{"id":3275,"date":"2011-06-24T09:18:27","date_gmt":"2011-06-24T07:18:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3275"},"modified":"2011-06-24T09:18:27","modified_gmt":"2011-06-24T07:18:27","slug":"macbeth-in-den-kammerspielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/06\/macbeth-in-den-kammerspielen.htm","title":{"rendered":"Macbeth in den Kammerspielen"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/06\/macbeth-in-den-kammerspielen.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Ich gehe nicht gerne ins Theater. Das ist immer abends, und da bin ich m\u00fcde. Au\u00dferdem sind komische Leute um mich herum. Aber das Hauptproblem ist, dass ich mich da oft langweile, selbst bei St\u00fccken, die ich zum Lesen gut finde. Ich w\u00fcnsche mir beim Theater eine hohe Informationsdichte, so wie ich mir bei Fernsehserien grunds\u00e4tzlich Split-Screen w\u00fcnsche (also mehrere Fenster mit unterschiedlichen Szenen, gerne mit Bezug zueinander). Und wenn ich dort am Anfang der letzten Folge eines Vierteilers ein schnell geschnittenes &#8222;Was bisher geschah&#8220; sehe, w\u00fcnsche ich mir einen ganzen Film, der so dicht erz\u00e4hlt ist wie dieser R\u00fcckblick.<br \/>\nUnd was kriege ich meist im Theater? Eine Gruppe von Menschen, die in sicher ganz wichtigen Konstellationen auf der B\u00fchne stehen und bedeutungsvoll schweigen. Jedes Wort im Satz betonen, und dann wieder bedeutungsvoll gucken. Und schweigen, bedeutungsvoll. Das Haupt sch\u00fctteln, schweigend. &#8212; Mein liebstes Theater nehme ich bitte gleich als H\u00f6rspiel, mit viel Text, wenig Pausen dazwischen, und schneller, dichter Vortragsweise. Wo die Leute stehen und wie sie gucken, ist mir dabei egal.<\/p>\n<p>Gestern abend war ich in den <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/programm\/macbeth\/\">Kammerspielen bei Macbeth<\/a>. Die Kurzfassung: es hat mir vom ersten Moment an ausgezeichnet gefallen. Und ich glaube, das liegt an der Informationsdichte der Inszenierung, obwohl es nat\u00fcrlich auch geholfen hat, dass die f\u00fcnf Schauspieler sehr gut waren. Diese Informationsdichte wurde nicht durch Handlung und Dialog erreicht, sondern eher durch lyrische Effekte, so wie Lyrik ja auch sehr informationsdicht ist. <\/p>\n<p>Es dauerte eine ganze Weile, bis die erste Worte fielen, die doch sonst das sind, was mich interessiert. Aber meine Aufmerksamkeit hatte auch so genug zu tun. Am Anfang die drei Hexen, als bunte Fairy Godmothers gekleidet, die das Publikum wortlos neckten. Allein da schon Assoziationen zu englischer Pantomime. Die drei mit deutlich unterschiedlichen Charakteren, darunter eine etwas mufflige, von einem Mann gespielt. Da hatte ich sofort Terry Pratchetts Hexen im Kopf. Dann kamen Macbeth und Banquo auf dem Schlachtfeld, von den Hexen live mit Blut getr\u00e4nkt, Schattenspiel im Hintergrund mit der K\u00f6nigskrone. (\u00dcberhaupt passierte gerne etwas auf zwei Ebenen, vorne und im Haus hinten. Ein Haus, dessen Inneres so pl\u00f6tzlich in Erscheinung tritt wie das Sterbezimmer von Charles Foster Kane in der Anfangssequenz von <em>Citizen Kane<\/em>.) Macbeth und Banquo als zwei Schuljungen, mit freundschaftlichem, nicht ganz konkurrenzfreien Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis, die ihre innige Verbundenheit, oder zumindest den Wunsch danach, mit einem Lied aus der West Side Story ausdr\u00fccken. Dann die Botenrede vom Krieg als Live-Kriegs- und Sport-Berichterstattung mit Mikrofon. \u00dcberhaupt wurde das gro\u00dfe Mikrofon und sein langes Kabel viel als dramaturgisches Mittel verwendet (und keinesfalls derm Lautst\u00e4rke wegen): zum Singen, zum Kenntlichmachen der \u00d6ffentlichkeit der Rede, f\u00fcr akustische Verfremdungseffekte. Oder es wurde dem Malcolm, K\u00f6nig Duncans Sohn, in die Hand gedr\u00fcckt, damit der etwas sagt &#8211; und der kein Wort herausbrachte wie Colin Firth in <em>The King&#8217;s Speech<\/em>.