{"id":3294,"date":"2011-07-10T21:32:57","date_gmt":"2011-07-10T19:32:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3294"},"modified":"2011-07-10T21:41:49","modified_gmt":"2011-07-10T19:41:49","slug":"die-gymnasiallehrer-und-die-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/07\/die-gymnasiallehrer-und-die-anderen.htm","title":{"rendered":"Die Gymnasiallehrer und die anderen, und das Akademische"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/07\/die-gymnasiallehrer-und-die-anderen.htm#comments'>12 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Der Verband Bildung und Erziehung <a href=\"http:\/\/bildungsklick.de\/pm\/79408\/vbe-startet-initiative-gegen-soziales-ranking-im-lehrerberuf\/\">startet eine Initiative gegen soziales Ranking im Lehrerberuf<\/a>. Ranking ist ja immer schlecht, gerade in der Bildung, und wenn es dann auch noch sozial ist, muss das besonders schlimm sein. Es geht darum: die Lehrer mancher anderer Schularten sollen nicht l\u00e4nger weniger verdienen als Lehrer am Gymnasium. Die Sinnhaftigkeit des ganzen best\u00e4tigt ein Gutachten, das eben dieser VBE in Auftrag gegeben hat. (Der VBE organisiert vor allem  Lehrer dieser anderen Schularten.)<\/p>\n<p>Diese Pressemitteilung des VBE werde ich vielleicht mal im Unterricht Sch\u00fclern vorsetzen, weil die sprachliche Manipulation darin so interessant ist. Das beginnt mit dem irref\u00fchrenden Titel und setzt sich gleich fort mit dem Vergleich mit dem Kaiserreich und der anschaulichen Reduktion der Unterschiede zwischen Sch\u00fclern der verschiedenen Schularten auf die Schuhgr\u00f6\u00dfe. Dazu der knackige Slogan: &#8222;Lehrerarbeit in den unterschiedlichen Schulstufen ist nicht gleichartig, aber gleichwertig.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist ein heikles Thema, das auch in dem Lehrerforum, in dem ich mich herumtreibe, stets zu heftigen Diskussionen f\u00fchrt, wenn es denn mal angeschnitten wird. Meine prinzipielle Meinung: Ich habe nichts gegen eine differenzierte Bezahlung f\u00fcr Lehrer. Fragt sich nur, nach welchen Kriterien differenziert wird &#8211; neben Schularten gibt es ja noch mehr M\u00f6glichkeiten &#8211; und ob das in einem Beamtenapparat sinnvoll m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Was soll das erst einmal hei\u00dfen, dass eine Arbeit &#8222;gleichwertig&#8220; ist? Wann ist eine Arbeit gleichwertig? In unserem System wird sicher nicht danach bezahlt, wie schwer eine Arbeit ist. Viele Leute arbeiten hart und verdienen wenig Geld. Stattdessen z\u00e4hlen zum einen Angebot und Nachfrage. Es gibt mehr Grundschullehramtsstudenten und -innen, allerdings auch mehr Grundschulstellen als bei Gymnasiallehrern. Wovon gibt es denn anteilig jeweils mehr? Die zentrale Steuerung durch die Ministerien verhindert allerdings, dass Angebot und Nachfrage wirklich zum Tragen kommen.<br \/>\nZum anderen spielt die Ausbildung eine Rolle bei der k\u00fcnftigen Bezahlung. Wie schwer ist die Ausbildung und wie lange dauert sie? Die Mindestausbildungszeit unterscheidet sich bei den verschiedenen Schularten um bis zu 25%. Zugegeben, ich wei\u00df nicht, wie realistisch diese Semesterzahl ist &#8211; ich habe deutlich l\u00e4nger studiert, andere sicher auch. (Bei Sprachenlehrern waren zwei zus\u00e4tzliche Semester Auslandsaufenthalt ohnehin \u00fcblich.)<br \/>\nUnd zuletzt, aber das halte ich f\u00fcr kein \u00fcberzeugendes Argument, wird nach Verantwortung bezahlt: Gymnasiallehrer gew\u00e4hren den allgemeinen Hochschulzugang. Dann k\u00f6nnte man auch sagen: noch mehr Verantwortung gibt es in den ersten, pr\u00e4genden Schuljahren.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist es ja bereits so, dass sich die Bezahlung der Lehr\u00e4mter gerade in einem Prozess der Anpassung befindet. Fr\u00fcher wurden Gymnasiallehrer zwischen A13 und A15 bezahlt, jetzt ist es zwischen A12 und A14, sp\u00e4testens nach der Diensrechtsreform. Aber wenigstens verdienen wir dann alle gleich wenig. Denn darum geht es ja. Gymnasiallehrer und Grundschullehrer werden beide nicht schlecht bezahlt, Referendare ausgenommen. Aber die einen kriegen mehr und bilden sich etwas auf sich ein (m\u00f6glichweise auch deshalb), und die anderen kriegen weniger und f\u00fchlen sich zur\u00fcckgesetzt.