{"id":4246,"date":"2013-07-20T10:02:34","date_gmt":"2013-07-20T08:02:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=4246"},"modified":"2013-07-20T10:53:39","modified_gmt":"2013-07-20T08:53:39","slug":"prism-abhoeren-datenschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/07\/prism-abhoeren-datenschutz.htm","title":{"rendered":"PRISM, Abh\u00f6ren, Datenschutz"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/07\/prism-abhoeren-datenschutz.htm#comments'>20 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Das muss doch alles ein Fest f\u00fcr Sozialkundelehrer sein. Viel gesprochen wird im Lehrerzimmer aber nicht dar\u00fcber; vielleicht sind im Juli alle viel zu geschafft (da ist der nervenaufreibendste Monat im Jahr, gefolgt vom Dezember), vielleicht ist das Thema aber auch zu technisch, vielleicht letztlich zu uninteressant. Die englische und amerikanische Presse besch\u00e4ftigt sich ja auch wenig damit.<\/p>\n<p>Wer wen wie abh\u00f6rt, das wird vermutlich nie gekl\u00e4rt. Zum einen geht es um die Zusammenarbeit der gro\u00dfen Internet-Diensteanbieter mit dem amerikanischen Geheimdienst. Die leugnen das halbherzig, aber es erscheint mir naheliegend, dass der US-Geheimdienst jederzeit und unkompliziert auf alle meine bei Microsoft, Apple, Google, Dropbox gespeicherten Daten zugreifen kann. (Vermutlich auch bei amerikanischen B\u00fcrgern, aber sicher bei mir als Europ\u00e4er.) Zweitens geht es um das Abh\u00f6ren der Internetverbindungen: Ich gehe davon aus, dass alles, was an internationalem Internetverkehr \u00fcber die USA l\u00e4uft, abgeh\u00f6rt und gespeichert wird. F\u00fcr Gro\u00dfbritannienien gilt das gleiche, f\u00fcr weitere L\u00e4nder vermutlich auch. Drittens (weniger wichtig, und einfacher zu kl\u00e4ren) geht es darum, dass die USA das wahrscheinlich auch auf deutschem Boden gemacht haben, m\u00f6glicherweise nicht mal illegal. Der Punkt sollte sich abstellen lasse, viel gewonnen ist f\u00fcr mich damit aber nicht. Viertens geht es darum, dass die Bundesregierung mit dieser Praxis eigentlich einverstanden ist, wie jede andere Regierung auch, solange niemand dar\u00fcber redet, und nat\u00fcrlich auch davon gewusst hat. Beweisen lassen wird sich das nur, wenn die Geheimdienste geschlampt haben und den Regierung nicht genug Gelegenheit zu <em>plausible deniability<\/em> gelassen haben.<\/p>\n<p>Was sollte jetzt passieren? Zum einen m\u00f6chte ich Aufkl\u00e4rung und Transparenz. Keine Regierung m\u00f6chte diese Transparenz, weil alle Regierungen lieber Informationen haben als Grundrechte achten, solange sie nicht erwischt werden. (Wie n\u00fctzlich diese Informationen tats\u00e4chlich sind, ist noch offen.) Hoffentlich gibt es eine Zivilgesellschaft mit genug Interesse an Aufkl\u00e4rung, die der Regierung auf die Finger schaut. Stattdessen gibt es peinliches Herumgelabere der Bundesregierung, wobei die Opposition in der gleichen Rolle kaum eine bessere Figur machen w\u00fcrde. <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/im-gespraech-csu-politiker-uhl-die-regierung-kann-deine-daten-nicht-schuetzen-12285705.html\">In der FAZ ist Hans-Peter Uhl \u00fcberrascht,<\/a> dass eine E-Mail innerhalb von Deutschland auch mal \u00fcber einen ausl\u00e4ndischen Server laufen kann. &#8222;F\u00fcr mich war das neu.&#8220; F\u00fcr die Sch\u00fcler am bayerischen Gymnasium in der 7. Klasse nicht, da geh\u00f6rt das zum Informatik-Stoff. Peinlicher noch das &#8222;Supergrundrecht&#8220; Sicherheit (Innenminister Friedrich), das alle anderen Grundrechte schl\u00e4gt.