{"id":55407,"date":"2023-04-29T09:54:00","date_gmt":"2023-04-29T07:54:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=55407"},"modified":"2023-05-16T08:50:05","modified_gmt":"2023-05-16T06:50:05","slug":"marie-von-ebner-eschenbach-die-prinzessin-von-banalien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/04\/marie-von-ebner-eschenbach-die-prinzessin-von-banalien.htm","title":{"rendered":"Marie von Ebner-Eschenbach, Die Prinzessin von Banalien"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Vorgeschichte<\/h2>\n\n\n\n<p>Hier also noch eine zweite aus der PDF-Fraktur befreite Erz\u00e4hlung von Marie von Ebner-Eschenbach. (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/04\/marie-von-ebner-eschenbach-prinzessin-leiladin-ein-maerchen.htm\">Siehe vorhergehenden Blogeintrag.<\/a>) Der Titel war mir aufgefallen; ich mag M\u00e4rchen und Geschichten, die so tun, als w\u00e4ren sie M\u00e4rchen; \u201eBanalien\u201c klingt nach Parodie oder Metafiktion. Die Erz\u00e4hlung ist dann aber nichts von alledem.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Inhalt und Kommentar<\/h2>\n\n\n\n<p>Sie beginnt wie ein Kunstm\u00e4rchen; es geht wieder um eine Prinzessin, die verheiratet werden soll. Diesmal ist sie au\u00dferdem ein Feenkind mit einem magischen Dolch. Der t\u00f6tet unfehlbar, wenn er in Angst oder Zorn verwendet wird; sein Verlust bedeutet allerdings Ungl\u00fcck. &#8211; Schon bald trifft die Prinzessin bei einem Ausritt im Wald einen schlafenden J\u00fcngling, der sie fasziniert. Sie wirft ihren Dolch nach einer Schlange, die den Schlafenden wohl gerade bei\u00dfen will, und t\u00f6tet sie; danach flieht die Prinzessin zur\u00fcck zu ihrem Schloss. (Einen gewissen Symbolismus kann man nicht leugnen.) Dort bemerkt sie den Verlust ihres Dolches, au\u00dferdem verzehrt sie sich in Liebe zu dem Fremden und l\u00e4sst ihn im ganzen Land suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem Jahr wird er gefunden. Er lebt eigentlich allein im Wald, w\u00fcnscht sich als Belohnung f\u00fcr die R\u00fcckgabe des Dolches erst nur ein Pferd und ein Schwert und l\u00e4sst sich dann \u00fcberreden, auf dem Schloss zu bleiben. Er hat keinen Namen; die Prinzessin &#8211; selber \u00fcbrigens namenlos &#8211; gibt ihm den Namen Abdul. Und sie versucht ihm in den n\u00e4chsten Monaten n\u00e4her zu kommen. Er bleibt eine Mischung aus Enkidu und John Clayton, Graf von Greystoke.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kippt die Geschichte irgendwann. Die Bev\u00f6lkerung ist unzufrieden mit dem Wilden; er ist undiplomatisch und eckt an und hat ungewohnte Tierwohl-Vorstellungen. Er wird gefangengesetzt; man fordert seine Hinrichtung, ein Mob plant wom\u00f6glich, ihn umzubringen. \u00c4hnlich wie im letzten M\u00e4rchen verl\u00e4sst der Held den Hof und geht zur\u00fcck, zur\u00fcck in die Natur, in seinen Wald, zu seinen Tieren. Aber diesmal geht die Prinzessin mit, ja, sie erm\u00f6glicht ihm erst die Flucht, flieht mit ihm durch Geheimt\u00fcren und unterirdische Katakomben und Tempel. Und wieder muss ich an Geschichten von Robert E. Howard denken, nur das Monster in der H\u00f6hle fehlt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Prinzessin betrachtete aufmerksam beim flackernden Lichte der Nachtlampe die feinen Zeichnungen, sie schien zu pr\u00fcfen, zu suchen. Nun ber\u00fchrfte sie den Kelch einer phantastischen Blume: langsam, unh\u00f6rbar verschob sich die Wand, eine kleine Treppe in der Mauer wurde sichtbar und die Prinzessin betrat sie, w\u00e4hrend sich hinter ihr die Nische wieder schlo\u00df. [&#8230;] <\/p>\n\n\n\n<p>Zwei riesige Torfl\u00fcgel zogen sich bei jedem Schritte, den die Prinzessin ihnen entgegen tat, tiefer und tiefer in die W\u00e4nde des Ganges zur\u00fcck. Als sie dicht vor ihnen stand, waren sie v\u00f6llig verschwunden. Und nun trat die Prinzessin mit Abdul in einen hohen, gew\u00f6lbten Saal, dessen W\u00e4nde erbaut waren aus selbstleuchtenden Steinen, die ringsum einen Glanz verbreiteten, wei\u00df und kalt wie Mondenlicht. Ein Schauer durchfr\u00f6stelte die beiden jungen Leute, und den Geliebten umschlingend, sprach die Prinzessin: \u201eIch breche den heiligsten Schwur, mein Abdul, indem ich dich einf\u00fchre in diese wunderbaren Hallen. Kein menschlicher Fu\u00df hat sie jemals betrefen als der der K\u00f6nige dieses Landes. Von einem F\u00fcrsten auf den andern erbt sich das Geheimnis ihres Bestehens fort. Hier fanden die K\u00f6nige Schutz in dringender Gefahr, hier verkehrten sie mit den Geistern, die einst vor tausend und tausend Jahren den Palast, den wir jetzt durchwandeln werden, f\u00fcr den Ahnherrn meines Stammes errichtet haben, dem einer ihrer Beherrscher das Leben gab. Hier beendete mancher meiner Vorfahren, m\u00fcde der K\u00e4mpfe und der Taten, sein Dasein in geisterhafter Stille. Jeder lebendigen N\u00e4he enfr\u00fcckt, jeder irdischen Regung entfremdet, schlafen sie hier einen traumlosen Schlaf; sie denken nicht, sie f\u00fchlen nicht, sie leben den Tod.\u201c Abdul schauderte. Er sprach kein Wort, er hielt die Hand der Prinzessin fest in seiner Hand und eilte vorw\u00e4rts. Der stille, leere, ungeheure Saal schien sich zu verl\u00e4ngern, schien zu wachsen unter ihren F\u00fc\u00dfen: je weiter sie kamen, desto weiter dehnte sich der Raum. Mit einem Male erhob sich vor den Wandernden eine vierfache Reihe majest\u00e4tischer Alabasters\u00e4ulen. Sie f\u00fchrte zu einer weiten Rotunde, in deren Mitte ein Grabmal stand aus dem reinsten, durchsichtigsten Kristall. Auf ihm ruhte ein K\u00f6nig in schneewei\u00dfen Gew\u00e4ndern, mit marmorbleichem Antlitz und starren Augen, die Krone auf dem Haupte, den Zepter in der Hand.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und am Ende geht das nicht gut aus, so fast mit echten Gef\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder eine unerwartete Geschichte von dieser Marie von Ebner-Eschenbach. Die Autorin ist wohl aus der Mode gekommen, mein alter Deutsch-Professor mochte sie anscheinend gar nicht, aber ich mochte den nicht, so there. <a href=\"https:\/\/volltext.net\/texte\/jenseits-von-krambambuli\/\">Hier ein aktueller Aufsatz \u00fcber sie.<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Der Text<\/h2>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Ebner-Eschenbach_Die_Prinzessin_von_Banalien.epub\">Ich habe auch eine Fassung als epub ohne langes \u017f vorbereitet.<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-pale-cyan-blue-background-color has-background has-global-padding is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin von Banalien<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine m\u00e4chtige Prinze\u017f\u017fin in Banalien, die umworben wurde von vielen k\u00f6niglichen Freiern. Einer nach dem andern \u017fuchte ihre Liebe zu gewinnen; die\u017fer vertraute auf \u017feinen Ruhm, jener auf \u017feinen Gei\u017ft, ein dritter auf \u017feine Sch\u00f6nheit, ein vierter auf \u017feinen Reichtum \u2013 aber vergebens, keinem gelang es, die Aufmerk\u017famkeit der Prinze\u017f\u017fin auch nur im gering\u017ften zu erregen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages ritten zehn K\u00f6nige an der Spitze ihres gl\u00e4nzenden Gefolges betr\u00fcbt aus dem Schlo\u017f\u017fe. Sie hatten am Abend zuvor ihren Ab\u017fchied erhalten und zogen nun beim er\u017ften Hahnen\u017fchrei mit tief gebeugtem Mute von dannen. Die Prinze\u017f\u017fin, froh, ihre l\u00e4\u017ftigen Freier los zu \u017fein, war \u017fchon am fr\u00fchen Morgen in den Garten geeilt und blickte dem Zuge der Entla\u017f\u017fenen nach. Freudig lachte \u017fie hell und laut, als \u017fie ihn immer kleiner, immer undeutlicher werden \u017fah: kaum erkennbar mehr die Farbe der wehenden F\u00e4hnlein und das Blitzen der vergoldeten Speere \u2013 nur noch eine Staubwolke, lang und grau, und nun auch die\u017fe ver\u017fchwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er\u017ft jetzt wurde die Prinze\u017f\u017fin recht \u00fcberm\u00fctig. Sie \u017fprang und tanzte, als w\u00e4re \u017fie nicht \u017fechzehn, \u017fondern \u017fechs Jahre alt, und kein M\u00e4rchen-, \u017fondern ein ganz gew\u00f6hnliches Fr\u00e4ulein. Dabei war \u017fie \u017fch\u00f6n, wie es einem echten Feenkinde zukommt. Mit Augen \u017fo blau wie der Himmel und \u017fo tief wie das Meer \u017fchaute \u017fie in die Welt hinein, wie ein \u017feidener Mantel umflo\u00df \u017fie ihr blondes Haar, Hoheit ruhte auf ihrer Stirn und Reinheit verkl\u00e4rte ihr Ange\u017ficht. Sie trug ein faltenreiches wei\u00dfes Gewand, in de\u017f\u017fen G\u00fcrtel ein kleiner goldener Dolch \u017ftak, ein Ge\u017fchenk ihrer Mutter. Die\u017fe, eine Fee der dritten Kategorie, durfte laut Be\u017fchlu\u00df der diamantenen Feenbulle, deren Ge\u017fetze \u017fo unverbr\u00fcchlich eingehalten werden, wie irgend welche, nicht \u00f6fter als alle drei Jahre und dann nur f\u00fcr drei Tage, drei Stunden und drei Minuten zur Erde nieder\u017fteigen, um ihre Tochter zu be\u017fuchen. Der letzte Ab\u017fchied war der teuren Mutter der \u017fchmerzlich\u017fte gewe\u017fen; mit tau\u017fend und tau\u017fend K\u00fc\u017f\u017fen und Tr\u00e4nen hatte \u017fie \u017fich von ihrem lieblichen Kinde getrennt und noch in der dritten Minute hatte \u017fie den Dolch aus ihrem G\u00fcrtel gezogen, in die H\u00e4nde ihrer Tochter gelegt und, \u017fchon ent\u017fchwebend, ihr zugerufen: \u201eEr t\u00f6tet, was er, im Zorne, in der Ang\u017ft ge\u017fchleudert, trifft \u2013 bewahr\u2019 ihn gut! \u2013 \u017fein Verlu\u017ft bringt unab\u017fehbares Ungl\u00fcck \u2013 bewahr\u2019 ihn gut!\u201c In die\u017fem Augenblicke freilich dachte die Prinze\u017f\u017fin weder an ihre Mutter, noch an ihren Dolch. So gl\u00fcck\u017felig, wie ein junges Ge\u017fch\u00f6pf nur \u017fein kann, das nicht wei\u00df, warum es gl\u00fcck\u017felig i\u017ft, flog \u017fie \u00fcber die Wie\u017fe dahin, ra\u017fch wie der Pfeil vom Bogen, leichtf\u00fc\u00dfig wie die Gazelle. Da pl\u00f6tzlich hielt \u017fie inne, mitten im Laufe. Vor ihr im Gra\u017fe ausge\u017ftreckt lag ein junger Mann und \u017fchlief. Die Sonne brannte hei\u00df auf \u017fein dunkles Ge\u017ficht, auf \u017fein \u017fchwarzes, wildgelocktes Haar; \u017feine Lippen waren fe\u017ft ge\u017fchlo\u017f\u017fen, die Augenbrauen trotzig zu\u017fammengezogen. Er tr\u00e4umte, \u017fo \u017fchien\u2019s, von K\u00e4mpfen, vom Schlagen oder Jagen, denn unruhig bewegte er \u017fich und ballte die Fau\u017ft wie um den Griff eines Schwertes. Doch trug er kein \u017folches an \u017feiner Seite, \u017fondern nur ein \u017fchlechtes Me\u017f\u017fer in h\u00f6lzerner Scheide. Ein roh ge\u017fchnitzter Bogen, ein K\u00f6cher mit Pfeilen lagen neben ihm. Seine Kleidung war \u00e4rmlich und aus groben Stoffen verfertigt. \u2013 \u201eEin rechter Vagabund!\u201c w\u00fcrde jeder Herr und jede Dame vom Hofe bei \u017feinem Anblicke ge\u017fagt und \u017fich ver\u00e4chtlich weggewendet haben. Aber die Prinze\u017f\u017fin \u017ftand wie verzaubert und \u017fah ihn mit \u017fcheuer und zugleich teilnehmender Neugierde an. Der fin\u017ftere Ausdruck \u017feines Ge\u017fichtes gefiel ihr, er bildete einen wohltuenden Gegen\u017fatz zu dem ewig l\u00e4chelnden Grin\u017fen ihrer H\u00f6flinge. B\u00f6\u017fe freilich \u017fah der Schl\u00e4fer aus, oder war es vielleicht nur \u017fein Traum? \u2026 Wer wei\u00df, er i\u017ft\u2019s am Ende doch \u017felb\u017ft \u2013 und nun wurde \u017fie von Ang\u017ft erfa\u00dft. \u201eHimmli\u017fche M\u00e4chte, la\u00dft ihn nicht erwachen!