{"id":55351,"date":"2023-04-27T07:50:44","date_gmt":"2023-04-27T05:50:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=55351"},"modified":"2023-05-16T08:50:05","modified_gmt":"2023-05-16T06:50:05","slug":"marie-von-ebner-eschenbach-prinzessin-leiladin-ein-maerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/04\/marie-von-ebner-eschenbach-prinzessin-leiladin-ein-maerchen.htm","title":{"rendered":"Marie von Ebner-Eschenbach, Prinzessin Leiladin. Ein M\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/04\/marie-von-ebner-eschenbach-prinzessin-leiladin-ein-maerchen.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Auf der Suche nach dem Text<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>norberto42<\/em> hat ein M\u00e4rchen von Marie von Ebner-Eschenbach gelesen <a href=\"https:\/\/norberto42.wordpress.com\/2023\/04\/14\/ebner-eschenbach-prinzessin-leiladin-ein-marchen\/\">und dar\u00fcber geschrieben<\/a>. Aus meiner Schulzeit kannte ich ihr &#8222;Krambambuli&#8220;, das ich schlimm fand; inzwischen habe ich aber interessante Texte von ihr entdeckt: &#8222;Die Resel&#8220;, in der sich eine Gr\u00e4fin die Geschichte eines Grabs erz\u00e4hlen l\u00e4sst und dabei unerwartete Zusammenh\u00e4nge hergestellt werden; &#8222;Die Poesie des Unbewussten&#8220;, eine Novelle in Form der Korrespondenz zwischen einer frisch verheirateten jungen Frau, ihrer Mutter, dem Ehemann und seiner Schwester, jeweils in wechselnden Konstellationen. Man erf\u00e4hrt nach und nach, dass die drei anderen Parteien versuchen, vor der jungen Frau ein Geheimnis um die Vergangenheit des Ehemannes zu verbergen. (Nur das Ende ist ein bisschen banal.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also wollte ich &#8222;Prinzessin Leiladin&#8220; lesen. Ich habe die Erwartung, alte Texte in digital lesbarer Form kostenlos im Web zu finden, am liebsten als epub. Ich kenne verschiedene einzelne Sammlungen und Projekte, an allgemeinen Quellen kenne ich:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Gutenberg (eher das <a href=\"https:\/\/gutenberg.org\/\">englische<\/a>, wo es nicht so viele deutsche Texte gibt; zur Not auch das namensgleiche <a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/\">deutsche<\/a>, wo es keinen ordentlichen Download gibt); zeno.org (nur selten mal Downloadm\u00f6glichkeit).<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.deutschestextarchiv.de\/\">Deutsches Textarchiv<\/a>  (PDF, HTML, XML, aber kein epub; die Zeilenumbr\u00fcche m\u00fcsste man sich also selber zusammenbasteln)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Hauptseite\">Wikisource<\/a> (Originalschreibung, mit Downloadm\u00f6glichkeit)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/archive.org\/\">archive.org<\/a> (nur Originalscans, das OCR ist selten brauchbar) <\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber immer wieder einmal geschieht es, dass Texte, die ich suche, in dieser Form nicht gibt. Von Ebner-Eschenbach gibt es ein gutes Dutzend Texte und Sammlungen; &#8222;Prinzessin Leiladin&#8220; ist ebenso wenig dabei wie das auch nicht uninteressant klingende &#8222;Die Prinzessin von Banalien&#8220; (siehe kommenden Blogeintrag). Ich kann vermutlich digitale Ausgaben mit diesen Texten kaufen, weil sich ein Herausgeber oder Verlag die M\u00fche gemacht hat, die Texte zu digitalisieren, und daf\u00fcr zurecht Geld verlangt. Ich kann vermutlich digitale Ausgaben mit diesen Texten aus Bibliotheken ausleihen, und zwar wahrscheinlich ebenjene Ausgaben dieser Verlage. Was es aber nicht gibt, ist &#8211; abgesehen von den genannten Quellen &#8211; eine zentrale kostenlose digitale Bibliothek gemeinfreier deutschsprachiger Autoren und Autorinnen. Ach, um das zentrale geht es mir gar nicht; ich h\u00e4tte gerne nur insgesamt noch mehr Texte frei verf\u00fcgbar zum Lesen. Bibliotheken werden staatlich oder kommunal unterst\u00fctzt, sicher auch wissenschaftliche Digitalisierungsprojekte, aber k\u00f6nnte man nicht jemand abstellen, der solche Texte erstellt und bei Gutenberg einstellt?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Gedanken zum Text<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Genuss, aber vor allem Interesse gelesen. Die Geschichte ist ein M\u00e4rchen,  unrealistisch; vielleicht ein wenig parabelhaft? Es geht um einen Helden, der eine Prinzessin als Braut gewinnt; aber mit ihr nicht zufrieden ist. Vielleicht ist sie aber auch zu oberfl\u00e4chlich? Sie ist, zugegeben, &#8222;inwendig aus Pappendeckel.&#8220; Jedenfalls pflanzt ihr der Held mit Hilfe eines Zauberers heimlich ein Herz ein, um ihr Tiefe zu geben, aber das Herz f\u00fchrt nur dazu, dass sie sich von ihm ab- und einem anderen zuwendet. Der passt in seiner eigenen Oberfl\u00e4chlichkeit aber auch besser zu ihr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lesen kann man das als Kritik an Oberfl\u00e4chlichkeit und Konventionen, klar. Der Zauberer ist Exotismus. Romantische Ironie und \u00dcbertreibung haben wir auch: &#8222;Zwei Seiten voll Punkte und Gedankenstriche w\u00fcrden nicht schildern, was der Held empfand, als er die sch\u00f6nheitsberauschten Augen auf dem in der Zauberbl\u00e4ue der Beleuchtung ersilbernden, rhythmisch abget\u00f6nten Angesicht der Geliebten ruhen lie\u00df.&#8220; Und man kann das lesen als die Geschichte einer missgl\u00fcckten Manipulation. Die Herzverpflanzung ist schon etwas \u00fcbergriffig. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ende hat etwas von einer typischen Conan-Geschichte: Der ungeschliffene Barbar kehrt dem \u00fcberzivilisierten Hof und seinen grausamen Gesetzen wieder den R\u00fccken, begleitet von einem Narren als Sidekick. Zu Pferd. Ein Unterschied ist aber: der Illusion, die sich der Held gemacht hat, w\u00e4re Conan nicht verfallen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Zum Scanvorgang<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe den Text aus der PDF-Datei bei archive.org geholt und ein speziell auf Fraktur trainiertes OCR-Programm darauf angewendet. Das funktioniert recht gut, Schwierigkeiten gibt es aber bei Ligaturen wie <em>tt, tz, ch, ck, <\/em>nicht aber <em>\u00df; <\/em>auch das <em>t <\/em>wird oft als <em>f <\/em>gelesen; das Semikolon und manche Punkte erscheinen als Kommas. Auch sonst erfordert das Nachbereitung, allein schon mal wegen der Zeilenumbr\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fehler sind m\u00f6glicherweise immer noch drin, ich freue mich \u00fcber Hinweise. &#8211; Das macht es ja auch so schwer, definitive Ausgaben f\u00fcr Bibliotheken zu erstellen: Jemand muss daf\u00fcr b\u00fcrgen und zumindest ein bisschen geradestehen, dass der Text korrekt ist (und nicht etwa gar eingeschmuggelte Zoten enth\u00e4lt, auf die Idee k\u00f6nnte man ja kommen). Das kann ich als Privatmensch nicht, das muss eine Institution. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe das lange \u017f dringelassen, man kann es ja leicht mit Suchen-Ersetzen entfernen. Die Antiqua-Einsprengsel habe ich als <code>Code<\/code> formatiert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Jetzt endlich: Der Text<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am besten kopieren und in ein Textdokument einbauen, vielleicht als epub exportieren. <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Ebner-Eschenbach_Prinzessin_Leiladin.epub\">Ich habe ein epub ohne langes \u017f vorbereitet.<\/a> Aber man kann die Geschichte nat\u00fcrlich auch im Blog lesen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-pale-cyan-blue-background-color has-background has-global-padding is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Prinze\u017f\u017fin Leiladin. Ein M\u00e4rchen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war einmal eine wunder\u017fch\u00f6ne Prinze\u017f\u017fin. Sie hie\u00df Leiladin und hatte die wei\u00dfe\u017fte Haut, die ro\u017fenfarbig\u017ften Wangen und eine F\u00fclle lichtblonder Haare, fein und weich wie Seide. Bis zu den Fer\u017fen wallten \u017fie ihr nieder und umh\u00fcllten \u017fie gleich einem goldenen Mantel. Sieben Fri\u017feure zogen immer hinter ihr her, um ihr prachtvolles Gelock in Ordnung zu halten. Sie k\u00e4mmten es mit K\u00e4mmen aus der veilchenduftenden Schale der K\u00f6nigs\u017fchildkr\u00f6te und b\u00fcr\u017fteten es mit kleinen in Edel\u017fteine gefa\u00dften Be\u017fen aus den Bor\u017ften des Edel\u017fchweines, das alle hundert Jahre einmal am Kap der Tr\u00e4ume geboren wird. Und wenn eines der Haare der Prinze\u017f\u017fin beim Fri\u017fieren ausging, wurden allen \u017fieben Fri\u017feuren die K\u00f6pfe abge\u017fchlagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Prinze\u017f\u017fin a\u00df und trank und \u017fchlief, \u017fie lachte und l\u00e4chelte hold, machte nette Gedichte, \u017fchrieb nette Briefe, \u017fang und tanzte \u017fehr zierlich; \u017fie ver\u017ftand \u017fich vortrefflich darauf, die Ge\u017fandten fremder H\u00f6fe zu empfangen und den Vor\u017fitz im Kronrate zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von ihrer Sch\u00f6nheit, ihrer Wohlerzogenheit, von ihren Talenten und Tugenden wu\u00dfte die halbe Welt, von einer Eigent\u00fcmlichkeit, die \u017fie haffe, nur der Leibmedizinalrat, der Pr\u00e4\u017fident des ober\u017ften Kronrates und der alte getreue Hofnarr, \u017fon\u017ft niemand. Am wenig\u017ften \u017fie \u017felb\u017ft, denn es wurde als Staatsgeheimnis betrachtet: Die Prinze\u017f\u017fin war n\u00e4mlich inwendig aus Pappendeckel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Pr\u00e4\u017fident und der Leibmedizinalrat freuten \u017fich dar\u00fcber und \u017fagten: \u201eDie\u017fer Pappendeckelhaftigkeit verdankt \u017fie ihren bewunderungsw\u00fcrdigen, der exzeptionellen Stellung, die \u017fie einnimmt, \u017fo au\u00dferordentlich angeme\u017f\u017fenen Gleichmut.\u201c Der Hofnarr jedoch \u017fch\u00fcttelte den Kopf: \u201eWo aber, fragte er, \u201ebleibt das Temperament, das ich meines Teils h\u00f6her \u017fch\u00e4tze als irgend etwas Hohes?