{"id":3976,"date":"2012-11-08T22:03:27","date_gmt":"2012-11-08T21:03:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=3976"},"modified":"2023-05-24T13:03:52","modified_gmt":"2023-05-24T11:03:52","slug":"lange-saetze-in-der-schule-und-satzzeichen-zweiter-klasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2012\/11\/lange-saetze-in-der-schule-und-satzzeichen-zweiter-klasse.htm","title":{"rendered":"Lange S\u00e4tze in der Schule, und Satzzeichen zweiter Klasse"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2012\/11\/lange-saetze-in-der-schule-und-satzzeichen-zweiter-klasse.htm#comments'>24 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Ich wei\u00df nicht, ob ich das schon mal geschrieben habe. Das wird in letzter Zeit immer mehr ein Problem. Ich mache das jetzt seit achteinhalb Jahren, manchmal f\u00e4llt mir nichts mehr ein; andere Male stelle ich fest, dass ich meine Gedanken schon mal fr\u00fcher aufgeschrieben habe.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht um die Sprache in Aufs\u00e4tzen ab der 10. Jahrgangsstufe bis hin zum Abitur. Die zeichnet sich aus durch Nominalisierungen, umst\u00e4ndlichen Satzbau und Phrasen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Nominalisierungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Beispiele aus Aufs\u00e4tzen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Man kann eine Reduzierung der Verse pro Strophe feststellen.<\/li>\n\n\n\n<li>Auch ist eine Erleichterung seinerseits zu h\u00f6ren, denn&#8230;<\/li>\n\n\n\n<li>Das Treffen der beiden Personen geschieht, nachdem&#8230;<\/li>\n\n\n\n<li>&#8230;l\u00f6st einen Verwirrungszustand in dem Leser aus.<\/li>\n\n\n\n<li>Zu beachten ist, dass die Abiturienten eine sehr starke Kompetenzsteigerung erfahren.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besser sind hier Nebens\u00e4tze und Verben: Es werden weniger Verse pro Strophe; jemand ist erleichert; Personen treffen sich einfach und der Leser wird verwirrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An den Nominalisierungen sind wir teilweise selber schuld. Wir drillen die armen Sch\u00fcler in den Aufsatz-Gliederungen zum Nominalstil, bis sie nicht mehr anders k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Satzbau<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Sch\u00fcler, die erst einmal nicht anders k\u00f6nnen als ihre Gedanken in einen einzigen Satz (genauer: eine einzige Periode) zu packen. Das geschieht automatisch, fast zwanghaft. Und sp\u00e4testens ab dieser Jahrgangsstufe haben die Sch\u00fcler schon recht komplexe Gedanken. Wenn man die in eine Periode packt, wird die recht umst\u00e4ndlich:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade in der heutigen Zeit in der westlichen Welt, wo viele Leute nahe beieinander leben, die einerseits an einen hohen Lebensstandard gewohnt sind, sich andererseits an eine Methode, diesen zu erreichen, n\u00e4mlich immer an den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen eigenen Profit zu denken, gew\u00f6hnt haben, was wiederum der Gesellschaft schadet, sind die so genannten Tugenden, wie zum Beispiel Bescheidenheit, R\u00fccksicht und Verantwortungsbewusstsein, allen voran jedoch Mitgef\u00fchl, um so wichtiger.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In <em>Deutsch f\u00fcrs Leben<\/em> von Wolf Schneider gibt es eine sch\u00f6ne Anleitung zur &#8222;Satzzertr\u00fcmmerung&#8220;, wie er das nennt, mit Beispielen, wie man solcher Unget\u00fcme Herr wird. Die teile ich gerne mal meinen Sch\u00fclern aus. Danach verbesserte ein Sch\u00fcler meiner 10. Klasse den Satz oben so, wobei bewusst nichts an Inhalt und Wortwahl ge\u00e4ndert wurde:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heutzutage leben in der westlichen Welt viele Menschen nahe beieinander. Diese sind an einen hohen Lebensstandard gew\u00f6hnt und versuchen immer, diesen zu erreichen. Hierbei denken sie stets an den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen eigenen Profit, was jedoch der Gesellschaft schadet. Deshalb sind heute Tugenden wie zum Beispiel Bescheidenheit, R\u00fccksicht und Verantwortungsbewusstsein, aber vor allem Mitgef\u00fchl sehr wichtig.