\u201c \u2026 Sie wollte fliehen und konnte nicht, ihr war, als \u017fei \u017fie fe\u017ftgewurzelt an den Boden, als m\u00fc\u017f\u017fe \u017fie hier weilen Tage und Tage \u2026 Da ra\u017fchelte es im Gra\u017fe \u2013 lei\u017fe kam\u2019s herangekrochen, lei\u017fe und \u017fchnell, und pl\u00f6tzlich wand eine Natter \u017fich um den Arm, den der J\u00fcngling \u00fcber \u017feinem Haupte ausge\u017ftreckt hatte. Mechani\u017fch \u017fchlug er gegen den Grund, um \u017fie abzu\u017fch\u00fctteln, \u017fie zi\u017fchte, \u017fchon \u017ftreckte \u017fie das Z\u00fcnglein aus dem Rachen hervor, \u017fchon \u017fenkte \u017fie den Kopf zum t\u00f6dlichen Bi\u017f\u017fe \u2013 da \u017fchleuderte die Prinze\u017f\u017fin ihren Dolch, un\u017ficher, fa\u017ft ohne zu zielen, doch die Zauberwaffe traf. Ge\u017fpie\u00dft an den Boden lag die Schlange, und atemlos, hochklopfenden Herzens, rannte die Prinze\u017f\u017fin nach dem Schlo\u017f\u017fe zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier befand \u017fich alles in grenzenlo\u017fer Be\u017ft\u00fcrzung. F\u00fcnf Minuten l\u00e4nger als gew\u00f6hnlich war die Herr\u017fcherin weggeblieben und eben\u017fo lange \u017ftand bereits die ganze Staatsma\u017fchine \u017ftill. Als die Prinze\u017f\u017fin er\u017fchien, lebten ihre Getreuen wieder auf. Man umdr\u00e4ngte \u017fie, jeder wollte \u017feinen Befehl zuer\u017ft empfangen, denn jeder \u017fah die Aus\u00fcbung \u017feiner T\u00e4tigkeit als die unerl\u00e4\u00dflich\u017fte Bedingung zum Fortbe\u017ftande des Reiches an. Die junge Monarchin regierte heute etwas konfus, verwech\u017felte Namen, Titel, W\u00fcrden und Per\u017fonen, und es kamen h\u00f6ch\u017ft merkw\u00fcrdige Ernennungen zu\u017ftande. Da jedoch in einem ordentlich organi\u017fierten Staate das Amt \u017feinem Mann den n\u00f6tigen Ver\u017ftand mitbringt, \u017fo hatte die Zer\u017ftreutheit der Prinze\u017f\u017fin keine allzu \u017fchlimmen Folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als \u017fie nach vier t\u00f6dlich langen Stunden matt und er\u017fch\u00f6pft aus dem Saale des Kon\u017feils kam, um \u017fich zum Hofgabelfr\u00fch\u017ft\u00fcck zu begeben, trat ihr die Ober\u017fthofmei\u017fterin entgegen und meldete, da\u00df die dien\u017fthabende Kammerfrau entla\u017f\u017fen worden \u017fei, weil die\u017felbe, wie bereits mehrere Hofchargen mit ehrfurchtsvollem Schrecken wahrgenommen, verge\u017f\u017fen habe, Ihrer Hoheit den \u017ftets zu tragenden Dolch, das letzte Ge\u017fchenk von allerh\u00f6ch\u017ftderen Mama, anzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin wurde purpurrot, \u017fie wollte der alten Dienerin erkl\u00e4ren, wohin der Dolch gekommen \u017fei; ein Gef\u00fchl, von dem \u017fie \u017fich keine Rechen\u017fchaft zu geben ver\u017ftand, hielt \u017fie davon ab; eine nie gekannte Verwirrung bem\u00e4chtigte \u017fich ihrer und wurde mit jeder Minute peinlicher. Alle Augen waren auf \u017fie gerichtet, Er\u017ftaunen malte \u017fich auf allen Ange\u017fichtern, \u017fie \u017fah es, oder glaubte es zu \u017fehen. \u201eDie Kammerfrau bleibt!\u201c rief \u017fie endlich und ging vor\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>An die\u017fem Tage bot \u017fich, \u017fo ungeduldig ihn auch die Prinze\u017f\u017fin er\u017fehnte, kein Augenblick, in dem es ihr m\u00f6glich gewe\u017fen w\u00e4re, \u017fich loszuringen von ihren Herr\u017fcherpflichten und in den Garten zu eilen. Er\u017ft am n\u00e4ch\u017ften Morgen nach einer peinvoll durchwachten Nacht konnte \u017fie die Stelle wieder auf\u017fuchen, an der \u017fie ge\u017ftern den Schl\u00e4fer gefunden und ihren Dolch \u2013 ah, mehr als ihren Dolch! \u2013 verloren hatte. So \u017ficher, als \u017fei es unm\u00f6glich, es zu verfehlen, \u017fchritt \u017fie auf ihr Ziel los. Und wirklich, \u017fie hatte den Weg gut getroffen, mitten durch die Wie\u017fe. Hier war\u2019s. Deutlich lie\u00df \u017fich im geknickten Gra\u017fe die Stelle erkennen, wo der Fremde geruht hatte, und da lag auch noch die tote Schlange. Aber die Zauberwaffe fand \u017fich nicht und \u2013 \u017fonderbar, der \u017fchwere, unheildrohende Verlu\u017ft lie\u00df die Prinze\u017f\u017fin fa\u017ft gleichg\u00fcltig,<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hatte \u017fich\u2019s wohl nur eingebildet, da\u00df \u017fie gekommen war, um ihren Dolch zu \u017fuchen. Was lag an ihm? was an zuk\u00fcnftigem Ungl\u00fcck? \u2013 Sie glaubte pl\u00f6tzlich zu erkennen, da\u00df alles, was \u017fie bisher gew\u00fcn\u017fcht oder gef\u00fcrchtet, kindi\u017fch und erb\u00e4rmlich gewe\u017fen; jetzt er\u017ft \u017fei in ihr Leben etwas Gro\u00dfes, Wichtiges getreten, wert, dar\u00fcber zu jubeln, wert, darum zu leiden. Sie kniete nieder und \u017ftrich \u017fanft mit der Hand \u00fcber den Ra\u017fen, auf dem das Haupt des J\u00fcnglings gelegen. Noch zitterte ihr Herz in der Erinnerung an die mit Bewunderung gemi\u017fchte Furcht, die \u017fein trotziges Ge\u017ficht ihr eingefl\u00f6\u00dft hatte, dann dachte \u017fie an \u017feine d\u00fcrftigen Gew\u00e4nder. \u201eEr i\u017ft arm, \u017fprach \u017fie zu \u017fich \u017felb\u017ft, und zu der hochge\u017fpannten Teilnahme, die \u017fie empfand, ge\u017fellte \u017fich das allbezwingende, unwider\u017ftehliche Mitleid, die\u017fes tyranni\u017fche Gef\u00fchl, das die weich\u017fte Seele am h\u00e4rte\u017ften ergreift und zur willenlo\u017fen Sklavin de\u017f\u017fen macht, f\u00fcr den \u017fie es empfindet. Stunden vergingen. Die Ober\u017ft-hofmei\u017fterin er\u017fchien und wagte noch einmal des Dolches Erw\u00e4hnung zu tun. Die Prinze\u017f\u017fin erhob \u017fich: \u201eIch habe ihn verloren,\u201c \u017fprach \u017fie.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ent\u017ftand kl\u00e4glicher Jammer und gro\u00dfes Ge\u017fchrei und es ging an ein ang\u017ftvolles Suchen. Hundertj\u00e4hriger Staub wurde aufgewirbelt, kein Winkelchen blieb undurchw\u00fchlt. Als \u017fich im Schlo\u017f\u017fe nichts fand, wurden im Garten Nachfor\u017fchungen ange\u017ftellt. S\u00e4mtliche Bewohner des Landes waren auf den Beinen; im Ne\u017fte des Vogels, im Wipfel des Baumes, im Bau des Maulwurfs wurde ge\u017fucht. Um\u017fon\u017ft, allum\u017fon\u017ft! \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin \u017fah dem Getreibe \u017fchweigend zu und verriet ihr Geheimnis nicht, \u017fie verfiel in tiefe Melancholie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihren Lieblingsplatz im Garten verlie\u00df \u017fie fa\u017ft nimmermehr. Als die L\u00fcfte begannen rauher zu wehen, befahl \u017fie, \u00fcber der Stelle, an der \u017fie den Schl\u00e4fer getroffen hatte, einen Tempel zu errichten. Goldene S\u00e4ulen trugen \u017fein kri\u017ftallenes Dach, durch das die Sonne \u017fchien und unter de\u017f\u017fen Schutz der Ra\u017fen \u017fich fri\u017fch und gr\u00fcn erhielt, als g\u00e4b\u2019 es einen ewigen Sommer. Dort ruhte \u017fie und tr\u00e4umte, w\u00e4hrend der Hof\u017ftaat vor Langweile verzweifelte.<\/p>\n\n\n\n<p>So verging das traurig\u017fte Jahr, de\u017f\u017fen \u017fich die \u00e4lte\u017ften Banalier erinnerten, als pl\u00f6tzlich eine Kunde die Haupt\u017ftadt durchflog, die alle Gem\u00fcter in Bewegung \u017fetzte. Es hie\u00df, \u017f\u00e4mtliche R\u00e4te des Hofes und Abgeordnete des Volkes h\u00e4tten Befehl erhalten, \u017fich im gro\u00dfen Thron\u017faale zu ver\u017fammeln. Auf dem Markte wurde feierlich verk\u00fcndigt: die Prinze\u017f\u017fin werde heute um zw\u00f6lf Uhr mittags eine Rede halten, die zu h\u00f6ren alle ihre Untertanen geladen \u017feien.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zudrang war \u2013 wer zweifelt daran? \u2013 ein au\u00dferordentlicher, die Spannung ungeheuer. Als die anberaumte Stunde \u017fchlug, er\u017fchien die Prinze\u017f\u017fin. Sie war \u017fehr bleich, aber alle Dichter \u017fchwuren, \u017fie \u017fei niemals \u017fch\u00f6ner gewe\u017fen, und Alman\u017for, der Hof-Sonettti\u017ft, verglich \u017fie mit einer wei\u00dfen Ro\u017fe, ein Bild, das der Generalp\u00e4chter der Landeskritik f\u00fcr eben\u017fo neu als treffend erkl\u00e4rte. Genug, die Prinze\u017f\u017fin er\u017fchien. Mit um \u017fo \u017ft\u00fcrmi\u017fcherem Jubel empfangen, als \u017fie \u017fich jede laute Freudensbezeugung bei ihrem er\u017ften \u00f6ffentlichen Wiederauftreten verbeten hatte, be\u017ftieg \u017fie den Thron und \u017fprach al\u017fo:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eGro\u00dfe und Kleine meines Reiches!<br>Meine Lieben und Gefreuen!<br>Mein gutes Volk!<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Eure Bem\u00fchungen, mir das Kleinod wieder zu gewinnen, de\u017f\u017fen Verlu\u017ft mein Wohl und demnach auch das Eure bedroht, \u017find leider ohne Erfolg geblieben. Ich habe be\u017fchlo\u017f\u017fen, ein kr\u00e4ftigeres Mittel, als alle bisher ver\u017fuchten, zu \u017feiner Auffindung anzuwenden, und \u017fo befehle ich denn: Tau\u017fend Herolde \u017follen zu Pferde \u017fteigen und das ganze Land durchreiten. Sie \u017follen es verk\u00fcnden in allen St\u00e4dten, \u017fie \u017follen es ausrufen in jedem Dorfe, vor jeder einzeln \u017ftehenden H\u00fctte, durch Wald und Flur, durch Tal und Hain: Der mir meinen Dolch wiederbringt, und w\u00e4re es der letzte meiner Untertanen, empfangen will ich ihn hier vor Euch: \u2013 und angetan mit allem Glanze der Maje\u017ft\u00e4t, mit der Krone auf meinem Haupte und dem Zepter in meiner Rechten, will ich das Knie vor ihm beugen, als vor meinem Erretter und dem Erretter meines Volkes.