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zeit kam heran, in der die Kronr\u00e4te die Prinze\u017f\u017fin aufmerk\u017fam machten, da\u00df es nun f\u00fcr \u017fie \u017fchicklich w\u00e4re, \u017fich zu verheiraten. Sie nahm das zur Kenntnis und erwiderte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMeine Kronr\u00e4te wi\u017f\u017fen, da\u00df ich immer alles tue, was \u017fich \u017fchickt. So verheiraten wir mich denn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bewerber um die Hand einer \u017fch\u00f6nen, reichen Prinze\u017f\u017fin braucht man nicht lange zu \u017fuchen. Dutzendwei\u017fe zogen \u017fie heran und bem\u00fchten \u017fich, jeder in \u017feiner Art, das goldgefiederte V\u00f6glein zu locken, mit de\u017f\u017fen Be\u017fitz derjenige eines Kr\u00f6nleins verbunden war. Die Herren \u00fcberboten einander in der glorreichen Aus\u00fcbung ritterlicher K\u00fcn\u017fte oder \u017fuchten durch gei\u017ftige Vorz\u00fcge zu bezaubern. Wer Ver\u017ftand hatte, entfaltete ihn wie der Pfau \u017fein Rad; wer Gem\u00fct hatte, er\u017fchlo\u00df de\u017f\u017fen Tiefen und lie\u00df ihre Unerme\u00dflichkeit ahnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche Woche \u017fchon dauerte das Wettbewerben, und keiner von den Freiern durfte \u017fich der gering\u017ften Bevorzugung r\u00fchmen. Die Kronr\u00e4te begannen die Geduld zu verlieren: \u201eEnt\u017fchlie\u00dfe dich, erw\u00e4hle einen und gib den \u00fcbrigen den Laufpa\u00df,\u201c be\u017fchworen \u017fie ihre Gebieterin. Aber die\u017fe antwortete:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas w\u00fcrden die verab\u017fchiedeten Herren von meiner Wohlerzogenheit denken? Man \u017foll gegen alle \u017feine G\u00e4\u017fte gleich liebensw\u00fcrdig \u017fein. Ich mag nicht einer Per\u017fon zu Gefallen f\u00fcr unh\u00f6flich gehalten werden von einer ganzen Ge\u017fell\u017fchaft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Pr\u00e4\u017fident und der Leibmedizinalrat ge\u017ftanden einander, da\u00df \u017fich in die\u017fer \u00c4u\u00dferung eine Eitelkeit kundgebe, deren \u017fie die Prinze\u017f\u017fin unf\u00e4hig gehalten h\u00e4tten. Da lachte der Hofnarr \u017fie aus und \u017fagte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWozu habt ihr euern Ver\u017ftand, wenn ihr nicht unter an derem auch wi\u00dft, da\u00df Pappendeckelhaftigkeit und Eitelkeit unzertrennlich \u017find?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich ent\u017fchlo\u017f\u017fen \u017fich die R\u00e4te, die Wahl \u017felb\u017ft zu treffen. Sie \u017follte auf den fallen, der die Prinze\u017f\u017fin am uneigenn\u00fctzig\u017ften liebte, und die W\u00fcrdentr\u00e4ger griffen, um dar\u00fcber ins reine zu kommen, zu einem altbew\u00e4hrten Mittel, Sie luden die Freier zu einer vertfraulichen Sitzung ein, und der Redner \u017fprach zu ihnen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs i\u017ft ein Neben\u017f\u00e4chliches, was wir euch zu er\u00f6ffnen haben, Hohe und Edle, und wird wirkungslos an euch abprallen, und dennoch geziemt \u017fich&#8217;s, da\u00df wir es euch mitteilen. Wi\u017f\u017fet denn, un\u017fer die Archive unerm\u00fcdlich durchfor\u017ftender Rechtsgelehrter i\u017ft auf einen Paragraphen im Ge\u017fetz ge\u017fto\u00dfen, der un\u017fere Prinze\u017f\u017fin ihres Reiches und ihrer Reichk\u00fcmer verlu\u017ftig macht, \u017fobald \u017fie \u017fich verm\u00e4hlt. In die\u017fem Falle \u017foll die Hochzeit mit k\u00f6niglichem Gepr\u00e4nge ausgerichtet, die Neuverm\u00e4hlte bis an die Grenze gebracht und dort entla\u017f\u017fen werden auf Nimmerwiederkehr, und ohne anderes Heiratsgut als ihre Bettlade, ein Ki\u017f\u017fen und eine Decke.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ge\u017fichter \u017f\u00e4mtlicher Bewerber verl\u00e4ngerten \u017fich \u017fehr w\u00e4hrend die\u017fer Rede, nur das eines jungen Helden, eines h\u00fcb\u017fchen, blondhaarigen Bur\u017fchen mit \u017fchw\u00e4rmeri\u017fchen Augen und kr\u00e4ftigen F\u00e4u\u017ften wurde immer runder und \u017ftrahlte vor \u017ftiller Hoffnungsfreudigkeit wie der helle Vollmond.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine fin\u017ftere Wolke glitt dar\u00fcber hin, \u017fo oft einer der anderen Freier das Wort ergriff. Der eine wollte \u017fich als der wahr\u017fte Freund der Prinze\u017f\u017fin auf\u017fpielen und riet: \u201eSie la\u017f\u017fe das Heiraten \u017fein und regiere nach dem Mu\u017fter anderer gro\u00dfer unverm\u00e4hlt gebliebener Herr\u017fcherinnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSchlechte Ge\u017fetze \u017foll man aufheben,\u201c erkl\u00e4rte ein anderer; ein dritter meinte: \u201eOder umgehen,\u201c und ein vierter wu\u00dfte \u017fchon, wie das zu machen \u017fei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da \u017fprang der junge Held auf und rief: \u201eDas Ge\u017fetz \u017foll unangeta\u017ftet bleiben, es i\u017ft wei\u017fe und liebevoll: es \u017forgt daf\u00fcr, da\u00df die himmli\u017fche Prinze\u017f\u017fin nur von einem heimgef\u00fchrt wird, dem \u017fie, dem ihr eigenes, holdes, hohes Selb\u017ft als Inbegriff aller Erdeng\u00fcter gilt. Da\u00df \u017fie doch mir zuteil w\u00fcrde! Ich \u017fchenkte euch gern die Mitgift, die euer Paragraph ihr auswirft. Behaltet euer Bett, eure Decke, euer Ki\u017f\u017fen. Mein Schild \u017foll ihr Bett \u017fein, mein Mantel ihre Decke, mein Arm ihr Ki\u017f\u017fen, bis ich ihr die Welt erobere und zu F\u00fc\u00dfen lege, was gewi\u00df ge\u017fchieht, denn der Gl\u00fccklich\u017fte unter der Sonne mu\u00df auch un\u00fcberwindlich \u017fein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die Freier ihn \u017fo reden h\u00f6rten, dachten \u017fie: \u201eDer verdirbt uns den Markt,\u201c und erkl\u00e4rten in heller Emp\u00f6rung, um Ab\u017furdit\u00e4ten anzuh\u00f6ren, w\u00e4ren \u017fie hier nicht ver\u017fammelt, wurden aber bald \u00fcber\u017fchrien. Die R\u00e4te hatten \u017fich auf den Balkon begeben, \u017fchwenkten ihre Ta\u017fchent\u00fccher und riefen: \u201eHeil! dreimal Heil! Es lebe der Br\u00e4utigam!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grenzenlo\u017fer Jubel er\u017fchallte, die T\u00fcren \u00f6ffnefen \u017fich vor den herein\u017ftr\u00f6menden Hofleuten, B\u00fcrgern, Soldaten, M\u00e4nnern aus dem Volke. Eine brau\u017fende Verwirrung herr\u017fchte, bis es gelang, den allgemeinen Enthu\u017fiasmus auf den richtigen Gegen\u017ftand zu lenken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am verwirrte\u017ften war der Held \u017felb\u017ft und geriet in Enftr\u00fc\u017ftung, als er h\u00f6rte, da\u00df man ihn auf die Probe ge\u017ftellt und ein bi\u00dfchen an der Na\u017fe herumgef\u00fchrt hatte. Doch \u017fah er \u017fich auf die\u017fe Art zu einem \u017fo \u017fch\u00f6nen und herrlichen Ziel gebracht, da\u00df \u017fein Ingrimm nicht lange anhielt, \u017fondern im Glutmeer des Gl\u00fcckdes, das in \u017feiner Seele wogte, zer\u017fchmolz wie ein St\u00fcckchen Blei in einem Hochofen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Leiladin, die Sch\u00f6ne, \u017ftrahlte vor Vergn\u00fcgen. Die uneigenn\u00fctzige Liebe, die ihr der Held bewie\u017fen hatte, \u017fchmeichelte ihr au\u00dferordentlich und ver\u017fetzte \u017fie in ro\u017fige Laune. Sie lie\u00df \u00fcber tau\u017fend ihrer Photographien unter die Leute verteilen, die \u017fich gl\u00fcckw\u00fcn\u017fchend nahten, Ge\u017fchenke brachten oder (auch das kam vor) \u017folche zu erhalfen w\u00fcn\u017fchten. Sie trieb Ver\u017fchwendung mit ihrem huldreich\u017ften L\u00e4cheln und bezauberte die leer ausgegangenen Freier durch ver\u017ftohlene Blicke aller Gattungen: \u017fentimentale, herausfordernde, ver\u017ft\u00e4ndnisinnige und \u2013 was wei\u00df ich! \u2013 Jeder der Herren bildete \u017fich \u017fchon nach wenig Stunden eint \u201eMich liebt \u017fie, mich. Der vier\u017fchr\u00f6tige Held wurde ihr nur von ihren R\u00e4ten aufgehal\u017ft. Ich habe im Grunde nicht n\u00f6tig, jede Hoffnung aufzugeben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So befanden \u017fich denn alle in Fe\u017ftes\u017ftimmung \u2013 mit Ausnahme des Narren. Der er\u017fchien beim Galadiner ganz verweint; die Schellen an \u017feiner Kappe waren mit \u017fchwarzem Trauerflor \u00fcberzogen: er \u00e4chzte und \u017ft\u00f6hnte, als er \u017fich auf \u017feinem gew\u00f6hnlichen Platz, einem Ki\u017f\u017fen zu F\u00fc\u00dfen der Prinze\u017f\u017fin, niederlie\u00df. Sie ahnte \u017fogleich etwas f\u00fcr \u017fie Schmeichelhaffes, n\u00e4mlich: \u201eDer arme alte Knecht i\u017ft in mich verliebt und ungl\u00fccklich \u00fcber meine Verheiratung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas i\u017ft dem Narren?\u201c fragte \u017fie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eLa\u00df deine R\u00e4te peit\u017fchen,\u201c \u017fprach er.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarum?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie haben \u017fich geirrt und den Unrechten erwi\u017fcht. Einen Feuerbrand f\u00fcr mein Wachsp\u00fcpchen! Mein Wachsp\u00fcppchen \u017foll einen Schneemann haben, weg von meinem Wachsp\u00fcpchen mit dem brennenden Span! Deine R\u00e4te verdienen die Peit\u017fche! La\u00df die R\u00e4te peit\u017fchen!\u201c rief er \u017fo lange, bis er \u017felb\u017ft gepeit\u017fcht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Prinze\u017f\u017fin hatte Eile, \u017fich ihrem von Seligkeit und Bewunderung trunkenen Br\u00e4utigam im be\u017ften Lichte zu zeigen, als Regentin inmitten des Kronrates, als Mu\u017fikerin, Reiterin, T\u00e4nzerin. Pl\u00f6\u00dftzlich fiel ihr ein, da\u00df \u017fie noch keine Probe ihrer Bele\u017fenheit gegeben hatte, und \u017fie be\u017fchlo\u00df, das Ver\u017f\u00e4umte nachzuholen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines Morgens traf er \u017fie, bereits k\u00f6\u017ftlich gekleidet, im Garten, lief ihr fr\u00f6hlich entgegen und \u017fprach: \u201eSo fr\u00fch \u017fchon drau\u00dfen? und \u017fchon \u017fo \u017fch\u00f6n fri\u017fiert! Sie m\u00fc\u017f\u017fen ja aufge\u017ftanden \u017fein, ehe noch der Tag gegraut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGegraut?\u201c ver\u017fetzte \u017fie, \u201eHeinrich, mir graut&#8217;s vor dir. Goethe, Sie wi\u017f\u017fen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Fr\u00fch\u017ft\u00fcck, als \u017fie ihm einen Teller voll Brezeln pr\u00e4\u017fentierte, ge\u017fchah\u2019s mit der Aufforderung:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGreift nur hinein ins volle Men\u017fchenleben . . . Vor\u017fpiel zu Fau\u017ft. Sie wi\u017f\u017fen.