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man solche S\u00e4tze verst\u00e4ndlich macht, versteht man sie auch leichter. Das birgt die Gefahr, dass man auch eventuelle Schw\u00e4chen im Gedankengang leichter erkennt. Zum \u00dcben ein weiterer Satz aus einem Sch\u00fcleraufsatz:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegensatz dazu steht seine Frau Jokaste, die erst erfreut \u00fcber die Meldung des Boten, dass Polybos, der Ziehvater von \u00d6dipus, verstorben sei und somit die Angst ihres Mannes, den eigenen Vater zu t\u00f6ten, unbegr\u00fcndet ist, ist, dann jedoch durch die Schilderung des Boten \u00fcber seine Bekanntschaft mit \u00d6dipus bemerkt, dass sie durchaus eine weit engere Beziehung zu ihrem Mann haben k\u00f6nnte, als sie es zun\u00e4chst vermutet hatte.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz ernsthaft: Meine Sch\u00fcler waren geradezu entr\u00fcstet dar\u00fcber, dass pl\u00f6tzlich ein Lehrer weniger umst\u00e4ndliche S\u00e4tze fordert. Ich bin mir einigerma\u00dfen sicher, dass keine Lehrkraft der Jahre zuvor das so erkl\u00e4rt hat, aber bei den Sch\u00fclern h\u00e4ngen geblieben ist trotzdem: <em>Ich soll umst\u00e4ndliche S\u00e4tze machen.<\/em> Haupts\u00e4tze are for sissies.<br>Das ist zum Teil eine ganz nat\u00fcrliche Entwicklung. Die Sch\u00fcler wollen anspruchsvolle Texte schreiben, sind auch stolz darauf, so etwas zu k\u00f6nnen, und schie\u00dfen dabei \u00fcber das Ziel hinaus. Und jetzt m\u00fcssten sie lernen, wieder einfachere S\u00e4tze zu bauen. (Manche Erwachsene verlassen nie dieses Stadium.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Satzzeichen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der erste Schritt zur Satzzertr\u00fcmmerung ist, ab und zu mal einen Punkt zu machen. Oder ein anderes Satzzeichen. Meine Sch\u00fcler (10. Klasse) waren geschockt, als ich ihnen sagte, sie d\u00fcrften auch einen Doppelpunkt zur Verbindung zweier S\u00e4tze verwenden. Einen DOP-pel-PUNKT! (Tumult im Klassenzimmer.) Oder ein Semikolon. Auch mal, f\u00fcr ganz verwegene, einen Gedankenstrich &#8211; auch wenn Frau Rau und ich, die wir beide dieses Satzzeichen sch\u00e4tzen, unterschiedliche Ansichten dazu haben, wie angebracht es in welchen Textsorten ist. Gedankenstriche f\u00fchren gerne mal zu Parenthesen &#8211; und wir wissen alle, wie schwer man die Finger davon lassen kann, wenn man erst einmal auf den Geschmack gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welche Unterschiede Satzzeichen zwischen zwei S\u00e4tzen machen, kann man bei diesen S\u00e4tzen ausprobieren:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Formal ist der Kopf deines Briefes nicht korrekt; die Betreffzeile fehlt. (Korrekturbemerkung)<\/li>\n\n\n\n<li>Es besteht nur aus nat\u00fcrlichen Substanzen. Es ist v\u00f6llig ungef\u00e4hrlich. (Dauerwerbesendung)<\/li>\n\n\n\n<li>Das ist mit Fruchtsaft gemacht, da sind viele Vitamine drin. (Werbung f\u00fcr S\u00fc\u00dfigkeit)<\/li>\n\n\n\n<li>Mutter feierte bis 4 Uhr fr\u00fch. Ihre Kinder erstickten. (Schlagzeile)<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meistens ist es noch besser, den Zusammenhang zwischen zwei S\u00e4tzen nicht durch ein Satzzeichen anzudeuten, sondern ihn explizit zu machen, indem man Konjunktionen benutzt (weil, so dass, obwohl, w\u00e4hrend) oder Adverbien (deshalb, gleichzeitig, trotzdem). Zur Not gehen auch Pr\u00e4positionen (durch), aber die f\u00fchren automatisch zu Nominalstil, und mit dem \u00fcbertreiben es viele Schreiber ja ohnehin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Phrasen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ebenfalls nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist der Punkt, dass&#8230;&#8220; So beginnen gerne mal Argumente in der Er\u00f6rterung. Das ist einmal problematisch, weil da etwas ganz und gar Nebens\u00e4chliches im Hauptsatz steht. Das eigentlich Wichtige muss sich in einer Nebensatzkonstruktion ein Pl\u00e4tzchen einrichten, und da kann es eng werden. (Nichts gegen Nebens\u00e4tze. Einige meiner besten S\u00e4tze sind Nebens\u00e4tze.) Schlimmer ist das aber, weil das so eine leere Phrase ist. Und daran, f\u00fcrchte ich, sind tats\u00e4chlich nur wir Lehrer schuld.