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was \u017fein Herz w\u00fcn\u017fchen, \u017feine Phanta\u017fie er\u017finnen kann, es \u017foll ihm gew\u00e4hrt \u017fein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u017fchw\u00f6re ich und al\u017fo \u017foll\u2019s ge\u017fchehen! \u2013\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem \u017ftillen Dahintr\u00e4umen der Prinze\u017f\u017fin war es nun vorbei. In fieberhafter Aufregung durchwanderte \u017fie die S\u00e4le des Pala\u017ftes, \u017ftieg wohl zwanzigmal des Tages auf den Turm, um zu \u017fehen, ob \u017fich kein Zeichen erblicken la\u017f\u017fe, das die R\u00fcckehr ihrer Boten verk\u00fcnde, oder lie\u00df \u017fich ein Pferd vorf\u00fchren und jagte wie ra\u017fend \u00fcber Stock und Stein, einem, ihr \u017felb\u017ft wie allen andern unbekannten Ziele zu. Manchmal ri\u00df \u017fie ihren Renner im tollen Laufe pl\u00f6tzlich zu\u017fammen, da\u00df er \u017fich hoch aufb\u00e4umte, wendete um und ritt heimw\u00e4rts, lang\u017fam, mit tiefge\u017fenktem Haupte. Manchmal wieder \u017fprang \u017fie aus dem Sattel, warf \u017fich auf den Boden nieder, begrub den Kopf im Moo\u017fe und weinte, weinte, weinte! Bald wurden Fe\u017fte angeordnet, Fr\u00f6hlichkeit \u017follte herr\u017fchen, Mu\u017fik erklingen, bald wieder mu\u00dfte es toten\u017ftill in allen R\u00e4umen des Schlo\u017f\u017fes \u017fein, jeder Lauf war der Prinze\u017f\u017fin ein Greuel, ein Schmerz. Die Not ihrer Umgebung wuchs ins grenzenlo\u017fe, das Uner\u017fch\u00f6pflich\u017fte, das es gibt, die Schranzengeduld, war er\u017fch\u00f6pft bis auf das vorletzte Tr\u00f6pfchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Entmutigung den h\u00f6ch\u017ften Grad erreicht hatte, \u017fchlug endlich die Stunde der Erl\u00f6\u017fung. Vor Tagesanbruch weckte \u017fchallendes Glockengel\u00e4ute die Bewohner der Re\u017fidenz aus \u017f\u00fc\u00dfen oder \u017fchweren Tr\u00e4umen. Ein roter, feuriger Ball, das f\u00fcr den T\u00fcrmer be\u017ftimmte Zeichen gl\u00fccklicher Bot\u017fchaft, \u017fchwebte flammend in den L\u00fcften. In einem Nu war die ganze Stadt beleuchtet und die Bev\u00f6lkerung auf den Beinen. Im Schlo\u017f\u017fe ent\u017ftand ein Gewoge, das eines jeden Ver\u017fuchs, es zu be\u017fchreiben, \u017fpottet. Das \u017fturmgepeit\u017fchte Meer i\u017ft im Vergleiche damit das Ge\u017ficht eines \u017fchlafenden Kindes. Bald prangte das K\u00f6nigshaus in fe\u017ftlichem Glanze. Weit ge\u00f6ffnet \u017ftanden die Pforten des Thron\u017faales, die Marmortreppe, die zu ihm emporf\u00fchrte, war mit Purpurteppichen belegt, auf jeder Stufe hielten \u017fich, unbeweglich wie Statuen, zwei rie\u017fige Ritter in goldener R\u00fc\u017ftung. Eine Armee von pr\u00e4chtig gekleideten J\u00e4gern, Mohren, Falkonieren, Pagen, Lakaien, erf\u00fcllte den Vorhof; drei\u00dfig Wei\u00dfe-Elefanten-Garderegimenter bildeten Spalier, Mu\u017fikbanden, hoch zu Kamel, jeder einzelne Mu\u017fikant ein weltber\u00fchmter Blechi\u017ft, \u017ftellten \u017fich vor dem Schlo\u017f\u017fe auf. Die Z\u00fcnfte kamen zu Fu\u00dfe, die Studenten auf ausgeliehenen Ro\u017f\u017fen, die Profe\u017f\u017foren auf Steckenpferden aus den eigenen Mar\u017ft\u00e4llen, alles in bunten, von Gold\u017ftickereien, Schmuck und Juwelen gl\u00e4nzenden Gew\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nun \u2013 Zymbelklang und Po\u017faunen\u017fto\u00df; die Prinze\u017f\u017fin verlie\u00df ihre Gem\u00e4cher, um \u017fich in den Thron\u017faal zu begeben. Die feierlichen Kl\u00e4nge der Volkshymne ert\u00f6nten, m\u00e4chtig an\u017fchwellend, durch die L\u00fcfte, und, als h\u00e4tte \u017fie nur die\u017fes Augenblicks gewartet, um auch ihre leuchtenden Boten zu dem Fe\u017fte zu ent\u017fenden, flammte die Sonne am Horizonte auf und \u00fcberflutete die Erde mit den Strahlen ihres leben\u017fpendenden Lichtes. Von den Bergen indes kam\u2019s gebrau\u017ft wie ein \u017ft\u00fcrzender Strom. Mit wehenden Fahnen jagten die Herolde auf ihren getigerten Ro\u017f\u017fen daher und hinter ihnen zu Tau\u017fenden und Tau\u017fenden die Bergv\u00f6lker und die Bewohner der T\u00e4ler.<\/p>\n\n\n\n<p>Allen andern voran \u017fprengte ein Herold und rief: \u201eDas Kleinod i\u017ft gefunden, von einem Bettler gefunden!\u201c und von Mund zu Mund lief die Kunde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinen Bettler nennen \u017fie ihn?\u201c dachte die Prinze\u017f\u017fin und blickte um \u017fich. Und all die unerme\u00dfliche Pracht, die \u017fie umgab, all der k\u00f6nigliche Glanz, in dem ihr Haus er\u017ftrahlte, er\u017fchienen ihr wie hohles Gepr\u00e4nge, zu gering, um ihn w\u00fcrdig zu empfangen, den \u2013 Bettler!<\/p>\n\n\n\n<p>Schon ritt, fr\u00f6hliche Fanfaren bla\u017fend, der Zug der Herolde ein in die Avenue, an \u017feiner Spittze ein J\u00fcngling, dem alles Volk zurief und der \u017fchweigend und fin\u017fter hinein \u017fah in das l\u00e4rmende Gew\u00fchl. An der Treppe angelangt, \u017fprang er von \u017feinem Pferde und \u017ftreichelte liebevoll den Hals des edlen Tieres, von dem er \u017fich ungern zu trennen \u017fchien. Dann \u017ftieg er ra\u017fch die Stufen hinan, dem Saale zu, in welchem, im Gegen\u017fatze zu dem Schreien und Toben vor dem Pala\u017fte, atemlo\u017fe Stille herr\u017fchte, Mit dem\u017felben Blick, wie fr\u00fcher die Menge, \u00fcber\u017fchaute er die \u017fchimmernde Ver\u017fammlung der H\u00f6flinge und ging, ohne einen Augenblick zu z\u00f6gern, ohne das Haupt zu beugen, ruhig und fe\u017ft auf die Prinze\u017f\u017fin zu. Sie aber bebte an allen Gliedern und ihr Herz jubelte: \u201eEr i\u017ft\u2019s!\u201c und ihr Herz zitterte: \u201eEr i\u017ft\u2019s!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Throne angelangt, zog er den Dolch aus \u017feinem G\u00fcrtel: \u201eHier ha\u017ft du deinen Dolch \u017fprach er \u2013 \u201eich fand ihn\u2026\u201c Die Prinze\u017f\u017fin fiel ihm ins Wort: \u201eStill,\u201c fl\u00fc\u017fterte \u017fie, \u201ewie du ihn fande\u017ft, wei\u00df ich,\u201c \u2013 \u201eUnd wei\u00dft du auch, wer die Schlange get\u00f6tet hat? War\u017ft du\u2019s?\u201c \u2013 \u201eIch war\u2019s,\u201c \u2013 \u201eDann habe Dank.\u201c \u2013 \u201eEmpfang\u2019 den meinen er\u017ft,\u201c rief \u017fie und \u017ftieg von ihrem Throne und beugte das Knie \u2013 \u201eal\u017fo hab\u2019 ich gelobt, ihn dir zu bringen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Garden pr\u00e4\u017fentierten, alle H\u00e4upter neigten \u017fich beinahe bis zur Erde, er aber, dem die\u017fe Huldigung galt, nahm \u017fie mit vollkommenem Gleichmute hin. \u201eMir Dank? weil ich das kleine Spielzeug da zur\u00fcckgebracht?\u201c fragte er, wandte \u017fich und wollte gehen. \u201eBleib\u2019!\u201c befahl die Prinze\u017f\u017fin: \u201ebleib\u2019, und gib Antwort. Wer bi\u017ft du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin ein Men\u017fch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 \u201eDeine Eltern?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie kenne ich nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>-\u2013 \u201eDein Name?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe keinen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 \u201eWie wuch\u017fe\u017ft du auf?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWei\u00df nicht \u2013 vielleicht hat eine L\u00f6win in der W\u00fc\u017fte, vielleicht eine Hir\u017fchkuh im Walde mich ge\u017f\u00e4ugt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 \u201eWie leb\u017ft du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wandere und jage.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 \u201eWo bi\u017ft du daheim?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00dcberall und nirgends.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 \u201eDu wohn\u017ft in keinem Haus?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er lachte: \u201eDie Welt i\u017ft mein Haus, der Wald i\u017ft mein Lager, der Quell erquickt, der Dattelbaum ern\u00e4hrt mich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin \u017fah ihn mit immer \u017fteigender Verwunderung an. Wie \u017felt\u017fam war er, wie ganz anders als alle, denen \u017fie bisher begegnet, und wie gut \u017ftand es ihm, \u017fo ganz anders zu \u017fein. Wie frei, wie \u017ftolz er\u017fchien er ihr, wie f\u00fchlte \u017fie es mit zugleich \u017fcheuer und freudiger Verwirrung, da\u00df hier ein Men\u017fch vor ihr \u017ftand, dem die F\u00fcr\u017ftin nichts zu geben hatte. Und nicht im Tone der Huld, im Tone der Bitte \u017fagte \u017fie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 \u201eHa\u017ft du keinen Wun\u017fch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein,\u201c klang die ra\u017fche Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 \u201eBe\u017finne dich recht. Niemand i\u017ft wun\u017fchlos.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun denn,\u201c \u017fprach er, \u201eein Schwert, wie die\u017fe M\u00e4nner es tragen, m\u00f6cht\u2019 ich wohl.\u201c Und er deutete auf die Garden, die regungslos den Thron um\u017ftanden. Die Prinze\u017f\u017fin winkte, ein Schwert wurde gebracht, \u017fie reichte es ihm. Freudig ergriff er es und pr\u00fcfte \u017feine blanke Klinge.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 \u201eDu ha\u017ft zu wenig gefordert, fordre mehr,\u201c \u017fagte die Prinze\u017f\u017fin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZu wenig?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 \u201eFordre mehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die\u017fes Mal be\u017fann er \u017fich nicht lang, er rief: \u201eSchenke mir das Pferd, das deine Boten mich be\u017fteigen lie\u00dfen, als \u017fie mich fanden, das gute Pferd, das mich hierher gefragen hat!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u2013 \u201eEs i\u017ft dein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er jubelte: \u201eIch danke dir!\u201c und wollte fort. Sie aber \u017fagte: \u201eDu ha\u017ft ein Schwert, will\u017ft du\u2019s nicht f\u00fchren lernen? Du ha\u017ft ein Pferd, will\u017ft du\u2019s nicht lenken lernen, kun\u017ftvoll, wie\u2019s dem Manne ziemt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch will; das will ich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz verkl\u00e4rt er\u017fchien das Ange\u017ficht der Prinze\u017f\u017fin. Mit \u017f\u00fc\u00df bewegter Stimme fuhr \u017fie fort:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu Heimat- und Namenlo\u017fer, ein Daheim will ich dir \u017fchaffen und nennen will ich dich, \u2013 Abdul \u017foll\u017ft du hei\u00dfen. Deine Lu\u017ft i\u017ft die Jagd; du \u017foll\u017ft an der Spitze eines reich ausger\u00fc\u017ftefen Gefolges den L\u00f6wen erlegen, den Tiger, die Hy\u00e4ne. Dich freut ein Schwert, ein Ro\u00df \u2013 die ko\u017ftbar\u017ften Waffen \u017follen dich schm\u00fccken, die edel\u017ften Pferde dich tragen. Sieh dich um in meinem Hau\u017fe: was mein i\u017ft, i\u017ft dein: w\u00e4hle und nimm! Gebiete allen, die mir dienen, du bi\u017ft ihr Herr!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun wandte \u017fich die Prinze\u017f\u017fin den Um\u017ftehenden zu: \u201eDie\u017fer Tag \u017foll ein Tag des Gl\u00fcckes \u017fein meinem ganzen Volke. Meine k\u00f6nigliche Gnade erringt, wer mir einen Ehrgeiz nennt, den ich befriedigen, ein Verdien\u017ft, das ich belohnen, vor allem aber einen Schmerz den ich heilen kann. Herbei, herbei, die leiden und die darben! Jeder Bittende i\u017ft mein Freund, jeder Hungernde i\u017ft mein geehrter Ga\u017ft. Entla\u00dft mir keinen unbe\u017fchenkt und unbegl\u00fcckt! Bis an die fern\u017ften Grenzen meines Reiches \u017foll in F\u00fclle \u017ftr\u00f6mender Segen \u017feinen Bewohnern verk\u00fcnden, da\u00df ihrer F\u00fcr\u017ftin unerme\u00dfliches Heil widerfahren i\u017ft. O, h\u00e4tte mein Volk nur ein Herz, damit ich es leichter be\u017feligen k\u00f6nnte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die\u017fen verhei\u00dfenden Worten folgte die Tat auf dem Fu\u00dfe. Alle Hungernden a\u00dfen, alle Dur\u017ftenden tranken, jeder Arme verwandelte \u017fich in einen wohlhabenden Mann, wer Tro\u017ft annahm, wurde getr\u00f6\u017ftet, uner\u017fch\u00f6pflich war die Gnade der Prinze\u017f\u017fin.