagegen kann man nat\u00fcrlich sein, und vielleicht ist das sogar eine gute Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Fu\u00dfnote 1: &#8222;Wird Dir jemals ein Lehrer erz\u00e4hlen, dass das Wort Schule aus dem Griechischen stammt und eigentlich &#8218;freie Zeit&#8216; bedeutet?&#8220; Aber klar. Lehrer erz\u00e4hlen Sch\u00fclern st\u00e4ndig so etwas. Und Marie wird mit den Augen rollen dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Fu\u00dfnote 2: Su\u00dfebach zitiert den Bildungsforscher Kurt Heller mit einem differenzierten Blick aufs G8. Das habe &#8222;f\u00fcr 25 bis 30 Prozent der Gymnasiasten mehr gebracht \u2013 f\u00fcr die anderen w\u00e4re G9 vorteilhafter gewesen.&#8220; Ich wei\u00df nicht, ob die Zahlen stimmen, kann mir das aber schon so vorstellen. Leider h\u00f6rt man selten so differenzierte Aussagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hauptanklagepunkt Su\u00dfebachs ist vielleicht der, dass alles in der Kindheit einen Zweck haben muss, einen Sinn. Das ist tats\u00e4chlich schlecht. Und wird von vielen Eltern und der Wirtschaft tats\u00e4chlich zumindest f\u00fcr die Schule gefordert: die muss unmittelbar verwertbar sein. &#8222;Wir haben Euer Leben den Regeln der Wirtschaft unterworfen.&#8220; Stimmt. Und das ist schlecht, ich wiederhole das. Su\u00dfebach macht sich Sorgen, dass nur die angepassten, braven am Gymnasium bestehen. Dass &#8222;die Querk\u00f6pfe, die Nervens\u00e4gen, die Rotznasen&#8220; aussortiert werden. Hm, wei\u00df nicht. Querk\u00f6pfe gibt es sehr wenige an meiner Schule, das stimmt. Aber ich wei\u00df nicht, woran das liegt, und ob es weniger sind als fr\u00fcher. Vielleicht. Ich w\u00fcrde aber nie sagen, dass die Braven, Angepassten bleiben. Siehe bierfreudiges Abifeiern. Aber auch da kommt es darauf an: angepasst woran?<\/p>\n\n\n\n<p>Muss jetzt schlie\u00dfen, die Batterie vom Keyboard ist leer. Eigentlich: Abendessen, aber so oder so h\u00f6re ich jetzt auf, unfertig wie der Text auch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6renswerter Vortrag einer Anthropologin:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Amber Case: We are all cyborgs now\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/z1KJAXM3xYA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.ted.com\/talks\/amber_case_we_are_all_cyborgs_now.html\">Amber Case: We are all cyborgs now.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dort habe ich auch zum ersten Mal den inzwischen h\u00e4ufiger gefundenen Begriff <em>digital adolescence<\/em> geh\u00f6rt. Ist vielleicht eine interessante Erg\u00e4nzung zu <em>digital resident<\/em> und <em>digital visitor<\/em>. (Das mit den <em>natives<\/em> wollen wir ja eh mal ruhen lassen.) Demnach g\u00e4be es auch <em>digital adults<\/em> und <em>digital infants<\/em> und dergleichen &#8211; eine zeitliche Bildebene statt einer r\u00e4umlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Neues vom Abitur: bis vor ein paar Tagen hatte man das G8-Abitur in Bayern nicht bestanden, wenn man in den drei Pflichtf\u00e4chern Deutsch, Mathematik und Fremdsprache mehr als einmal unter 5 Punkten in der Abiturpr\u00fcfung hatte. Das war mir selber, ehrlich gesagt, auch erst zu sp\u00e4t klar geworden, sonst h\u00e4tte ich das angesprochen. Die Sch\u00fcler hatten das alle in ihren Informationsbrosch\u00fcren stehen, aber ich wei\u00df nicht, ob sie das wirklich verstanden haben. Denn unter 5 Punkten, das kommt in Klausuren wie in Abituren nicht so gar selten vor.<br>Deshalb mag es f\u00fcr manche ein Gl\u00fcck gewesen sein, dass ein Schreiben des Ministeriums vorgestern die Schulen dar\u00fcber informierte, dass die Regelung entsch\u00e4rft worden ist: einmal 4 Punkte und einmal 5 Punkte in diesen drei F\u00e4chern gehen auch.<\/p>\n\n\n\n<p>(<a href=\"http:\/\/www.km.bayern.de\/pressemitteilung\/7769\/.html\">Pressemitteilung StMuK<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Diese Entscheidung erfolgte auf der Basis vorliegender R\u00fcckmeldungen von Schulen und nach Gespr\u00e4chen mit Lehrkr\u00e4ften, Schulleitern, sowie Vertretern von Lehrer- und Elternverb\u00e4nden&#8220; und ist Teil eines sogenannten Monitoringprozesses &#8211; das hei\u00dft, dass w\u00e4hrend der gesamten G8-Oberstufenphase immer wieder Feinjustierungen an der Notenregelung und anderem vorgenommen wurden, wenn es denn Gespr\u00e4che mit Lehrkr\u00e4ften, Schulleitern, sowie Vertretern von Lehrer- und Elternverb\u00e4nden erforderten. So konnten die Sch\u00fcler etwa w\u00e4hlen, ob die Klausurnoten im Vergleich zu den anderen Noten doppelt oder einfach gewichtet werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im G9 gab es das Problem in dieser Form nicht: da musste niemand in Deutsch oder Mathematik Abitur machen, und jetzt m\u00fcssen das alle. Kein Wunder, dass das nicht so glatt geht. (<a href=\"http:\/\/bildungsklick.de\/pm\/78885\/g-8-spaenle-dreht-an-der-notenschraube\/\">Pressemitteilung der bayerischen Gr\u00fcnen dazu,<\/a> denen die Verpflichtung zu diesen drei F\u00e4chern nicht gef\u00e4llt.) Ich halte es eigentlich schon f\u00fcr sinnvoll, diese drei F\u00e4cher herauszuheben. Aber dann muss das den Sch\u00fclern und Schulen auch bewusst sein und es muss die n\u00f6tigen Ressourcen dazu geben. Diese Feinjustierung in letzter Minute wirkt jedenfalls sehr, sehr ungeschickt, auch wenn Lehrer und Sch\u00fcler froh sein werden \u00fcber die ansonst n\u00f6tig gewesenen Zusatzpr\u00fcfungen, die jetzt entfallen. Eine Niveausenkung ist das allemal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(12 Kommentare.) Lesenswert und oft verlinkt: Liebe Marie, ein Artikel in der Zeit, in dem der Journalist Henning Su\u00dfebach so tut, als schriebe er seiner Tocher (f\u00fcnfte Klasse, Gymnasium, Schleswig-Holstein) einen Brief. Und mit vielem in diesem Brief hat er recht. 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