{"id":350,"date":"2005-09-08T07:12:47","date_gmt":"2005-09-08T05:12:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=350"},"modified":"2023-05-31T13:57:09","modified_gmt":"2023-05-31T11:57:09","slug":"kate-fox-watching-the-english","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/09\/kate-fox-watching-the-english.htm","title":{"rendered":"Kate Fox, Watching the English"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/09\/kate-fox-watching-the-english.htm#comments'>16 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/fox_english.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Kate Fox sitzt in einem Pub, vormittags, einen Brandy vor sich: Teils um sich Mut anzutrinken, teils als Belohnung. Die letzten zwei Stunden hat sie damit verbracht, Passanten im Vorbeigehen anzurempeln und zu z\u00e4hlen, wie oft die Angerempelten &#8222;Sorry&#8220; sagen. Die n\u00e4chsten zwei Stunden wird sie damit verbringen, sich in Warteschlangen vorzudr\u00e4ngeln und zu notieren, wie sich die Wartenden daraufhin verhalten. Kate Fox ist Anthropologin und schreibt ein Buch \u00fcber: <em>The Hidden Rules of English Behaviour<\/em>, so der Untertitel.<\/p>\n\n\n\n<p>(Die Sache mit dem &#8222;Sorry&#8220;-sagen ist tats\u00e4chlich ein auff\u00e4lliges Merkmal: Engl\u00e4nder entschuldigen sich, wenn sie jemanden versehentlich anrempeln, und entschuldigen sich vor allem auch, wenn sie angerempelt werden. Das gilt f\u00fcr die meisten Altersgruppen und sozialen Schichten und ist \u00e4u\u00dferst liebenswert. Bei uns ist das nicht \u00fcblich. Wir haben andere Vorteile, zugegeben.)<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich will Fox untersuchen, was <em>Englishness<\/em> ausmacht. Zu diesem Zweck beobachtet sie das Verhalten von Engl\u00e4ndern und versucht, die bewussten oder unbewussten Regeln herauszuarbeiten, nach denen sie reden, leben, arbeiten, sich kleiden, feiern, essen. Zum Schluss abstrahiert sie noch einmal aus den gefundenen Regeln bestimmte Eigenschaften: Einen Nationalcharakter der Engl\u00e4nder. (Engl\u00e4nder im pr\u00e4ziseren Sinn: Also ohne Schotten und Waliser.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das macht sie auf vergn\u00fcgliche Weise. Das Buch ist unterhaltsam, umfangreich, \u00fcber 400 Seiten, und lehrreich f\u00fcr, \u00e4h, zum Beispiel Englischlehrer. Ich war mal mit einer deutschen Lehrergruppe in einem englischen Pub, frage nicht. Englandfreunde erkennen viele Details wieder, und selbst wer sich nicht sehr f\u00fcr England interessiert, kann die Regeln des eigenen Landes besser sehen vor dem Kontrast der Beschreibung Englands.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man feststellen will, welche Regeln typisch englisch sind, hilft es zu wissen, welche Regeln typisch menschlich sind. Es ist keine gro\u00dfe Erkenntnis, herauszufinden, dass es in England ein Klassensysten gibt: In <em>jeder<\/em> menschlichen Gesellschaft gibt es das. Die spezifisch englische Auspr\u00e4gung ist allerdings sehr wohl interessant. Fox zitiert eine Liste ihres Vaters Robin Fox (&#8222;a much more eminent anthropologist&#8220;) solcher Universalien menschlicher Kulturen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Laws about property, rules about incest and marriage, customs of taboo and avoidance, methods of settling disputes with a minimum of bloodshed, beliefs about the supernatural and practices relating to it, a system of social status and methods of indicating it, initiation ceremonies for young men, courtship practices involving the adornment of females, systems of symbolic body ornament generally, certain activities set aside for men from which women are excluded, gambling of some kind, a tool- and weapons making industry, myths and legends, dancing, adultery and various doses of homicide, suicide, homosexuality, schizophrenia, psychsoes and neuroses, and various practicioners to take advantage of or cure these, depending on how they are viewed.