{"id":3563,"date":"2011-12-31T10:15:15","date_gmt":"2011-12-31T09:15:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3563"},"modified":"2023-05-24T15:05:15","modified_gmt":"2023-05-24T13:05:15","slug":"neal-stephenson-cryptonomicon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/12\/neal-stephenson-cryptonomicon.htm","title":{"rendered":"Neal Stephenson, Cryptonomicon"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/12\/neal-stephenson-cryptonomicon.htm#comments'>6 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3566\" style=\"float: left; margin-right: 10px;\" title=\"stephenson_crypton\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/stephenson_crypton.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"254\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/stephenson_crypton.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/stephenson_crypton-88x150.jpg 88w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/>Also gut, dann ist es \u00f6ffentlich: Ich bin kein richtiger Geek. Ich bin \u00fcbrigens wirklich kein richtiger Geek. (So wie ich kein richtiger Anglist oder Germanist oder Informatiker bin, kein richtiger Backgammon- oder Rollenspieler oder Filmfan, von allem ein bisschen kann, aber nichts richtig.)<br>Mir hat <em>Cryptonomicon<\/em> von Neal Stephenson n\u00e4mlich nur m\u00e4\u00dfig gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht bin ich mit falschen Erwartungen an das Buch herangegangen. Gro\u00dfer Hype, Kultbuch f\u00fcr Nerds, Internet, Kryptographie, Science-Fiction-Preise gewonnen; au\u00dferdem hatte ich mal ein anderes Buch vom gleichen Autor angelesen, das voller schr\u00e4ger Science-Fiction-Ideen war. Also erwartete ich schon, dass mein Hirn ordentlich durchgesch\u00fcttelt werden w\u00fcrde. Und genau das geschah dann nicht, und zwar auf \u00fcber 1100 Seiten. Die sind es auch, die ich dem Buch vorwerfe. Es liest sich nicht unflott, aber dieselbe Geschichte h\u00e4tte man in halb so viele Seiten packen k\u00f6nnen, und man liest das Buch wegen der Geschichte und nicht der gedrechselten Prosa.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Geschichte: das Buch ist keine Science Fiction. Nicht in der heute \u00fcblichen Bedeutung, mit der Betonung auf dem zweiten Wort. Es ist allerdings <em>Sc\u00edence<\/em> Fiction, vorne betont, in der urspr\u00fcnglichen Gernsback&#8217;schen Bedeutung: Popularisierung existierender wissenschaftlicher oder ingenieurswissenschaftlicher Konzepte. In diesem Fall sind das Betriebssysteme (ein wenig), Computer und Turingmaschine (\u00fcberraschend wenig), eine M\u00f6glichkeit des Abh\u00f6rens von Monitorsignalen (sehr detailliert), ein kleines bisschen Bergbau, viel Milit\u00e4rgeschichte und eine ordentliche, aber keinesfalls \u00fcberw\u00e4ltigende, Menge Kryptographie.<br>Das Buch ist daneben ein Abenteuer- und Milit\u00e4rroman. Der Klappentext weist Tom Clancy, William Gibson und James Michener als Paten aus. Von Gibson merkt man kaum etwas; an Michener erinnern die Schaupl\u00e4tze, die \u00fcberzeugende Recherche und das zumindest scheinbar Weitausholende; am wesentlichsten scheint mir der Anteil an Tom-Clancy-Flughafenlesefutter zu sein. Gehobene Flughafenlekt\u00fcre, so w\u00fcrde ich das Buch bezeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt drei Erz\u00e4hlstr\u00e4nge, zwei davon im zweiten Weltkrieg, einen in der Gegenwart, also ganz am Ende des 20. Jahrhunderts. An bestimmten Stellen bricht der eine Erz\u00e4hlstrang ab und der n\u00e4chste darf wieder mal, das ist g\u00e4ngige Erz\u00e4hltradition, derer ich ein bisschen m\u00fcde geworden bin. Vor Jahren <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/lesetipp-nur-jedes-zweite-kapitel.htm\">habe ich entdeckt<\/a>, dass solche B\u00fccher gewinnen, wenn man tats\u00e4chlich nur einen Strang liest und \u00fcber den Inhalt der anderen ebenso wenig wei\u00df wie der Protagonist eben dieses Strangs. Oder ich w\u00fcrde die drei Erz\u00e4hlstr\u00e4nge lieber als zusammenh\u00e4ngende Texte lesen, also nicht chronologisch-abwechselnd-quasiparallel, sondern erst Buch 1 mit der einen Geschichte, dann Buch 2 und Buch 3 mit jeweils den anderen Geschichten. (Nur bei den <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/05\/gw-dahlquist-the-glass-books-of-the-dream-eaters.htm\">Glass Books of the Dream Eaters<\/a> bin ich auf die interessante Variante gesto\u00dfen, bei der die drei sich abwechselnden Erz\u00e4hlstr\u00e4nge &#8211; es sind gerne mal drei &#8211; zum einen in sehr langen Bl\u00f6cken angeordnet sind, also fast wie Miniromane, und sich zum anderen am Ende jeweils mit einem anderen Strang \u00fcberlappen. Sch\u00f6ner Effekt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bald f\u00e4llt beim Lesen auf, dass viele der Eigennamen aus den 1940er Jahren in der Gegenwart auch auftauchen; es handelt sich also wohl um Nachfahren. Wie genau die jeweils gleichnamigen Personen zusammenh\u00e4ngen, findet man erst sp\u00e4ter heraus, und das ist ein Argument, das tats\u00e4chlich f\u00fcr die Aufteilung in Handlungsstr\u00e4nge spricht. Trotzdem: die ersten 500 Seiten des Buches f\u00fchlten sich an wie Exposition. Es musste doch um irgendetwas gehen, dachte ich. Aber nein, das Buch roch wie &#8222;nach einer wahren Begebenheit&#8220; erz\u00e4hlt, also vermutlich sorgf\u00e4ltig recherchiert, aber eben ziellos. Ein Fokus war f\u00fcr mich erst mit dem Schatz im Silbersee da. (Karl May wird nie als Vorlage f\u00fcr Stephenson genannt, aber wenn nicht er direkt Pate war, dann gibt es wohl gemeinsame Quellen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Interessante oder aktive Frauen gibt es keine im Buch; die Hauptpersonen sind alle im Krieg oder Hacker.