{"id":3751,"date":"2012-04-15T19:42:35","date_gmt":"2012-04-15T17:42:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3751"},"modified":"2023-05-24T15:46:32","modified_gmt":"2023-05-24T13:46:32","slug":"urheberrecht-und-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2012\/04\/urheberrecht-und-gesellschaft.htm","title":{"rendered":"Urheberrecht und Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2012\/04\/urheberrecht-und-gesellschaft.htm#comments'>16 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>In den letzten Wochen liest man immer mehr \u00fcber Urheberrecht und Piraten, offene Briefe von Tatort-Drehbuchautoren und <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kommentare\/mein-kopf-gehoert-mir-ueber-160-statements-zum-urheberrecht\/6484234.html\">Mein-Kopf-geh\u00f6rt-mir-Kampagnen<\/a>. Nicht alle vorgebrachten Behauptungen stimmen. Das Handelsblatt rechtfertigt sich in einer Videobotschaft, <a href=\"http:\/\/www.indiskretionehrensache.de\/2012\/04\/handelsblatt-oliver-stock-sven-prange\/\">\u00fcber die man sich lustig machen kann<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind wohl alles Reaktionen auf den Wahlerfolg der Piraten und den Widerstand gegen ACTA, die verstanden werden als Angriff auf das Urheberrecht. Beides ist so viel mehr als das, auch wenn tats\u00e4chliche viele Menschen unzufrieden mit dem Urheberrecht sind &#8211; zufrieden sind nicht mal die Verlage, denen das Urheberrecht noch nicht weit genug geht und die deshalb ein <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leistungsschutzrecht_f%C3%BCr_Presseverleger\">Leistungsschutzrecht<\/a> f\u00fcr sich reklamieren.<\/p>\n\n\n\n<p>(Fu\u00dfnote: Die \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender verhandeln mit den Verlagen, damit die Sender ja nicht zu viel \u00f6ffentlich-rechtliches Material ins Internet stellen. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Depublizieren\">Depublizieren<\/a> ist der Fachausdruck daf\u00fcr, wenn nach sieben Tagen Material nicht mehr zug\u00e4nglich sein darf. Das ZDF <a href=\"http:\/\/netzpolitik.org\/2012\/zdf-macht-aus-vollkommen-anderen-grunden-genau-das-was-die-verleger-wollen\/\">will online auch weitgehend auf Texte verzichten<\/a>, weil sie ja Fernsehen machen und nicht irgendwas mit W\u00f6rtern. Mit dem Druck durch die Verlage habe das aber nichts zu tun.)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Katalog von Fragen und Behauptungen zum Thema:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Ich m\u00f6chte f\u00fcr manches nicht zahlen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich in meinem Blog ein Buch bespreche, will ich das Titelbild dazu einscannen und in die Besprechung einbauen &#8211; ohne vom guten Willen der Verwertungsrechteinhaber abh\u00e4ngig zu sein. Es tut der Gesellschaft gut, wenn ich \u00f6ffentlich \u00fcber B\u00fccher schreibe. (Und mit &#8222;ich&#8220; meine ich nat\u00fcrlich: Leute.) Deshalb sollte der Staat das unterst\u00fctzen und nicht behindern.<br>Darf ich das mit den Titelbildern im Moment? Ich wei\u00df es nicht mal sicher, aber vermutlich nicht. Darf ich das nur als Journalist oder Wissenschaftler? Bin ich dann als Blogger Journalist mit allen Rechten und Pflichten? Muss ich beim Zitieren wissenschaftliche Kriterien anwenden? Darf ich ver\u00f6ffentlichte Filmausschnitte oder Musikclips zitieren? Klare Antwort: nein. W\u00e4re es gut f\u00fcr die Gesellschaft, wenn ich das d\u00fcrfte? In welchem Rahmen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Ich kann f\u00fcr manches nicht zahlen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weil ich kein Geld habe. Die GEMA ist n\u00e4mlich gar nicht teuer, aber der Papierkram zu aufwendig. Es gibt noch keine brauchbaren Gesch\u00e4ftsmodelle. Ich m\u00f6chte auf das Angebot einer Zeitung verlinken k\u00f6nnen, ein paar Euro einwerfen, und daf\u00fcr ist der Text hinter dem Link f\u00fcr zwei Wochen freigeschaltet (f\u00fcr meine Leser und alle anderen). Bei Musikschnipseln f\u00fcr Podcasts ist das schwieriger &#8211; ich m\u00f6chte nicht zur Depublikation nach einem bestimmten Zeitraum gezwungen werden. Auch das tut der Gesellschaft gut &#8211; und zwar mehr, als dass es der Gesellschaft schadet, indem es den Spielraum der Verwertungsrechteinhaber beschneidet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Es gibt eine Kostenloskultur im Internet und anderswo<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das mit der Kostenloskultur ist ein beliebtes Schlagwort, und das Handelsblatt weist darauf hin, das weder frische Luft noch sch\u00f6ner Ausblick und eigentlich nichts auf der Welt kostenlos ist. &#8222;Was nichts kostet, ist auch nichts wert&#8220; h\u00f6rt man ebenfalls oft. Das ist Unfug. Mein Blog kostet nichts und ist ein bisschen was wert. (Schlie\u00dflich w\u00fcrden mir Leute Geld daf\u00fcr zahlen, hier Werbung zu schalten.) Aber vor allem gibt es viele Open-Source-Produkte &#8211; ich nutze Linux, Thunderbird, Firefox und viele weitere. Auch im realen Leben gibt es Freiwillige, die sich engagieren, ohne daf\u00fcr bezahlt zu werden.