\u201c Als \u017fie aus ihrer Teeta\u017f\u017fe den letzten Schluck getan, widmete \u017fie ihm den Nachruf:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer i\u017ft be\u017forgt und aufgehoben\u2026 Schiller. Sie wi\u017f\u017fen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz verbl\u00fcfft \u017fah der Held \u017fie an, und \u017fie freute \u017fich de\u017f\u017fen, denn Verbl\u00fcfftheit i\u017ft ja die moderne Form der Bewunderung, und blieb den ganzen Tag \u00fcber der verk\u00f6rperte Zitaten\u017fchatz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie \u017fpazierten unter hohen B\u00e4umen: ein V\u00f6glein fiel aus dem Ne\u017fte gerade vor \u017fie hin. Der Held hob es auf, zeigte es der Prinze\u017f\u017fin und \u017fagte: \u201eEs i\u017ft tot; ge\u017ftorben\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAuch Patroklus i\u017ft ge\u017ftorben. Homer, Sie wi\u017f\u017fen,\u201c unterbrach \u017fie ihn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eZu ihren F\u00fc\u00dfen,\u201c fuhr er fort: und \u017fie \u017fchnitt ihm wieder das Wort ab:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eZu Ihren \u017f\u00fc\u00dfen F\u00fc\u00dfen, Heine, Sie wi\u017f\u017fen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungeduld wollte ihn erfa\u017f\u017fen \u2013 ein Blick auf ihre \u017fieghafte Sch\u00f6nheit entwaffnete ihn. Eine wahre Lichtge\u017ftalt, \u017fchritt \u017fie neben ihm hin in ihrem wei\u00dfen, purpurum\u017f\u00e4umten Gewande, die jungfr\u00e4ulich \u017fchlanke Ge\u017ftalt, von den \u017fchimmernden Wellen der unvergleichlihen Haare umflo\u017f\u017fen, die die Fri\u017feure eben wieder geordnet hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er betrachtete \u017fie mit innig\u017fter Bewunderung und \u017fagte bewegt: \u201ePrinze\u017f\u017fin, ich habe \u017fchon viele Prinze\u017f\u017finnen ge\u017fehen, eine \u017fo herrliche wie Sie \u017find, aber noch nie!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie \u017fenkte be\u017fch\u00e4mt die Augen; die\u017fes allerdings etwas matte Lob er\u017fchien ihr emp\u00f6rend unzul\u00e4nglich: <code>\u201eIl y a fagots et fagots. Moliere.<\/code> Sie wi\u017f\u017fen, hoffe ich,\u201c entgegnete \u017fie, und ihn \u00fcberfam ein unertr\u00e4glich ma\u00dfleidiges Gef\u00fchl:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa wohl, ich wei\u00df,\u201c rief er aus. \u201eI\u017ft in der Haude- und Spener\u017fchen Buchhandlung zu Berlin er\u017fchienen und ko\u017ftet \u017fechs Mark f\u00fcnfzig. O Leiladin, teure Holdheit, \u017fagen Sie \u201eM\u00e4h\u201c \u2013 aber es komme aus Ihrem eigenen Kopfe!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da war \u017fie beleidigt, wie die Pappendeckelnen beleidigt \u017find, bis auf den Klei\u017fter, und als der verliebte Held \u017fah, da\u00df \u017fie den reizenden Mund verzog und da\u00df ihre Stirn \u017fich umd\u00fc\u017fterte, ergriff ihn ein heftiger Schmerz. Die ganze Nacht hielt bittere Reue ihn wach; \u017fein Benehmen gegen \u017feine angebetete Braut er\u017fchien ihm roh, und er hatte keinen hei\u00dferen Wun\u017fch, als das begangene Unrecht gut zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4ch\u017ften Tage bat er um Verzeihung mit der Demut und Inbrun\u017ft eines Kindes, und die Prinze\u017f\u017fin hatte ein zierliches, aber \u017fehr \u017fpar\u017fames L\u00e4cheln und ermahnte ihn:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBeleidigen Sie mich nur nie wieder.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie waren auf einen Altan des Pala\u017ftes getreten und \u017fahen auf den Marktplatz hinunter. \u00dcber die\u017fen bewegte \u017fich \u017fchweigend und lang\u017fam eine dichte Men\u017fchenmenge, die einem kleinen traurigen Zuge das Geleite gab. Er be\u017ftand aus \u017fieben M\u00e4nnern in den ver\u017fchieden\u017ften Lebensaltern; ein flaumb\u00e4rtiger J\u00fcngling er\u00f6ffnete, ein Greis in wei\u00dfen Haaren \u017fchlo\u00df ihn. Die \u017fieben waren barh\u00e4uptig und barf\u00fc\u00dfig, trugen Arme\u017f\u00fcnderhemden und Stricke. um den Hals gekn\u00fcpft. Hinter ihnen \u017fchriffen der Scharfrichter und \u017feine Ge\u017fellen, neben ihnen die geharni\u017fchte, \u017fehr betr\u00fcbt drein\u017fchauende Scharwache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz zuletzt kam der Narr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er balancierte auf den Spitzen der Daumen und der Zeigefinger \u017feiner hochherhobenen H\u00e4nde ein Schr\u00e4nkchen aus Kri\u017ftall, in dem auf blau\u017feidenem Ki\u017f\u017fen eine goldene, edel\u017fteinbe\u017fetzte Spule lag. Sie war umwunden mit etwas Feinem, K\u00f6\u017ftlichem, das \u017fich vom Balkon aus nicht genau unter\u017fcheiden lie\u00df, das aber gl\u00e4nzte wie Sonnenlicht. Ein F\u00e4hnlein mit der In\u017fchrift: <code>\u201eCorpus delicti\u201c<\/code> war auf dem Ka\u017ften befe\u017ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas bedeutet die\u017fer Aufzug? Wer \u017find die\u017fe Men\u017fchen?\u201c fragte der Held, und die Prinze\u017f\u017fin antwortete:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs \u017find meine Fri\u017feure, die man zum Blocke f\u00fchrt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eZum Blocke? Was haben \u017fie getan?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas \u00e4rg\u017fte, was Fri\u017feure tun k\u00f6nnen, Sie haben mir ein Haar ausgeri\u017f\u017fen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEines, alle zu\u017fammen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDoch nicht. Nur einer wird es getan haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNur einer, und \u017fieben m\u00fc\u017f\u017fen \u017fterben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Prinze\u017f\u017fin zuckte die Ach\u017feln: \u201eSo gebietet ein neues Ge\u017fetz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEin wahnwitziges Ge\u017fetz\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEnt\u017fchuldigen Sie, ein vern\u00fcnftiges Ge\u017fetz. Es bezweckt, da\u00df jeder Fri\u017feur \u017fich nicht nur \u017felb\u017ft in acht nimmt, mich ja nicht zu rupfen, \u017fondern auch \u017fehr acht gibt, da\u00df die andern es nicht fun. Und dann, wie vereinfacht es den \u017fon\u017ft oft labyrinthi\u017fch ver\u017fchlungenen Rechtsweg. Kein langes For\u017fchen nach dem eigentlichen T\u00e4ter. Kein Verh\u00f6r, keine Zeugenvernehmung, keine Indizienbewei\u017fe, nichts. Links das <code>Corpus delicti,<\/code> rechts der Block, Punktum.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Held l\u00e4chelte wehm\u00fctig. \u201eO Prinze\u017f\u017fin,\u201c \u017fprach er, \u201eIhnen d\u00fcrfte nicht einmal der Heiland der Antimitleids-Apo\u017ftel vorwerfen, da\u00df Sie \u201everchri\u017ftelt\u201c \u017find!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hatte keine Ahnung von dem, was er damit meinte, denn \u017fie wu\u00dfte nichts von moderner Moral, \u017fondern war der naiv\u017fte Pappendeckel der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas doch die Erziehung macht!\u201c dachte der Held. \u201eDie der Prinze\u017f\u017fin \u017fcheint den Plan verfolgt zu haben, gegen jedes der ge\u017funden Men\u017fchennatur angeborene gute Gef\u00fchl D\u00e4mme aufzurichten. Ich aber will \u017fie niederrei\u00dfen, einen nach dem andern.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er \u017fprang vor, lehnte \u017fich \u00fcber die Br\u00fc\u017ftung des Balkons und rief hinunter: \u201eHalt, im Namen der Prinze\u017f\u017fin, halt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zug \u017ftand \u017ftill, und der Ver\u017ftand Leiladins gleichfalls, ob der Verme\u017f\u017fenheit ihres Br\u00e4utigams. Die\u017fer lie\u00df jenem aber nicht Zeit, \u017fich wieder in Bewegung zu \u017fetzen; er be\u017fchwor die R\u00e4te, den Hof\u017ftaat und \u017fogar die abgewie\u017fenen, aber noch hoffenden Freier, ihm bitten zu helfen, um Begnadigung der Fri\u017feure. Seine W\u00e4rme, die Innigkeit, mit welcher er flehte, ri\u00df viele hin. Sie unterbrachen ihn oft mit lauten \u00c4u\u00dferungen ihres Beifalls, w\u00e4hrend er zu der Prinze\u017f\u017fin \u017fprach:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSehen Sie empor, der Himmel umd\u00fc\u017ftert \u017fich, der Sturm beginnt zu heulen; bald wird die\u017fe wundernette Stadt und ihre bl\u00fchende Umgebung von grauen Regenvorh\u00e4ngen verh\u00fcllt, alle ihre Farbenpracht ausgel\u00f6\u017fcht \u017fein, und graue Eint\u00f6nigkeit uns an\u017ftarren aus leeren Augenh\u00f6hlen. Es d\u00fcrfte \u017fich \u017fcheu\u00dflich machen. Und tro\u00dfdem werden wir der unfreundlich tr\u00fcben Welt hie und da noch einen Licht\u017fchimmer und einige Annehmlichkeiten abzugewinnen wi\u017f\u017fen, und mit Liebe und Treue an ihr hangen. So auch un\u017fere Fri\u017feure an ihrer, wei\u00df der Teufel keineswegs erquicklichen Exi\u017ftenz. Sie \u017fterben ungern, man \u017fieht\u2019s; \u017fie teilen den, vielleicht irrt\u00fcmlichen, aber weit verbreiteten Glauben, da\u00df Atmen ein Glick und das Leben ein hohes Gut \u017fei. Nehmen Sie es ihnen nicht: la\u017f\u017fen Sie die Bedauernsw\u00fcrdigen noch eine Zeit lang ihre irdi\u017fche M\u00fch\u017fal genie\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eM\u00fch\u017fal genie\u00dfen?\u201c rief einer der Freier \u017fp\u00f6tti\u017fch. Es war der patzig\u017fte von allen, der F\u00fcr\u017ft aus Leim\u017fiedeland, und mit \u017feinem \u017fchwarzbraunen Ge\u017ficht und dem \u00fcblen Geruch, den er verbreitete, dem Helden \u00e4u\u00dfer\u017ft zuwider. Der nahm von \u017feinem Einwand nicht mehr Notiz, als wenn ein Fro\u017fch gequakt h\u00e4tte, und fuhr fort, die Prinze\u017f\u017fin anzuflehen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJunge Herr\u017fcherin! In Ihrer Macht \u017fteht es, den heutigen Tag zu dem ruhm- und \u017fegensreich\u017ften Ihrer bisherigen Regierung zu machen. Ver\u017f\u00e4umen Sie die Gelegenheit nicht. Begnadigen Sie die\u017fe Ungl\u00fccklichen und heben Sie \u017fogar das Ge\u017fetz f\u00fcr immer auf, das den Haark\u00fcn\u017ftlerberuf an Ihrem Hofe zu einem \u017fo ent\u017fetzlich gef\u00e4hrlichen macht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWohin denken Sie?\u201c antwortete die Prinze\u017f\u017fin, und \u017ftand im Gei\u017fte bereits auf den Hinterf\u00fc\u00dfen. \u201eEin Gesetz aufheben \u2013 das geh\u00f6rt \u017fich nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eK\u00fcrtzlich er\u017ft,\u201c mi\u017fchte der Herr von Leim\u017fiedeland \u017fich ein, \u201emeinte er das \u017felb\u017ft und eiferte gegen die Aufhebung eines Ge\u017fetzes. Jetzt i\u017ft er Feuer und Flamme f\u00fcr eine diesfall\u017fige \u017folche.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Held geriet in Zorn \u00fcber die\u017fes albern b\u00f6sartige Gerede im Ge\u017fch\u00e4fts\u017ftil und war \u017fehr bereit, es nach Heldenart zu widerlegen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eLeim\u017fieder!\u201c rief er aus, \u201eich werde Ihnen feuern und flammen!