{"id":4107,"date":"2013-04-01T07:46:03","date_gmt":"2013-04-01T05:46:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=4107"},"modified":"2024-06-13T19:31:20","modified_gmt":"2024-06-13T17:31:20","slug":"karl-immermann-muenchhausen-eine-geschichte-in-arabesken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/04\/karl-immermann-muenchhausen-eine-geschichte-in-arabesken.htm","title":{"rendered":"Karl Immermann, M\u00fcnchhausen. Eine Geschichte in Arabesken."},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/04\/karl-immermann-muenchhausen-eine-geschichte-in-arabesken.htm#comments'>8 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<figure class=\"wp-block-image size-medium\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"360\" height=\"550\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Muenchhausen_Herrfurth_1_500x763-360x550.jpg\" alt=\"Muenchhausen_Herrfurth_1_500x763\" class=\"wp-image-4112\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Muenchhausen_Herrfurth_1_500x763-360x550.jpg 360w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Muenchhausen_Herrfurth_1_500x763-98x150.jpg 98w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Muenchhausen_Herrfurth_1_500x763.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Auf das Buch gekommen bin ich vielleicht \u00fcber das Erz\u00e4hlspiel <a href=\"http:\/\/www.reich-der-spiele.de\/kritiken\/DieUnfasslichenAbenteuerDesFreiherrnVonMuenchhausen\">Die unfasslichen Abenteuer des Freiherrn von M\u00fcnchhausen<\/a>. (Oder doch \u00fcber <a href=\"http:\/\/fontanefan.blogspot.de\/\">Fontanefan<\/a>, auf dessen Namen ich beim Immermann-Recherchieren mehrfach gesto\u00dfen bin?) Dann lag das Buch ein, zwei Jahre im Regal der zu lesenden B\u00fccher, wanderte dann ins normale B\u00fccherregal, und von dort dann doch wieder zur\u00fcck &#8211; und zur Zeit lese ich es, und bin <em>sehr<\/em> \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch beginnt mit Kapitel 11, also so richtig <em>in medias res<\/em>. Der Enkel M\u00fcnchhausens ist in einer kleinen Gesellschaftsrunde, beginnt zu erz\u00e4hlen, und erz\u00e4hlt und erz\u00e4hlt und kommt von einer Geschichte zur anderen, ohne sie je zu beenden, und ich fange an mir Stellen zu notieren, weil ich so viel schmunzeln muss.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Nun also, dieser Mann betrat die Wachtstube&#8230;&#8220; sagte das Fr\u00e4ulein, welche bei aller Begeisterung f\u00fcr den Erz\u00e4hler sich doch nach einem rascheren Fortschritte der Geschichte sehnte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Noch nicht, meine Gn\u00e4dige&#8220;, versetzte M\u00fcnchhausen kalt, &#8222;so weit sind wir noch nicht. Die historische Darstellung erheischt langsame Entfaltung; auf den Landstra\u00dfen sind Eilwagen eingef\u00fchrt, aber, Sie wissen es ja selbst, unsre Romanciers fahren in ihren Geschichten noch mit der s\u00e4chsischen gelben Kutsche, welche sich ehemals zwischen Leipzig und Dresden bewegte, und zur Vollendung dieser Reise drei Tage gebrauchte, vorausgesetzt n\u00e4mlich, da\u00df der Weg gut war.