{"id":3352,"date":"2011-08-15T15:55:52","date_gmt":"2011-08-15T13:55:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3352"},"modified":"2023-05-18T21:15:08","modified_gmt":"2023-05-18T19:15:08","slug":"laienhafte-notizen-zu-germanischer-dichtung-mit-weltende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/08\/laienhafte-notizen-zu-germanischer-dichtung-mit-weltende.htm","title":{"rendered":"Laienhafte Notizen zu germanischer Dichtung (mit Weltende)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/08\/laienhafte-notizen-zu-germanischer-dichtung-mit-weltende.htm#comments'>3 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Ja, die Germanen. Eine v\u00f6lkerwandernde Gruppe von Sprechern verwandter indoeurop\u00e4ischer Dialekte. Grob kann man die Dialektgruppen Nordgermanisch (die Nachfolger davon in Skandinavien und Island), Ostgermanisch (Gotisch geh\u00f6rt dazu, Nachfolger gibt es keine mehr) und Westgermanisch (Althochdeutsch, Altenglisch, Altniederdeutsch\/Alts\u00e4chsisch) unterscheiden; es gibt nat\u00fcrlich noch weitere Klassifizierungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <strong>Germanen<\/strong> auf dem Gro\u00dfteil des Kontinents, also die Sprecher westgermanische Dialekte, hinterlie\u00dfen nicht viele schriftliche Zeugnisse. Ein paar Namen sind noch da: Donar, der Donnergott, nach dem der Donnerstag benannt ist; Wodan\/Wotan, auf den Wednesday zur\u00fcckgeht. (Auch die meisten anderen Wochentagsbezeichnungen gehen auf germanische G\u00f6tter zur\u00fcck &#8211; die Germanen \u00fcbernahmen die 7-Tage-Woche von den R\u00f6mern und ersetzten die r\u00f6mischen G\u00f6tter durch entsprechende eigene. So wurde aus dem Tag des Jupiter &#8211; dies iovis, jeudi, jueves &#8211; der Tag des Donar; beides sind Donnerg\u00f6tter. Und aus dem Tag des Merkur &#8211; dies mercurii, mercredi, mi\u00e9rcoles &#8211; wurde eben der Tag des Wodan; beide kann man als Trickster-G\u00f6tter sehen.)<br>Was man \u00fcber die germanische G\u00f6tterwelt wei\u00df, wei\u00df man haupts\u00e4chlich aus nordgermanischen Quellen, und in diesen Dialekten hei\u00dfen die beiden genannten G\u00f6tter Thor und Odin, und bei diesen Formen der Namen bleibe ich jetzt auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Kennengelernt habe ich Thor nat\u00fcrlich hier:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/05\/thor.htm\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"194\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/marvel_thor-194x300.jpg\" alt=\"marvel_thor\" class=\"wp-image-1387\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Lief ja auch neulich im Kino. Und deshalb habe ich schon als Kind die germanischen Sagen gelesen. Die G\u00f6ttersagen jedenfalls, die Heldendichtung weniger. \u00dcberliefert sind viele Sagen vor allem in zwei Werken, die dummerweise beide <a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/de\/wiki\/Edda\">Edda<\/a> hei\u00dfen. Das eine Buch beginnt tats\u00e4chlich mit den Worten &#8222;Dieses Buch hei\u00dft Edda&#8220;, es hei\u00dft auch Prosa-Edda, weil viel davon in Prosa geschrieben ist, oder <strong>Snorra-Edda<\/strong>, nach dem Autor, Snorri Sturluson. Das andere, bekanntere, wird in Anlehnung an das erste Buch <strong>Lieder-Edda<\/strong> genannt, oder auch \u00c4ltere Edda, weil man fr\u00fcher davon ausging, dass es vor dem ersten Buch entstanden ist &#8211; was aber wohl nicht stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <strong>Lieder-Edda<\/strong> ist eine Sammlung vollst\u00e4ndiger, aber unverbundener G\u00f6tter- und Heldensagen. Geschrieben ist sie in <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/02\/warum-ich-waehrend-der-lehrerkonferenz.htm\">stabgereimten germanischen Langzeilen<\/a>, vier davon je Strophe.