<br \/>\nAu\u00dferdem m\u00f6chte ich Regeln zum Schutz meiner privaten Kommunikation. Die m\u00fcssen international sein, und das ist tats\u00e4chlich ein langer Weg. Im Notfall, also sp\u00e4testens wenn das Supergrundrecht greift, wird allerdings jede Regierung meine Nachrichten lesen, jede Firma der Regierung meine Daten geben, und die USA und England werden das auch ohne Notfall machen. Bleibt nur: Private Verschl\u00fcsselung. Kein De-Mail. Keine Verpflichtung, dem Staat die eigenen Passw\u00f6rter zu verraten &#8211; in England muss man das n\u00e4mlich, und kriegt Beugehaft, wenn man das nicht tut. Die Idee gef\u00e4llt sicher jedem Innenminister.<\/p>\n<p>Einen Vorteil hat das alles: Das Deckm\u00e4ntelchen Kinderpornographie ist unglaubw\u00fcrdig geworden. Niemand hat ernsthaft behauptet, man w\u00fcrde nur abh\u00f6ren, um die bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was bedeutet das f\u00fcr mich jetzt? Erstens mache ich Werbung f\u00fcr Verschl\u00fcsselung und freie Software. Freie, quelloffene Software deshalb, weil es nur so eine Chance gibt, dass die Software keine Hintert\u00fcren hat. Verschl\u00fcsselung geht mit dem eigenen E-Mail-Client leicht, und den sollte man ohnehin benutzen. (Jetzt ist ja wohl ohnehin klar, warum die De-Mail unterwegs entschl\u00fcsselt werden soll, eben um dem Geheimdienst die M\u00f6glichkeit zu geben, verschl\u00fcsselte E-Mails zu lesen. Sonst k\u00e4men die B\u00fcrger ja auf die Idee, sich selber um Verschl\u00fcsselung zu k\u00fcmmern, und das Abfangen damit <em>deutlich<\/em> schwieriger zu machen. Da muss dann schon einbrechen oder einen Staatstrojaner auf den Rechner bringen.)<br \/>\nIch signiere jetzt zumindests die meisten meiner Mails, vielleicht spricht sich dadurch herum, dass es so etwas wie Verschl\u00fcsselung gibt. Selbst bei Verschl\u00fcsselung  kriegen die deutschen und amerikanischen Geheimdienste nat\u00fcrlich mit, an wen ich wie oft E-Mails schreibe. Zweitens versuche ich mich weitgehend von den gro\u00dfen Diensteanbietern zu emanzipieren. Drittens folge ich hoffentlich <a href=\"http:\/\/blog.blokey.de\/archives\/16-07-2013-giftgalle-spucken.html\">Hokeys Vorbild<\/a> und trete dem CCC bei. <\/p>\n<p>Die L\u00f6sung darf nicht sein, auch das ein unsinniger Regierungsvortschlag, nicht mehr zu kommunizieren, wenn man auf Privatheit Wert legt. Schwieriger wird es allerdings, meien Metadaten zu verbergen. Was ich an Person X schreibe, kann ich vielleicht geheim halten, <em>dass<\/em> ich mit ihr kommuniziere, nicht: Das sind diese Metadaten, von denen man h\u00f6rt.<\/p>\n<p>Links zum Schluss:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2013\/27-07-stopwatchingus-deutschlandweite-proteste-gegen-prism-und-tempora\/\">N\u00e4chstes Wochenende, am 27. Juli, gibt es \u00fcbrigens Demos<\/a> zu den amerikanischen und englischen Aussp\u00e4hprogrammen.\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr die Schule: <\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.lehrerfreund.de\/schule\/1s\/datenschutz-prism-spiel\/4407\">Beim Lehrerfreund gibt es ein Rollenspiel zu Datenschutz.<\/a> Ich hab&#8217;s mal ausprobiert, ist so m\u00e4\u00dfig geeignet &#8211; gebt auf eure Daten acht, die k\u00f6nnen f\u00fcr zuk\u00fcnftiger Arbeitgeber usw. interessant sein. Das wissen die Sch\u00fcler inzwischen aber schon. Um die Kernfragen der aktuellen Skandale geht es dabei aber nicht: was darf der Staat? was bringt das Abh\u00f6ren dem Staat? wie kann ich mich sch\u00fctzen? welche Erkenntnisse kann ich aus der automatisierten Auswertung von Daten gewinnen?