{"id":452,"date":"2005-12-05T10:23:40","date_gmt":"2005-12-05T09:23:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=452"},"modified":"2023-05-24T11:29:24","modified_gmt":"2023-05-24T09:29:24","slug":"lynne-truss-talk-to-the-hand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/12\/lynne-truss-talk-to-the-hand.htm","title":{"rendered":"Lynne Truss, Talk to the Hand"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/talktothehand.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Ellenbogentest: Ist deine Haut am Ellenbogen so jung und glatt, dass sie nach dem Beugen sofort wieder glatt anliegt, dann ist dieses Buch nichts f\u00fcr dich.<br>Noch zu jung, tut mir leid.<br>Bitte weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen.<br>Ich kann da auch nichts machen, hat die Autorin so gesagt. Am Rande.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; Letztes Jahr erschien <em>Eats, Shoots &amp; Leaves<\/em>, ein unerwarteter Bestseller von Lynne Truss. Darin beklagte Truss lauthalst, aber nicht ohne ironischen Sinn f\u00fcr ihre eigene Absurdit\u00e4t, die mangelhafte Zeichensetzung, der sie sich allerorts ausgesetzt sah.<br>Ich habe versucht, mit diesem Satz den Spagat zu vermitteln, den Truss in jenem Buch schl\u00e4gt &#8211; zwischen Ernst und Humor, Selbstironie, Eifer, Liebe zur Sprache, Zorn. Truss ist keine Apokalyptikerin, sie beklagt sich nicht dar\u00fcber, dass alles schlechter wird. Aber sie kann einfach nicht schweigen angesichts der vielen fehlenden Kommas und Apostrophen. &#8222;I see dead punctuation&#8220;, sagt sie, so wie der kleine Junge im Film <em>The Sixth Sense<\/em> die Geister von Verstorbenen sieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt hat Lynne Truss ihr n\u00e4chstes Buch ver\u00f6ffentlicht. Und es ist keine eintr\u00e4glich-einfache Fortsetzung, wie sie vielleicht zu erwarten gewesen w\u00e4re, aber vielleicht doch eine Variation des Themas: Es geht um H\u00f6flichkeit und Unh\u00f6flichkeit, um &#8222;The Utter Bloody Rudeness of Everyday Life&#8220;, so der Untertitel.<br>Und das ist ein viel heikleres Thema als die Zeichensetzung. Wer sich an Sprache st\u00f6rt (wie das <a href=\"http:\/\/www.ib-klartext.de\/sprache\/\">Sprachblog<\/a>), ist sch\u00f6ngeistig, wer an falschen Apostrophen h\u00e4ngen bleibt und sich eine Meinung zum Semikolon leistet, ist auf liebevolle Weise altmodisch, ein Original, hat einen Spleen. Aber wer die Gegenwart zu unh\u00f6flich findet, der ist vielleicht nur spie\u00dfig, kleinkariert oder elit\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>Insofern begann ich <em>Talk to the Hand<\/em> mit gemischten Gef\u00fchlen. Aber das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es geht <em>nicht<\/em> um Etikette, nicht darum, mit welchem L\u00f6ffel man welche Haare spaltet. Es geht nicht um willk\u00fcrliche Manieren, die haupts\u00e4chlich dazu sind, sich von anderen abzugrenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht darum, dass die Autorin auf dem Handy angerufen wird und ihr ein Tonband etwas verkaufen will. Es geht darum, dass sie Bahn f\u00e4hrt und die Leute neben ihr r\u00fccksichtslos laut Musik h\u00f6ren. Es geht um das Fehlen von freundlichen Bitte-Danke-Ritualen, um inkompetente Call Center und Warteschleifen, um das Ignorieren von Mitmenschen. Lynne Truss zitiert dabei viel aus dem k\u00f6stlichen <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2005\/09\/kate-fox-watching-the-english.htm\">Watching the English<\/a> von Kate Fox. (Da f\u00fchlt man sich gleich gut, wenn man das Buch auch gelesen hat.) Und ein bissen Anthropologie ist dann auch h\u00e4ngen geblieben, denn Truss versucht zu erkl\u00e4ren, wo dieses unh\u00f6fliche Verhalten herkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ihrer Thesen: Leute benehmen sich in der \u00d6ffentlichkeit immer mehr so, als ob sie allein und zu Hause w\u00e4ren. Daher das ungenierte Ausplaudern privater Informationen am Handy, die laute Musik, die F\u00fc\u00dfe auf den St\u00fchlen. Der Sinn daf\u00fcr, dass man den \u00f6ffentlichen Bereich mit anderen teilt, fehlt. Das erkl\u00e4rt auch, warum die Menschen, wenn man sie bittet, doch ihren M\u00fcll bitte nicht auf den Boden der S-Bahn zu werfen, so aggressiv-irritiert reagieren. (&#8222;Fuck off.