<\/p>\n\n\n\n<p>Abdul wurde in die pr\u00e4chtig\u017ften Gem\u00e4cher des Pala\u017ftes gebracht, die ihm fortan zur Wohnung dienen \u017follten, man h\u00fcllte ihn in k\u00f6\u017ftliche Kleider, die h\u00f6ch\u017ften W\u00fcrdentr\u00e4ger am Hofe buhlten um \u017feine Gun\u017ft. Er lernte fechten und reiten und \u00fcbertraf bald in beiden K\u00fcn\u017ften \u017feine ber\u00fchmten Lehrmei\u017fter. Was er jedoch nicht lernte, das war, \u017fich den Ge\u017fetzen der Etikette zu f\u00fcgen, eine Anrede anzuh\u00f6ren, einen Be\u017fuch zu empfangen, einen Gru\u00df zu erwidern oder gar ruhig bei der Tafel zu \u017fitzen. War er der Wa\u017f\u017fen\u00fcbungen m\u00fcde, \u017fo be\u017ftieg er ein Pferd und ritt in den Wald; oder er \u017fprang in einen kleinen Nachen und lie\u00df \u017fich forttragen von dem gewaltigen Strome, der hart am Fu\u00dfe des Schlo\u017f\u017fes vor\u00fcberflo\u00df. Sehr oft blieb er tage- und wochenlang fort. Dann ging die Prinze\u017f\u017fin umher wie im Traume und bangte und \u017forgte um ihn. Kam er endlich, \u017fo lie\u00df er \u017fich kaum \u017fehen und war auch gleich wieder ver\u017fchwunden. Die Luft im Pala\u017fte dr\u00fcckte, die Mauern beengten ihn. Die H\u00f6flinge, die vor ihm krochen, w\u00fcrdigte er keines Blickes, die erfinderi\u017fchen Aufmerk\u017famkeiten der Prinze\u017f\u017fin bemerkte er kaum, und wenn er \u017fie bemerkte, \u017fo lie\u00dfen \u017fie ihn kalt oder weckten \u017feinen Unwillen. Ihm gegen\u00fcber entfaltete \u017fie ihre Anmut und Liebensw\u00fcrdigkeit vergeblich, ohne Einflu\u00df auf die\u017fes Kind der Freiheit blieb die \u017fon\u017ft Unwider\u017ftehliche.<\/p>\n\n\n\n<p>So gleichg\u00fcltig \u017fich Abdul gegen die Men\u017fchen verhielt, \u017fo \u017fehr liebte er die Tiere; \u017fo wenig die Werke der Kun\u017ft und der Glanz des Reichtums auf ihn wirkten, \u017fo v\u00f6llig \u017ftand er unter dem Zauber der Natur. Es \u017fchien, als \u017fei er inniger mit ihr verwandt, als die gew\u00f6hnlichen Erden\u017f\u00f6hne.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu ihm redete die Blume im Dufte und der Sturm in \u017feinem Brau\u017fen mit vernehmlichen Akzenten. Die V\u00f6glein flogen ihm zu, das \u017fcheue Reh folgte \u017feinen Spuren. \u2013 Einmal kam er, blutend, mit zerflei\u017fchter Bru\u017ft, und trug in \u017feinen Armen eine kleine Ankilope, die er einem Tiger aus den m\u00f6rderi\u017fchen Tatzen geri\u017f\u017fen. Seiner Wunden nicht achhtend, verband er die des verletzten Tieres. Die Prinze\u017f\u017fin \u017fah ihm zu und dachte: \u201eO, nur einmal mir ein Teilchen von der G\u00fcte und Geduld, die er an die\u017fes vernunftlo\u017fe Ge\u017fch\u00f6pf ver\u017fchwendet, und ich w\u00e4re die gl\u00fccklich\u017fte Prinze\u017f\u017fin der Welt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Um ihm einige Stunden nahe \u017fein zu k\u00f6nnen, folgte \u017fie ihm auf die Jagd. Auch hier griff er nur an, um zu verteidigen. Retten, befreien war \u017fein Zweck, einen Krieg f\u00fchren f\u00fcr den Schwachen gegen den Starken; zu be\u017fch\u00fctzen zog er aus. Und wie \u017fiegreich gelang es ihm! Sein nie verfehlender Pfeil holte den Adler und den Geier aus den L\u00fcften, ein Sto\u00df \u017feines Dolches \u017ftreckte das Raubtier zu Boden. Sch\u00f6ner als je er\u017fchien er der Prinze\u017f\u017fin im Kampfe, in \u017feinem tollk\u00fchnen Mute, \u017feiner todverachtenden Lu\u017ft an der Gefahr. Ihre grenzenlo\u017fe Liebe verriet \u017fich in jedem Blicke, jeder Miene \u2013 ihre Liebe und ihr Leid. Sie klagte nicht, aber \u017fie \u017fchwand dahin. Selb\u017ft diejenigen, die ihre t\u00f6richte Leiden\u017fchaft am h\u00e4rte\u017ften verdammten, konnten \u017fich des Mitleids mit ihr nicht erwehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder war ein Freier er\u017fchienen \u2013 der edel\u017fte K\u00f6nig der Erde, ein F\u00fcr\u017ft, wie es, au\u00dfer im M\u00e4rchen, keinen gibt. Voll Gro\u00dfmut und Weisheit, be\u017fcheiden, weil er \u017ftolz, milde, weil er \u017ftark war, ein tapferer Held und ein wohlwollender Men\u017fch. Die Verehrung der Guten, der Ha\u00df der Schlechten, die Bewunderung der Ge\u017fcheiten und die Verleumdungen der Dummen, mit einem Worte, alles, was einem Manne zur Verherrlichung dient, wurde ihm zuteil. Die Prinze\u017f\u017fin behandelte ihn nicht \u017fo wegwerfend wie ihre fr\u00fcheren Freier. Sie empfand bald, da\u00df er \u017fie liebe, nicht ihre G\u00fcter, nicht ihre Macht. Ge\u017fchah es bewu\u00dft oder unbewu\u00dft? \u2013 niemals war \u017fie dem K\u00f6nig freundlicher als in Abduls Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p>Da begab es \u017fich, da\u00df zur Feier irgend eines Fe\u017fttages in Banalien ein gro\u00dfes Ga\u017ftmahl bei Hofe abgehalten wurde. Der K\u00f6nig \u017fa\u00df zur Rechten der Prinze\u017f\u017fin, die \u017ftill und in \u017fich gekehrt \u017feine Bem\u00fchungen, \u017fie zu erheifern, mit erzwungenem L\u00e4cheln belohnte. Pl\u00f6tzlich erbleichte \u017fie und erbebte. Abdul war eingetreten. Sie hatte ihn am Morgen im Kahne fortfahren ge\u017fehen und \u017feine R\u00fckehr heute niht mehr erwartet. Wie ein Blitz durchzuckte \u017fie der Gedanke: \u201eBeunruhigt ihn des K\u00f6nigs Anwe\u017fenheit?\u201c \u2013 Ihr G\u00f6tter! wenn er f\u00fcrchten konnte, \u017fie zu verlieren, wenn \u017fie ihm nicht \u017fo gleichg\u00fcltig w\u00e4re, als er \u017fich den An\u017fchein gab? \u2013 Eine unbe\u017fchreibliche Seligkeit durch\u017ftr\u00f6mte \u017fie, und m\u00fch\u017fam nach Fa\u017f\u017fung ringend, wies \u017fie ihm einen Platz ihr gegen\u00fcber an der Tafel an. Sie raf\u017fte ihren ganzen Mut, ihre ganze Kraft zu\u017fammen, \u017fie \u017fprach munter und fr\u00f6hlich, ihre \u017fch\u00f6nen Z\u00fcge belebten \u017fich, ihre Augen gl\u00e4nzten. Der K\u00f6nig gab der Bewunderung, die er empfand, beredte Worke \u2013 wie gl\u00fccklich war er, als \u017fie freundlich aufgenommen wurden! Die heitere Stimmung des hohen Paares teilte \u017fich alsbald den ergebenen Schranzen\u017feelen mit. Alles l\u00e4chelte. Bedeut\u017fame Blicke wurden gewech\u017felt, fl\u00fc\u017fternd raunte man einander zu: \u201eEr gef\u00e4llt, er \u017fiegt! Heil uns! Bald werden wir einen K\u00f6nig haben und kleine h\u00f6ch\u017ftgeborne Prinzchen!\u201c Unbefangen blieb nur Abdul. Die Ober\u017fthofmei\u017fterin, die ihn durch ihre ganz be\u017fondere, wenn auch bisher \u017forg\u017fam verborgene Verachtung auszeichnete, konnte \u017fich die Genugtuung nicht ver\u017fagen, ihm mit ihrer Kr\u00f6fen\u017ftimme zuzuqu\u00e4ken, indem \u017fie auf den K\u00f6nig deutete: \u201eDer wird un\u017fer Herr!\u201c Das feine Ohr der Prinze\u017f\u017fin vernahm die\u017fe Worte, \u017fch\u00fcchtern richtete \u017fich ihr Auge auf Abdul, \u2013 Ah! es traf ein ruhiges, nicht die gering\u017fte Erregung verratendes Ange\u017ficht. Die Ober\u017fthofmei\u017fterin gab \u017fich nicht zufrieden. \u201eWas w\u00fcrden Sie dazu \u017fagen?\u201c fuhr \u017fie fort. \u201eNun, da\u00df mich\u2019s freut,\u201c erwiderte er kaltbl\u00fctig und \u017fchnellte den Kern der Dattel, die er eben gege\u017f\u017fen hatte (er ber\u00fchrte kein anderes Gericht), mit \u017folcher Kraft und Kun\u017ftfertigkeit gegen die Pfauenfeder, die ein Trabant \u017fenkrecht aufge\u017ftellt auf \u017feiner M\u00fctze trug, da\u00df \u017fie zu\u017fammenknickte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin hob pl\u00f6tzlich die Tafel auf. Sie befand \u017fich unwohl, \u017fie w\u00fcn\u017fchte allein zu \u017fein. Betr\u00fcbt zog \u017fich der K\u00f6nig zur\u00fcck, und die Hofleute beklagten laut \u2013 freilich er\u017ft, als \u017fie vor der T\u00fcre \u017ftanden \u2013 die etikettewidrige Art, in welcher er verab\u017fchiedet worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Froh, wenig\u017ftens ihren Tr\u00e4nen freien Lauf la\u017f\u017fen zu k\u00f6nnen, trat die Prinze\u017f\u017fin auf die Terra\u017f\u017fe hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine wunder\u017fch\u00f6ne Sternennacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mond \u017ftand \u00fcber den Bergen, deren phanta\u017fti\u017fch geformte, fel\u017fengekr\u00f6nte Gipfel \u017fich gl\u00e4nzend, wie ge\u017fchmolzenes Silber, abhoben von dem dunkelblauen Horizont.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht ein W\u00f6lkchen \u017fegelte in den L\u00fcften, nicht ein Blatt zitterte an den B\u00e4umen, \u2013 regungslos die ganze Natur, kein Ton, kein Schall, nur das Rollen des Stromes \u00fcber \u017fein \u017ftufenartig abfallendes Bett wie ein \u017fchweres Atmen in der maje\u017ft\u00e4ti\u017fchen Stille. Die Prinze\u017f\u017fin blieb lang in dumpfem Sinnen ver\u017funken, endlich erhob \u017fie das Auge zum \u017fternenbe\u017f\u00e4eten Himmel. \u201eSchweigende Sterne,\u201c \u017fprach \u017fie, \u201enennt man euch? O, ihr habt Stimmen, \u017fehn\u017fuhtweckende Stimmen. W\u00e4r\u2019 euch doch auch die Macht gegeben, Sehn\u017fucht zu lindern! Aber ihr \u017feid ohnm\u00e4chtig in eurer Herrlichkeit \u2013 ein Men\u017fchenauge hat mehr Gewalt als die Millionen eurer funkelnden Lichter. Ein Blick verm\u00f6chte, was all euer Glanz nicht vermag \u2013 mich zu tr\u00f6\u017ften! \u2013 Unendlicher als ihr i\u017ft mein Leid. Die Unerme\u00dflichkeit, die euer Anblick nur ahnen l\u00e4\u00dft, ich trage \u017fie in meiner eigenen Bru\u017ft. Ach, und auch die grollende Frage: Die\u017fe Welten, ge\u017fchaffen \u2013 wozu? ge\u017fchleudert \u2013 nach welchem Ziel? Die\u017fe ganze Sch\u00f6pfung, warum \u017fo g\u00f6ttlich \u017fch\u00f6n, wenn in ihr die Herzen brechen?\u201c Al\u017fo klagte die Prinze\u017f\u017fin. Da kni\u017fterte es im Sande \u2013 vom Garten her n\u00e4herten \u017fich ra\u017fche, leichte Schritte \u2013 Schritte, die \u017fie aus Tau\u017fenden erkannt h\u00e4tte. \u2013 \u201eAbdul!\u201c rief \u017fie, und er \u017ftand vor ihr. \u201eWas will\u017ft du? Du wein\u017ft?\u201c \u2013 Er \u017fetzte \u017fich neben \u017fie, zog ihr die H\u00e4nde vom Ge\u017ficht und bat \u017fie z\u00e4rtlich und \u017fanft, wie er \u017fich ihr nie gezeigt hatte, zu reden, ihm ihr Leid zu klagen. Als aber die Prinze\u017f\u017fin immer heftiger \u017fchluchzte, wurde er ungeduldig. \u201eWas rief\u017ft du, wenn du mir nichts zu \u017fagen ha\u017ft?\u201c z\u00fcrnte er und wollte \u017fich erheben. Sie aber \u017fchlang beide Arme um \u017feinen Hals. \u2013 Ich weine, weil ich leide.\u201c \u2013 \u201eDurch wen? Nenn ihn mir. Er foll nicht leben, der dich leiden macht. Ich will ihn t\u00f6ten.\u201c \u2013 Sie mu\u00dfte l\u00e4cheln mitten unter Tr\u00e4nen. \u2013 \u201eDas w\u00e4re das Schlimm\u017fte, das du tun k\u00f6nnte\u017ft, denn ich liebe ihn. \u2013 \u201eWie kann\u017ft du den lieben, der dich leiden macht? Wie kann das \u017fein?\u201c \u2013 \u201eWie es \u017fein kann, wei\u00df ich nicht, aber es i\u017ft \u2013 und der mich leiden macht, und der, den ich liebe \u2013 bi\u017ft du.\u201c \u2013 \u201eIch bin\u2019s?\u201c Er dr\u00fcckte ihren Kopf an \u017feine Bru\u017ft und k\u00fc\u00dfte ihre Stirne. \u201eO du t\u00f6richte Prinze\u017f\u017fin, dann weine nicht. Wenn du mich lieb\u017ft, will ich dich wieder lieben.\u201c \u2013 \u201eWill\u017ft du, Abdul? ganz \u017fo, wie ich dich, innig? ewig?\u201c \u2013 \u201eWas innig, was ewig! Gl\u00fchend und hei\u00df!\u201c Und er umfa\u00dfte \u017fie mit \u017fo wilder Leiden\u017fchaft, da\u00df \u017fie im Inner\u017ften erbebte. Sie rang \u017fich los, aber nur, um von neuem in \u017feine Arme zu \u017finken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNoch einmal \u017fage mir, da\u00df du mich lieb\u017ft,\u201c bat \u017fie, \u201eda\u00df ich dein bleiben \u017foll f\u00fcrs ganze Leben, du mein Gatte, mein Herr!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht dein Gatte, nicht dein Herr: \u2013 dein Freund bin ich, dein Lieb\u017fter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht mein Gatte? Du will\u017ft mir nicht angeh\u00f6ren vor Gott und den Men\u017fchen, will\u017ft nicht K\u00f6nig \u017fein?