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Erst nach dem Kapitel 15 und einem Briefwechsel mit dem Buchbinder werden die Kapitel 1-10 nachgeschoben. (Der Buchbinder hat die Kapitel auf eigene Faust umgestellt, um dem Buch einen rei\u00dferischen Anfang zu geben, der beim Publikum besser ankommt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Von Karl Immermann hatte ich vorher nie geh\u00f6rt. Er steht zwischen Romantik und Realismus, zwei Streitschriften gegen Studentenverbindungen wurden auf dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wartburgfest#Wartburgfest_1817\">Wartburgfest<\/a> verbrannt. Also dann nochmal Wartburgfest nachlesen bei Wikipedia, Ideen f\u00fcr die Schule kriegen, und noch mal Mark Twain und Jules Huret \u00fcber deutsche Burschenschaften herauskramen, und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_Ludwig_Jahn\">Turnvater Jahn<\/a>*, aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n\n\n\n<p><small>(*Aus <em>Die deutsche Turnkunst:<\/em> &#8222;Aber im Gegentheil darf man nie verhehlen, dass des Deutschen Knaben und Deutschen J\u00fcnglings h\u00f6chste und heiligste Pflicht ist, ein Deutscher Mann zu werden und geworden zu bleiben, um f\u00fcr Volk und Vaterland kr\u00e4ftig zu w\u00fcrken, unsern Urahnen, den Weltret\u00adtern, \u00e4hnlich. &#8211; So wird man am besten heimliche Jugend\u00ads\u00fcnden verh\u00fcten, wenn man Knaben und J\u00fcnglingen das Reifen zum Biedermanne als Bestrebungsziel hinstellt. Das Vergeuden der Jugendkraft und Jugendzeit durch ent\u00admarkenden Zeitvertreib, faulthierisches Hind\u00e4mmern, br\u00fcn\u00adstige L\u00fcste und hundsw\u00fcthige Ausschweifungen wird auf\u00adh\u00f6ren &#8211; sobald die Jugend das Urbild m\u00e4nnlicher Lebensf\u00fclle erkennt. Alle Erziehung aber ist nichtig und eitel, die den Z\u00f6gling in dem \u00f6den Elend wahngeschaffener Weltb\u00fcrger\u00adlichkeit als Irrwisch schweifen l\u00e4set, und nicht im Vaterlande heimisch macht &#8230; Wer wider die Deutsche Sache und Spra\u00adche freventlich thut oder ver\u00e4chtlich handelt, mit Worten oder Werken, heimlich wie \u00f6ffentlich \u2014 der soll erst ermahnt, dann gewarnt, und so er von seinem undeutschen Thun und Treiben nicht abl\u00e4set, vor jedermann vom Turnplatz ver\u00adwiesen werden. Keiner darf zur Turngemeinschaft kommen, der wissentlich Verkehrer der deutschen Volksth\u00fcmlichkeit ist und Ausl\u00e4nderei liebt, lobt, treibt und besch\u00f6nigt.&#8220; &#8212; Kann man zum Vorm\u00e4rz gut einsetzen, oder mal zusammen mit Ringelnatz&#8216; <a href=\"http:\/\/www.textlog.de\/22880.html\">&#8222;Am Barren&#8220;<\/a> eine Stunde zur Leibesert\u00fcchtigung machen.) <\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu <em>M\u00fcnchhausen.<\/em> Der Roman erschien 1839, und er beginnt liebevoll verschachtelt, gedrechselt, ironisch, verspielt. Hier Gedanken zu einer peinlichen Gespr\u00e4chspause in der geselligen Runde:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wer hat nicht einmal die Last solcher Windstillen in der Gesellschaft erfahren? Die gesamte Soziet\u00e4t sitzt wie eine Flotte, die sich auf dem unbewegten Meeresspiegel nicht zu r\u00fchren vermag. Schlaff hangen die Segel herab, verzweiflungsvoll schaun alle Blicke nach ihnen hinauf, ob nicht ein frisches L\u00fcftchen sie endlich schwellen wolle. Umsonst! Das ist, als ob ein Rad in der Sch\u00f6pfung gebrochen, und die ganze Maschine mit Sonne, Mond und Fixsternen in Stockung geraten sei. So sucht eine in Windstille versetzte Gesellschaft auch verzweiflungsvoll nach einem Gedanken, nach einer Vorstellung, ja nur nach einer Redensart, um sie in die Segel der Konversation zu hauchen; vergebens! Nichts will \u00fcber die Lippen, nichts h\u00f6rbaren Laut gewinnen. Der Mythus sagt, in solchen Zeiten fliege ein Engel durch das Zimmer, aber nach der L\u00e4nge