<\/p>\n<p>Und wir sind immer noch erst ganz am Anfang des St\u00fccks. So dicht ging es weiter. Nicht die ganze Zeit, und der 4. Akt hatte L\u00e4ngen, aber das muss so sein. Vierte Akte sind immer langweilig (ist mir bei <em>Cyrano<\/em> und <em>Twelfth Night<\/em> zum ersten Mal aufgefallen). Die haben sogar ein eigenes Wort daf\u00fcr in der Dramentheorie: retardierendes Moment. Das kann also kein Versehen sein, das mit den langweiligen vierten Akten, sondern Absicht. Warum, wei\u00df ich auch nicht. Als Ausnahmen fallen mir spontan ein: <em>A Midsummer Night&#8217;s Dream<\/em> &#8211; eigentlich nur vier Akte mit einem angeh\u00e4ngten Spiel im Spiel &#8211; und <em>The Merchant of Venice<\/em> &#8211; vier Akte mit einer angeh\u00e4ngten Gerichtsverhandlung.<\/p>\n<p>Der Text des St\u00fccks (\u00dcbersetzung von Thomas Brasch, bearbeitet von der Regisseurin Karin Henkel und Jeroen Versteele) wurde gek\u00fcrzt. Das ist v\u00f6llig in Ordnung. Immer wieder wurden Passagen dabei chorartig wiederholt, teilweise auf Deutsch und Englisch, nacheinander oder nebeneinander. Sprache war dabei ein lyrisches Stilmittel (und Shakespeare ist immer f\u00fcr sch\u00f6ne Bilder gut) neben anderen, visuellen Stilmitteln.<br \/>\nEin Problem habe ich nur mit dem Verwenden eines Soundtracks. Gesang und live gespielte Instrumente (das gab es auch) finde ich legitime dramaturgische Mittel. Text- und Bildeinblendungen ebenso, auch wenn es die in diesem St\u00fcck nicht gab. Aber Filmmusik, sozusagen, da f\u00fchle ich mich nicht wohl dabei. Es ist ein effektives dramaturgisches Mittel, keine Frage. Aber zu effektiv f\u00fcr mich, glaube ich. Aus eigenen Erfahrungen wei\u00df ich, dass man einen selbst gedrehten Videofilm, gut oder schlecht, durch nichts so aufpeppen kann wie durch eine sch\u00f6ne Filmmusik im Hintergrund. Da ist sofort Spannung da, die Wertigkeit des Film steigt enorm. Text- und Bildeinblendungen haben diesen Effekt nicht. Jedenfalls mag ich Musikeinblendungen in Theaterauff\u00fchrungen nicht, die habe ich lieber unplugged, sozusagen,.<\/p>\n<p>Wie sehen andere Theaterg\u00e4nger diese Inszenierung? Werden die bedeutungsschwangeren Pausen vermisst? Vielleicht wird die Inszenierung als blo\u00dfe Unterhaltung gesehen. Das St\u00fcck wurde verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig unkonventionell, aber vor allem unterhaltend inszeniert. Ich habe nicht das geringste Bed\u00fcrfnis, nach einer dar\u00fcber hinaus gehenden Interpretation dieser speziellen Inszenierung, ist das in Ordnung?