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er lachte hell auf. \u201eNein, ich will nicht K\u00f6nig \u017fein!\u201c \u2013 \u201eWarum?\u201c fragte \u017fie ang\u017ftvoll; \u201eAbdul, warum?\u201c \u2013 \u201eWeil ich mich nicht euren Gebr\u00e4uchen f\u00fcgen, nicht eure Stra\u00dfen wandeln kann, weil ich nicht atmen kann in euren Stuben, nicht ruhen unter euren D\u00e4chern. Weil ich frei \u017fein mu\u00df wie der Adler in der Luft, wie der L\u00f6we in der W\u00fc\u017fte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin hatte \u017fich erhoben. Eine z\u00fcrnende G\u00f6ttin \u017ftand \u017fie vor ihm. Feuerfunken \u017fpr\u00fchten aus ihren Augen, bittere Verachtung zuckte um ihren Mund, \u2013 \u201eSei wahr mit mir,\u201c befahl \u017fie mit gebieteri\u017fcher Stimme. \u201eDu lieb\u017ft mich nicht, ge\u017fteh\u2019s und la\u00df uns \u017fcheiden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das volle Licht des Mondes fiel auf ihre hochaufgerichtete Ge\u017ftalt. Herrlich er\u017fchien \u017fie dem J\u00fcngling in ihrem Zorne, in ihrem mutig niederge\u017fchlagenen Schmerz.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eScheiden? O nein! nein!\u201c rief er und \u017fprang auf, und \u017fie \u017ftanden einander gegen\u00fcber mit pochenden Herzen und brennenden Wangen; \u017fie, ihm grollend zum er\u017ften Male \u2013 er, zum er\u017ften Male ergriffen von der Macht ihrer glanzvollen Sch\u00f6nheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin wandte \u017fich, \u201eBleibe!\u201c \u017fprach Abdul trotzig flehend, und als \u017fie dennoch weiter \u017fchritt, wiederholte er: \u201eBleibe!\u201c und dr\u00fcckte \u017fie mit Gewalt an \u017feine Bru\u017ft; \u017fie entwand \u017fich ihm: \u201eZur\u00fcck!\u201c gebot ihr fin\u017fterer Blick, ihre abwei\u017fende Geb\u00e4rde. Er aber um\u017fchlang \u017fie nur um \u017fo gl\u00fchender: \u201eBleib\u2019!\u201c rief er, \u201eBleib\u2019 bei mir! \u2026 Sagte ich dir nicht \u017fchon \u2013 wenn du mich lieb\u017ft, will ich dich wieder lieben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unter \u017feinen K\u00fc\u017f\u017fen \u017fchwanden ihr Groll und ihr Stolz dahin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch T\u00f6rin, die w\u00e4hnte \u2013 nur einen Augenblick \u2013, da\u00df ich mich je von dir losrei\u00dfen k\u00f6nnte! Du lieb\u017ft mich?\u201c \u017fprach \u017fie, \u201ewi\u017f\u017fe, auch wenn du mich nicht liebte\u017ft, ich bliebe dein. Sieh, ich will dich nicht fe\u017f\u017feln, nicht binden, du aber gebiete \u00fcber mich, \u017fei frei und la\u00df mich deine Sklavin \u017fein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Vernahm er ihre Worte? Ver\u017ftand er \u017fie? Wu\u00dfte er, was \u017fie ihm angelobte? So gut h\u00f6rt und ver\u017fteht der Sturm die Sprache der Palme, die er bricht in gedankenlo\u017fer Lu\u017ft.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffen und verzweifeln, warten, \u017fich \u017fehnen, tagelang, wochenlang, und dann ein fl\u00fcchtiges Erblicken, ein ra\u017fcher Ku\u00df, eine hei\u00dfe Umarmung, der nur zu oft ein k\u00fchles Scheiden folgte \u2013 und wieder hoffen und verzweifeln, warten und \u017fich \u017fehnen \u2013 das war von nun an das Leben der Prinze\u017f\u017fin. Der K\u00f6nig, kaum minder ungl\u00fccklich als \u017fie, hatte \u017feinem Gefolge wiederholt den Befehl zum Aufbruch gegeben und wiederholt ihn wieder zur\u00fcfgenommen. Die Prinze\u017f\u017fin war v\u00f6llig unf\u00e4hig, hatte auch nie ver\u017fucht, ihre Liebe zu Abdul zu verbergen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der K\u00f6nig ihrer inne ward, war \u017fein er\u017fter Gedanke, \u017fich zur\u00fcckzuziehen und dem beg\u00fcn\u017ftigten Nebenbuhler das Feld zu r\u00e4umen. Doch \u017fah er bald, wie wenig die\u017fer \u017fein Gl\u00fcck zu \u017fch\u00e4tzen wu\u00dfte. Wie lang konnte ihre Verblendung w\u00e4hren? Der Augenblick mu\u00dfte er\u017fcheinen, in dem \u017fie erwachte aus ihrem Taumel: \u017follte \u017fie dann hilflos, tro\u017ftlos um \u017fich blicken und nicht einen Arm finden, auf den \u017fie \u017fich \u017ft\u00fctzen, keinem Auge begegnen, in dem \u017fie Erbarmen le\u017fen konnte? \u2013 Das Mitleid mit ihr \u00fcberwog das Mitleid mit \u017fich \u017felb\u017ft, und er blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Unmut der Hofleute \u00fcber die \u017fchlecht getroffene G\u00fcn\u017ftlingswahl \u017ftieg von Tag zu Tag und verbreitete \u017fich in immer tiefere Schichten der Bev\u00f6lkerung. Die Unzufriedenheit wurde eine gro\u00dfe, allgemeine, \u2013 \u017fchwer lag der Himmel auf Banalien. Der einzige, der ahnungslos und unbefangen blieb in die\u017fen Wirr\u017falen, das war ihr Urheber, das war Abdul.<\/p>\n\n\n\n<p>In jener Zeit erwachte in dem Hof-Sonetti\u017ften ein unwider\u017ftehlicher Tatendrang. Man \u017fah es der trotzigen Warze an, die r\u00f6ter als \u017fon\u017ft auf der Na\u017fe des ber\u00fchmten Mannes gl\u00fchte, da\u00df \u017feine Seele \u017fchwer war vom Segen gro\u00dfer Gedanken. Und al\u017fo verhielt \u017fich\u2019s. Nichts geringeres hatte er er\u017fonnen, als Abdul \u017felb\u017ft dahin zu bringen, \u017feinen Einflu\u00df dazu zu benutzen, die Prinze\u017f\u017fin zur Verbindung mit dem K\u00f6nige zu bewegen. Er verfa\u00dfte eine gewaltige Rede, in der die Sch\u00f6nheit und Gr\u00f6\u00dfe der Tat, zu welcher er den G\u00fcn\u017ftling begei\u017ftern wollte, \u017fo haar\u017fcharf bewie\u017fen wurde, da\u00df kein Zweifel an der\u017felben m\u00f6glich war. \u00dcberdies \u017ftellte er ihrem Vollbringer einen Freibrief auf die Un\u017fterblichkeit aus. Sobald Alman\u017for \u017feinen Ergu\u00df zu Papier gebracht, er\u017fp\u00e4hte er einen Augenblick, in dem er Abdul in das Schlo\u00df treten \u017fah, und folgte ihm, das Manu\u017fkript \u017feiner Rede unter dem Arme, in \u017feine Gem\u00e4cher.<\/p>\n\n\n\n<p>Er fand den J\u00fcngling damit be\u017fch\u00e4ftigt, ein verla\u017f\u017fenes Vogelne\u017ft, das er aus dem Walde gebracht, weich in ein Bin\u017fenk\u00f6rblein zu betten und der \u017fchreienden, noch unbefiederten Brut in Milch getauchte Wei\u00dfbrotkrumen in die aufgeri\u017f\u017fenen Schn\u00e4bel zu \u017ftecken. Da Abdul dicht am Fen\u017fter \u017ftand und es demnach unm\u00f6glich war, Front gegen ihn zu machen, begn\u00fcgte \u017fich der Dichter mit einer be\u017fcheidenen R\u00fcckenan\u017ficht und begann \u017fofort \u017feinen Vortrag. Zuer\u017ft nahm Abdul keine Notiz von ihm; als er aber die Stimme immer mehr erhob, machte ihm jener ein Zeichen, das in Worten \u00fcber\u017fetzt nichts anderes hie\u00df als: \u201eDu \u017ft\u00f6r\u017ft mich, geh\u2019!\u201c \u2013 in welchem aber der phanta\u017fiereiche Poet eine etwas verk\u00fcmmerte Applausbewegung zu erkennen glaubte. Gehoben durch die\u017fen vermeinten Erfolg, geriet er in ein Pathos, de\u017f\u017fen Ausbr\u00fcche \u017fogar Abduls uner\u017fchrockenes Gem\u00fct unheimlich ber\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Er trat einige Schritte zur\u00fcck, und die\u017fen Moment ergriff Alman\u017for, um \u017fich vor, in die Fen\u017ftervertiefung zu dr\u00e4ngen. Zum Ungl\u00fcck traf dabei \u017feine mit dem Manu\u017fkripte bewehrte Hand das K\u00f6rbchen auf dem Ge\u017fim\u017fe und \u017fchleuderte es hinaus. In dem\u017felben Augenblicke hatte ihn Abdul an der Bru\u017ft gepackt, im n\u00e4ch\u017ften taumelte er hoch in den L\u00fcften, und im dritten flog er dem Vogelne\u017fte nach, von einem \u017fo kr\u00e4ftigen Fluche begleitet, da\u00df er dabei mehr Engel \u017fingen h\u00f6rte, als es jemals gab in den himmli\u017fchen Heer\u017fcharen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Lieblings\u017fch\u00fcler, denen der Poet \u017feinen gro\u00dfen Plan mitgeteilt, hatten \u017fich unter Abduls Fen\u017ftern eingefunden und \u017ftarrten hinauf und \u017feufzten vor Wonne, \u017fo oft ein Laut von des geliebten Mei\u017fters Stimme zu ihnen herunter drang. Pl\u00f6tzlich \u017fahen \u017fie ihn fliegen, in k\u00fchn ge\u017fchwungenem Bogen \u00fcber ihre K\u00f6pfe weg, mitten in den Strom hinein.<\/p>\n\n\n\n<p>Eilig\u017ft \u017fprangen \u017fie ihm nach und zogen ihn, na\u00df zwar und \u017fchreckgel\u00e4hmt, des Gebrauches \u017feiner Zunge vorl\u00e4ufig beraubt und fa\u017ft taub, im \u00fcbrigen aber unverletzt aus dem Wa\u017f\u017fer.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ereignis machte ungeheures Auf\u017fehen. Die ganze \u017fonettenfreundlich ge\u017finnte Welt der Re\u017fidenz f\u00fchlte \u017fich in ihrem Dichter zum Fen\u017fter hinausgeworfen. Seine treuen J\u00fcnger rannten zu Gericht und klagten den G\u00fcn\u017ftling eines Mordver\u017fuches an. Nur ein Macht\u017fpruch der Prinze\u017f\u017fin konnte Abduls Verhaftung verhindern. Sie tat ihn, und obwohl die\u017fer Schritt niemand \u00fcberra\u017fchte, mi\u00dfbilligte ihn jeder. Von Seite der F\u00fcr\u017ftin ge\u017fchah \u00fcbrigens alles erdenkliche, um die aufgeregte Stimmung zu be\u017fchwichtigen. Auf ihren Befehl wurden dem \u017fchwer darniederliegenden Alman\u017for der Leibarzt, die Hofapotheke und die Hof\u017f\u00e4nfte zur Verf\u00fcgung ge\u017ftellt. Der er\u017fte Liebhaber des Hoftheaters mu\u00dfte ihm vorle\u017fen und zwar \u017feine eigenen Sonette, was \u017fichtlich zu \u017feiner Erholung beitrug. Die Prinze\u017f\u017fin begab \u017fich \u017felb\u017ft an das Krankenlager des Dichters und \u00fcberbrachte ihm ein Dekret, kraft de\u017f\u017fen \u017fie ihn zum er\u017ften be\u017foldeten und wirklichen literari\u017fchen Meteor ernannte, zur ewigen Erinnerung an den h\u00f6ch\u017ften Flug, den er jemals \u2013 freilich unfreiwillig \u2013 genommen hatte. Den \u017fchuldbeladenen Abdul hingegen be\u017fchwor \u017fie, das Schlo\u00df \u017fo lange zu meiden, bis es ihr gelungen \u017fein w\u00fcrde, den gegen ihn eingeleiteten Proze\u00df niederzu\u017fchlagen. Die\u017fer Bitte ungeachtet, oder ihr vielleicht zum Trotze, kehrte er \u017fchon am n\u00e4ch\u017ften Morgen wieder, um nach \u017feinen V\u00f6geln zu \u017fehen, die bei dem Fen\u017fter\u017fturze \u017fchwer verwundet worden. Zuer\u017ft wollte er in der K\u00fcche Futter holen f\u00fcr die Patienten. Er trat ein und \u017fah das ganze dien\u017fttuende Per\u017fonal um den Mundkoch ver\u017fammelt; einer der Jungen hielt einen Puterhahn zwi\u017fchen den Knien fe\u017ft, der \u017fich wie toll geb\u00e4rdete mit allen Anzeichen der gr\u00e4\u00dflich\u017ften Schmerzen. Ein zweiter Iunge ri\u00df dem gefolterten Tiere den Schnabel auf, in den der Mundkoch lang\u017fam und bed\u00e4chtig durch einen d\u00fcnnen Trichter \u017fiedend gemachten roten Wein go\u00df. Die\u017fe Prozedur \u017fchien der Ver\u017fammlung au\u00dferordentliches Vergn\u00fcgen zu machen, denn \u017fie begleitete die\u017felbe mit lautem Beifall und Gel\u00e4chter.<\/p>\n\n\n\n<p>Abdul \u017ftand da, bleich wie der Tod. \u201eWas ge\u017fchieht hier?\u201c herr\u017fchte er die Leute an mit einer Stimme, bei deren gewaltigem Klange die Ka\u017f\u017ferollen von den W\u00e4nden \u017ft\u00fcrzten, ja der Herd, der ungeheure, wankte. Alle Anwe\u017fenden \u017ftarrten ihn \u017fchreckver\u017fteinert an, keiner wagte zu \u017fprechen. \u201eWas ge\u017fchieht hier?