\u201c und \u017ft\u00fcrzte auf ihn zu, und w\u00fcrde ihn \u00fcbel zugerichtet haben, wenn die Kronr\u00e4te ihn nicht durch ihre ge\u017fchickte Dazwi\u017fchenkunft daran verhindert h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch taten \u017fie\u2019s und \u2013 und taten noch mehr. Der Gedanke des Helden war ihnen zu Kopfe ge\u017ftiegen und begei\u017fterte \u017fie, wie wenn \u017fie \u017felb\u017ft ihn gehabt h\u00e4tten. Die klugen Staatsm\u00e4nner ergriffen auch gleich das richtige Mittel, um ihn zur Ausf\u00fchrung zu bringen. Sie warfen \u017fich der Prinze\u017f\u017fin zu F\u00fc\u00dfen und brachen in freneti\u017fche Iubelrufe aus. Der Gnadenakt, den auszu\u00fcben ihr nicht einfiel, wurde als bereits vollzogen angenommen, und die R\u00e4te und der ganze Hof\u017ftaat erhoben einen Lobge\u017fang auf das Genie, die Hochherzigkeit, den Edelmut der Prinze\u017f\u017fin, ernannten \u017fie zur gr\u00f6\u00dften und ruhmreich\u017ften F\u00fcr\u017ftin, die je einen Thron ge\u017fchm\u00fcckt und be\u017fchlo\u017f\u017fen, ihr \u017fofort ein Standbild zu errichten, gegen welches die Jupiter\u017ftatue des Phidias, von der damals einiges Aufhebens gemacht wurde, \u017fich als unbedeutende Dilettantenarbeit heraus\u017ftellen \u017folle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war die Sprache, in der man der Prinze\u017f\u017fin kommen mu\u00dfte! Wohlgef\u00e4llig lau\u017fchte \u017fie ihren Kl\u00e4ngen wie einer angenehmen Mu\u017fik und \u017fagte zu dem Herrn vom Leim\u017fiedeland: \u201eJa, \u017fo i\u017ft es und nicht anders, ich kann nur handeln, wie meine k\u00f6nigliche Langmut es mir gebietet und \u017fchenke hiermit \u017fieben Fri\u017feuren das Leben.\u201c Sie hatte die\u017fe Worte laut ge\u017fprochen, und ihre Umgebung intonierte Hymnen zu ihrem Prei\u017fe: die Verurteilten aber und ihre Angeh\u00f6rigen blieben \u017ftumm, Wenn man das Unerh\u00f6rte noch \u017fo deutlich h\u00f6rt, ohne weiteres glauben kann man\u2019s nicht. Es dauerte eine Weile, bevor die Verurteilten, deren Fe\u017f\u017feln eilig\u017ft gel\u00f6\u017ft wurden, begriffen, da\u00df \u017fie begnadigt waren. Dann \u00e4u\u00dferte \u017fich ihre Freude in ergreifender Wei\u017fe. Der junge Bur\u017fche \u017fchrie pl\u00f6tzlich \u017fo laut und wonnig auf, da\u00df man meinte, zehntau\u017fend Nachtigallen \u017fchlagen zu h\u00f6ren und rief fortw\u00e4hrend den Namen \u017feiner Geliebten. Sie \u017ftand vor ihm und \u017ftarrte ihn regungslos und gl\u00fcck\u017ftrahlend an. Auf einmal ri\u00df er \u017fie an \u017fich, hob \u017fie in die H\u00f6he, \u017ftellte \u017fie wieder hin und jauchzte: \u201eTanzen wir!\u201c und \u017fie tanzten, tanzten die Wonne aus, die ihnen \u017fon\u017ft die Bru\u017ft ge\u017fprengt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar alte Eheleute waren einander ans Herz ge\u017funken, der Mann hielt \u017feine Frau fe\u017ft um\u017fchlungen mit beiden Armen. Als er die\u017fe \u00f6ffnete, glitt \u017fie an ihm zu Boden, tot, \u00fcberw\u00e4ltigt von der Gr\u00f6\u00dfe ihres Gl\u00fcckes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitten auf dem Markte hatte \u017fich die Mutter eines k\u00fcrzlich hingerichteten Fri\u017feurs auf beide Knie niedergela\u017f\u017fen. Ihrer Sinne nicht mehr recht m\u00e4chtig, glaubte \u017fie, als rings um \u017fie her lauter Jubel er\u017fchallte, er k\u00f6nne nur der R\u00fcckehr ihres Sohnes gelten, der nun heimkommen werde, ihr wieder ge\u017fchenkt \u017fei durch die Huld der allgeprie\u017fenen, allm\u00e4chtigen Herr\u017fcherin. Da kniete \u017fie denn hin, \u017fah v\u00f6llig verz\u00fcckt zu der \u017fch\u00f6nen Wundert\u00e4terin empor und \u2013 dankte, dankte ihr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sobald die Fri\u017feure \u017fich nur ein bi\u00dfchen von ihrer Gem\u00fctsbewegung erholt hatten, ver\u017fammelten \u017fie \u017fich um den Narren, \u00f6ffneten das Kri\u017ftall\u017fchr\u00e4nkhen, wickelten das lange, goldene Haar an der Spule ab und flochten daraus ein mit einer K\u00f6nigskrone gekr\u00f6ntes L. Ein Juwelier brachte das ko\u017ftbar\u017fte Mexdaillon, ein anderer die \u017fchwer\u017fte Kette aus \u017feiner Werk\u017ftatt herbei. Das L wurde in das Medaillon gelegt, die\u017fes an die Kette befe\u017ftigt, und das Ganze dem Br\u00e4utigam der Prinze\u017f\u017fin in feierlicher Wei\u017fe \u00fcberreicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und Leiladin, die Sch\u00f6ne, ge\u017fchmeichelt durch die\u017fe auf einem Umwege doch nur ihr dargebrachte Huldigung, erteilte ihrem Zuk\u00fcnftigen die Erlaubnis, die Dekoration annehmen und tragen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sodann lie\u00df \u017fie \u017fich von ihm in den Park f\u00fchren, zu \u017feinem Lieblingsplatz, einer Marmorbank am Waldesrande, neben der eine klare Quelle aus dem Fel\u017fen hervor\u017fprudelte und als munteres B\u00e4chlein im reinlichen Kiesbette zwi\u017fchen moos\u00fcberwach\u017fenen Steinbl\u00f6cken zu Tale rau\u017fchte. Der Held war heiterer als er noch je gewe\u017fen, \u017feitdem er der mei\u017ft beneidete Mann im Lande geworden war. Er ergriff die Hand Leiladins, k\u00fc\u00dfte und \u017ftreichelte \u017fie, und die Prinze\u017f\u017fin lie\u00df \u017fich\u2019s gn\u00e4dig eine Weile gefallen; dann fragte \u017fie:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie finden Sie meine Hand?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Horizont hatten die Wolken \u017fich immer dr\u00e4uender get\u00fcrmt und die Form eines ungeheuren F\u00e4chers angenommen, der den Himmel verfin\u017fterte. Pl\u00f6tzlich durchzuckte ein feuriger Blitz das Dunkel des gro\u00dfartigen Gebildes, und bald darauf ert\u00f6nte das maje\u017ft\u00e4ti\u017fche, lang nachhallende Rollen des Donners.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas i\u017ft doch herrlich!\u201c rief der Held, und die Prinze\u017f\u017fin \u017fehr betroffen, da\u00df er den Blitz bewunderte und nicht ihre Hand, \u017fagfe mit ge\u017fpitzten Lippen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa, ja, entz\u00fcckend!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn \u017fie \u201eentz\u00fcckend\u201c \u017fagte, bekam er regelm\u00e4\u00dfig eine G\u00e4n\u017fehaut, denn es klang leer und oberfl\u00e4chlich und kalt zum Erfrieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er kreuzte die Arme \u00fcber der Bru\u017ft, r\u00fcckte von ihr weg bis ans \u00e4u\u00dfer\u017fte Ende der Bank und \u017fprach leider rechht b\u00e4rbei\u00dfig: \u201eSie haben heute ein gutes Werk getan. Ich war von der Wirkung, die es hervorbrachte, ger\u00fchrt; mir \u017find die Tr\u00e4nen in die Augen getreten, und ich \u017fah mit Er\u017ftaunen, da\u00df die Ihren trocken blieben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAggre\u017f\u017fiv, Sie \u017find immer aggre\u017f\u017fiv,\u201c \u017fchmollte Leiladin. \u201eWeinen verdirbt die Augen; man hat mich gelehrt, meine \u017fch\u00f6nen Augen zu \u017fchonen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDeshalb al\u017fo?\u201c \u017fprach er laut, und zu \u017fich \u017felb\u017ft im \u017ftillen: \u201eauch die F\u00e4higkeit zu weinen haben \u017fie ihr wegerzogen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e\u00dcberdies,\u201c fuhr \u017fie eigen\u017finnig fort, \u201eSie \u017felb\u017ft \u017fagen, da\u00df ich ein gutes Werk getan, und gleich darauf wundern Sie \u017fich, da\u00df ich nicht geweint habe. Wor\u00fcber denn? Viel eher \u017follte ich mich freuen und lachen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eLachen?\u201c Er wurde immer nachdenklicher; ihm fiel ein, da\u00df er \u017fie noch nie \u017fo recht hingegeben und aus vollem Herzen hatte lachen geh\u00f6rt \u2026 Nein, \u017ftets nur mit Herabla\u017f\u017fung, karg und \u017fto\u00dfwei\u017fe, als ob \u017fie f\u00fcrchte, \u017fich etwas zu vergeben, oder h\u00f6ch\u017ftens, um ihre allerlieb\u017ften blanken Z\u00e4hne zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAch,\u201c \u017fetzte er nach einer unerquicklichen Pau\u017fe mit ge\u017fteigerker B\u00e4rbei\u00dfigkeit hinzu, \u201ewenn Sie nur lachen k\u00f6nnten! Aber Sie lachen nicht, Sie weinen nicht, Sie f\u00fchlen nicht Mitleid noch Mitfreude, Sie haben wahr\u017fcheinlich gar kein Herz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch?\u201c beinahe h\u00e4tte \u017fie unartig aufge\u017fchrien. Eine f\u00f6rmliche Revolution enk\u017ftand in ihrem fa\u017ferigen Innern. Die beleidigte Eitelkeit wand \u017fich und zi\u017fchte wie eine gereizte Schlange.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum er\u017ften Male im Leben vom kr\u00e4ftigen Fl\u00fcgel der Wahrheit ge\u017ftreift, empfand \u017fie die\u017fe Ber\u00fchrung als wider\u017finnig rohe Ungerechtigkeit. \u201eKein Herz? Woher k\u00e4men denn die hehren Ge\u017finnungen, die mich unerme\u00dflich hocch \u00fcber jeden mir Nahenden \u017ftellen, mag er dem niederen Volke oder dem hohen Adel angeh\u00f6ren, wenn nicht aus meinem gro\u00dfen Herzen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie geriet in Zorn und f\u00f6rderte boshafte Sticheleien und aus\u017fchweifende Selb\u017ftverherrlichungen zutage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie hat auch keinen Ver\u017ftand,\u201c dachte der Held, \u201eNat\u00fcrlich, woher denn Ver\u017ftand nehmen, wenn man kein Herz hat? Und ihr ewiges Selb\u017ftlob i\u017ft eine gro\u00dfe Schamlo\u017figkeit. Ich bin ein ungl\u00fccklicher Men\u017fch; ich habe mich in ein Bild ohne Gnaden, in eine \u017feelenlo\u017fe H\u00fclle verliebt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In leiden\u017fchaftlichem Schmerze warf er \u017fich auf die Erde nieder, tobte und \u017fchluchzte, und die Prinze\u017f\u017fin trat mit tadelnder Geb\u00e4rde von ihm hinweg:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIhr Benehmen mi\u00dff\u00e4llt mir \u017fehr,\u201c \u017fagte \u017fie; \u201ewie habe ich mich geirrt, da ich Sie f\u00fcr wohlerzogen und f\u00fcr eine vornehme Natur gehalten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die\u017fe Worte brachten ihn v\u00f6llig au\u00dfer \u017fich: \u201eIch will nicht wohlerzogen, ich will nicht vornehm \u017fein! Was liegt mir an die\u017fen L\u00e4ppereien. Ra\u017fen will ich!\u201c Er bi\u00df die Z\u00e4hne zu\u017fammen und trommelte mit der Fau\u017ft auf dem Boden. \u201eRa\u017fen wie ein Bulle, wie ein ange\u017fcho\u017f\u017fener Tiger \u00fcber das vermaledeite Schick\u017fal, das mich zwingt, ein We\u017fen, das nicht lachen, nicht weinen, nicht teilnehmen kann, mit brennendem Herzleid zu lieben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Prinze\u017f\u017fin ver\u017ftand ihn weniger denn je, f\u00fchlte \u017fich aber beleidigt; emp\u00f6rt und ratlos blickte \u017fie um \u017fich und war erfreut, als \u017fie ihren Hof\u017ftaat in der Ferne auftauchen \u017fah. Sogleich machte der z\u00fcrnende Ausdruck ihres Ge\u017fichts einem freundlichen Platz. Sie eilte ihren Herren und Damen entgegen, wandte im Vorw\u00e4rts\u017fchreiten den Kopf zur\u00fcck und \u017fprach mit dem holde\u017ften L\u00e4cheln:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch \u017fpei\u017fe heute allein. Adieu, mein Held.