<\/p>\n<p>Ein Wort noch zu den Clowns: In Shakespeare selber ist nur der T\u00fcrsteher eine komische Figur, wenn ich mich richtig erinnere. Hier waren es auch die zwei bis drei gedungenen M\u00f6rder, die Banquo und seinen Sohn Fleance t\u00f6ten sollen. Toll, wie die Schauspieler aus den Rollen zuvor pl\u00f6tzlich in diese komische Einlage wechselten. Fans der englischen Radioserie <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/I%27m_Sorry,_I%27ll_Read_That_Again\">&#8222;I&#8217;m Sorry I&#8217;ll Read That Again&#8220;<\/a> (ISIRTA, etwa 1964-1975) kennen etwas \u00c4hnliches aus der Macbeth-Episode, die man etwa <a href=\"http:\/\/www.myoldradio.com\/old-radio-episodes\/i-m-sorry-ill-read-that-again-macbeth\/3\">hier anh\u00f6ren<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.sadena.com\/BBC-Radio\/ISIRTA%20I%27m%20Sorry%20I%27ll%20Read%20That%20Again\/\">da<\/a> herunterladen kann. (Der Macbeth-Sketch beginnt 15:15 die M\u00f6rder-Szene kommt ab 25:30.)<\/p>\n<p>Mit Sch\u00fclern habe ich Macbeth nie gelesen, war aber mal mit ihnen in einer Inszenierung und habe das St\u00fcck dazu kurz vorbereitet. Dazu habe ich die ISIRTA-Nummer vorgespielt, die tats\u00e4chlich einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Handlung gibt. Die Wortspiele und Anspielungen habe ich dazu herausgeschrieben, also setze ich die keinesfalls vollst\u00e4ndige Liste mal hierher:<\/p>\n<ul>\n<li>Titus Andronicus: tight (=dicht, betrunken) as Andronicus<\/li>\n<li>Scene 1: (I&#8217;ve) seen one<\/li>\n<li>blasted heath (karge Heide): blasted Heath (verdammter Heath, Prime Minister)<\/li>\n<li>infernal Wilson (Prime Minister vor und nach Heath)<\/li>\n<li>a foul night: fowl (Gefl\u00fcgel)<\/li>\n<li>to lash (peitschen)<\/li>\n<li>a terrible night to be abroad (unterwegs): &#8230;a broad (eine Frau)<\/li>\n<li>I noticed a hollow (cave\/hole in ground): &#8230;hullo (=hello)<\/li>\n<li>double, double, toil and bubble (witches&#8216; song): melody of &#8222;twinkle, twinkle, little star&#8220;<\/li>\n<li>hail, hail, hail (=Heil): hail (=Hagel)<\/li>\n<li>Thane (Scottish title)<\/li>\n<li>issue (=Nachkommenschaft) : Ring a Ring o&#8216; Roses: Kinderspiel\/-lied, mit dreimal Niesen (hatch-u, hatch-u, hatch-u), gefolgt von der Zeile &#8222;all fall down&#8220; (ein Relikt aus der Pestzeit)<\/li>\n<li>throne (Thron): throne (Klosch\u00fcssel)<\/li>\n<li>is this a dagger which I see before me (famous line)<\/li>\n<li>the porter told (z\u00e4hlen\/l\u00e4uten \u2013 altert\u00fcmlich) the bell: to tell (erz\u00e4hlen)<\/li>\n<li>Lady Macbeth began wailing (weinen, klagen): &#8230;whaling (Walfangen)<\/li>\n<li>Thar (=there) she blows: traditioneller Ruf bei Sichtung eines Wals<\/li>\n<li>They brought in the corpse: &#8230;brought in the cops<\/li>\n<li>traditioneller Polizistensatz: &#8222;Hello, hello, what&#8217;s all this here then?&#8220;<\/li>\n<li>to crown (kr\u00f6nen): to crown (eins auf den Kopf geben)<\/li>\n<li>he tore his hair&#8230; and stamped on his rabbit: &#8230;his hare (Hase)<\/li>\n<li>to wash one&#8217;s hands: euphemism for going to the toilet<\/li>\n<li>spot, damned spot (famous line)<\/li>\n<li>you shall be king till Burnam wood shall come to Dunsinane (famous line)<\/li>\n<li>stronghold (Festung): stronghold (Ringergriff)<\/li>\n<li>bulwarks (&#8222;Bollwerk&#8220; &#8211; Zinnen oder so etwas&#8230;): bollocks (Hoden &#8211; aber anderes Register)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und nat\u00fcrlich ist keine Macbeth-Behandlung vollst\u00e4ndig ohne James Thurbers geniales &#8222;<a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?q=\"The+Macbeth+Murder+Mystery\"\">The Macbeth Murder Mystery&#8220;<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) 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