\u201c wiederholte Abdul. \u201eWir pr\u00e4parieren den Braten f\u00fcr morgen,\u201c \u017ftotterte der Mundkoch und griff mechani\u017fch nach dem Brat\u017fpie\u00dfe, der neben ihm lag. Im Nu hatte ihn Abdul den\u017felben entri\u017f\u017fen und ihn w\u00fctend in den dicken Leib des Puterhahnqu\u00e4lers ge\u017fto\u00dfen. Auf\u017ft\u00f6hnend \u017fank die\u017fer zu\u017fammen und mit unge\u017fchw\u00e4chtem Zorne drang Abdul auf \u017feine Helfershelfer ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNiedertr\u00e4chtige,\u201c \u017fchrie er, \u201eihr lacht, weil ein hilflo\u017fes Tier, das euch nichts zuleid getan hat, gequ\u00e4lt wird?!\u201c und er \u017fchlug einen nach dem andern nieder, mit M\u00f6r\u017fern, mit Bratpfannen, mit allen Waffen, die der Schauplatz die\u017fer Begebenheit ihm darbot. Einige der mutigeren Mitglieder des K\u00fcchendepartements \u017fetzten \u017fich zur Wehre, es ent\u017ftand ein Kampf, begleitet von f\u00fcrchterlichem L\u00e4rm, der allm\u00e4hlich das \u017f\u00e4mtliche Schlo\u00dfge\u017finde und die Wachen herbeirief. Abdul \u017fchlug \u017fich durch das Gew\u00fchl und rannte geraden Weges in die Gem\u00e4cher der Prinze\u017f\u017fin. Er \u00fcberh\u00e4ufte \u017fie mit Vorw\u00fcrfen \u00fcber die Grau\u017famkeiten, die \u017fie in ihrem Hau\u017fe \u017fich vollziehen la\u017f\u017fe, er ra\u017fte, er tobte, es war unm\u00f6glich, ihn zu be\u017fchwichtigen, unm\u00f6glich, den Sinn \u017feiner unzu\u017fammenh\u00e4ngenden Reden zu ver\u017ftehen. Da erhob \u017fich Wehgeheul, Men\u017fchenma\u017f\u017fen, die mit drohenden Geb\u00e4rden herauf\u017fahen zu den Fen\u017ftern der Prinze\u017f\u017fin, um\u017ftanden den Pala\u017ft. Der Haupfmann der Schlo\u00dfwache kam und meldete den Tod des Mundkoches, der mit den Worten hin\u00fcbergegangen war: \u201eEs gibt kein Ragout mehr!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Bedauern mu\u00df berichtet werden, aber der Wahrheit die Ehre: \u2013 der Mundkoch geno\u00df eine Popularit\u00e4t, neben welcher die des Hof-Sonetti\u017ften beinahe ver\u017fchwand. Nach Tau\u017fenden z\u00e4hlten die Leute, die er zugleich mit \u017fich \u017felb\u017ft bereichert hatte und die noch ferner bereichert zu werden hofften, nach Tau\u017fenden die Verehrer \u017feiner Kun\u017ft und die \u00fcber das ganze Land verbreiteten Mitglieder \u017feiner Schule.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin trat auf den Balkon, \u017fie ver\u017fuchte be\u017fchwichtigende Worte zu \u017fprechen, \u2013 der P\u00f6bel unterbrach \u017fie mit Pfeifen und H\u00f6hnen. Schimpfnamen \u017fchlugen an ihr Ohr, deren herabw\u00fcrdigende Bedeutung \u017fie f\u00fchlte, nicht \u2013 ver\u017ftand. Schaudernd bedeckte \u017fie mit beiden H\u00e4nden ihr \u017fchamergl\u00fchendes Ange\u017ficht. Da er\u017fchien der K\u00f6nig an ihrer Seite und nun er\u017fchallfen Hochrufe und dann von neuem das Ge\u017fchrei nach Rache. \u201eNicht Rache!\u201c rief der K\u00f6nig, \u201eGerechtigkeit \u017follt ihr haben, die F\u00fcr\u017ftin gelobt\u2019s durch meinen Mund.\u201c \u201eB\u00fcrgen, wir wollen B\u00fcrgen!\u201c antworteten er\u017ft einzelne Stimmen, dann die Menge wie aus einem Munde. \u201eI\u017ft euch das Wort der F\u00fcr\u017ftin nicht B\u00fcrge genug?\u201c \u2013 \u201eNein, gib das deine!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin wollte vergehen; \u017fo \u017ftand es um \u017fie? Keinen Glauben fand \u017fie mehr bei ihrem Volke?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDenen das Wort der F\u00fcr\u017ftin nicht gilt, denen verweigere ich das meine,\u201c \u017fprach der K\u00f6nig, und w\u00fc\u017ftes Gejohle t\u00f6nte herauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun \u017ft\u00fcrzte Abdul, \u017fich von den Wachen losmachend, die ihn fe\u017ftzuhalten ge\u017fucht hatten, auf die Altane. Ein Br\u00fcllen der Wut begr\u00fc\u00dfte ihn. \u201eWas unterhandelt ihr mit die\u017fen r\u00e4udigen Be\u017ftien?\u201c rief er dem K\u00f6nig zu. Er hatte kaum ausgeredet, als ein gut gezielter Stein ihm entgegen flog; er beugte \u017fich ra\u017fch zur Seite und der Stein traf die Prinze\u017f\u017fin an die Stirne. Sie \u017fank zu\u017fammen, ein Blut\u017ftrom rann aus der Wunde. Der K\u00f6nig hob \u017fie in \u017feinen Armen auf und befahl den Wachen, Abdul fe\u017ftzunehmen. Es gelang endlich trotz \u017feines verzweifelten Wider\u017ftandes. Gebunden brachte man den vor Wut \u017fch\u00e4umenden in \u017feine Gem\u00e4cher, warf ihn auf \u017fein Lager, verrammelte die T\u00fcr, \u2013 er war ein Gefangener. Der P\u00f6bel lagerte vor dem Schlo\u017f\u017fe und erkl\u00e4rte mit gr\u00e4\u00dflichem Ge\u017fchrei, nicht weichen zu wollen, bevor man ihm \u017feinen Feind ausgeliefert h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus ihrer Ohnmacht war die Prinze\u017f\u017fin in einen fieberhaften Schlaf ge\u017funken, in dem die Bilder des Traumes mit dem Bewu\u00dft\u017fein de\u017f\u017fen, was um \u017fie her ge\u017fchah, \u017fich \u017felt\u017fam vermi\u017fchten. Ihr war, als beuge \u017fich eine Ge\u017ftalt \u00fcber \u017fie, als w\u00fcrden Fragen an \u017fie gerichtet. Dann vernahm \u017fie deutlich die Stimme des Arztes, der \u017fagte: \u201eSie \u017fchl\u00e4ft ruhig und fe\u017ft.\u201c Darauf fl\u00fc\u017fterfe eine zweite Stimme: \u201eSorgt daf\u00fcr, da\u00df \u017fie nicht geweckt werde, bevor alles vor\u00fcber i\u017ft.\u201c \u2013 Alles vor\u00fcber? Was \u017follte vor\u00fcber \u017fein? Wie ein Blitz durchzuckte \u017fie der Gedanke, da\u00df Abdul in einer gro\u00dfen Gefahr \u017fchwebte, als ihr die Sinne vergingen\u2026 Sie wollte \u017fich erheben, \u017fprechen \u2013 unm\u00f6glich; wie Blei lag es in ihren Gliedern, ihre Lippen bewegten \u017fich, aber kein Laut drang aus ihnen hervor. Sie horchte, \u2013 Es folgten einige Reden, die \u017fie nicht ver\u017ftand, endlich die lei\u017fe gehauchten Worte: \u201eDie Wachen \u017find gewonnen, \u017fie liefern ihn dem Volke aus. Diesmal rettet ihn kein Gott.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das war die Ober\u017fthofmei\u017fterin, die \u017fprach, und der, der dem Volke ausgeliefert werden \u017follte, das war Abdul.<\/p>\n\n\n\n<p>In Todesang\u017ft rang die Prinze\u017f\u017fin nach Kraft, ihre Er\u017ftarrung zu be\u017fiegen. Eine Weile noch hielt \u017fie \u017fich ruhig, dann \u017fchlug \u017fie wie erwachend die Augen auf, erkl\u00e4rte, da\u00df \u017fie \u017fich wohl f\u00fchle und befahl dem Arzte und ihren Frauen, \u017fie zu verla\u017f\u017fen. Die\u017fe baten, gew\u00e4rtig ihres Befehls, im Nebenzimmer warten zu d\u00fcrfen und entfernten \u017fich. Sobald \u017fie allein war, \u017ftand \u017fie auf, kleidete \u017fich an, \u017fteckte ihren Dolch zu \u017fich und \u017fchriff dem gro\u00dfen Bogenfen\u017fter zu. Die Marmorni\u017fche, die \u017fich \u00fcber ihm w\u00f6lbte, war mit zarten goldenen Arabesken ausgelegt. Die Prinze\u017f\u017fin betrachtete aufmerk\u017fam beim flackernden Lichte der Nachtlampe die feinen Zeichnungen, \u017fie \u017fchien zu pr\u00fcfen, zu \u017fuchen. Nun ber\u00fchrfte \u017fie den Kelch einer phanta\u017fti\u017fchen Blume: lang\u017fam, unh\u00f6rbar ver\u017fchob \u017fich die Wand, eine kleine Treppe in der Mauer wurde \u017fichtbar und die Prinze\u017f\u017fin betrat \u017fie, w\u00e4hrend \u017fich hinter ihr die Ni\u017fche wieder \u017fchlo\u00df. Inde\u017f\u017fen der P\u00f6bel vor dem Pala\u017fte kochte und Abduls Auslieferung verlangte, \u017fchlief die\u017fer \u017fo friedlich auf \u017feinem Lager, als ruhe er eingeh\u00fcllt in den Mantel Gottes. Da weckte ihn eine \u017fanfte Ber\u00fchrung; die Hand der Prinze\u017f\u017fin lag auf \u017feinem Munde und ihre Stimme fl\u00fc\u017fterte ihm zu: \u201eSchweige und folge mir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie l\u00f6\u017fte \u017feine Fe\u017f\u017feln und f\u00fchrte den Schlaftrunkenen lautlos, an den W\u00e4nden ta\u017ftend, durch das dunkle Gemach. Ihm war, als h\u00e4tte \u017fich die\u017fes unendlich vergr\u00f6\u00dfert, denn \u017fie \u017fchritten und \u017fchritten und gelangten zu keinem Ausgange. \u201eWohin?\u201c fragte Abdul. \u201eIn die Freiheit,\u201c erwiderfe die Prinze\u017f\u017fin und zog ihn mit \u017fich fort. Immer noch tiefe Fin\u017fternis, eine feuchte, kellerarfige Luft, als f\u00fchre der Weg durch einen engen, gemauerten Raum. Eine Stiege nun mit vielen hundert Stufen und dann wieder ein Gang, wie gebrochen durch Fel\u017fengrund, und immer tiefer die Nacht, immer dumpfer die Luft. Abdul afmete kaum. \u201eDein Weg zur Freiheit i\u017ft weit,\u201c \u017feufzte er nur manchmal aus beklommener Bru\u017ft.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach langer Wanderung wurde pl\u00f6tzlich in fa\u017ft unab\u017fehbarer Ferne ein feiner Lichtfaden \u017fichtbar. \u201eDas i\u017ft der Tag!\u201c jubelte Abdul und \u017ft\u00fcrzte vorw\u00e4rts.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas i\u017ft nicht der Tag,\u201c \u017fprach die Prinze\u017f\u017fin. Allm\u00e4hlich wurde die Lichtlinie vor ihnen zum Licht\u017ftreifen und die\u017fer breiter, je n\u00e4her \u017fie ihm kamen. Zwei rie\u017fige Torfl\u00fcgel zogen \u017fich bei jedem Schritte, den die Prinze\u017f\u017fin ihnen entgegen tat, tiefer und tiefer in die W\u00e4nde des Ganges zur\u00fcck. Als \u017fie dicht vor ihnen \u017ftand, waren \u017fie v\u00f6llig ver\u017fchwunden. Und nun trat die Prinze\u017f\u017fin mit Abdul in einen hohen, gew\u00f6lbten Saal, de\u017f\u017fen W\u00e4nde erbaut waren aus \u017felb\u017ftleuchtenden Steinen, die ringsum einen Glanz verbreiteten, wei\u00df und kalt wie Mondenlicht. Ein Schauer durchfr\u00f6\u017ftelte die beiden jungen Leute, und den Geliebten um\u017fchlingend, \u017fprach die Prinze\u017f\u017fin: \u201eIch breche den heilig\u017ften Schwur, mein Abdul, indem ich dich einf\u00fchre in die\u017fe wunderbaren Hallen. Kein men\u017fchlicher Fu\u00df hat \u017fie jemals betrefen als der der K\u00f6nige die\u017fes Landes. Von einem F\u00fcr\u017ften auf den andern erbt \u017fich das Geheimnis ihres Be\u017ftehens fort. Hier fanden die K\u00f6nige Schutz in dringender Gefahr, hier verkehrten \u017fie mit den Gei\u017ftern, die ein\u017ft vor tau\u017fend und tau\u017fend Jahren den Pala\u017ft, den wir jetzt durchwandeln werden, f\u00fcr den Ahnherrn meines Stammes errichtet haben, dem einer ihrer Beherr\u017fcher das Leben gab. Hier beendete mancher meiner Vorfahren, m\u00fcde der K\u00e4mpfe und der Taten, \u017fein Da\u017fein in gei\u017fterhafter Stille. Jeder lebendigen N\u00e4he enfr\u00fcckt, jeder irdi\u017fchen Regung entfremdet, \u017fchlafen \u017fie hier einen traumlo\u017fen Schlaf; \u017fie denken nicht, \u017fie f\u00fchlen nicht, \u017fie leben den Tod.