\n<\/li>\n<li>Da fanden meine Sch\u00fcler interessanter, <a href=\"http:\/\/www.wolframalpha.com\/input\/?i=facebook+report\">wie Wolfram Alpha das eigene Facebook-Profil analysiert<\/a> (Anmeldung bei Wolfram Aplha n\u00f6tig, und bei Facebook nat\u00fcrlich auch): Wer am meisten bei einem kommentiert, durchschnittliche Beitragsl\u00e4nge, h\u00e4ufigste W\u00f6rter, um welche Uhrzeit man schreibt und von welchem Ger\u00e4t aus. Am spanndendsten finde ich aber die Analyse des Freunde-Netzwerks. Wer ist ein &#8222;social insider&#8220;, also wer hat viele gemeinsame Freunde mit mir, und wer hat als &#8222;social outsider&#8220; wenige davon? Wer verbindet als &#8222;social connector&#8220; zwei ansonsten unverbundene Gruppen meiner Freunde? Wer hat viele Freunde, die ich nicht kenne, wer wenige? (<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Centrality\">Bei Wikipedia die graphentheoretischen Grundlagen dazu<\/a> &#8211; wenn ich wieder mal Graphen in der Schule mache, werde ich nicht mit Landkarten arbeiten, sondern mit Freundes-Netzewerken, das habe ich mir vorgenommen.)<br \/>\nBei der Analyse meiner Daten sieht man gleich, dass eine Vierergruppe herausf\u00e4llt, aus der zwei Personen tats\u00e4chlich identisch sind &#8211; ein Account unter dem echten Namen und ein Account unter dem Autorenpseudonym, unter dem er einen schwulen Sommerroman ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p>(Fu\u00dfnote: <a href=\"http:\/\/www.cam.ac.uk\/research\/news\/digital-records-could-expose-intimate-details-and-personality-traits-of-millions\">Eine Studie zeigt,<\/a> dass sich anhand einer Analyse allein der Likes auf Facebook relativ zuverl\u00e4ssige Aussagen \u00fcber Geschlecht, ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung, Drogengebrauch und politische Haltung treffen lassen. Ob die Eltern sich getrennt haben, bevor die Person 21 Jahre alt war, l\u00e4sst sich aber nur mit 60% Wahrscheinlichkeit sagen &#8211; aber immerhin.)\n<\/li>\n<li>Welchen Weg Anfragen aus Deutschland nach Amazon, Google, Bild.de, Dropbox, WhatsApp, Youtube typischerweise nehmen, <a href=\"http:\/\/apps.opendatacity.de\/prism\/de\">kann man hier sehen<\/a>: So ziemlich alles l\u00e4uft \u00fcber Gro\u00dfbritannien oder die USA. Wenn man die Seite Sch\u00fclern zeigt, darauf hinweisen, dass die Wege nicht in Echtzeit ermittelt werden (also etwa mit traceroute), sondern gespeichert sind, und dass man keine Ahnung hat, was dieses YouPorn ist, das da auch als M\u00f6glichkeit angegeben ist.\n<\/li>\n<li>Eine Analyse des eigenen GMail-Verkehrs bietet <a href=\"https:\/\/immersion.media.mit.edu\/\">Immersion<\/a>.\n<\/li>\n<li>Schon ein paar Jahre alt ist diese <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/medien\/vorratsdatenspeicherung-du-kannst-dich-nicht-mehr-verstecken-1937442.html\">beispielhafte Analyse von Metadaten bei der FAZ<\/a>. Allein aus den Informationen, wer mit wem man kommuniziert, l\u00e4sst sich schon vieles schlie\u00dfen.\n<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.br.de\/presse\/inhalt\/pressemitteilungen\/bayern2-radiowelt-176.html\">Innenminister Friedrich meint:<\/a> &#8222;Wir m\u00fcssen die Idylle des Biedermeiers verlassen. [&#8230;] Was der versiegelte Briefumschlag aus dem Biedermeier war, ist heute die verschl\u00fcsselte Kommunikation. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir reden.&#8220; <a href=\"http:\/\/blogs.faz.net\/stuetzen\/2013\/07\/17\/friedrich-uhl-metternich-und-andere-schrecken-des-biedermeier-3811\/\">Sehr lesenswert dazu Don Alphonso in der FAZ:<\/a> Im Gegenteil, wir treten gerade ein in ein neues Biedermeier, das eine Zeit von &#8222;\u00fcbelster Repression, Unterdr\u00fcckung, Zensur, politischem Mord, aussergerichtlicher Folterkerker und personell und technisch weitestgehender \u00dcberwachung&#8220; war und dadurch erst zum biedermeierlichen R\u00fcckzug ins Private gef\u00fchrt hat.\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>(Quellen f\u00fcr die Links: netzpolitik.org, Twitter, Frau Rau, die <a href=\"http:\/\/www.zum.de\/mailman\/listinfo\/informatik\">Mailingliste Informatiklehrer<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(20 Kommentare.) 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