<br>Gerissen hat es mich nur einmal, n\u00e4mlich dann, als eine der Personen in den 1940er Jahren auf die Insel Qwghlm (Outer Qwghlm, um genau zu sein) versetzt wird &#8211; eine Inselgruppe der britischen Inseln, im Nordwesten, mit eigener Kultur, eigener Sprache (nicht Keltisch! nicht Keltisch! wie die Leute aus Qwghlm betonen) und langer Geschichte. Bittewie? Qwghlm taucht ansonsten immer wieder mal auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr, dass mir das Buch nur m\u00e4\u00dfig gefallen hat, sind das viele W\u00f6rter geworden. Aber ich will wenigstens einen Blogeintrag davon haben, dass ich die 1100 Seiten gelesen habe. Und wer wei\u00df, vielleicht hinterl\u00e4sst das Buch ja doch noch Spuren bei mir.<\/p>\n\n\n\n<p>(Als Fu\u00dfnote zur Recherche: &#8222;Wehrmachtnachrichtungenverbindungen&#8220; ist kein deutsches Wort, lieber Autor, liebes Lektorat.)<\/p>\n\n\n\n<center>***<\/center>\n\n\n\n<p>Das Buch wurde als &#8222;ultimate geek novel&#8220; (Jay Clayton, via Wikipedia) bezeichnet. Hm, ja. Da mag etwas dran sein. Und ich bin nun mal kein Geek. Ich mag Science Fiction lieber als Geek Novels. (Und werde die Finger von Stephensons <em>Baroque Cycle<\/em> lassen, allenfalls noch einmal seine Science Fiction ausprobieren.)<\/p>\n\n\n\n<p>Bislang dachte ich, ich w\u00fcrde &#8211; in den Momenten, in denen ich nichts Besseres zu tun habe &#8211; die Welt der Geschichten einteilen in <em>Pulp Fiction<\/em> auf der einen und <em>Literature<\/em> (\/&#8217;l\u026at\u0259r\u0259tj\u028a\u0259\/) auf der anderen. Und ich mag beides. Asimov sagt, gute Science Fiction muss auch gute Literatur sein; ich glaube manchmal, gute SF kann keine gute Literatur sein. Aber es gibt wohl eine dritte Art von Geschichten, und bald werde ich dieses Einteilungssystem ohnehin aufgeben m\u00fcssen: es gibt Beststeller-Thriller-Flughafenliteratur. Sprachlich und von der Charakterisierung her ist die nicht interessant genug, um als <em>Literature<\/em> durchzugehen; von den Ideen und der schieren Frechheit her nicht k\u00fchn genug, um <em>Pulp<\/em> oder Science Fiction zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>(Gelegentlich tut Genreliteratur so, als w\u00e4re sie Literatur, und das kann gut gehen: Raymond Chandler. Gelegentlich tut die Literatur so, als w\u00e4re sie Genre, und das kann auch gut gehen: <em>Das Foucaultsche Pendel<\/em>.)<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang sehr lesenswert der Brief &#8222;A Private Letter from Genre to Literature&#8220; von Daniel Abraham:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>I saw you tonight. You were walking with your cabal from the university to the little bar across the street where the professors and graduate students fraternize. You were in the dark, plain clothes that you think of as elegant. I have always thought they made you look pale. I was at the newsstand. I think that you saw me, but pretended not to. I want to say it didn\u2019t sting.<br>Please, please, darling let us stop this. This artificial separation between us is painful, it is undignified, and it fools no one. In company, we sneer at each other and make those cold, cutting remarks. And why? You laugh at me for telling the same stories again and again. I call you boring and joyless. Is it wrong, my dear, that I hope the cruel things I say of you cut as deeply as the ones you say of me?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Unbedingt den <a href=\"http:\/\/www.sfsignal.com\/archives\/2011\/12\/guest_post_daniel_abrahams_private_letter_from_genre_to_literature\/\">vollst\u00e4ndigen Brief<\/a> lesen (<a href=\"http:\/\/januarymagazine.blogspot.com\/2011\/12\/when-literature-and-genre-break-up.html\">via January Magazine<\/a>). Vielleicht muss ich meine Zwei- oder Dreiteilung noch einmal \u00fcberdenken, der Brief macht einige gelungene Punkte. Kann man den mit Sch\u00fclern lesen oder \u00fcberfordert sie die Metaphorik darin?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(6 Kommentare.) Also gut, dann ist es \u00f6ffentlich: Ich bin kein richtiger Geek. Ich bin \u00fcbrigens wirklich kein richtiger Geek. (So wie ich kein richtiger Anglist oder Germanist oder Informatiker bin, kein richtiger Backgammon- oder Rollenspieler oder Filmfan, von allem ein bisschen kann, aber nichts richtig.)Mir hat Cryptonomicon von Neal Stephenson n\u00e4mlich nur m\u00e4\u00dfig gefallen. 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