derartiger Pausen zu urteilen, m\u00fcssen zuweilen auch Engel diese Flug\u00fcbungen anstellen, deren Gefieder aus der \u00dcbung gekommen ist. Endlich pflegt einer sich zum Opfer f\u00fcr das Gemeinwesen darzubringen, er f\u00e4hrt mit einer ungeheuren Dummheit heraus, und damit ist der Zauber gel\u00f6set, das Band der Zungen entfesselt; die Ruder klatschen, die Segel sausen, der Kiel schwirrt lustig durch das Meer von Kunst, Stadtneuigkeiten, Politik, Krankheits- und Gesundheitsumst\u00e4nden, Religion und Karnevalsb\u00e4llen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem das Schweigen in der Gesellschaft, von welcher hier die Rede ist, etliche Minuten gedauert hatte, und die verschiednen Affekte der Schweigenden in die hei\u00dfe Sehnsucht, ein menschliches Wort zu vernehmen, \u00fcbergegangen waren, sagte das Fr\u00e4ulein zu M\u00fcnchhausen pl\u00f6tzlich, wie von einem guten Geiste erleuchtet: &#8222;Es pflegt doch immer im Sommer sch\u00f6neres Wetter zu sein, als im Winter.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Zuh\u00f6rer M\u00fcnchhausens bestehen aus dem verarmten Baron, bei dem er untergekommen ist, dessen unverheiratet gebliebener Tochter, und einem verr\u00fcckt gewordenen Dorfschullehrer. Verr\u00fcckt geworden ist der \u00fcbrigens, nachdem er einen neuen modernen Lehrplan bekommen hat:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><a name=\"schulzitat\"><\/a>Da ereignete es sich, dass die allgemeinen Steigerungen des Zeitalters auch einen neuen Lehrplan im Lande hervorriefen, der bis zu den Dorfschulmeistern umbildend durchgreifen sollte. Seine Vorgesetzten schickten ihm ein Lehrbuch der deutschen Sprache zu, eines von denen, welche die ABC-Wissenschaft tiefsinnig und philosophisch begr\u00fcnden wollen, und erteilten ihm die Weisung, seine bisherige rohe Empirie zu rationalisieren, sich selbst zuv\u00f6rderst aus dem Buche zu unterrichten, und dann danach die ver\u00e4nderte Belehrung der Jugend anzufangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schulmeister las das Buch durch, er las es noch einmal durch, er las es von hinten nach vorn, er las es aus der Mitte, und er wusste nicht, was er gelesen hatte. Denn es war darin gehandelt von Stimmlauten und Mitlauten, von Auf- In- und Umlauten; er sollte daraus die Laute tr\u00fcben und verd\u00fcnnen lernen, er sollte durch S\u00e4useln, Zischen, Pressen, durch N\u00e4seln und Gurgeln die Laute hervorbringen, er vernahm, da\u00df die Sprache Wurzeln treibe und Seitenwurzeln, er erfuhr endlich daraus, da\u00df das I der reine Urlaut sei, und dass dessen Erzeugung durch starkes Zusammendr\u00fccken des Kehlkopfes nach dem Gaumen hin geschehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Er bat Gott um Erleuchtung in diesen Finsternissen, aber sein Flehen prallte zur\u00fcck von dem ehernen Himmel. Er setzte sich wieder vor das Buch, mit der Brille auf der Nase, um sch\u00e4rfer zu sehen, wiewohl er bei Tageslicht wohl noch ohne Gl\u00e4ser fertig werden konnte. Ach, nur deutlicher traten seinen bewaffneten Augen die furchtbaren R\u00e4tsel des Daseins, die Sause-, Zisch-, Press-, Nasen- und Gurgellaute entgegen! Darauf legte er das Buch weg, f\u00fctterte seine G\u00e4nse und gab einem Jungen, der gerade dazukam und sagte, der Vater wolle das Schulgeld nicht zahlen, zwei derbe Maulschellen, um durch das praktische Leben Aufschlu\u00df f\u00fcr die Theorie zu gewinnen. Umsonst. Er a\u00df eine Knackwurst, sich k\u00f6rperlich zu st\u00e4rken. Vergebens. Er leerte einen ganzen Senftopf, weil er geh\u00f6rt hatte, dieses Gew\u00fcrz sch\u00e4rfe den Verstand. Eitles Bem\u00fchen!