{"id":47500,"date":"2023-04-20T06:58:03","date_gmt":"2023-04-20T04:58:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=47500"},"modified":"2023-05-16T08:50:49","modified_gmt":"2023-05-16T06:50:49","slug":"buecher-der-letzten-zeit-heine-hauff-muenchhausen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/04\/buecher-der-letzten-zeit-heine-hauff-muenchhausen.htm","title":{"rendered":"B\u00fccher der letzten Zeit (Heine, Hauff, M\u00fcnchhausen)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Heinrich Heine, Die Harzreise<\/h2>\n\n\n\n<p>Ergiebig f\u00fcr ein zuk\u00fcnftiges Projekt, aber wenig f\u00fcrs Blog. Am\u00fcsant, wie Heine sich ein komfortables Bett oben am Brocken erschwindelt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ich fand das Haus voller G\u00e4ste, und wie es einem klugen Manne geziemt, dachte ich schon an die Nacht, an die Unbehaglichkeit eines Strohlagers; mit hinsterbender Stimme verlangte ich gleich Tee, und der Herr Brockenwirt war vern\u00fcnftig genug, einzusehen, da\u00df ich kranker Mensch f\u00fcr die Nacht ein ordentliches Bett haben m\u00fcsse.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Wilhelm Hauff, Die Bettlerin vom Pont des Arts (1826)<\/h2>\n\n\n\n<p>(<a href=\"https:\/\/fontanefan3.blogspot.com\/2023\/02\/wilhelm-hauff-die-bettlerin-vom-pont.html\">Via Ein weites Feld.<\/a>) Eine Novelle mit Rahmenhandlung um einen alten und einen jungen Mann, die einander kennen lernen, weil beide von einem Bild in einer Gem\u00e4ldegalerie fasziniert sind, in dem sie eine Frau aus ihrer Vergangenheit wiederzuerkennen glauben. Mit so etwas kriegt man mich immer wieder &#8211; Rahmen, Bilder, Backstory. Die Geschichte selber ist so mittel, aber eine Nebenperson hat sich eine Dampfmaschine aus England schicken lassen, als Teil einer \u00d6lpresse, und Schwierigkeiten beim Zusammenbauen. Die Teile sind anscheinend durchnummeriert wie heute bei IKEA:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Ich wollte wetten, du bist durchaus nicht betrogen, denn so gut hier F und H in P passen, du siehst, es sind die Hauptz\u00fcge, wodurch die Stampfm\u00fchle mit der \u00d6lpresse in Verbindung gesetzt wird, so gut mu\u00df sich auch das \u00fcbrige f\u00fcgen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, Sie hat unser Herrgott hergesandt&#8220;, rief der Mechanikus freudig, &#8222;wie Sie doch dies gleich so wegbekamen! Ja das F ist der Hauptzug, H hier greift in das Stangenwerk ein, hier wird das Rad KL befestigt.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Interessant ist das Frauenbild der Personen in der Novelle. Frauen in der Gesellschaft brauchen Unterst\u00fctzung, um geistreiche Gespr\u00e4che f\u00fchren zu k\u00f6nnen: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Durch solche M\u00e4nner bekommt das Gespr\u00e4ch Gestaltung, Hintergrund, Leben; Frauen, besonders geistreiche Frauen, werden sich unter sich bei weitem nicht so lebendig unterhalten, als dies geschieht, wenn auch nur ein Mann gleichsam als Zeuge oder Schiedsrichter dabeisitzt.