{"id":4152,"date":"2013-04-21T11:04:24","date_gmt":"2013-04-21T09:04:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=4152"},"modified":"2023-05-16T09:06:53","modified_gmt":"2023-05-16T07:06:53","slug":"j-c-squire-if-it-had-happened-otherwise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/04\/j-c-squire-if-it-had-happened-otherwise.htm","title":{"rendered":"J. C. Squire, If It Had Happened Otherwise"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/04\/j-c-squire-if-it-had-happened-otherwise.htm#comments'>7 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Ich wei\u00df nicht mehr, was meine erste &#8222;Was w\u00e4re, wenn&#8220;-Geschichte war. Als Science-Fiction-Leser war man ja quasi permanent mit so etwas besch\u00e4ftigt. Etwas abgek\u00fcrzt gesagt, ging es n\u00e4mlich bei <em>science <\/em> fiction &#8211; Betonung auf dem ersten Wort &#8211; am Anfang darum, dass eine neue technische Erfindung postuliert wurde, und dann spann man eine Geschichte drumrum.<sup>1<\/sup> Zuerst ersetzte dabei der technische Reiz einer neuen Erfindung eine sinnvolle Geschichte, so dass man Charakterisierung und Handlung, wenn sie mal weniger entwickelt waren, gar nicht gro\u00df vermisste. Was w\u00e4re, wenn es Leben auf anderen Planeten g\u00e4be, wenn man zum Mond fliegen k\u00f6nnte, wenn es Teleportation g\u00e4be? Sp\u00e4ter wurde in vielen Geschichten dieser technische Reiz dann zu blo\u00dfem Lokalkolorit: Raumschiffe und ferne Planeten waren gegeben, und die Geschichten hatten mit der Technik und ihren Konsequenzen nicht unbedingt viel zu tun: Space Opera.<sup>2<\/sup> Ab den sp\u00e4teren 1950er Jahren ging es vielen Science-Fiction-Autoren dann doch wieder um die Konsequenzen der Technik, diesmal auf die Gesellschaft und ihre Entwicklung. Damit n\u00e4herten sie sich der klassischen Utopie und Dystopie. Erhalten blieb das &#8222;was w\u00e4re, wenn&#8220;.<\/p>\n<div style=\"width: 160px; float:right; margin-left:10px;\" > <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/WhatIf1.jpg\" alt=\"WhatIf1\" width=\"154\" height=\"239\" class=\"alignnone size-full wp-image-4154\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/WhatIf1.jpg 154w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/WhatIf1-96x150.jpg 96w\" sizes=\"auto, (max-width: 154px) 100vw, 154px\" \/><small>What If Nr. 1. Cover: Joe Sinnott. Script: Roy Thomas. Marvel 1977.<\/small><\/div>\n<p>Eine verwandte Art von &#8222;What if&#8220; kommt aus der Geschichtsschreibung. Begegnet bin ich ihr zum ersten Mal in der Marvel-Comic-Serie &#8222;What If&#8220; (1977): In jedem Heft wurde eine Situation aus der etablierten Marvel-Geschichte neu durchgespielt. Bekanntlich versuchte der frischgebackene Superheld Spider-Man ja im ersten Heft seiner eigenen Serie, dem Superheldenteam Fantastic Four beizutreten, es kam allerdings aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht dazu. Das erste What-If-Heft tr\u00e4gt den Titel &#8222;What If Spider-Man Joined The Fantastic Four&#8220; und schildert eine alternative Version der Marvel-Geschichte. <\/p>\n<p>Die Comicserie hat diese Idee nat\u00fcrlich auch nicht erfunden, in der Literatur gibt es viele Vorg\u00e4nger. Bei amerikanischen Autoren geht es typischerweise um Welten, in den die S\u00fcdstaaten den B\u00fcrgerkrieg gewonnen haben; h\u00e4ufig sind auch Geschichten, in denen der zweite Weltkrieg anders verlaufen ist.