<\/p>\n\n\n\n<p>Er legte das Buch abends vor dem Schlafengehen unter sein Kopfkissen. Leider f\u00fchlte er am anderen Morgen, da\u00df weder die Wurzeln, noch die Seitenwurzeln ihm in den Kopf gedrungen waren. Gern h\u00e4tte er das Buch, wie Johannes jenes vom Engel getragne, auf die Gefahr der empfindlichsten Leibschmerzen hin, verschlungen, w\u00e4re er dadurch des Inhaltes Meister geworden; aber welche Hoffnungen konnte er nach dem Bisherigen von einem so gewagten Versuche hegen? Die Schule stand still, die Kinder fingen Maik\u00e4fer, oder jagten die Enten in den Teich. Die Alten aber sch\u00fcttelten den Kopf und sagten: &#8222;Mit dem Schulmeister hat es seine Richtigkeit nicht.&#8220; Eines Tages, nachdem er sich wieder in seinen verzweiflungsvollen Bem\u00fchungen um den Sinn der D\u00fcnnung und Tr\u00fcbung abgearbeitet hatte, rief er: &#8222;Wenn ich dieser Bestie von Buch nur erst an einem Flecke beigekommen bin, so gibt sich vielleicht das \u00fcbrige von selbst!&#8220; \u2013 Er nahm sich vor, zuv\u00f6rderst den reinen Urlaut I nach der Anweisung des Buchs zu erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er setzte sich daher auf seinen Grasfleck zum Rinde, welches dort, unbek\u00fcmmert um rationelle Lauterzeugung, empirisch brummte, stemmte die Arme in die Seite, dr\u00fcckte den Kehlkopf stark nach dem Gaumen hin, und stie\u00df nun die T\u00f6ne hervor, welche sich auf solche Weise veranstalten lassen wollten. Sie waren h\u00f6chst sonderbar, und so auffallend, dass selbst das Rind vom Grase emporblickte und seinen Herrn mitleidig ansah. Eine Menge Bauern hatte der Schall herbeigezogen; sie standen neugierig und verwundert um den Schulmeister her. &#8222;Gevattern!&#8220;, rief dieser und ruhte einen Augenblick von seiner Anstrengung aus, &#8222;passt einmal auf, ob es der reine Urlaut I wird?&#8220; Darauf gab er sich wieder an die Kehlkopf-Gaumendr\u00fcckung. &#8222;Gott beh\u00fcte!&#8220;, riefen die Bauern, und gingen nach Hause, &#8222;der Schulmeister ist \u00fcbergeschnappt, er quiekt schon wie ein Ferkel.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In dieser Situation redet ein vorbeikommender Student dem Lehrer ein, er sei ein Nachkomme der alten Spartaner, worauf der seine Schule spartanisch umkrempelt und prompt entlassen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>(Aus zwei Gr\u00fcnden f\u00fchle ich mich beim Lachen ertappt. Ist das nicht einfach ein typischer Lehrer, der mit der &#8211; hier ja vielleicht sogar sinnvollen &#8211; neuen wissenschaftlichen Herangehensweise nicht anfreunden kann? Und zweitens habe ich im Sprachenstudium oft genug selbst die Hand an den Kehlkopf gepresst, um auf Stimmhaftigkeit zu testen, und den Kardinalvokal i vom englischen Lang- und Kurzvokal i zu unterscheiden ge\u00fcbt&#8230;)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch steckt irgendwo in der Mitte zwischen Romantik, Biedermeier und Realismus &#8211; einer vernachl\u00e4ssigten Ecke der Literatur, in die auch Ludwig Tiecks &#8222;Des Lebens \u00dcberfluss geh\u00f6rt&#8220;. Das Spiel mit der Ironie und der Form ist romantisch, die Putzigkeit darin manchmal schon biedermeierisch. Denn nach den ersten <s>15<\/s> 17 Kapiteln beginnt Buch 2, und das ist wieder ganz anders. Hier eine kurze \u00dcbersicht:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Buch 1:<\/strong> M\u00fcnchhausens Enkel landet bei einer verarmten adligen Familie, bestehend aus Baron, Tochter Emerentia, und &#8211; noch wenig thematisiert &#8211; dem Findelkind Lisbeth. Er erz\u00e4hlt wirre Geschichten, zu den Zuh\u00f6rern z\u00e4hlt auch ein ehemaliger Schullehrer. Witzig, abwechslungsreich, durcheinander.