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das liegt auch daran, dass M\u00e4nner gr\u00fcndliche Bildung haben. Frauen entwickeln allenfalls Halbwissen, mit dem sie gar nichts anfangen k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Diese F\u00e4cher lernt der Mann gew\u00f6hnlich erst nach seinem achtzehnten, zwanzigsten Jahre recht verstehen; er lernt sie nach und nach, also gr\u00fcndlicher; er lernt manches durch sich selbst, wei\u00df es also auch besser anzuwenden, und tritt er im dreiundzwanzigsten oder sp\u00e4ter noch in diese Kreise, so tr\u00e4gt er, wenn er nur halbwegs einige Lebensklugheit und Gewandtheit hat, eine gro\u00dfe Sicherheit in sich selbst. Aber das M\u00e4dchen? ich bitte Sie! wenn ein solches Ungl\u00fcckskind im f\u00fcnfzehnten Jahr, vollgepfropft mit den verschiedenartigsten Kenntnissen und Kunstst\u00fccken in die gro\u00dfe Welt tritt, wie wunderlich mu\u00df ihm da alles zuerst erscheinen! Sie wird, obgleich ihr oft ihr einsames Zimmer lieber w\u00e4re, ohne Gnade in alle Zirkel mitgeschleppt, mu\u00df gl\u00e4nzen, mu\u00df plappern, mu\u00df die Kenntnisse auskramen und \u2013 wie bald wird sie damit zu Rande sein! Sie l\u00e4cheln? h\u00f6ren Sie weiter. Sie hat jetzt keine Zeit mehr ihre Schulkenntnisse zu erweitern; es werden bald noch h\u00f6here Anspr\u00fcche an sie gemacht. Sie mu\u00df so gut wie die \u00c4lteren \u00fcber Kunstgegenst\u00e4nde, \u00fcber Literatur mitsprechen k\u00f6nnen. Sie sammelt also den Tag \u00fcber alle m\u00f6glichen Kunstausdr\u00fccke, liest Journale um ein Urteil \u00fcber das neueste Buch zu bekommen, und jeder Abend ist eigentlich ein Examen, eine Schulpr\u00fcfung f\u00fcr sie, wo sie das auf geschickte Art anbringen mu\u00df, was sie gelernt hat. Da\u00df einem Mann von wahrer Bildung, von wahren Kenntnissen, vor solchem Geplauder, vor solcher Halbbildung graut, k\u00f6nnen Sie sich denken; er wird diese Unsitte zuerst l\u00e4cherlich, nachher gef\u00e4hrlich finden, er wird diese \u00dcberbildung verfluchen, welche die Frauen aus ihrem stillen Kreise herausrei\u00dft und sie zu Halbm\u00e4nnern macht, w\u00e4hrend die M\u00e4nner Halbweiber werden, indem sie sich gew\u00f6hnen, alles nach Frauenart zu besprechen und zu beklatschen<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Frauen haben halt einen anderen Zugang zur Literatur:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es gereichte Josephen in den Augen ihres Freundes zu keinem geringen Ruhm, da\u00df sie gerade jenen Dichter zu ihrem Liebling erw\u00e4hlt hatte, der auch ihn vor allen anzog. Zwar mu\u00dfte er ihr oft bei Vorlesungen aus Jean Pauls herrlichen Dichtungen zu H\u00fclfe kommen, um dieses oder jenes dunklere Gleichnis zu erkl\u00e4ren; aber sie fa\u00dfte schnell, ihr nat\u00fcrlicher Takt und ihr zarter Sinn, der so ganz in dem Dichter lebte, lie\u00df sie manches erraten, ehe ihr noch der Freund Gewi\u00dfheit gegeben hatte.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Baron Munchausen\u2019s Narrative of his Marvellous Travels and Campaigns in Russia<\/h2>\n\n\n\n<p>Rudolf Erich Raspe (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rudolf_Erich_Raspe\">Wikipedia<\/a>) war ein deutscher Schriftsteller, Bibliothekar, \u00dcbersetzer, Geologe, Mineraloge und gelegentlicher Betr\u00fcger. Er ist wohl der eigentliche Autor der urspr\u00fcnglichen M\u00fcnchhausen-Geschichten. Die Details in K\u00fcrze, haupts\u00e4chlich aus Wikipedia abgeschrieben:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Es gab einen historischen Baron M\u00fcnchhausen, der gerne launige Geschichten erz\u00e4hlte, ohne sie tats\u00e4chlich ernst genommen haben zu wollen.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Jemand <\/em>schrieb 1781 und 173 achtzehn kurze , lustige &#8222;M-h-s-nsche Geschichten&#8220; in der von Friedrich Nicolai pseudonym herausgegebenen Zeitschrift <em>Vade Mecum f\u00fcr lustige Leute<\/em>. Vielleicht war das bereits Raspe.