&#8220;) Wie kommt man denn dazu, diese Leute in ihrem privaten Bereich zu bel\u00e4stigen, einzudringen in ihre Privatsph\u00e4re, sich einzumischen?<\/p>\n\n\n\n<p><small>(Ich bin selbst auch einer dieser Leute, die regelm\u00e4\u00dfig S-Bahn-Passagiere bitten, ihren Mp3-Player leiser zu stellen. Das funktioniert meistens \u00fcbrigens ganz gut, ganz selten wird man gebeten, etwas anatomisch vermutlich v\u00f6llig Unm\u00f6gliches zu tun. Die meisten Leute stellen ihre Ger\u00e4te leiser, manchmal sogar bereitwillig. Ich wei\u00df auch nicht, warum ich das mache; sicher einmal, weil mich die Musik nervt, vermutlich will ich mir aber auch etas beweisen.)<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Als weiteren Faktor sieht Truss mangelnde Empathie: Die mangelnde Bereitschaft oder F\u00e4higkeit, sich in andere hinein zu versetzen. Wenn ich es nicht eilig habe, und das ist so gut wie nie der Fall, gehe ich nie bei Rot \u00fcber die Ampel, solange dort andere Leute warten. Die kommen sich dann n\u00e4mlich dumm vor, wenn sie warten und andere nicht, und das muss ja nicht sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Bitte-und-Danke-Sagen: Man h\u00e4lt einem anderen die T\u00fcr auf, der sagt &#8222;Danke&#8220; und man selber &#8222;Bitte&#8220; und die Transaktion ist erledigt. Man f\u00fchlt sich daraufhin: erleichtert, gerechtfertigt, best\u00e4tigt, wahrgenommen und als guter Mensch. Das alles, ohne dass man sich irgendwie f\u00fcr den anderen interessiert. Bleibt das &#8222;danke&#8220; aus, f\u00fchlt man sich: erbost, entt\u00e4uscht, unsichtbar, zornig, schlecht, w\u00fctend.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00f6flichkeit, die mit Klassenbewusstsein verbunden war, gibt es nicht mehr, und das findet auch Lynne Truss eine gute Sache. Aber sie z\u00e4hlt zwanzig Gr\u00fcnde auf, weshalb man fr\u00fcher zu bestimmten Personengruppen besonders h\u00f6flich war &#8211; Gr\u00fcnde, die nichts mit Klassendenken zu tun haben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>they are older<br>they know more than you<br>they know less than you do<br>they have educational qualifications in the subject under discussion<br>they are less fortunate than you<br>they have achieved status in the wider world<br>they are your boss<br>they work for you<br>they are a policeman\/teacher\/doctor\/judge<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ah, wo sind sie hin, die Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dfen will ich mit einer Schopenhauer-Parabel, die auch Truss erz\u00e4hlt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Eine Gesellschaft Stachelschweine dr\u00e4ngte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um durch die gegenseitige W\u00e4rme sich vor dem Erfrieren zu sch\u00fctzen.<br>Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bed\u00fcrfnis der Erw\u00e4rmung sie wieder n\u00e4her zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite \u00dcbel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine m\u00e4\u00dfige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.<br>Und diese Entfernung nannten sie H\u00f6flichkeit und feine Sitte.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>So ist es. Und vielleicht bin ich auch noch einen Klacks h\u00f6flicher in Zukunft. Heute auf der Post hat das schon mal sehr gut geklappt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ellenbogentest: Ist deine Haut am Ellenbogen so jung und glatt, dass sie nach dem Beugen sofort wieder glatt anliegt, dann ist dieses Buch nichts f\u00fcr dich.Noch zu jung, tut mir leid.Bitte weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen.Ich kann da auch nichts machen, hat die Autorin so gesagt. 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