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u017fprang auf und \u017fah ihr fin\u017fter nach. Eine Zeit lang verharrte er in d\u00fc\u017fterem Sinnen, dann ging er ra\u017fchen Schrittes dem Pala\u017fte zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte einen Ent\u017fchlu\u00df gefa\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gefolge eines der Freier, eines indi\u017fchen Prinzen[,] befand \u017fich de\u017f\u017fen Leib\u017fpiriti\u017ft, Herr von Gel\u017fen\u017fprung, der die ziemlich eint\u00f6nigen Abendunterhalttungen im Schlo\u017f\u017fe \u017fchon \u00f6fters durch Proben \u017feiner Zaubermacht belebt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu die\u017fem begab \u017fich un\u017fer Held.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er fand ihn an \u017feinem chemi\u017fchen Herde \u017ftehend, \u00fcber eine Retorte gebeugt, die er beim Er\u017fcheinen des Be\u017fuchers eilends mit einem \u017feidenen Ta\u017fchentuche bedeckte. Ohne lange Einleitung brachte der Prinz \u017fein Anliegen folgenderma\u00dfen vor:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHerr von Gel\u017fen\u017fprung, Sie erg\u00f6tzten uns neulich \u017fehr. Sie lie\u00dfen im verdunkelten Zimmer Ka\u017f\u017ferollen herumfliegen; eine davon traf mich an der Stirn und hat mir, \u017fehen Sie, einen blauen Fleck ge\u017fchlagen. Die\u017fe Kun\u017ft, und noch manche andere, welche Sie uns zum be\u017ften gaben, \u017fchien mir ziemlich zwecklos. K\u00f6nnten Sie nicht einmal eine Kun\u017ft machen, die einen Zweck h\u00e4tte, einen vortrefflichen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs gibt keine Zwecke, es gibt nur Ge\u017fetzte,\u201c erwiderte Herr von Gel\u017fen\u017fprung, \u201eAber womit kann ich dienen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e\u2013 Mit einem Herzen. Ja! \u2026 Meine Braut hat n\u00e4mlich kein Herz. Ich bef\u00fcrchtete das \u017fchon lange; nach und nach i\u017ft es mir zur Gewi\u00dfheit geworden. O Herr von Gel\u017fen\u017fprung, Sie \u017find ein Wundermann, tun Sie ein Wunder, ver\u017fchaffen Sie meiner Brautf ein Herz!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zauberer \u017fchlug die H\u00e4nde zu\u017fammen und rief: <code>\u201eUgh! \u2026 dear me, o dear! dear!<\/code> Ein Herz w\u00fcn\u017fchen Sie? \u2026 Wie \u017fich das f\u00fcgt! Welch ein Ge\u017fetz, einen Zweck im Ge\u017fetze! \u2026 Ei, ei! Ih, ih!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er h\u00fcpfte ganz ge\u017fpen\u017fti\u017fch im Zimmer umher, \u017fchleuderte \u017feine \u017fpinnenarfigen Arme und Beine von \u017fich und fing \u017fie wieder auf \u2013 wuchs auf einmal bis zur Decke empor, kroch durch den T\u00fcr\u017fpalt zum Zimmer hinaus und durch ein Mausloch wieder herein und rieb \u017fich dabei \u017fehr ge\u017fchwind und ohne einen Augenblick auszu\u017fetzen, die gewaltige Adlerna\u017fe mit beiden Zeigefingern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMachen Sie keine Dummheiten; zur Sache!\u201c fuhr der Held, dem die\u017fe Callot\u017fchen Manieren zuwider waren, ihn an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eZur Sache, ja,\u201c \u017fprach der Herr von Gel\u017fen\u017fprung, \u017fetzte \u017fich ruhig und \u017fitt\u017fam hin und legte die H\u00e4nde auf die Knie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><code>\u201e<\/code><code>J'ai votre affaire.<\/code> Dort, \u017fehen Sie, ein Herz, mit dem ich, mein Seel, nicht wei\u00df, was anfangen. Es i\u017ft mir neulich bei einer gro\u00dfartigen Zitierung \u2013 ich verga\u00df meine \u00c4rmel aufzu\u017ftreifen \u2013 am Ellbogen h\u00e4ngen geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWenn es nur gut i\u017ft,\u201c \u017fagte der Held beunruhigt, \u201eIch habe keine gro\u00dfe Meinung von den Herzen, die einem am Ellbogen h\u00e4ngen bleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eExqui\u017fit i\u017ft es! Prima Sorte. Ich f\u00fcttere und tr\u00e4nke es \u017feit acht Tagen mit den edel\u017ften Empfindungen, und es \u017fchluckt \u017fie, wie nur ad\u00e4quate\u017fte Nahrung ge\u017fchluckt wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWohlan denn. Ich lege al\u017fo die Hand darauf, es i\u017ft mein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eZuer\u017ft,\u201c ver\u017fetzte Herr von Gel\u017fen\u017fprung, \u201emu\u00df es das Eigentum der Prinze\u017f\u017fin werden, in deren hohles Innere ich\u2019s hineinzaubern will.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSchmerzlos,\u201c hoffe ich. [sic]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa wohl, im Schlafe. Ob es jedoch gedeiht, das h\u00e4ngt von zwei Bedingungen ab: Geheimnis und Sympathie.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas hei\u00dft das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDa\u00df Sie, obwohl Sie ein Held \u017find, wie Ehren-Sim\u017fon, Siegfried und \u017fo weiter, nicht \u017fchwatzen d\u00fcrfen. Ein einziges Wort zu irgendwem \u00fcber un\u017fer Experiment, und es f\u00e4llt ins Wa\u017f\u017fer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch werde \u017fchweigen. Und was i\u017ft\u2019s mit der Sympathie?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas k\u00f6nnten Sie \u017fich an den Fingern abz\u00e4hlen,\u201c erwiderte Herr von Gel\u017fen\u017fprung, unwir\u017fch \u00fcber das viele Fragen. \u201eIch \u017fetze einen guten Herzenskeim ein. Findet er ab\u017folut keine Nahrung, geht er zugrunde innerhalb weniger Tage; findet er nur die gering\u017fte, ihm ent\u017fprehend \u017fympathi\u017fche, wird er leben und pro\u017fperieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEr wird \u017fie finden!\u201c rief der Held voll Begei\u017fterung und Zuver\u017ficht. \u201eLa\u017f\u017fen Sie uns nicht l\u00e4nger \u017f\u00e4umen. Meine angebetete Prinze\u017f\u017fin d\u00fcrfte \u017fich jetzt in ihr Boudoir zur\u00fcckgezogen haben, zum Nachmittags\u017fchl\u00e4fchen, und \u2013 im Schlafe, \u017fagten Sie \u2026 O Olympos! \u2026 das w\u00e4re der richtige Augenblick \u2013 Men\u017fch, Apotheker, Hampel, Magier,<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gro\u00dfe Stunde naht,<br>Greifen Sie nach Ihrem Apparat.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die\u017fer h\u00fcb\u017fche Vers i\u017ft der einzige geblieben, den der Held im Laufe eines ruhmreichen Lebens gemacht hat, und er \u017fetzte in Pro\u017fa hinzu: \u201eEs wird zwar jetzt niemand vorgela\u017f\u017fen, aber f\u00fcr mich als Br\u00e4utigam und f\u00fcr meine Begleitung mu\u00df eine Ausnahme gemacht werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eO Lieber, wie naiv Sie \u017find! Wenn man mit mir eintritt, ge\u017fchieht das nicht in \u017fo um\u017ft\u00e4ndlicher Wei\u017fe,\u201c \u017fprach Herr von Gel\u017fen\u017fprung. \u201eIch mache uns un\u017fichtbar, da er\u017fparen wir das Antichambrieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er zog drei Nachtm\u00fctzen aus \u017feinem W\u00e4\u017fche\u017fchrank, \u017fetzte eine dem Helden, die andere der Retorte und die dritte \u017fich \u017felb\u017ft auf, und \u017fie eilten, durch die\u017fe einfache Vorrichtung vor allen indiskreten Blicken ge\u017fch\u00fctzt, \u00fcber Treppen und G\u00e4nge. Sie eilten an traum\u017feligen Wachtpo\u017ften, ko\u017fenden Liebesp\u00e4rchen, in wichtige Be\u017fprechungen vertieften R\u00e4ten vorbei, unbemerkt bis an die Pforten der prinze\u00dflichen Gem\u00e4cher. Vor der T\u00fcr des Zimmers, in dem \u017fechs be\u017fonders ausdauernde Hofdamen immerw\u00e4hrenden Dien\u017ft hatten, fuhr der Held pl\u00f6tzlih zu\u017fammen, wie wenn eine Hornis ihn ge\u017ftochen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHerr von Gel\u017fen\u017fprung,\u201c rief er; \u201emir kommt ein Skrupel, Herr von Gel\u017fen\u017fprung!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eVor allem,\u201c bemerkte die\u017fer, \u201ereden Sie nicht \u017fo laut, denn ich habe nur un\u017fere Schritte und nicht un\u017fere Stimmen unh\u00f6rbar gemacht; dann nehmen Sie zur Kenntnis, da\u00df Ihr Skrupel jedenfalls zu \u017fp\u00e4t kommt. Es i\u017ft h\u00f6ch\u017fte Zeit, das Herz einzu\u017fetzen; es \u017fchwillt und gl\u00fcht bedrohlich, k\u00f6nnte \u017feine vorl\u00e4ufige Behau\u017fung \u017fprengen, entweichen und, herren- und konduitelos herumvagierend, viel Ungl\u00fcck anrichten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Sache derer, die es trifft,\u201c \u017fprach der Held mit der ihm zu\u017ftehenden R\u00fcck\u017fichtslo\u017figkeit. \u201eWas mich qu\u00e4lt, i\u017ft mein Skrupel. O, Herr von Gel\u017fen\u017fprung, wenn die Prinze\u017f\u017fin doch \u017fchon ein Herz h\u00e4tte! \u2026 ein noch unentwickeltes, noch nicht zur Sprache gekommenes, aber vorhandenes \u2013 und Sie zauberten ihr noch eines ein \u2026 Was dann?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas? \u2013 k\u00f6nnen Sie nicht z\u00e4hlen? Eins und eins \u017find eben zwei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEnt\u017fetzlich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarum? das kommt oft vor.\u201c Der Hexenmei\u017fter grin\u017fte ab\u017fcheulich: \u201eEines f\u00fcr Sie, eines f\u00fcr den Herrn von Leim\u017fiedeland.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUngeheuer!\u201c \u017fchrie der Held und wollte ihn erw\u00fcrgen, erwi\u017fchte ihn aber nicht gleich, weil er ja un\u017fichtbar war. Im n\u00e4ch\u017ften Augenblick be\u017fann er \u017fich, \u017fchluckte \u017feinen Zorn hinunter und \u017fagte nach einiger \u00dcberlegung: \u201eGe\u017fchehe denn, was mag; vorw\u00e4rts, vorw\u00e4rts im Namen aller guten Gei\u017fter!