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Buch 2:<\/strong> Ein junger schw\u00e4bischer Adliger ist inkognito unterwegs (Flucht vor Frauengeschichte, \u00e4hnlich wie Werther) und landet in einem idyllischen Bauernhof. Lob des patriarchalisch urspr\u00fcnglichen Lebens. Alles sehr putzig und eher langweilig. Der Adlige ist auf der Suche nach &#8222;Schrimbs oder Peppel&#8220;, der ihm ein Leids getan hat. Trifft auf Lisbeth.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Buch 3:<\/strong> Mehr \u00fcber M\u00fcnchhausens Diener, verfressen wie Sancho Panza, vertr\u00f6stet statt wie dieser auf einen Gubernatorsposten auf eine Position in der von M\u00fcnchhausen angek\u00fcndigten Fabrik, die Luft zu Steinen presst und als Baumaterial verkauft. (Luftschl\u00f6sser, anybody?) Auch der Baron ist begierig, mitzumachen, und M\u00fcnchhausen, dem die L\u00fcge zu viel wird, versucht ihn mit einer breit angelegten, weit hergeholten L\u00fcgengeschichte aus dem klassischen Griechenland abzulenken. Dem Lehrer geht es wieder besser, er tritt auch seine alte Stelle an, nachdem besagtes Schulbuch &#8222;neuerdings bei einer abermaligen Umgestaltung des Schulplanes auch schon wieder abgeschafft worden&#8220; ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Buch 4:<\/strong> F\u00e4ngt wieder unvermittelt an, diesmal mit einem jungen M\u00fcnchhausen als Ich-Erz\u00e4hler, ohne Erz\u00e4hlrahmen. Handlung: Eine Satire auf die Geistergl\u00e4ubigkeit der Zeit, die sich in B\u00fcchern wie <em>Die Somnamb\u00fcle eigener Art, oder die Seherin von Grossglattbach in ihrer wahren Gestalt<\/em> \u00e4u\u00dfert. Zwei Wissenschaftler erforschen mit M\u00fcnchhausens Hilfe D\u00e4monen und Bessessene und das Zwischenreich allgemein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Buch 5:<\/strong> Die Liebesgeschichte auf dem idyllischen Bauernhof entwickelt sich weiter. Zutaten: Der junge Adlige, inkognito, und Lisbeth, das Findelkind von M\u00fcnchhausens Gastgebern. Am Schluss eine eingeschobene kurze M\u00e4rchennovelle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Buch 6:<\/strong> Der liebende Adlige aus dem letzten Buch besucht die Familie seiner Lisbeth. Trifft auf dem Weg den ber\u00fchmten deutsch-t\u00fcrkischen Reiseschriftsteller Semilasso (das Pseudonym von F\u00fcrst P\u00fcckler-Muskau). Der in Ungnade gefallene M\u00fcnchhausen erh\u00e4lt Unterst\u00fctzung durch seinen Autor und wird bedr\u00e4ngt durch allerlei Gestalten. Im 15. Kapitel Rede zur Verteidigung der L\u00fcge &#8211; mal mit dem Gespr\u00e4ch \u00fcber den G\u00f6tzen Gesellschaft in <em>Effi Briest<\/em> vergleichen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Buch 7:<\/strong> Mehr Verwicklungen auf dem Bauernhof, bis hin zu Mord und Totschlag. Deutlich weniger idyllisch. Kein M\u00fcnchhausen mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Buch 8:<\/strong> Aufl\u00f6sung der Verwicklungen. Auch kein M\u00fcnchhausen mehr. Im Anhang dann wie bei Dragnet: &#8222;Was sp\u00e4ter mit ihnen geschah.