\u201c Abdul \u017fchauderte. Er \u017fprach kein Wort, er hielt die Hand der Prinze\u017f\u017fin fe\u017ft in \u017feiner Hand und eilte vorw\u00e4rts. Der \u017ftille, leere, ungeheure Saal \u017fchien \u017fich zu verl\u00e4ngern, \u017fchien zu wach\u017fen unter ihren F\u00fc\u00dfen: je weiter \u017fie kamen, de\u017fto weiter dehnte \u017fich der Raum. Mit einem Male erhob \u017fich vor den Wandernden eine vierfache Reihe maje\u017ft\u00e4ti\u017fcher Alaba\u017fter\u017f\u00e4ulen. Sie f\u00fchrte zu einer weiten Rotunde, in deren Mitte ein Grabmal \u017ftand aus dem rein\u017ften, durch\u017fichtig\u017ften Kri\u017ftall. Auf ihm ruhte ein K\u00f6nig in \u017fchneewei\u00dfen Gew\u00e4ndern, mit marmorbleichem Antlitz und \u017ftarren Augen, die Krone auf dem Haupte, den Zepter in der Hand. Die Prinze\u017f\u017fin und Abdul gingen vor\u00fcber, und das\u017felbe Schau\u017fpiel wiederholte \u017fich von neuem und von neuem zahllo\u017fe Male, und um \u017fie immer die unendliche Helle, der unendliche Tod. Sie gingen, und ihre Schritte hallten nicht, ihre K\u00f6rper warfen keinen Schatten, \u017fie \u017fprachen, aber ihre Stimmen hatten keinen Klang; \u017fie \u017fchmiegten \u017fich aneinander und f\u00fchlten keine Ber\u00fchrung. Das Bewu\u00dft\u017fein der Zeit war ihnen ent\u017fchwunden, \u017fie empfanden nicht Hunger und nicht M\u00fcdigkeit. Die Prinze\u017f\u017fin war ruhig und verwandte kein Auge von Abdul, er \u017fchritt an ihrer Seite fin\u017fter und verzweifelnd dahin. Endlich ver\u00e4nderte \u017fich der Anblick der S\u00e4le; von Kuppeln, aus Edel\u017fteinen gef\u00fcgt, quoll ein farbiges Leuchten herab; breite Treppen f\u00fchrten zu reichge\u017fchm\u00fcckten Tempeln mit goldenen Toren, die auf\u017fprangen, \u017fobald die Prinze\u017f\u017fin \u017fie ber\u00fchrte. Immer kleiner, immer dunkler wurden die R\u00e4ume, eine \u017felt\u017fam zitternde Bewegung durchbebte den Boden, die W\u00e4nde. Abdul wandte \u017fich um, die Helle war erlo\u017fchen, ger\u00e4u\u017fchlos ver\u017fank der wunderbare Pala\u017ft, Die Prinze\u017f\u017fin \u017fprach und nun klang ihre Stimme vernehmlich. \u201eDas Geheimnis meiner V\u00e4ter geht unter, weil ich es verriet.\u201c \u2013 \u201eDas i\u017ft gut,\u201c rief Abdul, \u201eder \u017fchauerliche Spuk geh\u00f6rt nicht in die freie, frohe Welt! Hinweg,\u201c dr\u00e4ngte er, \u201e\u017find wir endlich am Ziele?\u201c Wieder umfing \u017fie dichte Fin\u017fternis; noch eine lange Wanderung durch labyrinthi\u017fch ver\u017fchlungene G\u00e4nge, \u017fteil aufw\u00e4rts dann und nun Quellengerie\u017fel und manchmal \u2013 o namenlo\u017fe Wonne! \u2013 wie ein Hauch erquickender, kr\u00e4ftig wehender Luft. Vorw\u00e4rts \u017ft\u00fcrzte Abdul und die Prinze\u017f\u017fin folgte; der Eingang zu einer Fel\u017fenh\u00f6hle \u00f6ffnete \u017fich vor ihnen, bald war \u017fie durch\u017fchritten und \u017fie \u017ftanden im Freien und \u00fcber ihren H\u00e4uptern rau\u017fchte der Wald. Eine l\u00e4hmende Er\u017fch\u00f6pfung hatte \u017fie erfa\u00dft, als \u017fie ihm nahe gekommen waren. Sie fragten nicht, wie lang ihre Wanderung gedauert hatte, \u017fie k\u00fcmmerten \u017fich nicht um die Tageszeit, als tr\u00e4nken \u017fie M\u00fcdigkeit mit jedem Atemzuge, \u017fanken \u017fie wortlos, unf\u00e4hig, \u017fich zu regen, in das weiche Moos, und alsbald auch in die Bewu\u00dftlo\u017figkeit des tiefen Schlafes.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Ein heftiger Schmerz weckte die Prinze\u017f\u017fin am fr\u00fchen Morgen. Ihre Wunde brannte, fieberhaft flogen ihre Pul\u017fe, \u017fie f\u00fchlte \u017fich bet\u00e4ubt und krank. Schwer vom Nachttau war ihr Kleid, feucht ihr aufgel\u00f6\u017ftes Haar. M\u00fch\u017fam raffte \u017fie \u017fich vom Boden auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, und vor ihr lag Abdul \u2013 ein \u017feliges L\u00e4cheln auf dem Ange\u017fichte. Wie herrlich ruhte er! wie frei hob \u017fich \u017feine Bru\u017ft, wie war \u017feine ganze Ge\u017ftalt ein Bild bl\u00fchender Kraft und zugleich des wonnevoll\u017ften, innigempfundenen Friedens! \u2013 Im Schlafe \u017fchien er\u2019s zu f\u00fchlen: \u201eIch bin daheim, in meinem eigen\u017ften Element!\u201c Lange und liebevoll betrachtete ihn die Prinze\u017f\u017fin, und das Gl\u00fcck, das ihn zu erf\u00fcllen \u017fchien, \u017ftr\u00f6mte \u00fcber in ihre eigene Seele. Da\u00df \u017feine Augen die\u017fen Tag \u017fehen w\u00fcrden, da\u00df er ihn erlebte frei und froh, das war ja ihr Werk, das hatte \u017fie dem Schick\u017fal abgerungen. Allm\u00e4hlich begann \u017fich\u2019s zu regen im Walde; \u017fanft bewegt rau\u017fchten die Wipfel der B\u00e4ume, V\u00f6glein kamen zugeflogen, lie\u00dfen \u017fich nieder auf den Zweigen und zwit\u017fcherten einander eine fr\u00f6hliche Kunde zu. Rehe, Gazellen \u017fprangen im Diicht umher, blickten neugierig hervor, und \u017fteckten dann die K\u00f6pfe zu\u017fammen, als erz\u00e4hlten auch \u017fie \u017fich eine wichtige Neuigkeit. Die Prinze\u017f\u017fin trat einige Schritte zur\u00fcck um an einer Quelle, die aus dem nahen Fel\u017fen \u017ftr\u00f6mte, ihre hei\u00dfen Lippen, ihre \u017fchmerzende Wunde zu k\u00fchlen. Jetzt trauten \u017fich die Waldbewohner zu dem Schl\u00e4fer heran. Die V\u00f6gel flogen auf \u017feine Schultern, \u017feine Bru\u017ft; ein kleiner Ha\u017fe \u017fetzte \u017fich ihm gegen\u00fcber auf einen abgebrochenen Baum\u017ftamm und bewegte wie gr\u00fc\u00dfend die langen L\u00f6ffel. Ein Reh leckte Abduls Hand, ein anderes \u017feinen Fu\u00df, eine Gazelle wagte \u017fogar mit ihrer feinen kalten Na\u017fe \u017feine Wange zu ber\u00fchren. Er erwachte, blickte um \u017fich und mit einem Schrei des Entz\u00fcckens breitete er die Arme weit aus, als wollte er die ganze Natur umfangen; er k\u00fc\u00dfte die Erde, er dr\u00fcckte B\u00e4ume und Gr\u00e4\u017fer an \u017fein Herz, er \u017ftreichelte \u017fchmeichelnd das Fell der Tiere, das Gefieder der V\u00f6gel. \u201eGegr\u00fc\u00dft,\u201c rief er, \u201edu gr\u00fcner Wald, ihr Wolken, ihr L\u00fcfte! Gegr\u00fc\u00dft alle Ge\u017fch\u00f6pfe der Wildnis! Abdul i\u017ft wieder bei euch, Abdul hat einen \u017fchweren Traum getr\u00e4umt, wi\u00dft ihr, von einem Schlo\u017f\u017fe und von einer Prinze\u017f\u017fin und von b\u00f6\u017fen, grau\u017famen Men\u017fchen\u2026\u201c Da wandte er \u017fich um und \u017fah die Prinze\u017f\u017fin an der Quelle \u017ftehen; eine Wolke verfin\u017fterte \u017feine Stirne. \u2013 \u201eNicht getr\u00e4umt?\u201c \u017fprach er und \u017feufzte \u017fchmerzlich auf. \u201eNicht getr\u00e4umt \u2013 erlebt das alles?\u201c Mit bittend gefalteten H\u00e4nden trat die Prinze\u017f\u017fin auf ihn zu. \u201eVergi\u00df, mein Abdul,\u201c flehte \u017fie, \u201evergi\u00df, was du gelitten. Nicht einmal in deiner Erinnerung \u017foll be\u017ftehen, was dich gequ\u00e4lt hat. Es i\u017ft vor\u00fcber \u2013 \u017fieh, du bi\u017ft daheim, du afme\u017ft Freiheit, dich umgibt die Liebe. Hier wollen wir ein gl\u00fcck\u017feliges Da\u017fein f\u00fchren\u2026\u201c \u201eWir?\u201c unterbrach \u017fie Abdul. \u2013 \u201eKehr\u017ft du nicht zur\u00fcck zu den Deinen? in dein Haus, in deine Heimat?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin erbleichte. \u201eVon dir \u017fcheiden?\u201c rief \u017fie; \u201ekann\u017ft du denken, da\u00df ich\u2019s verm\u00f6chte?\u201c Er antwortete nicht. Als er \u017fie aber \u017fo ent\u017fchlo\u017f\u017fen \u017fah, ihn nicht zu verla\u017f\u017fen, baute er eine H\u00fctte aus Zweigen und Moos, und die\u017fe wurde ihre Wohnung. Ihre Nahrung be\u017ftand aus den Beeren des Waldes, ihr Lager aus trockenem Rei\u017fig. Ihre Kleider gingen allm\u00e4hlich in St\u00fccke, \u017fie litt oft Hunger und Fro\u017ft. Was k\u00fcmmerte \u017fie\u2019s? das war es nicht, was \u017fie betr\u00fcbte. Aber da\u00df Abdul immer gleichg\u00fcltiger gegen \u017fie wurde, da\u00df er immer weitere Wanderungen unternahm, von denen er nach immer l\u00e4ngeren Zwi\u017fchenr\u00e4umen f\u00fcr immer k\u00fcrzere Augenblicke zur\u00fcckkehrte, das kr\u00e4nkte \u017fie, das nagte an ihrem Herzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einmal, von Sehn\u017fucht und Sorge zerqu\u00e4lt, hatte \u017fie \u017fich tief hineingewagt in den Wald, um Abdul aufzu\u017fuchen. Tau\u017fend und tau\u017fendmal rief \u017fie aus voller Kraft \u017feinen Namen, aber nur das Gekr\u00e4chze aufge\u017fcheuchter V\u00f6gel und das Rau\u017fchen der Zweige im Winde gab ihr Antwort. Es begann zu dunkeln, die Nacht brach herein, \u2013 die Prinze\u017f\u017fin dachte, Abdul \u017fei vielleicht aus einer andern Richtung als diejenige, die \u017fie einge\u017fchlagen, zur H\u00fctte gekommen. \u2013 Sie wollte zur\u00fcckkehren, aber \u017fie fand den Weg nicht mehr, \u017fie war in ein ihr v\u00f6llig unbekanntes Gebiet des Waldes gerafen und hatte \u017fich darin verirrt. Von Wolken umh\u00fcllt \u017ftand der Mond am d\u00fc\u017fteren Himmel, unheimlich ert\u00f6nte aus der Ferne das Geheul wilder Tiere durch die \u017ftille Nacht. Die Prinze\u017f\u017fin griff nach ihrem Dolche \u2013 das war doch ein getreuer Freund in ihrer tiefen Verla\u017f\u017fenheit!<\/p>\n\n\n\n<p>Mutig \u017fchritt \u017fie weiter; \u017fo lange ihre F\u00fc\u00dfe \u017fie tragen konnten, wanderte \u017fie unverdro\u017f\u017fen, mit immer \u017fchw\u00e4cher werdender Stimme den Namen des Geliebten rufend. Endlich \u017fank \u017fie zu Tode ermattet unter einem rie\u017figen Baume nieder, de\u017f\u017fen Zweige, \u017fie vollfommen verdeckend, herunter hingen bis an die Erde. Dort lag \u017fie \u017fchlaflos mit \u017fchlagenden Pul\u017fen und \u017ft\u00fcrmi\u017fch klopfendem Herzen, bis der Morgen graute.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon verk\u00fcndete ein r\u00f6tlicher Schimmer im O\u017ften den Aufgang der Sonne, als ein langgedehnter Lockruf, ein Ruf, den \u017fie oft von Abdul geh\u00f6rt hatte, aus weiter Entfernung an das Ohr der Prinze\u017f\u017fin \u017fchlug. Er war\u2019s! das war Abdul! Und er rief \u017fie, er \u017fuchte \u017fie vielleicht \u017fo ang\u017ftvoll als \u017fie ihn. Sie raffte \u017fich auf, \u017fie holte tief Atem zu einem lauten freudigen Antworts\u017fchrei, da \u2013 er\u017fcholl der gleiche Ton, nur lauter, \u017ft\u00e4rker, von der entgegenge\u017fetzten Seite des Waldes her. Und nun folgten einander die Rufe ra\u017fch wech\u017felnd, oft wiederholt aus immer gr\u00f6\u00dferer N\u00e4he. Die Prinze\u017f\u017fin horchte er\u017ftaunt, er\u017fchrocken. Wer au\u00dfer ihr und Abdul kannte die\u017fes Zeichen, womit er \u017ftets \u017fein Kommen anzuk\u00fcndigen pflegte? wer au\u00dfer ihm und ihr wohnte in die\u017fer von anderen Men\u017fchen bisher nie betretenen Ein\u00f6de? \u2013 Sie zog \u017fich dichter gegen den Stamm des Baumes zur\u00fcck, \u017fie barg \u017fich tiefer unter \u017feine \u017fch\u00fctzenden Zweige und lau\u017fchte. Ein leichter, fliegender Schritt n\u00e4herte \u017fich ihrem Ver\u017ftecke und hielt vor ihm \u017ftill.<\/p>\n\n\n\n<p>So gut das Laub die Prinze\u017f\u017fin verbarg, \u017fo wenig hinderte es \u017fie, deutlich wahrzunehmen, was um \u017fie her vorging. Sich vor\u017fichtig nach der Seite wendend, von der die Schritte gekommen waren, erblickte \u017fie ein M\u00e4dchen, zierlich und \u017fchlank, kaum noch den Kinderjahren entwach\u017fen, ein M\u00e4dchen mit dunkler Haut, blitzenden Augen, vollen Lippen, mit lebhaften und beweglichen, aber un\u017fch\u00f6nen Ge\u017fichtsz\u00fcgen. Ein St\u00fcck buntes Zeug hing \u00fcber ihre halbentbl\u00f6\u00dfte Bru\u017ft, ein anderes war um ihre Lenden ge\u017fchlungen, Arme und Beine waren nackt. In krau\u017fen Locken umringelten glanzlo\u017fe \u017fchwarze Haare den Kopf und den Nacken der jungen Troglodytin.