{"id":3252,"date":"2011-06-11T14:44:39","date_gmt":"2011-06-11T12:44:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3252"},"modified":"2023-05-31T14:04:25","modified_gmt":"2023-05-31T12:04:25","slug":"john-steinbeck-east-of-eden-william-tenn-pfingstferien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/06\/john-steinbeck-east-of-eden-william-tenn-pfingstferien.htm","title":{"rendered":"John Steinbeck, East of Eden, William Tenn, Pfingstferien"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/06\/john-steinbeck-east-of-eden-william-tenn-pfingstferien.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Die Pfingstferien wurden von allen hei\u00df erwartet, f\u00fcr die meisten kamen sie gerade noch rechtzeitig, f\u00fcr einige andere einen Tick zu sp\u00e4t. Schulgeschichten halt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wozu und zu welchem Zweck treiben wir <strong>Metrik im Deutschunterricht<\/strong>? Na, damit die Sch\u00fcler auch mal Werbetexter werden und zum Beispiel f\u00fcr Dr. Oetker Texte schreiben k\u00f6nnen. Im Fernsehen gibt es seit kurzer Zeit Werbung f\u00fcr Fertigkuchen, <strong>&#8222;ein Gedicht von einem Kuchen&#8220;<\/strong> &#8211; und so ist auch der Text dazu paargereimt und mit regelm\u00e4\u00dfigem Metrum. Bis auf eine Zeile, da ist ein Takt zu viel. Das kann man Sch\u00fcler analysieren oder weiterdichten lassen. Fundst\u00fcck dazu: beim <a href=\"http:\/\/www.videolan.org\/vlc\/\">VLC Media Player<\/a> kann man &#8211; innerhalb vern\u00fcnftiger Grenzen &#8211; die Geschwindigkeit eines Videos ver\u00e4ndern, also vor allem: verringern, wobei nat\u00fcrlich auch die Sprechgeschwindigkeit reduziert wird, und zwar ohne dass dabei die Tonh\u00f6he ver\u00e4ndert wird. Das macht das Mitschreiben des Kuchengedichts leichter, au\u00dferdem h\u00f6rt sich das Gedicht dann gleich etwas grusliger an. (<a href=\"http:\/\/www.markenartikel-magazin.de\/medien-werbung\/artikel\/details\/100446-oetker-ein-gedicht-von-einem-fertigkuchen\/\">Download des Videoclips hier<\/a>, taucht auch sicher bald mal bei Youtube auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fange an, ein wenig, ein klein wenig, zu entspannen. Das merke ich daran, dass die B\u00fccher in meinem Stapel ungelesener B\u00fccher wieder interessanter aussehen. Auch die dicken, abschreckenden, die ich vor Kurzem gar nicht ansehen wollte. Ein kurzer R\u00fcckblick \u00fcber Gelesenes:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>East of Eden<\/em> von John Steinbeck<\/strong>. Ganz toll, und ich m\u00fcsste viel dar\u00fcber schreiben und reden. Es liest sich leicht und angenehm, wenn auch nicht schnell. Die Geschichte ist gro\u00df angelegt, ein Familienepos im besten Sinn, \u00fcber mehrere Generationen, \u00fcber die Erschlie\u00dfung des <em>Salinas Valley<\/em> in Kalifornien. Zwischendrin gibt es immer wieder k\u00fcrzere Kapitel mit einem st\u00e4rker auktorialen Erz\u00e4hler, mit Zeitraffung und einem Blick \u00fcber die Hauptpersonen des Romans hinaus. Das, und das Erschlie\u00dfungsthema, hat mich an Ray Bradburys <em>Marschroniken<\/em> erinnert, aber vielleicht gehen mir die gerade nur so im Kopf herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Muster kehrt in <em>East of Eden<\/em> als zentrales Motiv immer wieder, auch explizit thematisiert: der Mythos von Kain und Abel. Das Ringen um Anerkennung und das Erfahren von Zur\u00fcckweisung. Das kann ich nachvollziehen. (Gibt es bei den Griechen, die doch f\u00fcr alles m\u00f6gliche einen Mythos haben, keine entsprechende Geschichte? Klar, einen liebenden oder auch strengen Vatergott gibt es da nicht, der einen zur\u00fcckweisen konnte. Man war froh, wenn einen die G\u00f6tter in Ruhe lie\u00dfen. Aber Zur\u00fcckweisung als solche? Ich glaube mich nur an Geschichten zu erinnern, in denen es eher um beleidigte G\u00f6tter ging als zur\u00fcckgewiesene, und Menschen schon gleich gar nicht.