{"id":486,"date":"2006-02-25T18:11:39","date_gmt":"2006-02-25T17:11:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2006\/02\/jetzt-haben-auch-schon-die-lehrer-poesiealben.htm"},"modified":"2023-05-24T11:31:02","modified_gmt":"2023-05-24T09:31:02","slug":"jetzt-haben-auch-schon-die-lehrer-poesiealben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2006\/02\/jetzt-haben-auch-schon-die-lehrer-poesiealben.htm","title":{"rendered":"Jetzt haben auch schon die Lehrer Poesiealben"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2006\/02\/jetzt-haben-auch-schon-die-lehrer-poesiealben.htm#comments'>6 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Oder sie sorgen zumindest daf\u00fcr, dass man welche in die Hand gedr\u00fcckt kriegt. Der Wahlkurs Kreatives Schreiben vom Kollegen Z. hat Erz\u00e4hlungen in Kladden begonnen, die in der Stadtbibliothek ausleihbar sind. Jeder Ausleiher kann und soll die Geschichte weiterschreiben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/schreiben1.jpg\" alt=\"schreiben1.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/schreiben2.jpg\" alt=\"schreiben2.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/schreiben3.jpg\" alt=\"schreiben3.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich habe gerade Kapitel zwei geschrieben und das Buch zur\u00fcckgegeben. (Eine wilde Science-Fiction-Geschichte, die sich Richtung Philip K. Dick entwickeln k\u00f6nnte, aber nicht muss.)<\/p>\n\n\n\n<p>Mich hat das aus nicht wirklich wichtigen Gr\u00fcnden erinnert an einen Text von Kurt Tucholsky in <em>Das L\u00e4cheln der Mona Lisa<\/em> von 1926:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>GRUSS NACH VORN<br>Lieber Leser 1985 &#8211; !<br>Durch irgendeinen Zufall kramst du in der Bibliothek, findest die Mona Lisa, stutzt und liest. Guten Tag.<br>Ich bin sehr befangen: du hast einen Anzug an, dessen Mode von meinem damali\u00adgen sehr absticht, auch dein Gehirn tr\u00e4gst du ganz anders&#8230; Ich setze dreimal an: je\u00addesmal mit einem andern Thema, man mu\u00df doch in Ber\u00fchrung kommen&#8230; jedesmal mu\u00df ich es wieder aufgeben \u2011 wir verstehen einander gar nicht. Ich bin wohl zu klein; meine Zeit steht mir bis zum Halse, kaum gucke ich mit dem Kopf ein bi\u00dfchen \u00fcber den Zeitpegel &#8230; da, ich wu\u00dfte es: du l\u00e4chelst mich aus.<br>Alles an mir erscheint dir altmodisch: meine Art, zu schreiben und meine Gram\u00admatik und meine Haltung &#8230; ah, klopf mir nicht auf die Schulter, das habe ich nicht gerne. Vergeblich will ich dir sagen, wie wir es gehabt haben, und wie es gewesen ist &#8230; nichts. Du l\u00e4chelst, ohnm\u00e4chtig hallt meine Stimme aus der Vergangenheit, und du wei\u00dft alles besser. Soll ich dir erz\u00e4hlen, was die Leute in meinem Zeitdorf bewegt? Genf? Shaw\u2011Premiere? Thomas Mann? Das Fernsehen? Eine Stahlinsel im Ozean als Halteplatz f\u00fcr die Flugzeuge? Du bl\u00e4st auf alles, und der Staub fliegt meterhoch, du kannst gar nichts erkennen vor lauter Staub.<br>Soll ich dir Schmeicheleien sagen? Ich kann es nicht. Selbstverst\u00e4ndlich habt ihr die Frage: &#8222;V\u00f6lkerbund oder Paneuropa?