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier eine Strophe aus der <strong>&#8222;Heimholung des Hammers&#8220;<\/strong>. Der Riese Thrym hat Thors Hammer gestohlen und will ihn nur herausgeben, wenn er Freyja zur Frau erh\u00e4lt. Loki und Thor machen sich auf, den Hammer zur\u00fcckzuholen &#8211; Thor verkleidet als Freyja, Loki als Zofe. Eine Idee Lokis, nat\u00fcrlich. Die vermeintliche Freyja f\u00e4llt erst einmal durch recht m\u00e4nnlichen Hunger und Durst auf. Schlie\u00dflich fordert Thrym einen Kuss und hebt den Schleier der vermeintlichen Braut:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Kussl\u00fcstern l\u00fcftete das Linnen der Riese;<br>Doch weit wie der Saal schreckt&#8216; er zur\u00fcck:<br>&#8222;Wie furchtbar flammen der Freyja die Augen!<br>Mich d\u00fcnkt es brenne ihr Blick wie Glut.&#8220;<br><em>(\u00dcbersetzung: Karl Simrock)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und dann beginnt auch schon die Pr\u00fcgelei.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; Weniger bekannt, aber auch sehr reizvoll ist die <strong>Snorra-Edda<\/strong>, und in der habe ich neulich etwas herumgelesen. Sie stammt aus derselben Zeit wie die anonyme Lieder-Edda, dem 13. Jahrhundert, hat aber einen ausgemachten Autor: Snorri Sturluson. Sturluson war ein isl\u00e4ndischer mittelalterlicher Gelehrter, Christ nat\u00fcrlich. Island war sp\u00e4t christianisiert worden, aber zu Sturlusons Zeit schon durch und durch christlich. Allerdings wurden, anders als auf dem Kontinent, die Reste des germanischen Glaubens nicht gro\u00df bek\u00e4mpft; sie hielten sich ohnehin nur als Sagenstoff. Im Gegenteil, die alten Sagen und Stoffe wurden geachtet, drohten aber in Vergessenheit zu geraten: Ihr Auftritt, Snorri Sturluson!<br>Der schrieb mit seiner Edda n\u00e4mlich ein <strong>Lehrbuch f\u00fcr Dichter<\/strong>. Die altnordische Dichtung gilt &#8211; wir wissen das seit John Irvings <em>The Water-Method Man<\/em> &#8211; als sehr komplex, da zu ihrem Verst\u00e4ndnis nicht nur formale Zusammenh\u00e4nge beitragen (Metrik, Reim), sondern auch ein bestimmtes Vokabular (dazu sp\u00e4ter mehr) und ein gro\u00dfes Wissen um mythologische Zusammenh\u00e4nge. All dieses Wissen wollte Sturluson bewahren und weitergeben, deswegen schrieb er sein Lehrbuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sturluson-Edda besteht aus einem kurzen Vorwort, in dem Sturluson (wenn das Vorwort denn tats\u00e4chlich von ihm ist) den Sagenstoff in das aktuelle <strong>christliche Weltbild<\/strong> einordnet: Die germanischen G\u00f6tter waren gar keine G\u00f6tter, sondern menschliche Helden, die erst im Nachhinein zu G\u00f6ttern verkl\u00e4rt wurden. Und zwar waren sie die K\u00e4mpfer um Troja, die danach auswanderten nach Europa &#8211; aus Asien n\u00e4mlich, und deshalb wurden sie Asen genannt.