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn ich noch nicht mal die H\u00e4lfte des ganzen Buchs gelesen habe, will ich meine Gedanken jetzt schon sammeln, sonst werde ich nie fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>Revolution\u00e4r ist es nicht, obwohl der Adel kritisiert wird:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Leider&#8220;, erwiderte der Diakonus, &#8222;sind unsre h\u00f6heren St\u00e4nde hinter dem Volke zur\u00fcckgeblieben, um es kurz und deutlich auszusprechen. Dass es viele h\u00f6chst ehrenwerte Ausnahmen von dieser Regel gebe, wer wollte es leugnen? Sie befestigen aber eben nur die Regel. Der Stand als Stand hat sich nicht in die Wogen der Bewegung, die mit Lessing begann und eine grenzenlose Erweiterung des gesamten deutschen Denkens, Wissens und Dichtens herbeif\u00fchrte, getaucht. Statt dass vornehme Personen geboren sind, die Patrone alles Ausgezeichneten und Talentvollen zu sein, halten bei uns noch viele Gro\u00dfe das Talent f\u00fcr ihren nat\u00fcrlichen Feind, oder doch f\u00fcr l\u00e4stig und unbequem, gewi\u00df aber f\u00fcr entbehrlich. Es gibt ganze Landstriche im deutschen Vaterlande, in welchen dem Adel, ein Buch zu lesen, noch immer f\u00fcr standeswidrig gilt, und er statt dessen l\u00e4rmende, nichtige Tage abhetzt, wie in den Zeiten jener B\u00fcrgerschen Parforcejagd-Ballade.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig gibt es im zweiten Buch eine idyllische Putzigkeit, wie sie bei Disney nicht nerviger sein k\u00f6nnte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Allgemach begann es auch im Walde am Boden sich zu r\u00fchren. Ein Igel kroch schl\u00e4frig durch das Laub; ein Wieselchen zog den geschmeidigen Leib aus einer Steinspalte, nicht breiter, als der Kiel einer Feder, hervor. Buschh\u00e4slein sprangen mit vorsichtigen S\u00e4tzen, zwischen jedem innehaltend, sich duckend und die L\u00f6ffel legend, ins Freie, bis sie, mutiger geworden, auf dem Rain am Kornfelde sich emporhoben, t\u00e4nzelten, miteinander spielten, und die Vorderl\u00e4ufe zu scherzenden Schl\u00e4gen brauchten.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig wird sich \u00fcber Emerentias Schw\u00e4rmerei lustig gemacht:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Ich stand heute in der Fr\u00fche schon mit einer F\u00fclle von Ahnungen von meinem Lager auf. Die Str\u00fcmpfe sahen mich so bedeutend an, in den Pantoffeln war ein stilles Wesen und Weben, die lange Schnuppe des Nachtlichts, welches herabgebrannt war, wies tiefsinnige Figuren. Ist es mir doch einmal bestimmt, da\u00df nichts gew\u00f6hnlich um mich sein kann, bin ich doch in allen meinen Tagen das Spielwerk dunkler, hoher M\u00e4chte gewesen!&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die mittelalterlich-m\u00e4chtige Romantik gibt es nur noch als profanisiertes Relikt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Schon von weitem zeigten Zinnen, hohe Mauern und Bastionen, dass der Ort, einst ein m\u00e4chtiges Glied im Bunde der Hansa, seine gro\u00dfe, wehrhafte Zeit gehabt habe. Der tiefe Graben war noch vorhanden, wenngleich zu Baumpflanzungen und K\u00fccheng\u00e4rten verwendet.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Fazit: <em>M\u00fcnchhausen<\/em> ist bislang trotz des zweiten Buches sehr vergn\u00fcglich zu lesen. Ich will tats\u00e4chlich wissen, wie es weitergeht. Es bringt mich auf Ideen, anders als der vielger\u00fchmte Jean Paul, mit dem ich nie warm geworden bin. Immer wieder gibt es sch\u00f6ne Formulierungen, etwa die Kritik der Ziegen an der Quelle Hippokrene an der Schmei\u00dffliege, die sich von Kot ern\u00e4hrt statt von feinen Kr\u00e4utern: &#8222;F\u00fchlst du denn nicht, du armer Gesunkener, dass uns alle, Ziegen, K\u00e4fer und Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der br\u00fctenden Mutter auss\u00e4te, die Speise aus der Hand der G\u00f6tter, nicht aber sie aus der Pforte, die da stets nur ausl\u00e4sst und nimmer ein, zu empfangen?