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Fox bietet auch eine vollst\u00e4ndigere, aber weniger am\u00fcsant formulierte Liste an.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessante Kleinigkeiten, die mir vorher nicht so klar waren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>&#8222;No sex please, we&#8217;re British&#8220; ist eine oft geh\u00f6rte scherzhafte Floskel. Das liegt aber nicht daran, dass das Verh\u00e4ltnis zu Sex puritanisch ist wie in den USA: Sex ist keineswegs s\u00fcndhaft, lediglich <em>awkward<\/em>. (Dennoch hat England die h\u00f6chste Rate an Schwangerschaften unter Teenagern in Europa.)<\/li>\n\n\n\n<li>Der englische Premierminister darf nicht &#8222;Gott&#8220; sagen &#8211; ganz anders etwa als der amerikanische Pr\u00e4sident, der das Wort st\u00e4ndig im Mund f\u00fchrt. (357)<\/li>\n\n\n\n<li>&#8222;[T]he effects of alcohol on behaviour are determined by social and cultural rules and norms, not by the chemical actions of ethanol.&#8220; (261) Mir hat man ja in der Schule beigebracht, dass Alkohol enthemmend wirkt. Das ist sicher richtig. Aber wie man sich unter Akoholeinfluss verh\u00e4lt, hat viel mehr damit zu tun, was die gesellschaftlichen Regeln f\u00fcr das Verhalten unter Alkoholeinfluss vorschreiben. Wenn die Regeln p\u00f6belhaftes Verhalten vorschreiben, benimmt man sich unter Alkoholeinfluss so (Fu\u00dfball), ansonsten nicht (Pferderennen). Die Umwelt signalisiert Anerkennung f\u00fcr das akzeptierte Verhalten, und <em>deshalb<\/em> verh\u00e4lt man sich so.<br>Das finde ich hoch interessant!<\/li>\n\n\n\n<li>Wieso reden die Engl\u00e4nder st\u00e4ndig vom Wetter? Fox zitiert Bill Brysons Verwunderung dar\u00fcber, da doch das Wetter in England so v\u00f6llig unspektakul\u00e4r gem\u00e4\u00dfigt ist. Fox zitiert eine Replik, laut der eben dieses Undramatische des Wetters die Nuancen so interessant und spannend macht. (Das sch\u00f6ne am Wetter ist \u00fcbrigens, dass es vielleicht wirklich jeden Tag ein bisschen regnet, dass aber auch jeden Tag ein bisschen die Sonne scheint.) In Wirklichkeit, so Fox, reden die Engl\u00e4nder nat\u00fcrlich \u00fcber das Wetter, weil das eine unkomplizierte, einfache, normierte, verpflichtungslose Konversation mit Fremden erlaubt. Das Wetter selber ist dabei nur sekund\u00e4r. Die Normen regeln das Gespr\u00e4ch, es gibt aber auch Fallstricke: &#8222;Snow is also socially and conversationally a special and awkward case, as it is aesthetically pleasing, but practically inconvenient.&#8220; (p. 33)<\/li>\n\n\n\n<li>She interessant die Verhaltensregeln im Pub: Wie man ein Bier bestellt, wie man sich am Tresen in die unsichtbare Warteschlange einreiht.<\/li>\n\n\n\n<li>\u00dcberhaupt, das Verhalten in Warteschlangen, hochspannend. Wie man einen potentiellen Vordr\u00e4ngler wittert, quasi mit den F\u00fc\u00dfen scharrt &#8211; das ist bei uns \u00e4hnlich.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Schule wichtig ist das, wenn es um die Frage geht: Was hei\u00dft Abendessen auf Englisch? Was sollen wir den Sch\u00fclern da beibringen? &#8222;Tea&#8220; ist das Abendessen der working class um halb sieben. &#8222;Dinner&#8220; ist lower-middle\/middle-class und eine halbe Stunde sp\u00e4ter. &#8222;Supper&#8220; ist das Abendessen der upper-middle\/upper class (f\u00fcr die &#8222;dinner&#8220; ein festliches Abendessen ist), jeweils noch etwas sp\u00e4ter.