<br>Darauf folgt ein etwas ausf\u00fchrlicherer Prosateil, in dem in einer <strong>Rahmenhandlung G\u00f6ttersagen<\/strong> nacherz\u00e4hlt werden. (Das muss aber nicht hei\u00dfen, dass diese Fassung tats\u00e4chlicher germanischer Religion entspricht. Zu dieser Zeit war das nur noch Folklore, und der Redakteur oder Autor Snorri ein Christ mit eigenen Schwerpunkten.)<br>Daran schlie\u00dfen sich zwei umfangreiche praktische Teile an, in denen anhand zitierter altnordischer Dichtung (von benannten und anonymen Dichtern, darunter auch Strophen, die sich fast gleichlautend in der Lieder-Edda finden) <strong>poetische Prinzipien der altnordischen Dichtung<\/strong> vorgef\u00fchrt und erkl\u00e4rt werden. Die mythologische Abhandlung zuvor bildet quasi die Grundlage daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>So, das war der allgemeine Teil fast schon. Hier noch ein Ausschnitt aus der Snorra-Edda. <strong>Ragnar\u00f6k<\/strong>: Das Schicksal der G\u00f6tter ist gekommen, die meisten von ihnen werden zugrunde gehen. Die riesige Midgardschlange, auch J\u00f6rmungandr genannt, erhebt sich, der Geister-Kapit\u00e4n Hrym sticht mit seinem Schiff Naglfar in See. (Das Schiff Naglfar: wird nach und nach aus den Fingern\u00e4geln Verstorbener gebaut. Zum Ende der Welt wird es gerade fertig geworden sein, deshalb ist es wichtig, den Toten die N\u00e4gel sauber zu schneiden.) Der Feuerd\u00e4mon Surtur greift an; die Herrin der Unterwelt, Hel, empf\u00e4ngt viele Tote. In der \u00dcbersetzung von Karl Simrock:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Hrym f\u00e4hrt von Osten, es hebt sich die Flut;<br>J\u00f6rmungandr w\u00e4lzt sich im J\u00f6tunmuthe.<br>Der Wurm schl\u00e4gt die Brandung, aufschreit der Adler,<br>Leichen zerrei\u00dft er; Naglfar wird los.<\/p>\n\n\n\n<p>Surtur f\u00e4hrt von S\u00fcden mit flammendem Schwert,<br>Von seiner Klinge scheint die Sonne der G\u00f6tter.<br>Steinberge st\u00fcrzen, Riesinnen straucheln,<br>Zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Bin nur ich das, oder erinnert das wirklich sehr an Jakob van Hoddis&#8216; ber\u00fchmtes <strong>&#8222;Weltende&#8220;<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Dem B\u00fcrger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,<br>In allen L\u00fcften hallt es wie Geschrei.<br>Dachdecker st\u00fcrzen ab und gehn entzwei<br>Und an den K\u00fcsten \u2013 liest man \u2013 steigt die Flut.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen<br>An Land, um dicke D\u00e4mme zu zerdr\u00fccken.<br>Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.<br>Die Eisenbahnen fallen von den Br\u00fccken.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Parodiert der Hoddis am Ende tats\u00e4chlich die Ragnar\u00f6k-Dichtung? Oder ist Katastrophendichtung eh immer gleich?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Bonusteil 1: Tolkien<\/h4>\n\n\n\n<p>Nur ganz kurz: der war ja Professor f\u00fcr Altenglisch\/Angels\u00e4chsisch und las in einer Runde Gleichinteressierter isl\u00e4ndische Sagas im Orginal. Vor zwei Jahren erschien ja seine <a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/en\/wiki\/The_Legend_of_Sigurd_and_Gudr%C3%BAn\">Legende von Sigurd und G\u00fadrun<\/a>, in stabgereimten Langversstrophen, in der er L\u00fccken im Mythenkanon durch Neudichtung spielerisch schlie\u00dft. Der <em>Herr der Ringe<\/em> kn\u00fcpft st\u00e4rker an germanische Dichtung an, als man meint (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/02\/entfesselt-mein-innerer-dichter.htm\">Fu\u00dfnoten dazu in altem Blogeintrag<\/a>). Hier nur kurz eine Auswahl an Namen von Zwergen, die an einer Stelle der Snorra-Edda aufgez\u00e4hlt werden: Dwalinn, Bifurr, Bafurr, B\u00f6mbur, Nori, Ori, Oinn, Thorinn, Fili, Kili, Gloinn. (Und Gandalf.) Nur Balin(n) muss aus einer anderen Quelle kommen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Bonusteil 2: Kenningar<\/h4>\n\n\n\n<p>So beginnt Snorri den Abschnitt \u00fcber die Dichtkunst:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Nun sollt ihr h\u00f6ren, wie die Skalden die Dichtkunst mit diesen Ausdr\u00fccken umschreiben [&#8230;]: zum Beispiel nennen sie sie Kwasirs Blut und Schiff der Zwerge, Zwergenmet, Asenmet, Ausl\u00f6se des Riesenvaters, die Fl\u00fcssigkeit von Odr\u00f6dir und Bodn und Son [&#8230;], Fl\u00fcssigkeit Hnitb\u00f6rgs, Kampfesbeute Odins und Geschenk Odins.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Puh. Heute ist man von der Muse gek\u00fcsst, aber das war es schon. Dass Zwergenschiff f\u00fcr Dichtkunst steht, kann man nur verstehen, wenn man den Mythos von der Entstehung der Dichtkunst kennt, und eben den hat Snorri deshalb zuvor erz\u00e4hlt. Diese Art der Umschreibung ist typisch f\u00fcr altnordische Dichtung und hei\u00dft Kenning. (<a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/de\/wiki\/Kenning\">Wikipedia deutsch<\/a>, sehr viel ausf\u00fchrlicher <a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/en\/wiki\/Kenning\">Wikipedia englisch<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kurzfassung: Kenningar bestehen immer aus zwei Begriffen, einem Grundwort und einem Bestimmungswort. Bei &#8222;Lindwurmlager&#8220; ist &#8222;Lager&#8220; das Grundwort, bestimmt wird es n\u00e4her durch &#8222;Lindwurm&#8220;. Das Bestimmungswort kann auch im Genitiv stehen, vor- oder nachgestellt. Gemeint ist aber weder das eine noch das andere, sondern etwas anderes: in diesem Fall &#8222;Gold&#8220;. (Ist das verwandt mit dem, was im Germanistikstudium &#8222;Bahuvrihi&#8220; hie\u00df? Wohl nicht, siehe Kommentare.)<\/p>\n\n\n\n<p>Beispiele f\u00fcr Kenningar:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Lindwurmlager, f\u00fcr: Gold<br>das Verderben der Zweige, f\u00fcr: Feuer<br>Bienenwolf (Beowulf), f\u00fcr: B\u00e4r<br>Zahnr\u00f6ter des Wolfes, f\u00fcr: Mann (<em>get it?<\/em>)<br>Wundbiene, f\u00fcr: Pfeil<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich mag diese Kenningar, und irgendwann will ich mal Sch\u00fcler darauf ansetzen. Eine Liste von Kenningar aus dem Schulalltag? Zuerst k\u00e4men wohl Allerwelts-<span style=\"text-decoration: line-through;\">Bahuvrihi<\/span>Komposita wie &#8222;Schaumschl\u00e4ger&#8220; und &#8222;D\u00fcnnbrettbohrer&#8220; heraus, man m\u00fcsste also Neusch\u00f6pfungen verlangen. Ein Lehrer&#8230; Freudevernichter? Kreidezerst\u00f6rer? Etwas episch-heldisch sollte es schon klingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Entschl\u00fcsseln kann man eine Kenning relativ leicht, wenn sie offensichtlich metaphorisch oder metonymisch ist, wie in den Beispielen oben. Wenn sie allerdings mythologischen Hintergrund hat, und das ist oft der Fall, dann braucht man dieses Hintergrundwissen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Swafnirs Saalschindeln, f\u00fcr: Schilde (Swafnir=Odin, sein Saal=Valhalla, und deren Dach ist mit Schilden gedeckt)<br>Ymirs Sch\u00e4del, f\u00fcr: Himmel (aus dem Sch\u00e4del des Frostriesen wurde der Himmel erschaffen)<br>Zwergenschiff, f\u00fcr: Dichtung (zu lange Geschichte f\u00fcr hier)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Snorri Sturluson z\u00e4hlt in seiner Edda mehr oder weniger systematisch und anhand von Beispielstrophen wichtige Kenningar f\u00fcr Dichtkunst, Thor, Balder, Nj\u00f6rd, Freyr, Heimdall und andere G\u00f6tter auf und erkl\u00e4rt sie. Leider habe ich online keine deutsche \u00dcbersetzung der poetologischen Teile der Prosa-Edda gefunden (Simrock hat nur die Mythen), hier gibt es immerhin <a href=\"http:\/\/www.cybersamurai.net\/Mythology\/nordic_gods\/LegendsSagas\/Edda\/ProseEdda\/ContentsEnglish.htm#skaldse\">den ersten poetologischen Teil auf Englisch<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Auswahl von Kenningar und Heiti (siehe weiter unten) gibt es <a href=\"http:\/\/www.heimdallsborg.de\/html\/kenningar.html\">hier<\/a> auf Deutsch, eine Datenbank altnordischer Kenningar mit englischen \u00dcbersetzungen <a href=\"http:\/\/skaldic.arts.usyd.edu.au\/db.php?table=kenning\">gibt es hier<\/a> und, <a href=\"http:\/\/notendur.hi.is\/eybjorn\/ugm\/kennings\/kennings.html\">semantisch klassifiziert, hier<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt f\u00fcr Fortgeschrittene: In einer Kenning kann das Bestimmungswort (manchmal auch das Grundwort) selbst durch eine Kenning umschrieben werden. &#8222;F\u00fctterer der Kriegs-M\u00f6wen&#8220; bedeutet dann &#8222;F\u00fctterer der Raben&#8220;, bedeutet dann: &#8222;Krieger&#8220;. Und &#8222;Zerst\u00f6rer des Hungers des Adlers&#8220; bedeutet dann &#8222;F\u00fctterer des Adlers&#8220;, bedeutet dann: &#8222;Krieger&#8220;. Und, man ahnt es schon, auch diese nunmehr dreiteilige Kenning kann erweitert werden, indem man wieder einen Begriff durch eine Kenning ersetzt. Und so weiter:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Fjordknochen: Steine<br>M\u00e4nner der Fjordknochen: Felsriesen<br>Brandung der Hefe der M\u00e4nner der Fjordknochen: Bier der Riesen (=Dichtkunst) bzw. ihr Vortrag<br>(aus der <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Die-Edda-Snorri-Sturluson-G%C3%B6ttererz%C3%A4hlungen\/dp\/3150007828\/\">\u00dcbersetzung von Arnulf Krause<\/a>)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das hat schon was von <em>cryptic crossword puzzle<\/em>. Snorri empfiehlt als Grenze f\u00fcr verst\u00e4ndliche Kenningar maximal f\u00fcnf Teile, die l\u00e4ngste \u00fcberlieferte Kenning besteht aus neun:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>nausta blakks hl\u00e9-m\u00e1na g\u00edfrs dr\u00edfu gim-sl\u00f6ngvir<\/em> oder <em>nausta blakks hl\u00e9m\u00e1na g\u00edfrs dr\u00edfu gimsl\u00f8ngvir<\/em><br>&#8222;Feuerschwinger des Schneegest\u00f6bers des Trolls des Schutzmonds des Rosses des Bootshauses&#8220;<br>Ross des Bootshauses: Boot<br>Schutzmond des Boots: Schild<br>Troll (=Feind) des Schilds: Axt<br>Schneegest\u00f6ber der Axt: Kampf<br>Feuerschwinger des Kampfes: Krieger<br><em>(meine \u00dcbersetzung aus dem Englischen, daher vielleicht falsch)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es zeichnet sich ein Muster ab: wenn man nicht wei\u00df, was eine Kenning bedeutet, liegt man