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df jedenfalls, warum <em>ich<\/em> viel Gehalt verdiene: weil ich zwei Jobs mache. Zwei f\u00fcr den Preis von, sagen wir, anderthalb: Ich sehe mich als Akademiker und als P\u00e4dagoge. Da kommen meine Anspr\u00fcche her. (Nicht dass meine Anspr\u00fcche irgendjemand interessieren, aber sie erkl\u00e4ren die Frechheit, mit der ich mich hier pr\u00e4sentiere.)<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich habe ich keinen Doktor und treibe keine Forschung. Und ich bin Deutschlehrer und nicht Germanist. Aber ich war ein guter Student, ich bilde mich weiter, ich interessiere mich immer noch f\u00fcr meine Studieninhalte, und ich kenne die Methodik meines Faches.<br \/>\nDeshalb st\u00f6rt es mich sehr, wenn ich &#8211; gelegentlich &#8211; mitkriege, dass Kollegen kein Interesse an fachlichen Inhalten haben. Oder wenn ich als Begr\u00fcndung h\u00f6re: &#8222;Das steht so im Buch&#8220; oder auch: &#8222;Das steht so im Duden&#8220; &#8211; das st\u00f6rt mich, weil ich wei\u00df, <em>wie<\/em> solche Dinge in das Schulbuch oder in den Duden kommen, und dass es meist mehrere M\u00f6glichkeiten gegeben h\u00e4tte, etwas ins Buch zu tun, und dass es prinzipiell Leute wie ich sind, die solche B\u00fccher schreiben. Und ich bin ja auch nicht fehlerfrei. Nat\u00fcrlich bin ich kein Lexikograph, bin absolutes Juniormitglied jeglicher akademischer Welt. Aber ich kenne verschiedene Grammatikmodelle, wei\u00df, warum es wichtig ist, zwischen &#8222;Vergangenheit&#8220; und &#8222;Pr\u00e4teritum&#8220; zu unterscheiden, kenne den Unterschied zwischen <em>tense<\/em> und <em>aspect<\/em> und versuche gelegentlich, Sch\u00fclern diesen zu vermitteln. (Das machen Schulb\u00fccher nie, warum eigentlich nicht?) Ich wei\u00df, dass didaktische Reduktion notwendig ist, halte es aber trotzdem f\u00fcr einen Fehler, wenn mein Deutschbuch von Infinitivs\u00e4tzen spricht. Ich halte mich andererseits auch nicht an gymnasiale Deutschlehrerregeln wie die, dass man Farbadjektive nicht steigern kann. Es sch\u00fcttelt mich, wenn ich Kettenrechnungen wie diese sehe: 92-8=?-23=?-11=?-30=? oder wenn eine Aufgabe lautet, alle Rechtecke anzumalen, Quadrate aber nicht dazu gerechnet werden. Ich kann wissenschaftliche Arbeiten verfassen und darin Neues sagen. (Zumindest als Literaturwissenschaftler. Als Sprachwissenschaft, der ich doch stets eher war: nein. Mathematiker und Naturwissenschaftler haben es da noch schwerer, denke ich.)<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, das ist alles ziemlicher Kleinkram. Und nichts Besonderes. Vielleicht bleibt nur das Hinterfragen von Methoden und eben auch Inhalten auf Basis gesunden Fachwissens als Kriterium \u00fcbrig. Aber ich halte es aus mehreren Gr\u00fcnden f\u00fcr sinnvoll, Lehrer einen akademischen Beruf sein zu lassen. Egal in welche Schulart.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das auch Generationensache. Hatten die Lehrer in der Generation vor meiner auch einen akademischen Anspruch in irgendeiner Form, oder hat es da f\u00fcr das Selbstbild noch gereicht, Ober-, Oberst-, oder normaler Studienrat zu sein? Wie sieht die Generation nach meiner das &#8211; wollen die Akademiker sein oder nicht? Oder wollten das Lehrer noch nie, und es ist blo\u00df wieder meine unrepr\u00e4sentative Sicht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(12 Kommentare.) Der Verband Bildung und Erziehung startet eine Initiative gegen soziales Ranking im Lehrerberuf. Ranking ist ja immer schlecht, gerade in der Bildung, und wenn es dann auch noch sozial ist, muss das besonders schlimm sein. Es geht darum: die Lehrer mancher anderer Schularten sollen nicht l\u00e4nger weniger verdienen als Lehrer am Gymnasium. 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