<br>Was sollen wir unseren Sch\u00fclern sagen, wenn die wissen wollen, was Abendessen hei\u00dft?<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal \u00fcbersieht Fox meiner Meinung nach das Ungew\u00f6hnliche am Englisch-Sein: Sie sagt, &#8222;there is little about the format of an average English wedding that would seem odd or unfamiliar to a visitor from any other Western culture: we have the usual stag and hen nights [&#8230;]; bridesmaids [&#8230;]; best man&#8220; (371). Englische Hochzeiten unterscheiden sich meiner Meinung nach aber nicht nur im Detail von etwa deutschen, spanischen oder franz\u00f6sischen.<br>Oder zum Thema Klassenbewusstsein (406):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>All human societies have a social hierarchy and methods of indicating social status. What is distinctive about the English class system is (a) the degree to which our class (and\/or class anxiety) determines our taste, behaviour, judgements and interactions; (b) the fact that class is not judged at all on wealth, and very little on occupation, but purely on non-economic indicators such as speech, manner, taste and lifestyle choices; (c) the acute sensitivity of our on board class radar systems; and (d) our denial of all this and coy squeamishness about class: the hidden, indirect, unspoken, hypocritical\/self delusional nature of English class consciousness (particularly among the middle classes).<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Klassenzugeh\u00f6rigkeit erkennt man also nicht am Reichtum, sehr wenig am Beruf, sondern an Redeweise, Geschmack und Lebensstil. Gleichzeitig bestimmt die Klassenzugeh\u00f6rigkeit diese Eigenschaften. Das kann doch aber nicht alles sein? Das klingt nach einem &#8222;separate, but equal&#8220;, aber sind nicht doch einige gleicher als andere?<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss des Buches gibt es ein sehr knappes und \u00fcberschaubares Diagramm zum Englisch-Sein. Fox entschuldigt sich wortgewandt daf\u00fcr, dass sie das nicht sehr gut kann (und illustriert damit gleich einen herausgefundenen englischen Wesenszug). Und weil sie dieses Diagramm w\u00e4hrend des ganzen Buches immer wieder ank\u00fcndigt, will ich ihr das Privileg des Pr\u00e4sentierens nicht nehmen und nur wenig zum Diagramm sagen.<br>W\u00e4hrend des Lesens dachte ich manchmal, die herausgefundenen Wesensz\u00fcge seien so universell, dass sich wie in einem Horoskop jede westliche Nation darin wiedererkennen m\u00fcsste. Das stimmt aber nicht. Ein deutsches Diagramm s\u00e4he ganz anders aus, mit ganz anderem zentralen Begriff &#8211; und w\u00e4hrend der Humor in England in jeder Situation eine Rolle spielt, ist die Anwendung in Deutschland abgegrenzt und geregelt. Deswegen glauben die Engl\u00e4nder auch, die Deutschen h\u00e4tten keinen Humor.<\/p>\n\n\n\n<p><small>(Beitrag stammt aus der Kiste, ich bin immer noch am Stundenplanen und sehr, sehr m\u00fcde.)<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(16 Kommentare.) Kate Fox sitzt in einem Pub, vormittags, einen Brandy vor sich: Teils um sich Mut anzutrinken, teils als Belohnung. Die letzten zwei Stunden hat sie damit verbracht, Passanten im Vorbeigehen anzurempeln und zu z\u00e4hlen, wie oft die Angerempelten &#8222;Sorry&#8220; sagen. 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