{"id":4104,"date":"2013-03-24T09:08:47","date_gmt":"2013-03-24T08:08:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=4104"},"modified":"2023-06-15T18:41:28","modified_gmt":"2023-06-15T16:41:28","slug":"die-achtundachtziger-weine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/03\/die-achtundachtziger-weine.htm","title":{"rendered":"Die achtundachtziger Weine"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/03\/die-achtundachtziger-weine.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Bei Durchsicht meiner B\u00fccher entdeckt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote scroll is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die achtundachtziger Weine<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein saures St\u00fcck Arbeit<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Jahr am Rheine<br>sind leider gewachsen Weine,<br>die an Wert nur geringe,<br>es reiften nur S\u00e4uerlinge<br>im Verlauf dieses Herbstes;<br>nur Herberes bracht er und Herbstes &#8211;<br>zu viel Regen, zu wenig Sonnenschein<br>lie\u00df erhofften Segen zerronnen sein,<br>nichts Gutes floss in die Tonnen ein.<br>Der 88er Rheinwein<br>ist, leider Gottes, kein Wein,<br>um Leidende zu laben,<br>um Gram zu begraben,<br>um zu vertreiben Trauer;<br>er ist daf\u00fcr zu sauer.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Mosel steht es noch schlimmer,<br>da h\u00f6rt man nichts als Gewimmer,<br>nichts als \u00c4chzen und St\u00f6hnen<br>von den V\u00e4tern und S\u00f6hnen,<br>den M\u00fcttern und T\u00f6chtern<br>\u00fcber den noch viel schlechtern<br>Ertrag der heurigen Lese.<br>Der Wein ist wahrhaft b\u00f6se,<br>ein Rachenputzer und Kr\u00e4tzer,<br>wie unter Gl\u00e4ubigen ein Ketzer,<br>wie ein Strolch, ein gef\u00e4hrlicher,<br>in dem Kreise Ehrlicher<br>unter guten Weinen erscheint er,<br>aller Freude ist ein Feind er.<br>Aller Lust ein Verderber;<br>sein Geschmack ist fast noch herber<br>als der des Essigs, den reinen &#8211;<br>ein Wein ist er zum Weinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Wein, der in Sachsen<br>in diesem Jahr ist gewachsen,<br>und bei Naumburg, im Tale<br>der rasch flie\u00dfenden Saale,<br>der ist saurer noch viele Male<br>als der sauerste Moselwein.<br>Wenn du ihn schl\u00fcrfst in dich hinein,<br>ist dir&#8217;s, als ob ein Stachelschwein<br>dir kr\u00f6che durch die Kehle,<br>das deinen Magen als H\u00f6hle<br>erkor, darin zu hausen.<br>Angst ergreift dich und Grausen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Gr\u00fcnberger<br>ist noch sehr viel \u00e4rger.<br>Lass ihn nicht deine Wahl sein!<br>Gegen ihn ist der Saalwein<br>noch viel s\u00fc\u00dfer als Zucker.<br>Er ist ein Wein f\u00fcr Mucker,<br>f\u00fcr die schlechtesten Dichter<br>und dergleichen Gelichter.<br>Er macht lang die Gesichter,<br>blass die Wangen; wie Rasen<br>so gr\u00fcn f\u00e4rbt er die Nasen.<br>Wer ihn trinkt, den durchschauert es,<br>wer ihn trank, der bedauert es.<br>Er hat etwas so Verauertes,<br>da\u00df er sich nicht l\u00e4sst mildern<br>und schwer ist zu schildern<br>in Worten und Bildern.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber der Z\u00fcllichauer<br>ist noch zw\u00f6lfmal so sauer<br>als der Wein von Gr\u00fcnberg,<br>der ist an S\u00e4ure ein Zwerg<br>gegen den Wein von Z\u00fcllichau.<br>Wie eine borstig wilde Sau<br>zu einer zarten Taube<br>so verh\u00e4lt sich, das glaube,<br>dieser Wein zu dem Rebensaft<br>aus Schlesien. Er ist schauderhaft,<br>er ist gr\u00e4sslich und greulich,<br>\u00fcber die Ma\u00dfen abscheulich.<br>Man sollte ihn nur auf Sch\u00e4cherb\u00e4nken<br>den G\u00e4sten in die Becher schenken,<br>mit ihm nur schwere Verbrecher tr\u00e4nken<br>aber nicht ehrliche Zecher kr\u00e4nken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn du einmal kommst<br>in diesem Winter nach Bomst,<br>deine Erfahrung zu mehren,<br>und man setzt, um dich zu ehren,<br>dir heurigen Bomster Wein vor,<br>dann, bitt&#8216; ich dich, sieh dich fein vor,<br>dass du nichts davon versch\u00fcttest<br>und dein Gewand nicht zerr\u00fcttest,<br>weil er L\u00f6cher frisst in die Kleider<br>und auch in das Schuhwerk, leider.