mit &#8222;Krieger&#8220; oft nicht falsch. Der zweite Tipp ist dann wohl &#8222;Odin&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Bonusteil 3: Heiti (und grammatische Traktate)<\/h4>\n\n\n\n<p>Eine weitere Zutat altnordischer Dichtung sind Heiti (<a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/en\/wiki\/Heiti\">Wikipedia englisch<\/a>). Auch das sind (in der heute verbreiteten Bedeutung) synonyme Umschreibungen, anders als die Kenningar bestehen sie aber nur aus einem einzigen Begriff. Sie sind kulturell festgelegt, man muss halt wissen, dass &#8222;Eber&#8220; f\u00fcr &#8222;F\u00fcrst&#8220; steht, &#8222;der Gierige&#8220; f\u00fcr &#8222;Feuer&#8220;, &#8222;Baum&#8220; f\u00fcr &#8222;Mann&#8220; und &#8222;Salz&#8220; f\u00fcr &#8222;Meer&#8220;.<br>\u00dcber Heiti habe ich im Web nicht viel gefunden. Eine Liste von Heiti soll im <em>Dritten grammatischen Traktat<\/em> stehen. Also: Es gibt einen <a href=\"http:\/\/medievalsourcesbibliography.org\/sources\/-930250274\">Codex Wormianus<\/a>. Der enth\u00e4lt unter anderem die einzelnen Abschnitte der Snorra-Edda und vier grammatische Traktate. Der dritte Traktat stammt von, Moment, \u00d3l\u00e1fr \u00de\u00f3r\u00f0arson, einem Neffen von Snorri. Am meisten dazu habe ich noch <a href=\"http:\/\/www.dur.ac.uk\/medieval.www\/sagaconf\/wills.htm\">hier<\/a> gefunden.<br><a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/de\/wiki\/Erster_Grammatischer_Traktat\">Der erste grammatische Traktat<\/a> (anonym, um 1150) sieht aber auch interessant aus. Darin werden Vorschl\u00e4ge zu einer systematischen Schreibung des Altisl\u00e4ndischen gemacht. Das Lautsystem wird anhand von Minimalpaaren untersucht, neue Vokalgrapheme werden vorgeschlagen und die Markierung von Langvokalen und Nasalen durch diakritische Zeichen. Da wirkt das Mittelalter gleich etwas weniger finster.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterf\u00fchrende Lekt\u00fcre, neben den verlinkten Quellen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Anfangen mit einer Nacherz\u00e4hlung germanischer Sagen und Mythen, etwa: <em>Germanische G\u00f6tter- und Heldensagen<\/em>, nach den Quellen neu erz\u00e4hlt von Reiner Tetzner.Stuttgart: Reclam 1997. Sehr vollst\u00e4ndig.<\/li>\n\n\n\n<li>Erst dann die <em>Edda<\/em> des Snorri Sturluson. Ich fand verst\u00e4ndlich die Fassung von Arnulf Krause (Reclam 1997), der die Verse w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt und dabei die Metrik nicht ber\u00fccksichtigt. Leider fehlt der letzte poetologische Teil von Sturluson. Bei Wikipedia gibt es die alte metrische <a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikisource\/de\/wiki\/Die_Edda_%28Simrock_1876%29\">Simrock-\u00dcbersetzung<\/a> beider Eddas, da fehlen aber noch gr\u00f6\u00dfere Teile der Snorra-Edda.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(3 Kommentare.) Ja, die Germanen. Eine v\u00f6lkerwandernde Gruppe von Sprechern verwandter indoeurop\u00e4ischer Dialekte. Grob kann man die Dialektgruppen Nordgermanisch (die Nachfolger davon in Skandinavien und Island), Ostgermanisch (Gotisch geh\u00f6rt dazu, Nachfolger gibt es keine mehr) und Westgermanisch (Althochdeutsch, Altenglisch, Altniederdeutsch\/Alts\u00e4chsisch) unterscheiden; es gibt nat\u00fcrlich noch weitere Klassifizierungen. 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