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Herz des Buchs sind seine vielen interessanten Figuren. Cathy, Samuel Hamilton, Adam Trask, und nat\u00fcrlich Lee. Lee ist ein Chinese, in den USA geboren, hochgebildet, der aber brav Zopf tr\u00e4gt und meist Pidgin-Englisch spricht, so wie <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?q=hop+sing&amp;hl=de&amp;hs=as0&amp;rlz=1R1GGLL_de___DE397&amp;prmd=ivns&amp;tbm=isch&amp;tbo=u&amp;source=univ&amp;sa=X&amp;ei=TzfzTaDXNYXWsgbc_KGsBg&amp;ved=0CEIQsAQ&amp;biw=1256&amp;bih=775#hl=dehs=4XL&amp;rlz=1R1GGLL_de___DE397&amp;tbm=isch&amp;sa=1&amp;q=%22hop+sing%22+bonanza&amp;oq=%22hop+sing%22+bonanza&amp;aq=f&amp;aqi=g1&amp;aql=&amp;gs_sm=e&amp;gs_upl=3092l7756l0l10l10l0l7l7l0l272l576l0.2.1&amp;bav=on.2,or.r_gc.r_pw.&amp;fp=c07afa67bba26c28&amp;biw=1256&amp;bih=775\">Hop Sing<\/a> aus Bonanza &#8211; weil das so von ihm erwartet wird. Privat spricht er nat\u00fcrlich perfekt Englisch, \u00e4hnlich wie der chinesische Freund von Kaiser Norton in Neil Gaimans Sandman-Heft Nr. 31.<\/p>\n\n\n\n<p>Chinesen im Westen der USA kennt man sonst nat\u00fcrlich aus der Fernsehserie <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Kung_Fu_%28TV_series%29\">Kung Fu<\/a> mit David Carradine als Kwai Chang Caine (man beachte den Nachnamen: Caine ist auch ein ausgesto\u00dfener Wanderer).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schriftsteller <strong>Bret Harte<\/strong>, bekannte f\u00fcr seine Kurzgeschichten \u00fcber den Westen, machte sich 1870 mit dem Gedicht <a href=\"http:\/\/en.wikisource.org\/wiki\/The_Heathen_Chinee\">&#8222;The Heathen Chinee&#8220;<\/a> \u00fcber Vorurteile gegen\u00fcber Chinesen lustig. In dieser Ballade geht es um eine Kartenrunde, in der ein unscheinbarer,aber betr\u00fcgerischer Chinese die Mitspieler \u00fcber den Tisch zieht:  <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Which I wish to remark,<br>And my language is plain,<br>That for ways that are dark<br>And for tricks that are vain,<br>The heathen Chinee is peculiar,<br>Which the same I would rise to explain.<br>[\u2026]<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wie so oft bei Satire wurde auch diese missverstanden und als Unterst\u00fctzung rassistischer Vorurteile herangezogen. Das Gedicht von Harte, selbst eine Parodie, ist wiederum oft parodiert worden, etwa in A. C. Hiltons &#8222;The Heathen Pass-ee&#8220;, in dem es um die T\u00fccken und R\u00e4nke spickender Studenten geht:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>[\u2026] In the crown of his cap<br>Were the Furies and Fates,<br>And a delicate map<br>Of the Dorian States<br>And we found in his palms which were hollow,<br>What are frequent in palms, &#8211; that is dates.<\/p>\n\n\n\n<p>Which is why I remark,<br>And my language is plain,<br>That for plots that are dark<br>And not always in vain,<br>The heathen Pass-ee is peculiar,<br>Which the same I am free to maintain.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong>William Tenn, <em>Dancing Naked<\/em><\/strong>. Tenn muss man hier nicht kennen, er war Science-Fiction-Autor und Universit\u00e4tsdozent. Das sind seine gesammelten Essays, Vorworte und Interviews. Sehr interessant dabei ein Aufsatz zu <strong>Mark Twains<\/strong> gesch\u00e4tztem <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/07\/lesereise-im-papierweb-mit-koenig-artus.htm\">&#8222;A Connecticut Yankee at King Arthur&#8217;s Court&#8220;<\/a>, in dem Tenn einen \u00dcberblick \u00fcber die Rezeption der letzten hundert Jahre gibt. Anscheinend hat man beharrlich das Ende dieses Romans als aufgesetzt empfunden und ignoriert. Gelesen wurde der Roman derart, dass nicht einmal die Fortschritte der Technik es schaffen, aus den Menschen im Mittelalter zivilisierte