<br>Das Schlagwort von der Kostenloskultur gilt eher f\u00fcr Wohnungseinweihungs- und Geburtstagsfeiern, wo jugendliche oder \u00e4ltere G\u00e4ste ein paar Gigabyte mp3-Aufnahmen mitbringen und auf die Festplatte des Gastgebers kopieren. Ich glaube nicht, dass dadurch der Musikindustrie Verluste entstehen, auch wenn ich aus anderen Gr\u00fcnden dagegen bin. Mein Wunsch, diese Leute strafzuverfolgen, h\u00e4lt sich allerdings in Grenzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>4. Softwarepiraterie ist keine Piraterie, Raubkopie ist kein Raub, Diebstahl von geistigem Eigentum gibt es nicht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nur um mal ein paar Begriffe zu kl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8212; Zu diskutieren:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Gesellschaft braucht hauptberufliche Urheber. (Journalisten, Maler, Drehbuchautoren, Romanschreiber, Bildhauer.)<br>Ohne Fernsehsender k\u00f6nnen Drehbuchautoren, ohne Verlage keine Romanautoren, ohne Zeitungen keine Journalisten leben.<br>Korollar: Nur wenn es dem Verlag gut geht, geht es auch dem Autor gut.<br>Ein Urheber muss Rechte an den Verwerter abtreten. Tritt er zur Zeit zu viele, zu wenige oder genau richtig ab?<br>Die Marktwirtschaft regelt das nicht allein, es gibt Gesetze. Das Urheberrecht kann man gar nicht abtreten; f\u00fcr bestimmte Leistungen muss man gesetzlich angemessen entlohnt werden, auch eventuell im Nachhinein.<br>Was hat der Urheber von der aktuellen Rechteabgabe?<br>Was hat der Verleger von der aktuellen Rechteabgabe?<br>Was hat die Gesellschaft von der aktuellen Rechteabgabe?<br>Wenn ich verlange, dass Urheber mehr Geld erhalten (bei gleichbleibender weitgehend vollst\u00e4ndiger Rechteabgabe, oder eben gleich viel Geld f\u00fcr weniger umfassende Rechteabgabe, so dass sie mit den verbliebenen Rechten selber Geld machen k\u00f6nnen), sollten sich die Urheber doch eigentlich freuen. Die Verwerter sagen, dass sie mehr Geld nicht zahlen k\u00f6nnen, pleite gehen, und die Urheber dann gar nichts mehr bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.spreeblick.com\/2012\/04\/14\/ich-heb-dann-mal-ur\/\">K\u00fcrzer schreibt das Johnny Haeusler.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gesellschaftliche Akzeptanz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gesetze allein k\u00f6nnen das nicht regeln. Die Gesellschaft muss ein Bewusstsein daf\u00fcr entwickeln, dass freie Inhalte etwas wert sind, und dass es sich lohnt, unfreie Inhalte zug\u00e4nglich und verwendbar zu machen. Die Gesetzgebung zwingt niemanden dazu, \u00f6kologisch saubere Produkte zu kaufen oder Fleisch aus artgerechter Tierhaltung. Es zwingt auch niemanden dazu, solche Produkte anzubieten. Aber es entwickelt sich ein Bewusstsein, dass das eine gute Sache ist. \u00c4hnlich muss es auch mit freiem Material gehen. Es muss sich ein Bewusstsein entwickeln, dass das sehr wohl etwas wert ist, und DRM-blockierte Dateien und propriet\u00e4re Formate m\u00fcssen verp\u00f6nt sein und nicht verboten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bunte Bl\u00fcten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/halbtagsblog.de\/2012\/04\/14\/lehrer-sein-heute-und-morgen\/\">Jan-Martin Klinge im Halbtagsblog schildert anschaulich,<\/a> welche Folgen es h\u00e4tte, wenn man folgende Dienstanweisung des Th\u00fcringischen Kultusministeriums ernst nehmen w\u00fcrde:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Schulleiterin\/der Schulleiter \u00fcberpr\u00fcft in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden die Einhaltung der Bestimmungen des Gesamtvertrages an der Schule. Dazu ist von jeder Lehrkraft eine \u00dcbersicht zu f\u00fchren, in der fortlaufend eingetragen wird, was, wann, aus welcher Quelle in welcher Anzahl kopiert wurde. Diese \u00dcbersichten sind von der Schulleitung regelm\u00e4\u00dfig zu pr\u00fcfen.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(16 Kommentare.) In den letzten Wochen liest man immer mehr \u00fcber Urheberrecht und Piraten, offene Briefe von Tatort-Drehbuchautoren und Mein-Kopf-geh\u00f6rt-mir-Kampagnen. Nicht alle vorgebrachten Behauptungen stimmen. Das Handelsblatt rechtfertigt sich in einer Videobotschaft, \u00fcber die man sich lustig machen kann. Das sind wohl alles Reaktionen auf den Wahlerfolg der Piraten und den Widerstand gegen ACTA, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[114],"class_list":["post-3751","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fundstuecke","tag-urheberrecht"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3751","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3751"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3751\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":57962,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3751\/revisions\/57962"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3751"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3751"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3751"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}