<\/li>\n\n\n\n<li>Raspe, der inzwischen in England lebte, \u00fcbersetzte 1785 diese Geschichten frei ins Englische und gab sie als schmales B\u00fcchlein heraus. <\/li>\n\n\n\n<li>1786 erschienen weitere Auflagen mit erg\u00e4nzten Geschichten, m\u00f6glicherweise nicht mehr von Raspe. Das Vorwort der Gutenberg-Ausgabe beklagt deren mangelnde Qualit\u00e4t &#8211; plumpe zeitgen\u00f6ssische Satire statt origineller L\u00fcgengeschichte.<\/li>\n\n\n\n<li>1786 \u00fcbersetzt Gottfried August B\u00fcrger die erweiterte englische Ausgabe wiederum relativ frei und anonym ins Deutsche, 1788 dann auch die wiederum erweiterte f\u00fcnfte englische Ausgabe. In Deutschland wird B\u00fcrger lange f\u00fcr den urspr\u00fcnglichen M\u00fcnchhausen-Autor gehalten. Raspe hat sich nie zu M\u00fcnchhausen ge\u00e4u\u00dfert, ob die erweiterten Geschichten von ihm sind, ist nicht gekl\u00e4rt. Er starb 1794, im gleichen Jahr wie B\u00fcrger, der <\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Den sp\u00e4teren Geschichten fehlt tats\u00e4chlich der Charme der fr\u00fcheren: es gibt Mondmenschen, Seereisen, Inseln aus K\u00e4se, Besuch bei antiken G\u00f6ttern, dreibeinige Menschenrassen mit nur einem Arm &#8211; zu \u00e4hnlich zu anderen L\u00fcgengeschichten und damit generisch. Es geht nicht mehr um Improvisation in au\u00dfergew\u00f6hnlichen Situationen als Einzelperson. <em>Munchausen<\/em> gr\u00e4bt erst den Panama-, dann den Suezkanal. Manches ist arg m\u00fchsam zu lesen. &#8211; Was es gar nicht gibt, sind der Ritt auf der Kanonenkugel (den ich mag) und seine Assistenten, der Schnell\u00e4ufer und so (die ich nicht mag). Die gibt es bei B\u00fcrger und K\u00e4stner. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie schreibt Volker Hoffmann in <em>Kindlers Neues Literaturlexikon,<\/em> das ich im WindowsXP-Kompatibilit\u00e4tsmodus zum Laufen gekriegt habe: &#8222;Der M\u00fcnchhausen geh\u00f6rt zur Reihe jener Werke, bei denen die Erz\u00e4hltradition gegen\u00fcber der selbst\u00e4ndigen Leistung eines einzelnen Autors an Bedeutung \u00fcberwiegt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Links:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Englischer Text: <em>The Surprising Adventures of Baron Munchausen<\/em> by Rudolf Erich Raspe  (<a href=\"https:\/\/www.gutenberg.org\/ebooks\/3154\">Gutenberg<\/a>).<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/04\/karl-immermann-muenchhausen-eine-geschichte-in-arabesken.htm\">Blogeintrag<\/a> zu Karl Immermann, <em>M\u00fcnchhausen. Eine Geschichte in Arabesken.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia zu dem Erz\u00e4hlrollenspiel <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Extraordinary_Adventures_of_Baron_Munchausen\">&#8222;The Extraordinary Adventures of Baron Munchausen&#8220;<\/a> (englisch, es gibt auch eine deutsche Ausgabe, aber ohne Wikipediaeintrag)<\/li>\n\n\n\n<li>Die urspr\u00fcnglichen &#8222;M\u2013h\u2013s\u2013nsche Geschichten&#8220; aus dem <em>Vademecum f\u00fcr lustige Leute<\/em> (<a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/M%E2%80%93h%E2%80%93s%E2%80%93nsche_Geschichten\">Wikisource<\/a>)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Heinrich Heine, Die Harzreise Ergiebig f\u00fcr ein zuk\u00fcnftiges Projekt, aber wenig f\u00fcrs Blog. 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