Leute zu machen, und keinesfalls als Kritik an eben diesen technischen Fortschritten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein andere Aufsatz hat mich dazu gebracht, mir einen Borges-Essay zu besorgen, der interessant klingt. Sp\u00e4ter mehr dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in einem weiteren geht es um Science Fiction. In den sp\u00e4ten 1950er-, fr\u00fchen 1960er-Jahren bem\u00fchte sich die englischsprachige Science Fiction n\u00e4mlich &#8211; einigerma\u00dfen erfolgreich &#8211; darum, salonf\u00e4hig zu werden. Und Tenn h\u00e4lt das f\u00fcr keine gute Entwicklung. F\u00fcr ihn sind <em>Science Fiction<\/em> und <em>Literature<\/em> zwei schwer zu vereinbarende Konzepte. (Anders Isaac Asimov: &#8222;[W]enn es schlechte Literatur ist, dann ist es auch schlechte Science Fiction.&#8220; In: &#8222;Was ist gute Science Fiction?&#8220;, 1977.)F\u00fcr Tenn ist das <em>Science<\/em> in Science Fiction wichtig. Damit meint er nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Gesellschaftswissenschaften, und vor allem Geschichte. Geschichte ist f\u00fcr ihn <em>die<\/em> Wissenschaft, die am meisten mit SF zu tun hat: Reisen in die Vergangenheit, in die Zukunft, Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft und deren Auwirkungen. SF nimmt am besten, sagt Tenn, eine Idee, ein wissenschaftliches Konzept, und spinnt darum eine Geschichte, indem sie sieht, wie weit sie mit dieser Idee kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich neige dazu, Tenn recht zu geben. Deutlich wird Tenns Gedanke, finde ich, wenn man die Silben im Begriff anders betont: nicht auf dem zweiten Wort, auf dem ersten sollte die Betonung liegen. <em>SCIENCE fiction<\/em>, nicht <em>Science FICTION<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings: wird dann nicht jeder Roman, der mit wissenschaftlichen Konzepten spielt, zu SF? Auch <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Goal_%28novel%29\">The Goal<\/a> von Eliyahu M. Goldratt, in dem betriebswirtschaftliche Konzepte den Hintergrund bilden? Und sind dann nicht die Romane von Michael Crichton und Frank Sch\u00e4tzing beste SF in Tenns Sinn? (Zugegeben, die habe ich nicht gelesen. Aber da scheint es jeweils darum zu gehen, mit Konzepten zu spielen, und nicht um literarischen Anspruch.) Wenn ja: bin ich dann einfach raus aus dem Alter f\u00fcr SF, verdorben? Andererseits: die Satiren von William Tenn kann ich immer noch lesen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong>George R. Stewart, <em>Names on the Land<\/em><\/strong>. Das lese ich gerade, liegt schon l\u00e4nger im Regal, aber endlich habe ich Lust darauf: 450 Seiten \u00fcber die Geschichte von Ortsbezeichnungen in den USA. Und hier ist der Einfluss von Bradburys <em>Marschroniken<\/em> nicht zu leugnen. Die hat er zwar sp\u00e4ter geschrieben, und ich halte es f\u00fcr nicht unwahrscheinlich, dass Bradburys das Stewart-Buch gekannt hat, also vermutlich hat Bradbury sich inspirieren lassen. Aber schlie\u00dflich k\u00f6nnen ja auch sp\u00e4te Autoren Auswirkungen auf die Interpretation fr\u00fcherer haben. David Lodge macht sich in <em>Small World<\/em> lustig dar\u00fcber, indem er Persse eine Arbeit schreiben l\u00e4sst \u00fcber den Einfluss von T.S. Eliot auf Shakespeare. Genau darum geht es auch bei dem Borges-Aufsatz, den ich oben kurz erw\u00e4hnt habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) Die Pfingstferien wurden von allen hei\u00df erwartet, f\u00fcr die meisten kamen sie gerade noch rechtzeitig, f\u00fcr einige andere einen Tick zu sp\u00e4t. Schulgeschichten halt. Wozu und zu welchem Zweck treiben wir Metrik im Deutschunterricht? Na, damit die Sch\u00fcler auch mal Werbetexter werden und zum Beispiel f\u00fcr Dr. Oetker Texte schreiben k\u00f6nnen. 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