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie gingen durch das Gemach, in dem die \u017fechs Hofdamen kerzen\u017fteif und lautlos \u017fa\u00dfen, den Schlaf der Gebieterin bewachend, geraden Wegs ins Boundoir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Prinze\u017f\u017fin hatte es in die t\u00e4u\u017fchend nachgeahmte blaue Grotte verwandeln la\u017f\u017fen, und beim Betreten die\u017fes magi\u017fchen Raumes verlegte die Bewunderung \u017fowohl dem Helden wie Herrn von Gel\u017fen\u017fprung den Atem. Ganz nat\u00fcrlich. Den Anblick der blauen Grotte hat \u017fchon mancher Italienrei\u017fende \u2013 wer aber hat den der Prinze\u017f\u017fin Leiladin in der blauen Grofte gehabt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie lag auf einer weich ausgepol\u017fterten, mit braunem Sammet \u00fcberzogenen Chai\u017felongue, welche die Form eines Nachens hatte, und lei\u017fe und \u017fanft auf k\u00fcn\u017ftlichen Wollen \u017fchaukelte. \u2013 Zwei Seiten voll Punkte und Gedanken\u017ftriche w\u00fcrden nicht \u017fchildern, was der Held empfand, als er die \u017fch\u00f6nheitsberau\u017fchten Augen auf dem in der Zauberbl\u00e4ue der Beleuchtung er\u017filbernden, rhythmi\u017fch abget\u00f6nten Ange\u017ficht der Geliebten ruhen lie\u00df. N\u00e4her tretend, kniete er neben ihrem Lager nieder und wurde von der hei\u00dfen Ver\u017fuchung ergriffen, einen Ku\u00df auf ihren Mund zu dr\u00fccken; doch bemei\u017fterte er \u017fie mit heldenhafter Selb\u017ft\u00fcberwindung und \u2013 \u017fie kam nicht wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je tiefer er \u017fich in den Anblick \u017feiner \u017fchlafenden Braut ver\u017fenkte, je mehr nahm \u017feine Hingeri\u017f\u017fenheit ab. Ihrem \u017fch\u00f6nen Ange\u017ficht fehlte alles, was \u017feine Liebe hineinzugeheimni\u017f\u017fen und zu phanta\u017fieren pflegte, wenn es \u017fich in wachem Zu\u017ftande befand. Den lieblichen Lippen ent\u017ftr\u00f6mte ein milder, fri\u017fcher Hauch, aber vergeblich wartete der Held, da\u00df ein Ausdruck von Freude, Leid, Sehn\u017fucht oder Trotz \u017fie um\u017fpielen und Zeugnis geben w\u00fcrde von irgend welchem \u017feeli\u017fchen Vorgange. Es kam nichts und wieder nichts. Die r\u00e4t\u017felhafte Jungfrau atmete, lebte, und war doch leblos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Ruhe einer Wachspuppe,\u201c \u017fagte \u017fich der Held. \u201eDer Narr haf Recht gehabt, als er \u017fie eine Wachspuppe nannte. Nicht einmal dem Schlafe vermag \u017fie \u017fich hinzugeben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNein, nicht einmal dem Schlafe,\u201c wiederholte der alles, und folglich auch die\u017fe Gedanken erratende Herr von Gel\u017fen\u017fprung. \u201eDaf\u00fcr r\u00e4cht er \u017fich aber auch und plaudert aus, und zwar hier \u2013 da\u00df nichts auszuplaudern i\u017ft. Ja, mein Lieber, der Schlaf, der Rau\u017fch, der Zorn \u017find gewaltige Verr\u00e4ter. Nun bitte ich aber, Platz zu nehmen, Ihre melodramati\u017fche Stellung d\u00fcrfte Ihnen auf die Dauer unbequem werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er r\u00fcckte ein Ver\u017fetz\u017ft\u00fcck hin, ein Taburett, das eine abge\u017ftumpfte Tropf\u017ftein\u017f\u00e4ule vor\u017ftellte, der Held \u017fetzte \u017fich darauf und ergriff auf Befehl des Magi\u017fters die Hand der Prinze\u017f\u017fin[.]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein k\u00fchler Strom quoll aus ihr in die \u017feine \u00fcber, \u017ftieg lang\u017fam durch \u017feinen Arm ins Herz, in die Bru\u017ft und in die gl\u00fchende Stirn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herr von Gel\u017fen\u017fprung hatte die Retorte auf ein Ti\u017fchchen ge\u017ftellt vor das Fen\u017fter, das durch allerlei Feinheiten der Glas\u017fchleiferkun\u017ft und der Glasmalerei \u017fo behandelt worden, da\u00df es den Eingang der Grotte h\u00f6ch\u017ft glaubw\u00fcrdig nachbildete. Das Licht, das von dort her drang, \u017fchien in immer weitere Entfernung zu r\u00fccken. Ein feiner heller Klang \u017fchlug an des Helden Ohr \u2013 die Retorte war ge\u017fprungen und ihr entqualmten m\u00e4chtig wallende aromati\u017fche D\u00fcn\u017fte, die im Nu den ganzen Raum erf\u00fcllten. Alles drehte \u017fich und wirbelte durcheinander, form- und \u017fchattenlos, bis pl\u00f6tzlich in dem Chaos eine Flamme aufleuchtete, feuriger als der Sonnenball im Mittagsglanze.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAugen zu! wollen Sie blind werden?\u201c rief der Magier den Helden an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der hatte \u017fchon die freie Hand \u00fcber \u017feine geblendeten Augen gelegt, blickte nur durch einen \u017fchmalen Spalt zwi\u017fchen \u017feinen Fingern und \u017fah noch unerme\u00dflich viel. Die wei\u00dfen drehenden D\u00fcn\u017fte hatten \u017fich geballt, loderten in Purpurpracht und \u017ftr\u00f6mten eine rauchende, funjen\u017fpr\u00fchende Atmo\u017fph\u00e4re aus. Kleine Sonnen krei\u017ften um gr\u00f6\u00dfere und Sternchen mit ihren Monden um die kleinen Sonnen, und eine kleine Milch\u017ftra\u00dfe wurde \u017fichtbar. Die\u017fes winzige All \u017fchwebte nicht im Leeren, es befand \u017fich in einem \u017felt\u017famen, herzf\u00f6rmigen Etwas. Und nun ge\u017fchah das Wunder der Wunder \u2013 der Weltfr\u00fchling brach an. \u2013 \u201eIch tr\u00e4ume, ich wei\u00df es,\u201c dachte der Held \u2026 \u201eO des lieblichen Traumes! \u2026 Von einem werdenden Mikrokosmos, von Erwachen, Keimen, von Erbl\u00fchen und Verwelken, von Kampf und von Frieden. \u2013 Gegr\u00fc\u00dft, du kleine, alles Gl\u00fcck und Leid der gro\u00dfen ein\u017fchlie\u00dfende Welt! \u2013 Gegr\u00fc\u00dft wonniges, \u017fchmerzensreiches geliebtes Leben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun meinte er zu f\u00fchlen, da\u00df die Hand, die er immer noch fe\u017fthielt, \u017fich erw\u00e4rmte, da\u00df ein kr\u00e4ftiger Puls \u017fich in ihr regte, und zugleich \u2013 Olympos! was war das? \u2026 wurde \u017fie aus der \u017feinen geri\u017f\u017fen? entri\u00df \u017fie \u017fich ihm \u017felb\u017ft? \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage blieb vorl\u00e4ufig unbeantwortet, und er wiederholte \u017fie nicht. Ein greuliches Unbehaben ergriff ihn, der Boden unter ihm wankte, und das bi\u00dfchen Bewu\u00dft\u017fein, das ihm noch geblieben war, \u017fchwand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er nach kurzer Zeit zu \u017fich kam, \u017fah er Herrn von Gel\u017fen\u017fprung am Fen\u017fter, das er weit ge\u00f6ffnet hatte, \u017ftehen. In der Linken hielt er die mitten entzwei gebor\u017ftene Retorte, \u017feine Schlafm\u00fctze und \u017feine Schuhe, in der Rechten eine zum F\u00e4cher gefaltete Nummer der \u201eSphinx,\u201c mit der er ein letztes Rauchw\u00f6lkchen zum Fen\u017fter hinaustrieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Held trat zu ihm und fragte: \u201eI\u017ft&#8217;s gelungen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSitzt \u017fchon,\u201c \u017fagte Herr von Gel\u017fen\u017fprung. \u201eDas Kun\u017ft\u017ft\u00fcck i\u017ft fertig, Bleiben Sie un\u017fichtbar und erwarten Sie die Wirkung. Was mich betrifft, ich habe die Ehre.\u201c Er \u017fprang mit beiden F\u00fc\u00dfen zugleich auf das Fen\u017fterbrett und \u017fchwang \u017fich hinaus. Auf einem an der Mauer klebenden Schwalbenne\u017ft \u017ftehend, \u017fchlo\u00df er von au\u00dfen das Fen\u017fter, warf \u017fich in einen Baumwipfel und war ver\u017fchwunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beklommen blieb der Held in der Fen\u017fterecke \u017ftehen. Die Prinze\u017f\u017fin hatte \u017fchwer aufge\u017feufzt, \u017fich emporgerichtet, und begann heftig zu l\u00e4uten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hofdamen \u017ft\u00fcrzten herein. \u201eMeine Damen,\u201c klagte die Prinze\u017f\u017fin, und ihre Stimme klang ganz ver\u00e4ndert, \u201ewarum verla\u017f\u017fen Sie mich? Kommen Sie, mir i\u017ft etwas \u2013\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Damen \u017ftellten \u017fechs Bilder der Betroffenheit dar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas i\u017ft un\u017ferer unvergleichlichen K\u00f6niglichen Prinze\u017f\u017fin?\u201c riefen \u017fie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch wei\u00df nicht,\u201c begann \u017fie in weinerlichem Tone; \u201eals ich ein\u017fchlief, war mir nichts, und jetzt beim Erwachen i\u017ft mir etwas \u2013\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDa m\u00fc\u017f\u017fen wir gleich den Leibmedizinalrat rufen la\u017f\u017fen,\u201c \u017fprachen die Damen und wollten alle auf einmal enteilen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber die Prinze\u017f\u017fin win\u017felte kl\u00e4glich: \u201eVerla\u017f\u017fen Sie mich nicht, meine einzigen Freundinnen \u2026 Ach, ich habe nur Sie!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hofdamen brachen in Tr\u00e4nen der R\u00fchrung aus, und die Prinze\u017f\u017fin legte die Hand aufs Herz und \u017fprach:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMein Herz macht \u017fich bemerkbar. Wenn ein Organ \u017fich bemerkbar macht, i\u017ft es krank. Ich bin herzkrank und werde \u017fterben. O wie \u017fchade um mich! Begrabt mich unter Blumen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie weinte, und die Hofdamen k\u00fc\u00dften \u017fchluchzend den Saum ihres Kleides, und \u017fie fiel einer nach der andern um den Hals.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die j\u00fcng\u017fte der Damen, die einzige, die noch einige Individualit\u00e4t bewahrt hatte, ri\u00df \u017fich los und eilte davon, um den Leibmedizinalrat zu holen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuf\u00e4lligerwei\u017fe kam er ihr \u017fchon im Korridor entgegen, \u017fehr beh\u00e4big, Arm in Arm mit \u017feinem Freunde, dem Narren. Als er h\u00f6rte, da\u00df die Prinze\u017f\u017fin \u00fcber Herzweh klagte, lachte er, nahm ein H\u00f6rrohr aus \u017feinem Talar, wi\u017fchte es \u017forgf\u00e4ltig ab und \u017fagte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie\u017fem \u00dcbel werden wir gleich abhelfen; aber der Narr mu\u00df mit, denn ich werde der Patientin wahr\u017fcheinlich Zer\u017ftreuung ver\u017fchreiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gro\u00df war \u017feine Verwunderung, als er zu auskultieren begann. Er horchte, \u017ftaunte, horchte wieder: \u201eNein,\u201c rief er aus, \u201ewas heutzutage die Bazillen treiben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Prinze\u017f\u017fin mu\u00dfte genau berichten, mit wem \u017fie geredet, was \u017fie gege\u017f\u017fen, und be\u017fonders, ob \u017fie nicht w\u00e4hrend ihres Mittag\u017fchl\u00e4fchens getr\u00e4umt habe?