&#8220;<br><em>Don Quijote<\/em> und <em>Tristram Shandy<\/em> werden beide erw\u00e4hnt, sind auch als Ahnen erkennbar. Es gibt im M\u00fcnchhausen relativ wenige Figuren, und bisher kein echtes Leid. Vielleicht unterscheidet dass das Buch vom romantischen und romantischkritischen &#8222;Sandmann&#8220;, vom m\u00e4rchenhaft-realistischen Gottfried Keller. Ich wusste jedenfalls nicht, dass es so etwas in der deutschen Literatur gibt.<br>Das Buch ist umfangreich, ich lese es abwechselnd auf Papier und als ePub, je nach Lesesituation. Das Lesen auf dem Tablet f\u00fchrt dazu, dass ich mir leicht Stellen anmerke und als Mail an mich selber weiterleite.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dfen will ich mit einem Zitat aus Immermanns Roman <em>Die Epigonen<\/em>, auf das ich <a href=\"http:\/\/wiki.zum.de\/Karl_Immermann\">im ZUM-Wiki gesto\u00dfen<\/a> bin, und das mir zu seiner merkw\u00fcrdigen Stellung in der Literaturgeschichte zu passen scheint:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen, und tragen an der Last, die jeder Erb- und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt. Die gro\u00dfe Bewegung im Reiche des Geistes, welche unsre V\u00e4ter von ihren H\u00fctten und H\u00fcttchen aus unternahmen, hat uns eine Menge von Sch\u00e4tzen zugef\u00fchrt, welche nun auf allen Markttischen ausliegen. Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die geringe F\u00e4higkeit wenigstens die Scheidem\u00fcnze jeder Kunst und Wissenschaft zu erwerben. Aber es geht mit geborgten Ideen, wie mit geborgtem Gelde, <del datetime=\"2013-04-02T06:01:29+00:00\">wie<\/del> wer mit fremdem Gute leichtfertig wirtschaftet, wird immer \u00e4rmer.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(8 Kommentare.) Auf das Buch gekommen bin ich vielleicht \u00fcber das Erz\u00e4hlspiel Die unfasslichen Abenteuer des Freiherrn von M\u00fcnchhausen. (Oder doch \u00fcber Fontanefan, auf dessen Namen ich beim Immermann-Recherchieren mehrfach gesto\u00dfen bin?) Dann lag das Buch ein, zwei Jahre im Regal der zu lesenden B\u00fccher, wanderte dann ins normale B\u00fccherregal, und von dort dann doch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4112,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[224,263,162],"class_list":["post-4107","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-buecher","tag-buecher","tag-poetischer-realismus","tag-romantik"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Muenchhausen_Herrfurth_1_500x763.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4107","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4107"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4107\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62483,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4107\/revisions\/62483"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4112"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4107"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4107"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4107"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}