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir bringen den Sch\u00fclern n\u00e4mlich bei, \u00dcberleitungen zu machen. Und legen ihnen dazu oft genug eine Liste von Phrasen vor, die sie verwenden sollen. Ich glaube, man sollte Sch\u00fclern mal probeweise \u00dcberleitungen verbieten; vielleicht k\u00e4men dann zusammenh\u00e4ngendere Texte heraus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Anhang 1: Zum \u00dcben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es darf daher getrost, was auch von allen, deren Sinne, weil sie unter Sternen, die, wie der Dichter sagt: &#8222;versengen, statt leuchten&#8220;, geboren sind, vertrocknet sind, behauptet wird, enthauptet werden, da\u00df hier einem sozuma\u00dfen und im Sinne der Zeit, dieselbe im Negativen als Hydra gesehen, hydratherapeutischen Moment ersten Ranges \u2013 immer angesichts dessen, da\u00df, wie oben, keine mit Rosenfingern den springenden Punkt ihrer schlechthin unvoreingenommenen Hoffnung auf eine, sagen wir, schwansinnige oder wesentielle Erweiterung des nat\u00fcrlichen Stoffgebietes zusamt mit der Freiheit des Individuums vor dem Gesetz ihrer Volksseele zu verraten sich zu entbrechen den Mut, was sage ich, die Verruchtheit haben wird, einem Moment, wie ihm in Handel, Wandel, Kunst und Wissenschaft all\u00fcberall dieselbe Erscheinung, dieselbe Frequenz den Arm bieten, und welches bei allem, ja vielleicht gerade trotz allem, als ein mehr oder minder modulationsf\u00e4higer Ausdruck einer ganz bestimmten und im weitesten Verfolge exc\u00f6sen Weltauffasseraumwortkindundkunstanschauung kaum mehr zu unterschlagen versucht werden zu wollen vermag \u2013 gegen\u00fcbergestanden und beigewohnt werden zu d\u00fcrfen gelten lassen zu m\u00fcssen sein m\u00f6chte.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christian Morgenstern, aus der Vorrede zu den <em>Galgenliedern<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Anhang 2:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeder Intellektuelle hat eine ganz spezielle Verantwortung. Er hat das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren. Daf\u00fcr schuldet er es seinen Mitmenschen (oder &#8218;der Gesellschaft&#8216;), die Ergebnisse seines Studiums in der einfachsten und klarsten und bescheidensten Form darzustellen. Das Schlimmste &#8211; die S\u00fcnde gegen den heiligen Geist &#8211; ist, wenn die Intellektuellen es versuchen, sich ihren Mitmenschen gegen\u00fcber als Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer&#8217;s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er&#8217;s klar sagen kann.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl Popper, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1971\/39\/wider-die-grossen-worte\">&#8222;Wider die gro\u00dfen Worte&#8220;<\/a>, ein Brief des Philosophen Karl Popper, der 1971 in der Zeit erschien. Dieser Brief enth\u00e4lt auch die vielzitierten \u00dcbersetzungen (jedenfalls sind sie mir oft begegnet), in denen Popper die seiner Meinung nach schw\u00fclstigen und unklaren \u00c4u\u00dferungen von Adorno und Habermas in verst\u00e4ndliches Deutsch \u00fcbersetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(24 Kommentare.) (Ich wei\u00df nicht, ob ich das schon mal geschrieben habe. Das wird in letzter Zeit immer mehr ein Problem. Ich mache das jetzt seit achteinhalb Jahren, manchmal f\u00e4llt mir nichts mehr ein; andere Male stelle ich fest, dass ich meine Gedanken schon mal fr\u00fcher aufgeschrieben habe.) 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