<br>Denn dieses Weines S\u00e4ure<br>ist eine so ungeheure,<br>dass gegen ihn Schwefels\u00e4ure<br>der Milch gleich ist, der s\u00fc\u00dfen,<br>die zarte Kindlein genie\u00dfen.<br>F\u00e4llt ein Tropfen davon auf den Tisch,<br>so f\u00e4hrt er mit lautem Gezisch<br>gleich hindurch durch die Platte.<br>Eisen zerst\u00f6rt er wie Watte,<br>durch Stahl geht er wie durch Butter,<br>er ist aller Sauberkeit Mutter.<br>Standhalten vor diesem Sauern<br>weder Schl\u00f6sser noch Mauern.<br>Es l\u00f6st in dem scharfen Bomster Wein<br>sich Granit auf und Ziegelstein.<br>Diamanten werden sogleich,<br>in ihn hineingelegt, pflaumenweich,<br>aus Patina macht er M\u00fcrbeteig.<br>Dieses vergiss nicht, falls du kommst<br>in diesem Winter einmal nach Bomst.<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Trojan<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Also, ich musste viel lachen. Schlichte Form, paargereimt, darunter auch einige Sch\u00fcttelreime (&#8222;Wahl sein\/Saalwein&#8220;) und dreisilbige, &#8222;gleitende&#8220; Reime (&#8222;zerronnen sein\/Tonnen ein&#8220;). Die sind gerne mal Zeichen f\u00fcr eine laxere Haltung dem Thema gegen\u00fcber. Inhaltlich gepr\u00e4gt durch \u00dcbertreibung, noch mehr \u00dcbertreibung, und dann noch etwas \u00dcbertreibung dazu. Dazu geh\u00f6ren auch \u00fcbertriebene Bilder und der \u00fcberwiegend parataktische Satzbau.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe versucht, ein Parallelgedicht im selben Tonfall und mit derselben \u00dcbertreibung zu schreiben. &#8222;Die 2013er Kurse&#8220; h\u00e4tte es gehei\u00dfen, aber ich bin \u00fcber den Anfang nicht hinausgekommen. Zu ernst gemeint, vielleicht weil zu wenig \u00fcbertrieben, wirkt meine Anklage gegen die Sch\u00fcler, und dabei ich habe eigentlich gar kein Bed\u00fcrfnis, \u00fcber sie herzuziehen. Es gefiel mir nicht, was ich schrieb, also lie\u00df ich es sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber vielleicht kann man ja mit einer metrisch interessierten Klasse &#8222;Die 2013er Lehrer&#8220; schreiben? Je Sch\u00fcler eine Strophe und ein Fach, davon nimmt man dann die besten Strophen, ordnet sie der Reihe nach an, und schon h\u00e4tte man ein Gedicht. &#8222;Im Fach Deutsch steht es noch schlimmer\/da h\u00f6rt man nichts als Gewimmer\/nichts als \u00c4chzen und St\u00f6hnen\/von den V\u00e4tern und S\u00f6hnen\/den M\u00fcttern und T\u00f6chtern\/\u00fcber den noch viel schlechtern\/Zustand der heurigen Lehrer.\/In jedem Arbeitsblatt zehn Fehler\/der Unterricht ist so fade\/dass jeder Sch\u00fcler ohne Gnade\/&#8230;&#8220; und so weiter. Gerne mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reimlexikon\">Reimlexikon<\/a> dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>(Nachtrag: Oder gleich die Kursteilnehmer \u00fcber ihren Kurs schreiben lassen? Jede Klasse kriegt doch eh oft gesagt, dass sie die schlimmsten etc. der ganzen Schule sind. Da k\u00f6nnen sie doch mal mit einer Strophe zeigen, wie schlimm sie genau sind.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) Bei Durchsicht meiner B\u00fccher entdeckt: Die achtundachtziger Weine Ein saures St\u00fcck Arbeit In diesem Jahr am Rheinesind leider gewachsen Weine,die an Wert nur geringe,es reiften nur S\u00e4uerlingeim Verlauf dieses Herbstes;nur Herberes bracht er und Herbstes &#8211;zu viel Regen, zu wenig Sonnenscheinlie\u00df erhofften Segen zerronnen sein,nichts Gutes floss in die Tonnen ein.Der 88er Rheinweinist, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1,4],"tags":[51],"class_list":["post-4104","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fundstuecke","category-schule-mal-machen","tag-lyrik"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4104","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4104"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4104\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58288,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4104\/revisions\/58288"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}