<sup>3<\/sup> Bei Wikipedia gibt es eine lange Liste von <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Alternate_history\">alternate histories<\/a> und <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Counterfactual_history\">counterfactual history<\/a>. (Der Unterschied zwischen beiden ist hier egal.)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"width: 160px; float:left; margin-right:10px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/if_it_had_happened.jpg\" alt=\"if_it_had_happened\" width=\"150\" height=\"242\" class=\"alignnone size-full wp-image-4153\" \/>Ein fr\u00fches Mitglied des Genres ist die Anthologie <em><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/If_It_Had_Happened_Otherwise\">If It Had Happened Otherwise<\/a><\/em> (1931), herausgegeben von J.C. Squire. Vorbild dazu war der Essay &#8222;If Napoleon had Won the Battle of Waterloo&#8220; (1907) des Historikers George Trevelyan, im Anhang der Neuausgabe von 1972 erhalten. &#8212; Ebenfalls im Anhang: Ein Auszug aus <em>The First World War: An Illustrated History<\/em> (1963), in dem der Historiker A.J.P. Taylor argumentiert, dass der Erste Weltkrieg m\u00f6glicherweise <em>nicht<\/em> unausweichlich war, sondern tats\u00e4chlich eine Vielzahl von m\u00f6glichen Kleinigkeiten vor der Ermordung von Gro\u00dfherzog Ferdinand und seiner Frau in Sarajevo diese h\u00e4tten verhindern k\u00f6nnen, und dass daraufhin die unausweichliche Kriegsmaschinerie sich nicht h\u00e4tte in Bewegung setzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Anthologie wurden solche Essays von meist britischen Autoren geschrieben. Wegen einer solchen Geschichte war ich seit ein paar Jahren hinter dem Buch her: &#8222;If Lee had not Won the Battle of Gettysburg&#8220; von Winston Churchill. Zur Erinnerung: Der S\u00fcdstaatengeneral Lee <em>verlor<\/em> die Schlacht von Gettysburg, ein Wendepunkt im amerikanischen B\u00fcrgerkrieg. Churchills Text stellt demnach die Gedankenspielerei eines Historikers aus einer Welt dar, in der die S\u00fcdstaaten den B\u00fcrgerkrieg <em>gewonnen<\/em> haben, und in der spekuliert wird, wie es gewesen w\u00e4re, wenn der Norden gewonnen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es diese Gedankenspielerei in Ans\u00e4tzen auch in einigen der anderen Texte. Bei Hillaire Belloc (franz\u00f6sische Revolution), Robert Knox (Generalstreik von 1926), Charles Petrie (Bonnie Prince Charlie) wird in der alternativen Welt spekuliert, wie es gewesen w\u00e4re, wenn die Ereignisse sich so entwickelt h\u00e4tten wie in unserer Welt. In anderen Geschichten (Maurois, Belloc, Waldmnn) wird von den alternativen Historikern betont, dass deren jeweilige Entwicklung &#8222;unvermeidlich&#8220; war &#8211; ironisch nat\u00fcrlich, weil es ja eben doch nicht so war, und damit implizit fragend, wie unausweichlich die Geschichte in unserer Welt ist.<\/p>\n<p>Fast alle Essays nehmen die Form historischer Geschichtsschreibung mit der entsprechenden historischen Distanz an. Guedalla (siegreiche Mauren in Spanien) erg\u00e4nzt das durch Briefe und andere Dokumente aus seiner Welt. Eine Ausnahme stellen lediglich drei Texte dar, die Geschichte um das misslungene Attentat auf Lincoln, und die beiden in der j\u00fcngsten Vergangenheit spielenden: Das eine ist ein mehr oder weniger erz\u00e4hlender Text von John Squire, laut dem im Jahr 1930 entdeckt und bewiesen wird, dass in der Tat Bacon Shakespeares Dramen geschrieben hat. Das f\u00fchrt zum wirtschaftlichen Niedergang der Region um Shakespeares Geburtsstadt Stratford und zu weltweiten Namens\u00e4nderungen &#8211; bis sich in einer genialen Wendung herausstellt, dass daf\u00fcr Shakespeare Bacons Prosawerke verfasst hat.