{"id":3788,"date":"2012-05-25T10:05:25","date_gmt":"2012-05-25T08:05:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3788"},"modified":"2023-06-17T13:16:36","modified_gmt":"2023-06-17T11:16:36","slug":"dynamische-texte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2012\/05\/dynamische-texte.htm","title":{"rendered":"Dynamische Texte"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2012\/05\/dynamische-texte.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Im Studium sa\u00df ich als Hiwi am Englisch-Lehrstuhl nach Jahren des Umgangs mit etwas moderneren Betriebssystemen (Windows 3.1, Atari-TOS) wieder an einem alten Rechner mit monochromem Bildschirm, 80 Zeichen pro Zeile und keiner weiteren Grafik. Auf so einem Ger\u00e4t hatte ich als F\u00fcnfzehnj\u00e4hriger herumgespielt, ein einfaches Snake programmiert, solche Sachen.<br>Aus Spieltrieb kramte ich damals meine alten Basic- und Peek&amp;Poke-Kenntnisse heraus und versuchte, ASCII-Lyrik zu schreiben. Im Netz hatte ich schon ein Magazin dieses Namens entdeckt, aber das war nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte. Zur Erinnerung (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/09\/iso-8859-1-utf-8-und-wordpress.htm\">alter Blogeintrag<\/a>): ASCII ist ein Zeichensatz, bei dem die Nummer 65 einem gro\u00dfen A entspricht, die 66 einem gro\u00dfen B und so weiter, bei 97 kommt das kleine a und 122 ist das z. Im Prinzip entsprechen die Nummern 32-126 verschiedenen druckbaren Zeichen, also Buchstaben, Ziffern und Satzzeichen. Wenn man einem kleinen Programm sagt, dass es nacheinander die Zeichen mit den Nummern 72-96-154-154-157 ausdrucken soll, dann kommt &#8222;Hallo&#8220; heraus. Bislang m\u00e4\u00dfig lyrisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es gab ja auch noch die nicht druckbaren ASCII-Zeichen von 0 bis 31. Die kann man genauso ausgeben wie die anderen Zeichen, nur dass sie sich anders verhalten&#8230; Zeichen 7 gibt einen kurzen Piepton aus, bei Zeichen 12 (&#8222;Line Feed&#8220;) geht man eine Zeile nach unten, bei Zeichen 15 (&#8222;Carriage Return&#8220;) geht man an den Anfang der Zeile. Wenn man also dem Programm sagt, dass es nacheinander die Zeichen mit den Nummern 72-96-154-154-157-15-74-101 ausdrucken soll, dann schreibt das Program H-a-l-l-o, geht zum Zeilenanfang und \u00fcberschreibt die ersten beiden Zeichen der Zeile mit J-e, so dass am Schluss J-e-l-l-o dasteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ausger\u00fcstet, machte ich mich daran, ein Gedicht des japanischen Dichters Arakida Moritake (1452-1540) in ASCII-Lyrik umzuformen. Das Gedicht war mir in einer englischen \u00dcbersetzung begegnet und hatte gleich beim ersten Lesen gro\u00dfen Eindruck auf mich gemacht. Hier ist es:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>The fallen blossom flies back to its branch:<br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;A butterfly.<br>(Moritake)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die ASCII-Form des Gedichts schrieb zuerst die erste Zeile, wartete dann kurz, und \u00fcberschrieb danach Teile der ersten Zeile mit der zweiten. Das Gedicht war damit nicht unbedingt besser geworden, aber ich hatte mich an die ASCII-Beschr\u00e4nkung gehalten und das Gedicht dynamisch gemacht; der Text ver\u00e4nderte sich mit der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>In gedruckter Literatur ist mir einmal ein vergleichbarer Effekt begegnet, in einem ansonsten nicht sehr wichtigen Roman von Philip Roth. In einem sp\u00e4teren Kapitel tauchten Personen auf, die es laut einem fr\u00fcheren Kapitel eigentlich gar nicht mehr geben d\u00fcrfte. Wie-wo-was? Ich war wirklich verwirrt. Der Text hatte sich f\u00fcr mich umgeschrieben. War dann aber doch nicht so, wie ein kurzes Nachschlagen ergab: der Philip Roth hatte einfach unmarkiert und unauff\u00e4llig einige Regeln des Erz\u00e4hlens gebrochen, Kapitel 2 war sozusagen nicht die Fortf\u00fchrung von Kapitel 1, sondern die eines Kapitels, in dem die Handlung anders verlaufen war. Wie gesagt, ein kurzes Zur\u00fcckbl\u00e4ttern kl\u00e4rte das.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei digitalem sich selbst ver\u00e4nderndem Text l\u00e4sst sich das aber nicht so leicht \u00fcberpr\u00fcfen. Ahem, wenn ich wieder mal meine neue Lieblingstextsorte Interactive Fiction bem\u00fchen darf&#8230; da fallen mir zwei Spiele ein, die sich genau das zunutze machen. Bei einem davon hat man recht schnell den Verdacht, dass da etwas nicht stimmt, dass die Raumbeschreibung nicht mehr ganz die gleiche ist wie zuvor. (Ein Merkmal von Interactive Fiction ist ja, dass man sich immer wieder Raumbeschreibungen neu geben l\u00e4sst, weil einem das bei der Orientierung hilft.) Das kristallisiert sich bald als zentrales Element des Spiels heraus. Bei einem anderen Spiel geschieht das unauff\u00e4lliger, aber \u00e4hnlich effektiv. Die Welt bricht um einen zusammen, eines Philip K. Dick w\u00fcrdig, ohne dass man so einfach zur\u00fcckbl\u00e4ttern kann. Aber zugegeben, vielleicht z\u00e4hlt das Speichern und Laden des Spielstands doch als Zur\u00fcckbl\u00e4ttern.<\/p>\n\n\n\n<p>In jungen Jahren wollte ich immer mal eine Geschichte lesen, oder zur Not schreiben, bei der der Name der Hauptperson alle paar Seiten wie durch einen Tippfehler leicht variiert werden w\u00fcrde, und zwar das ganze Buch durch immer mehr. Andere Namen vielleicht auch. Digital kann man so etwas gut machen, und zwar eben auch r\u00fcckwirkend. Dann war quasi der Name immer schon anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u00dcbrigen: Sch\u00f6ne Pfingstferien zusammen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) Im Studium sa\u00df ich als Hiwi am Englisch-Lehrstuhl nach Jahren des Umgangs mit etwas moderneren Betriebssystemen (Windows 3.1, Atari-TOS) wieder an einem alten Rechner mit monochromem Bildschirm, 80 Zeichen pro Zeile und keiner weiteren Grafik. 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