&#8220; nicht gel\u00f6st; Fragen werden ja von der Menschheit nicht gel\u00f6st, sondern liegen gelassen. Selbstverst\u00e4ndlich habt ihr f\u00fcrs t\u00e4gliche Leben dreihundert nichtige Maschinen mehr als wir, und im \u00fcbrigen seid ihr genau so dumm, genau so klug, genau so wie wir. Was von uns ist geblieben? W\u00fchle nicht in deinem Ged\u00e4chtnis nach, in dem, was du in der Schule gelernt hast. Geblie\u00adben ist, was zuf\u00e4llig blieb; was so neutral war, da\u00df es hin\u00fcberkam; was wirklich gro\u00df ist, davon ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte, und um die k\u00fcmmert sich kein Mensch &#8211; nur am Sonntagmittag ein bi\u00dfchen, im Museum. Es ist so, wie wenn ich heute mit einem Mann aus dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg reden sollte. \u00abJa? geht&#8217;s gut? Bei der Belage\u00adrung Magdeburgs hat es wohl sehr gezogen&#8230;?\u00bb und was man so sagt.<br>Ich kann nicht einmal \u00fcber die K\u00f6pfe meiner Zeitgenossen hinweg ein erhabenes Gespr\u00e4ch mit dir f\u00fchren, so nach der Melodie: wir beide verstehen uns schon, denn du bist ein Fortgeschrittener, gleich mir. Ach, mein Lieber: auch du bist ein Zeitgenosse. H\u00f6chstens, wenn ich &#8222;Bismarck&#8220; sage und du dich erst erinnern mu\u00dft, wer das gewe\u00adsen ist, grinse ich schon heute vor mich hin: du kannst dir gar nicht denken, wie stolz die Leute um mich herum auf dessen Unsterblichkeit sind&#8230; Na, lassen wir das. Au\u00ad\u00dferdem wirst du jetzt fr\u00fchst\u00fccken gehen wollen.<br>Guten Tag. Dies Papier ist schon ganz gelb geworden, gelb wie die Z\u00e4hne unserer Landrichter, da, jetzt zerbr\u00f6ckelt dir das Blatt unter den Fingern&#8230; nun, es ist auch schon so alt. Geh mit Gott, oder wie ihr das Ding dann nennt. Wir haben uns wohl nicht allzuviel mitzuteilen, wir Mittelm\u00e4\u00dfigen. Wir sind zerlebt, unser Inhalt ist mit uns dahingegangen. Die Form war alles.<br>Ja, die Hand will ich dir noch geben. Wegen Anstand.<br>Und jetzt gehst du.<br>Aber das rufe ich dir noch nach: Besser seid ihr auch nicht als wir und die vorigen. Aber keine Spur, aber gar keine &#8211;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eine Schulklasse von mir (11. Klasse) musste auch mal solche Briefe nach vorn schreiben und sie in verschiedenen B\u00fcchern in unserer Schulbibliothek verstecken. Vermutlich hat sich doch keiner getraut. Irgendwann mache ich das vielleicht nochmal. Aber vielleicht nur ein oder zwei Briefe pro Klasse.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nachtrag: Wie es bei Mythbusters hei\u00dft: Don&#8217;t try this at home. Normalerweise ver\u00f6ffentliche ich keine Texte anderer Autoren, da diese urheberrechtlich gesch\u00fctzt sind. Tucholsky-Texte darf man aber seit diesem Jahr verwenden, da der Herr schon 70 Jahre tot ist und seine Texte damit gemeinfrei geworden sind. Insofern ist also keineswegs Mozart- oder Heine-Jahr, sondern eigentlich Tucholsky-Jahr. Man sollte das Jahr feiern, in dem die Werke in die public domain wandern, das ist doch wichtiger als das Geburtsjahr. Letztes Jahr war es \u00fcbrigens Ringelnatz, n\u00e4chstes Jahr ist es G.K. Chesterton, auf Sigmund Freud muss man danach dann noch drei Jahre l\u00e4nger warten.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(6 Kommentare.) Oder sie sorgen zumindest daf\u00fcr, dass man welche in die Hand gedr\u00fcckt kriegt. Der Wahlkurs Kreatives Schreiben vom Kollegen Z. hat Erz\u00e4hlungen in Kladden begonnen, die in der Stadtbibliothek ausleihbar sind. Jeder Ausleiher kann und soll die Geschichte weiterschreiben. Ich habe gerade Kapitel zwei geschrieben und das Buch zur\u00fcckgegeben. 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