<\/p>\n<p>Die andere Geschichte ist ein Kuriosum von Ronald Knox, den ich als Krimiautor aus der Agatha-Christie-Schule kenne. Den anderen Essays ist jeweils eine ganz knappe Einf\u00fchrung vorangestellt, die den Leser dar\u00fcber informiert, wie die Eriegnisse tats\u00e4chlich waren, dass also Lee eben nicht die Schlacht von Gettysburg gewonnen hat. Bei der Shakespeare\/Bacon- und bei der Knox-Geschichte fehlt das, vermutlich, weil die ausl\u00f6senden Ereignisse 1926 spielen und damit den Lesern von 1931 bekannt sind. F\u00fcr mich ist das aber nicht mehr Zeitgeschichte, sondern tiefste Geschichte, so dass ich mit dem Hintergrund ausgerechnet dieses Texts am wenigsten vertraut bin, zumal Wikipedia zum erfolglosen Generalstreik von 1926 schreibt: &#8222;In the long run, there was little impact on trade-union activity or industrial relations.&#8220;<\/p>\n<p>Bei Knox ist das anders. In seiner Welt war der Streik erfolgreich; wir erfahren das alles aber nur indirekt: Seine Geschichte besteht aus einem Quasi-Faksimile einer Ausgabe der Times vom 31. Juni 1930 (sic). Im etwas m\u00fchsamen Zeitungsstil der Zeit geschrieben, zeichnet die Sammlung von verschieden Leserbriefen, Artikeln und Kommentaren ein Bild der Welt vier Jahre nach dem erfolgreichen Streik. Anscheind ist England jetzt ein sozialistisch regiertes Land; immer wieder ist von Zensur die Rede. B\u00fcrger sind verpflichtet, den Staatssender BBC zu h\u00f6ren (das Vorlesen einer Marx-Biographie in der Kinderstunde wurde aber aufgegeben). Minenbesitzer leben &#8222;on the edge of starvation&#8220;, weil sie im Zuge des Streiks gezwungen sind, feste L\u00f6hne unabh\u00e4ngig von ihrem Gewinn zu zahlen, also auch, wenn es keine Arbeit zu tun gibt. Den unk\u00fcndbaren Arbeitern geht es nat\u00fcrlich gut dabei; die Regierung \u00fcberlegt, ob man nicht eine Art Sozialhilfe (&#8222;the dole&#8220;) f\u00fcr verarmte Minenbesitzer einf\u00fchren soll. Kurios.<\/p>\n<p>Insgesamt ein Buch f\u00fcr Freunde alternativer Geschichte, aber zum Einstieg gibt es spannendere Werke.<\/p>\n<hr style=\"width:10%;\"\/>\n<ol>\n<li>Ein sp\u00e4tes Beispiel f\u00fcr eine Geschichte, die nur aus Wissenschaft mit ein bisschen kriminalistischer Handlung drumrum besteht, ist <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Billiard_Ball\">&#8222;Die Billardkugel&#8220;<\/a> von Isaac Asimov. Ein fr\u00fches Beispiel ist <em>Flatland<\/em> von, uh, A. Square.<\/li>\n<li>Edmond Hamilton und Edgar Rice Burroughs, auf ganz verschiedene Art. Da geht es nicht um die Auswirkungen oder die Faszination neuer Technik. Hamilton war aber toll.<\/li>\n<li>Sehr spannend: <em>Fatherland<\/em> von Robert Harris (1992). Spannend und empfehlenswert: <em>The Yiddish Policemen&#8217;s Union<\/em> von Michael Chabon (2007). Nicht gelesen: <em>Making History<\/em> von Stephen Fry (1996).<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(7 Kommentare.) Ich wei\u00df nicht mehr, was meine erste &#8222;Was w\u00e4re, wenn&#8220;-Geschichte war. Als Science-Fiction-Leser war man ja quasi permanent mit so etwas besch\u00e4ftigt. 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