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie antwortete, nein, getr\u00e4umt habe \u017fie nicht, aber beim Erwachen eine ihr bisher fremde ab\u017fcheuliche Empfindung gehabt, und \u017fich \u017fogar eingebildet, da\u00df etwas Widerw\u00e4rtiges \u017fie an der Hand halte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBravo,\u201c dachte der Held, \u201edas war ich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGewi\u00df hat der Tod mich ber\u00fchrt, und ich mu\u00df \u017fterben,\u201c jammerte Leiladin, \u201eSo jung, \u017fo \u017fch\u00f6n \u2013 und \u017fterben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Narr zog ein ungeheures Ta\u017fchentuch hervor, und \u017feine holde Gebieterin li\u017fpelte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eO, mein Narr, du ha\u017ft mich auch geliebt! Weine, lieber Narr, weinet alle, und begrabt mich unter Blumen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNa, na,\u201c \u017fagte der Leibmedizinalrat, \u201emit dem Begraben hat&#8217;s noch Zeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Narr aber rief: \u201eDoch, mein Herzchen, wir wollen dich unter Blumen begraben, aber lebendig \u017foll\u017ft du dabei bleiben. Ein Ro\u017fenfe\u017ft wollen wir veran\u017ftalten, und du wir\u017ft die Ro\u017fenk\u00f6nigin \u017fein und uns mit deinen D\u00f6rnchen angenehm verwunden und wonnig bet\u00e4uben mit deinem Duft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eRo\u017fenk\u00f6nigin!\u201c dachten die Hofdamen. \u201eWelch ein reizend \u017finniger Gedanke! Heil, \u017fechsmal Heil un\u017ferer Ro\u017fenk\u00f6nigin!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie bildeten eine Gruppe, f\u00fchrten den Freuden\u017fchaltanz aus, und die Prinze\u017f\u017fin l\u00e4chelte unter Tr\u00e4nen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Doktor griff noch einmal nach ihrem Puls und \u017fagte: \u201eVor\u00fcbergehende Er\u017fcheinung. Sie \u017find nicht krank, mein T\u00f6chterchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eRein, kernge\u017fund; eigentlich fehlt meinem Zuckerherzchen weniger als ihm bisher gefehlt hat,\u201c fiel der Narr ein, und wieder nahm der Leibmedizinalrat \u017feinen Arm, und die Freunde gingen, An\u017ftalten zum Ro\u017fenfe\u017fte zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von neuem warf \u017fich die Prinze\u017f\u017fin in die Arme der Hofdamen: \u201eDenkt mir eine ber\u00fcckende Toilette aus,\u201c \u017fprach \u017fie, \u201eich m\u00f6chte heute ganz be\u017fonders unwider\u017ftehlich \u017fein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnd den hehren Helden noch mehr bezaubern, als er ohnehin bezaubert i\u017ft?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAh den!\u201c Leiladin machte eine ver\u00e4chhtlihe Geb\u00e4rde. \u201eO, meine Vertrauten, wenn ihr w\u00fc\u00dftet, was der i\u017ft \u2013 ein Grobian i\u017ft er \u2013 und wie er mich behandelt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Damen hatten einen Anfall der Entr\u00fc\u017ftung: \u201eEr behandelt \u2013 er wagt es, un\u017fere G\u00f6ttliche zu behandeln!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAlle Augenblicke hat er etwas an mir auszu\u017fetzen, ich kann tun, was ich will, nichts i\u017ft ihm recht, immer wird gen\u00f6rgelt und getadelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGen\u00f6rgelt, getadelt?\u201c \u2013 Der Unwillen der Hofdamen \u00fcber\u017ftieg alle Grenzen: \u201eDer M\u00f6rder \u2013 man \u017ftelle ihn vor Gericht, man verurteile ihn![\u201c]<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDen Laufpa\u00df bekommt er auf alle F\u00e4lle,\u201c ver\u017fetzte Leiladin. \u201eEin anderer hingegen,\u201c ihr weinerliches Grollen verwandelte \u017fich in ein affektiertes Ge\u017f\u00e4u\u017fel, \u201eo meine Vertrauten \u2026 Ich wei\u00df einen anderen \u2013 der \u00fcbt auf mich eine anziehende Kraft. Seit einer Stunde denke ich nur an ihn, \u017fehe nur ihn. \u2013 O, mein Prinz von Leim\u017fiedeland!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie wurde rot und bla\u00df und \u017feufzte zum Erbarmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Helden ergriff eine ra\u017fende Lu\u017ft, \u017fich dem Zorn, der in ihm brodelte, zu \u00fcberla\u017f\u017fen. Schon \u017ftreckte er \u017feine gewaltigen Arme aus, \u017feine F\u00e4u\u017fte griffen ins dekorierte Geb\u00e4lke, und er war drauf und dran, die Grotte zu demolieren und die Prinze\u017f\u017fin, \u017ftatt unter Blumen, unter Schutt und Tr\u00fcmmern zu begraben, und die Hofdamen und \u017fich dazu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber Rache nehmen an Weibern, ging ihm wider die Natur, und an der guten \u017fcheiterte \u017fein b\u00f6\u017fer Wille. Die gr\u00e4\u00dfliche Tat blieb ungetan; der Held \u017fuchte ein anderes Opfer f\u00fcr \u017feine Wut und rannte zu Herrn von Gel\u017fen\u017fprung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u017ftand \u017fchon wieder an \u017feinem Herde und experimentierte und verzog keine Miene, als der Eintretende ihm zurief:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDa haben Sie eine \u017fch\u00f6ne Ge\u017fchichte angerichtet! \u2026 Ausgezeichnet haben Sie \u017fich mit Ihrem Herzen. Ein \u017fo mi\u017ferabler Muskel i\u017ft mir noch nie vorgekommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer Musfkel i\u017ft gut,\u201c \u017fprach Herr von Gel\u017fen\u017fprung mit hoch \u00fcberlegener Ruhe, \u201eoder war gut; da\u00df er \u017fo bleiben wird, habe ich Ihnen nicht ver\u017fprohen. Sie wu\u00dften, da\u00df er Nahrung braucht, und zwar nicht zeitweilig wie der Magen, \u017fondern unausge\u017fetzt, und da\u00df er ein\u017fchrumpft bei k\u00e4rglicher Ko\u017ft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas nennt man doch Welken vor dem Erbl\u00fchen. Welch ein kl\u00e4gliches Schau\u017fpiel!\u201c grollte der Held. \u201eNicht ein ge\u017fundes, nat\u00fcrliches Gef\u00fchl in die\u017fem fri\u017fch einge\u017fetzten Herzen, lauter vertrackte Sentimentalit\u00e4t. Und der Anziehende, das i\u017ft Leim\u017fieder, und ich bin der Widerw\u00e4rtige!\u201c Er begann von neuem zu knir\u017fchen, und Herr von Gel\u017fen\u017fprung verwies es ihm:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAuf eine \u017folche Eventualit\u00e4t hatten Sie \u017fich gefa\u00dft zu machen. Wo Herz, da Anziehung und Ab\u017fto\u00dfung, Liebe und Ha\u00df.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEin \u017fauberer Ha\u00df,\u201c fiel der Held ein. \u201eIch \u017fage Ihnen, vor einem ehrlichen, t\u00fcchtigen h\u00e4tte ich Re\u017fpekt, aber der ihre i\u017ft kleinlich, hinterli\u017ftig und aus beleidigter Eitelkeit geboren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eH\u00f6ren Sie, die Sorte h\u00e4lt fe\u017ft. \u00dcbrigens Freundchen, von Eitelkeit \u017fchweigen Sie lieber. Warum waren denn Sie gar \u017fo \u00fcberzeugt, der \u017fch\u00f6nen Leiladin brauche man nur ein Herz einzuimpfen, damit es \u017fogleich f\u00fcr Sie ergl\u00fche?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Held \u017fchwieg und wanderte nach \u017feinen Gem\u00e4chern, wo er \u017fich \u017feinen Gedanken und \u017feinem Schmerze \u00fcberlie\u00df. Er \u017fah mit leuchtender Klarheit ein, da\u00df diejenige, die er liebte, einer tiefen Neigung v\u00f6llig unw\u00fcrdig war; aber die\u017fe Ein\u017ficht brachte ihn zur Verzweiflung, ohne ihn zu heilen. Das alte Lied aller ungl\u00fccklich Verliebten: \u201eWenn nicht mein, \u017foll \u017fie doch keines andern werden,\u201c \u017fang nat\u00fcrlich auch er \u017fich vor, und dabei beobachtete er von \u017feinen Fen\u017ftern aus, wie die Fe\u017ft\u017f\u00e4le im gegen\u00fcberliegenden Fl\u00fcgel in bengali\u017fchem Lichte er\u017ftrahlten, und die W\u00e4nde von oben bis unten mit Ro\u017fen verkleidet wurden. Ro\u017fen bedeckten den Boden, Ro\u017fengirlanden umwanden die Ketten der Kronleuchter, die Lehnen und F\u00fc\u00dfe des Ge\u017ft\u00fchls und \u00fcberzogen \u017fogar de\u017f\u017fen Sitze.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eOlympos!\u201c murmelte er, \u201ewenn \u017fie nicht ordentlich ventilieren, nehmen wir alle das Ende des armen M\u00e4dchens in: \u201aDer Blumen Rache\u2018. Aber um \u017fo be\u017f\u017fer!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mehrere Hof\u017fchneider er\u017fchienen, brachten eine Theatergarderobe mit und baten ihn, \u017fich ein Ko\u017ft\u00fcm attszu\u017fuchen. Er w\u00e4hlte eines, in dem er einem feurigen Dornbu\u017fch glich. Es war aus rindenartig gepre\u00dftem Sammet und be\u017ftand aus einem Stamm, der hinten zugekn\u00f6pft wurde und aus vier Rie\u017fen\u00e4\u017ften, in die er Arme und Beine \u017fteckte. An jenen waren unz\u00e4hlige Zweige mit noch viel unz\u00e4hligeren Stacheln befe\u017ftigt, und an der Spitze jedes Stachels brannte ein Gl\u00fchlicht. Auf den Kopf \u017fetzte der Held eine umfangreiche Bl\u00e4tterkrone, unter deren Dunkel \u017feine Augen zornfunkelnd hervor\u017fpr\u00fchten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So betrat er den Ball\u017faal. Die Ro\u017fenk\u00f6nigin tanzte \u017fchon mit dem als Klebro\u017fe verkleideten von Leim\u017fiedeland; ihre fein \u017fatinierte Hand lag in \u017feiner klebrigen Rechten, und \u017fie machte wieder ihre koketten, um allgemeine Bewunderung buhlenden Augen. Ihr Kavalier umwob und um\u017fpann \u017fie mit \u017feinen langen Ranken und lie\u00df \u017fie gar nicht mehr los; \u017fie h\u00fcpfte und er h\u00fcpfte, und der Held dachte: \u201eH\u00fcpft nur zu! Ihr werdet bald ausgeh\u00fcpft haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um ihn hatte eine gro\u00dfe Leere \u017fich gebildet. Durch die Hofdamen war die Kunde von \u017feinem Sturz in die prinze\u00dfliche Ungnade zur allgemeinen Kenntnis gekommen. Alle Welt floh ihn, er ragte gleich einem Dornbu\u017fch in der W\u00fc\u017fte, z\u00fcrnte und funkelte weiter und hielt den Griff \u017feines Schwertes fe\u017ft, das er unter dem Ko\u017ft\u00fcm umge\u017fchnallt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungeduldig erwartete er das Ende des Tanzes, um vorzu\u017fpringen, und Herrn von Leim\u017fiedeland ritterlich zu gr\u00fc\u00dfen und zum Zweikampf herauszufordern, an Ort und Stelle und auf Leben und Tod.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon war die Mu\u017fik im Begriff zu ver\u017ftummen, \u017fchon \u017fetzten die Geiger ihre Bogen zum letzten Striche an \u2013 \u017fchon hob der Held \u017feinen Fu\u00df zum verh\u00e4ngnisvollen Schritte \u2013 da f\u00fchlte er \u017fich an der Schulter gefa\u00dft, und eine wohlbekannte Stimme, die des Narren, fl\u00fc\u017fterte ihm ins Ohr:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas braut in dir, mein Sohn? \u2013 Mache keine Dummheit. So viel Narrheiten du will\u017ft, aber keine Dummheit!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAlter Frechling,\u201c erwiderte der Held, \u201emit wem rede\u017ft du? \u2026 Ich la\u017f\u017fe mir meine Braut nicht weg\u017fchnappen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSchnappen? Von Leim\u017fiedeland braucht nicht er\u017ft zu \u017fchnappen. Sieh nur hin! Hat un\u017fer Prinze\u00dfchen dich je \u017fo ange\u017fchmachtet wie den?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eH\u00f6ll und Teufel!\u201c fluchte der Held.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnd dabei \u017fieht \u017fie recht \u017ftumpf\u017finnig aus, un\u017fere goldene Hoheit. Nichts drin in dem h\u00fcb\u017fchen Futteral!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFutteral?\u201c wiederholte der Held und \u017ftutzte gewaltig \u00fcber die\u017fen Ausdruck. \u201eEine \u017folche Huldge\u017ftalt, ein Futteral?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGib deinen Segen, Kamerad, glaube mir, jubiliere, da\u00df zu\u017fammenkommt, was zu\u017fammengeh\u00f6rt.\u201c Er machte eine Pau\u017fe, \u017fteckte den Kopf vor und blickte den Helden von unten herauf pfiffig an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas mein\u017ft du damit,\u201c fragte der, \u201edu \u017fpann\u017ft mich auf die Folter, \u017fprich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Narr z\u00f6gerte: \u201eEs verraten, hei\u00dft Hals und Kragen riskieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch bin da, f\u00fcrchte nichts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs i\u017ft ein Geheimnis.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSag es dennoch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSag es! Sag es! \u2026 ob denn \u017fo einem Helden gar nichts von \u017felb\u017ft einfallen kann!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu: Spiele nicht mit mir. Heraus mit der Sprache! Was geh\u00f6rt zu\u017fammen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es blitzte \u017fo bedrohlich \u00fcber \u017fein Ge\u017ficht, da\u00df der zu Tod er\u017fchrockene Alte berausplatzte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNun doch \u2013 Pappendeckel und Leim \u2013 Leim und Pappendeckel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201ePappendeckel!\u201c \u2013 \u2013 h\u00e4tte der Held bald aufge\u017fchrien. Aber zum Gl\u00fcck raubte \u017feine Be\u017ft\u00fcrzung ihm die Stimme. Sie brachte \u00fcberhaupt eine heil\u017fame Wirkung hervor. \u2013 So gewaltig \u017fch\u00fcttelte er \u017fich, wie Skanderbeg, als er die Pfeile, mit denen die Feinde ihn ge\u017fpickt hatten, gegen \u017fie zur\u00fcckge\u017fchleudert, und \u2013 der Zauber, der ihn in \u017feinem Banne gehalten, war gel\u00f6\u017ft. Dem k\u00fcrzlich nocch Verliebten gingen die Augen, ging eine Welt des Ver\u017ft\u00e4ndni\u017f\u017fes auf. Dahin waren, ver\u017funken wie in einem Abgrund, Liebe und Zorn. An ihrer Stelle machte \u017fich eine ent\u017fetzliche Be\u017fch\u00e4mung breit. \u201eUnd ich,\u201c \u017ftie\u00df er heraus, \u201eund ich habe ihr \u00fcbel genommen, da\u00df \u017fie nicht Funken \u017fpr\u00fcht!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er wandte \u017fich auf dem Ab\u017fatz herum und ging in den Spei\u017fe\u017faal, wo \u017fchon das Souper \u017ferviert war. Unterwegs hatte er eine Vi\u017fitenkarte aus \u017feiner Briefta\u017fche gezogen und darauf ge\u017fchrieben: <code>\u201ep. p. c.\u201c<\/code> Die\u017fe legte er neben den Teller der Prinze\u017f\u017fin und dachte: Ein pappendeckelner Ab\u017fchied gen\u00fcgt. Dann eilte er nach \u017feinen Zimmern, legte \u017fein Maskenkleid ab, putzte und packte \u017feine Wa\u017f\u017fen. Doch unterbrach er \u017feine Be\u017fch\u00e4ftigung oft, um mit der Fau\u017ft gegen \u017feine Stirn zu \u017fchlagen und auszurufen: \u201eE\u017fel \u2013 \u017folange nichts zu merken!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war zwei Uhr Morgens, als er nach dem Stalle wanderte, wo er Men\u017fchen und Pferde in tiefen Schlaf ver\u017fenkt fand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur \u017feine die Fuchs\u017ftute Li\u017fa war wach, hatte wieder die H\u00e4lfte ihrer Streu aufgefre\u017f\u017fen und \u017fchaute \u00fcber\u017fatt und \u017fehn\u017f\u00fcchtig nach der T\u00fcr, als die \u017fich \u00f6ffnete. Schauer der Freude liefen ihr \u00fcber das gl\u00e4nzende Fell beim Anblick ihres Herrn; aber \u017fie wieherte nicht, denn \u017fie merkte gleich, da\u00df es \u017fich keineswegs um einen l\u00e4rmenden Aufbruch, \u017fondern um einen \u017ftillen Abzug handle. Gegen ihre Gewohnheit lie\u00df \u017fie \u017fich ruhig \u017fatteln und am Zaume aus dem Stalle f\u00fchren. Sie \u017fchlichen durch den Hof, am Schlo\u017f\u017fe vorbei, durch den Park und gelangten endlich zur Umfa\u017f\u017fungsmauer, die anderthalbmal \u017fo hoch war wie die Li\u017fa. Aber als \u017fich der Held \u017feinem guten Ro\u00df auf den R\u00fccken \u017fchwang und ihm zurief: \u201eHin\u00fcber!\u201c machte es einen gewaltigen Sa\u00df und \u2013 drau\u00dfen waren \u017fie. Ein Gene\u017fener atmete un\u017fagbar wonnig auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Stunde mochte er geritten \u017fein, da h\u00f6rte er hinter \u017fich rufen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHolla ho! Wart ein wenig, Kamerad, ich begleite dich.\u201c Es war der Narr, der einhergetrabt kam auf einem munteren R\u00f6\u00dfchen. Er hatte \u017fein R\u00e4nzlein umge\u017fchnallt, \u017fah alt und tr\u00fcb\u017felig aus, klapperte vor K\u00e4lte und h\u00fcllte \u017fich in \u017feinen d\u00fcnnen Mantelkragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schweigend ritten \u017fie neben einander dahin im Nebelgrau, in der unerquicklichen K\u00fchle. Endlich begann der Horizont \u017fich im O\u017ften zu lichten, der Tag brach an, und der Held warf einen letzten Blick nach der wei\u00dfen, reinlichen Stadt, der er f\u00fcr immer den R\u00fccken gekehrt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eOb \u017fie dort wohl \u017fchon Verlobung feiern?\u201c \u017fagte er.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eOhne Zweifel,\u201c antwortete der Narr, \u201e\u017fie werden \u017fich verloben, werden heiraten und viele Kinder bekommen, die wieder eine gro\u00dfe Nachkommen\u017fchaft in die Welt \u017fetzen werden, und des geleimten Pappendeckels wird kein Ende \u017fein. Nun, er kommt ja nicht in eine fremde Welt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAch, geh!\u201c erwiderte der Held, und der verbitterte Alte brummte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu ha\u017ft dich nicht recht umge\u017fehen ge\u017ftern im Saale. In der ganzen bunten Menge gab es nur zwei durch und durch Lebendige \u2013 dich und mich. Alle \u00fcbrigen waren von Pappendeckelhaftigkeit zum minde\u017ften ge\u017ftreift. Un\u017fer gro\u00dfer Gelehrter, der Kun\u017ft gegen\u00fcber \u2013 Pappendeckel. Die z\u00e4rtliche Familienmutter, die in Affenliebe f\u00fcr ihr Flei\u017fch und Blut hin\u017fchmilzt, dem Nebenmen\u017fchen gegen\u00fcber \u2013 Pappendeckel. Der \u017fentimentale Armenvater \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKlat\u017fche nicht!\u201c unterbrach ihn der Held; der Narr aber nahm gleich wieder das Wort:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch \u017fag dir, jetzt kommt der Pappendeckel dran, der mit H\u00e4nden zu greifende, mit Haut und Haar vor uns ausgebreitete lumpige Pappendeckel. Kein Anklang an etwas Unendliches mehr. Ich wette, \u017fie putzen noch das unendlich Gro\u00dfe und Kleine aus der po\u017fitiven Wi\u017f\u017fen\u017fchaft heraus \u2026 Alles mu\u00df ge\u017fagt und be\u017fchrieben werden k\u00f6nnen, alles Ge\u017fchilderte in der Schilderung aufgehen, Null f\u00fcr Null \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend er \u017fo deklamierte, kamen Landleute des Weges, die mit ihren Weibern und Kindern zur Arbeit auf das Feld gingen. Ein Kn\u00e4blein jauchzte beim Anblick der Schellenkappe des Narren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSchildere mir einmal die\u017fes Jauchzen,\u201c \u017fprach der Held; \u201eaber genau, mit \u017feinem vollen kindlichen Jubel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch kann das nicht,\u201c ver\u017fetzte der Narr. \u201eMich haben \u017fie aber auch hinausgeworfen. Lie\u00dfen mich aber \u017fchon lange merken, da\u00df \u017fie einen modernen Narren brauchen. Ich bin der \u00fcberwundene Standpunkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNicht f\u00fcr alle Leute,\u201c \u017fuchte \u017fein Gef\u00e4hrte ihn zu be\u017fchwichtigen. Um\u017fon\u017ft; der Tiefgekr\u00e4nkte \u017feufzte \u017fchwer und entgegnete:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAber f\u00fcr die Jugend, al\u017fo f\u00fcr die Zukunft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGetro\u017ft! \u2013 hinter der Zukunft gibt&#8217;s noch die Un\u017fterblichkeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas wir Sterblichen \u017fo nennen. Sei es wie es \u017fei; ich als alter Spa\u00dfmacher mu\u00df mir ein neues Publikum \u017fuchen gehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnd ich mir ein neues Gl\u00fcck,\u201c \u017fagte der Held.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einer \u017fah den andern an, und jeder dachte: \u201eArmer Narr!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie ritten weiter, der in ferner Ferne, hinter dunkeln Wolkenma\u017f\u017fen auf\u017fteigenden Sonne zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl\u00f6tzlich \u017ftreckte der Held feinem Rei\u017fegef\u00e4hrten die Hand entgegen und \u017fprach: \u201eBleibe bei mir und \u017feien wir Freunde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Alte \u017fchlug wacker ein. \u201eWir \u017find&#8217;s,\u201c \u017fagte er, \u201eund nicht er\u017ft von heute, wir \u017find&#8217;s \u017feitdem es ehrliche Helden und wei\u017fe Narren gibt.\u201c<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) 1. Auf der Suche nach dem Text norberto42 hat ein M\u00e4rchen von Marie von Ebner-Eschenbach gelesen und dar\u00fcber geschrieben. Aus meiner Schulzeit kannte ich ihr &#8222;Krambambuli&#8220;, das ich schlimm fand; inzwischen habe ich aber interessante Texte von ihr entdeckt: &#8222;Die Resel&#8220;, in der sich eine Gr\u00e4fin die Geschichte eines Grabs erz\u00e4hlen l\u00e4sst und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[7],"tags":[224,263],"class_list":["post-55351","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-buecher","tag-poetischer-realismus"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55351","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=55351"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55351\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55446,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55351\/revisions\/55446"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=55351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=55351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=55351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}