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich brach \u017fie in ein lautes, jubelndes Gel\u00e4chter aus und begr\u00fc\u00dfte damit Abdul, der zwi\u017fchen den B\u00e4umen hervortrat, auf das M\u00e4dchen zueilte, es umfa\u00dfte, aufhob in \u017feinen Armen und das tolle Ge\u017fch\u00f6pf k\u00fc\u00dfte und herzte, das ihn er\u017ft von \u017fich \u017ftie\u00df, um \u017fich \u017fchlug und bi\u00df, bald aber \u017feine wilden Liebko\u017fungen nichf minder wild erwiderte. Bei die\u017fem Anblick wandte \u017fich das Herz der Prinze\u017f\u017fin. Wut, Ekel und Ha\u00df erf\u00fcllten die Seele, die \u017fich niemals anderen als edlen Empfindungen ge\u00f6ffnet. Mit einem Schrei ra\u017fenden Zornes, mit hochge\u017fchwungenem Dolche \u017ft\u00fcrzte \u017fie auf die M\u00f6rder ihres Gl\u00fcckes los. Notwehr trieb \u017fie \u2013 Verzweiflung. Au\u00dfer \u017fich vor Schmerz, \u017fchleuderte \u017fie ihre unheilvolle Waf\u017fe. Zu Tode getroffen \u017fank die Geliebte Abduls an ihm nieder. Er kniete neben ihr, er hob ihr Haupt an \u017feine Bru\u017ft, er rief \u017fie mit den z\u00e4rklich\u017ften Namen. Ein letztes Zucken flog \u00fcber ihr Ange\u017ficht \u2013 und es war vorbei. Abdul bedeckte die Leiche mit K\u00fc\u017f\u017fen, weinte und jammerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin regte \u017fich nicht. Ent\u017fetzen vor \u017fich \u017felb\u017ft, vor dem, was \u017fie getan, durch\u017fchauderte \u017fie, Ent\u017fetzen und die H\u00f6llenqual \u2013 die Reue. Mit dem Auge des Wahn\u017finns \u017ftarrte \u017fie hin nach der Gruppe zu ihren F\u00fc\u00dfen. Die\u017fes M\u00e4dchen, die\u017fes Kind, dem ein Blut\u017ftrom aus dem Herzen quoll, hatte \u017fie get\u00f6tet. Sie?! Sie war eine M\u00f6rderin\u2026 Und das \u017follte m\u00f6glich \u017fein? Ein Verbrechen, das \u017fie nie gedacht hatte, \u017follte \u017fie begangen haben?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein!\u201c \u017fchrie \u017fie pl\u00f6tzlich auf; \u201eich nicht, das habe ich nicht getan!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die\u017fe Worte weckten Abdul aus dem allesverge\u017f\u017fenden Schmerz, dem er \u017fich bis jetzt hingegeben, zum Ausbruche der Wut gegen de\u017f\u017fen Urheberin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerfluchte!\u201c rief er; \u201ef\u00fcge zu der Untat die L\u00fcge, das i\u017ft deiner wert! Hinweg! Hinweg! Fort aus meinen Augen, ich verab\u017fcheue dich! Was dr\u00e4ngte\u017ft du dich in mein Leben? Elend bin ich, \u017feitdem ich dich kenne; jede Stunde, die ich an dich verlor, bezeichnet ein Schmerz. Ich hatte ihn fr\u00fcher nicht gekannt, wie ich das Gl\u00fcck nicht kannte, eh\u2019 mich\u2019s die\u017fe lehrte!\u201c Und von neuem warf er \u017fich \u00fcber die Leiche und \u017fchluchzte: \u201eO mein Liebling, da lieg\u017ft du \u017ftill und bi\u017ft tot. Nie mehr werden wir zu\u017fammen den Wald durch\u017ftreifen, nie mehr ruhen Hand in Hand, nie mehr dahin jagen zur Wette mit dem Reh, nie mehr \u017fingen zum Trotze den V\u00f6geln. O, meine Freude! Dich habe ich geliebt, und auch du ver\u017ftande\u017ft mich zu lieben. Lachend \u017ft\u00fcrzte\u017ft du in meine Arme, und lachend verlie\u00dfe\u017ft du mich. Du fragte\u017ft nicht: wohin? wenn ich von dir ging, und nicht: woher? wenn ich zur\u00fcckkehrte zu dir. Aber ich wu\u00dfte, da\u00df ich deine Wonne war wie du die meine, O du mein Lieb! was kann ich dir jetzt noch geben? \u2013 Ein Grab im k\u00fchlen Schatten, unter Blumen und Zweigen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er \u017ftand auf, hob die Leiche \u017fanft vom Boden und trug \u017fie in \u017feinen Armen fort wie ein \u017fchlafendes Kind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Prinze\u017f\u017fin \u017fank auf die Knie. \u2013 \u201eAbdul, fluche mir nicht!\u201c rief \u017fie mit \u017fo verzweifeltem Jammer, da\u00df der Angerufene trotz \u017feiner eigenen Tro\u017ftlo\u017figkeit \u017fich davon ergriffen f\u00fchlte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKann\u017ft du die\u017fe wieder lebendig machen?\u201c fragte er, und \u017fie \u017ft\u00f6hnte. \u201eMeinen letzten Blutstropfen g\u00e4b\u2019 ich darum!\u201c Sie rang die H\u00e4nde und dr\u00fcckte ihr Ange\u017ficht in die Spuren \u017feiner F\u00fc\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>In die\u017fem Augenblike ert\u00f6nte Ro\u017f\u017fegewieher und H\u00f6rnerklang; deutlich lie\u00dfen \u017fich Stimmen unter\u017fcheiden, die einander zuriefen; ein lautes Jagen und Treiben durchtobte den \u017fon\u017ft \u017fo \u017ftillen Wald. Abdul blieb \u017ftehen. \u201eH\u00f6r\u017ft du die Deinen?\u201c \u017fagte er. \u201eSie \u017fuchen dich \u017fchon lange, \u017fie kommen, dich heimzuholen in deinen goldenen Kerker. Geh hin zu ihnen, zu denen du geh\u00f6r\u017ft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNiemals!\u201c rief die Prinze\u017f\u017fin, \u201eniemals kann ich zur\u00fcckkehren in mein Haus, beladen mit S\u00fcnde und Schmach, wie ich es bin. Ver\u017fto\u00dfe mich, verla\u017f\u017fe mich, aber liefere mich ihnen nicht aus, verbirg mich, aus Barmherzigkeit! \u2013 verbirg mich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er w\u00fcrdigte \u017fie keines Blies mehr, keines Wortes: ra\u017fch \u017fetzte er mit \u017feiner traurigen B\u00fcrde \u017feinen Weg fort und war bald hinter den B\u00e4umen ver\u017fchwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Tief\u017fte Tro\u017ftlo\u017figkeit herr\u017fchte in der Haupt\u017ftadt Banaliens. Allenthalben hatte \u017fich das Ger\u00fccht verbreitet, da\u00df der K\u00f6nig, der vor Monaten \u017fchon mit einem zahlreichen Gefolge ausgeritten war, um die auf unbegreifliche Wei\u017fe ver\u017fchwundene Prinze\u017f\u017fin aufzu\u017fuchen, zur\u00fcckgekehrt \u017fei, aber nur die Leiche der Ungl\u00fccklichen mitgebracht habe. Tot, \u017fo hie\u00df es, h\u00e4tte er \u017fie in einem dunklen, von Ungeheuern und Raubtieren bewohnten Walde gefunden, und \u017fcharenwei\u017fe kam das Volk, in dem der Groll gegen \u017feine F\u00fcr\u017ftin l\u00e4ng\u017ft erlo\u017fchen war, zum Pala\u017fte und verlangte, heulend und klagend, wenig\u017ftens die teueren Re\u017fte der Ver\u017ftorbenen zu \u017fehen. Der K\u00f6nig trat auf den Balkon, dankte f\u00fcr die treuherzige Teilnahme und erkl\u00e4rte, die junge Herr\u017fcherin \u017fei nicht tot, doch l\u00e4ge \u017fie in tiefer Bewu\u00dftlo\u017figkeit und bis jetzt \u017fei es nicht gelungen, \u017fie daraus zu weden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und \u017fo verhielt es \u017fich.<\/p>\n\n\n\n<p>Starr und bleich, mit ge\u017fchlo\u017f\u017fenen Augen, lag die Prinze\u017f\u017fin auf ihrem Lager. Nur ein \u017fchwaches Zittern des Herzens verk\u00fcndete, da\u00df noch Leben in ihr \u017fei. Weinend umringten \u017fie ihre Frauen, in Schmerz ver\u017funken lehnte der K\u00f6nig in einer Ecke des Gemachs und verwandte kein Auge von der Kranken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tag, der die Prinze\u017f\u017fin ihrem Lande wiederge\u017fchenkt hatte, war zugleich der, an welchem der Be\u017fuch ihrer un\u017fterblichen Mutter bevor\u017ftand. Die letzte Stunde des dritten Jahres, das \u017feit ihrem j\u00fcng\u017ften Er\u017fcheinen in Banalien verflo\u017f\u017fen war, \u017fchlug, und pl\u00f6tzlich \u017ftand die Fee am Bette ihrer Tochter. Mit z\u00fcrnendem Antlitz \u017ftand \u017fie da und hie\u00df durch einen Wink alle Hofleute \u017fich entfernen, den K\u00f6nig allein verweilen. Die\u017fer beugte \u017fein Knie, und auf die Prinze\u017f\u017fin deutend, flehte er: \u201eRette \u017fie, rette \u017fie mir! \u2013 Befreie \u017fie von dem verh\u00e4ngnisvollen Banne, in dem ein Undankbarer \u017fie h\u00e4lt. Erwecke in ihrem Herzen einen Funken Neigung f\u00fcr mich, und ich will ihr ein Leben bereiten, friedlich und \u017fch\u00f6n, wie es die Seligen leben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Sohn,\u201c erwiderte die Fee, \u201eich kann dem verdorrten Baume gebieten: gr\u00fcne! und dem ver\u017fiegten Quell: \u017ftr\u00f6me und flute! Ich kann Tote erwecken, aber nicht einen Funken Liebe in einem Men\u017fchenherzen. Ich kann Elemente entfe\u017f\u017feln und binden, Heere vernichten oder zum Siege f\u00fchren, das Ange\u017ficht der Erde vermag ich umzuge\u017ftalten, aber ich vermag nicht den Zauber zu l\u00f6\u017fen, unter dem die\u017fes M\u00e4dchen \u017fteht. Ihm gegen\u00fcber \u017find die Allm\u00e4chtigen machtlos. Allein, was du vergeblich von mir forder\u017ft \u2013 vielleicht gelingt es dir \u017felb\u017ft. I\u017ft deine Liebe zu die\u017fer Ungl\u00fccklichen gr\u00f6\u00dfer als die ihre zu Abdul, \u017fchauder\u017ft du nicht vor dem Gedanken zur\u00fcd, die Entweihte aufzunehmen in dein reines Leben \u2013 vielleicht gelingt es dir, \u017fie den verge\u017f\u017fen zu machen, dem jetzt ihr ganzes We\u017fen geh\u00f6rt.\u201c \u2013 \u201eUn\u017fterbliche, mein Da\u017fein hat keinen Wert f\u00fcr mich, wenn ich es ihr nicht weihen darf,\u201c \u017fprach der K\u00f6nig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu bring\u017ft ein ungeheures Opfer,\u201c warnte die Fee. \u201eBedenke, Herr, deinen makello\u017fen Namen, deinen Ruhm, deine Ehre.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er aber rief: \u201eVon Opfern rede nicht! die Liebe wei\u00df nichts von Opfern. Meine Ehre? kein anderer vermag \u017fie zu erh\u00f6hen oder zu gef\u00e4hrden als ich \u017felb\u017ft. I\u017ft mein Name makellos, wohl mir! um \u017fo kr\u00e4ftigeren Schutz wird er derjenigen gew\u00e4hren, der ich ihn gebe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWohlan,\u201c \u017fprach die Fee, \u201e\u017fo erf\u00fclle \u017fich dein Schick\u017fal und dein Wille.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie beugte \u017fich \u00fcber die Prinze\u017f\u017fin und die\u017fe \u017fchlug die Augen auf. Lang\u017fam nur kehrte ihre Be\u017finnung wieder; fremd blickte \u017fie ihre Mutter an. Sie ver\u017fuchte, \u017fich zu erheben, \u2013 ihr Kopf \u017fank in die Ki\u017f\u017fen zur\u00fcck. Aber ver\u017fagten auch noch ihre Kr\u00e4fte, vermochte \u017fie es nicht, \u017fich zu regen, die Er\u017ftarrung war gewichen, ein lei\u017fes Wimmern entrang \u017fich ihrer Bru\u017ft, \u017fchmerzlich zuckte es um ihren Mund; \u017fie litt: \u2013 \u017fie lebte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Male, als \u017fei ihr Bewu\u00dft\u017fein pl\u00f6tzlich wiedergekehrt, \u017fchrie \u017fie auf: \u201eMutter! o Mutter!\u201c Und \u017fie flehte, mit unaus\u017fprechlicher Ang\u017ft die gefalteten H\u00e4nde ringend: \u201eGib der Toten das Leben wieder, das ich ihr nahm, la\u00df mich keine M\u00f6rderin \u017fein!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fee zog einen Spiegel aus den Falten ihres Gewandes, hauchte ihn an und hielt ihn der Prinze\u017f\u017fin vor die Augen. Die\u017fe \u017fah hinein, der Hauch verzog \u017fich und auf der klaren Oberfl\u00e4che er\u017fchien immer deutlicher, immer be\u017ftimmter das Bild des Waldes.<\/p>\n\n\n\n<p>Uralte, von Schlingpflanzen dicht umwach\u017fene B\u00e4ume, ein offenes Grab zu ihren F\u00fc\u00dfen, in dem die Tote auf Blumen gebettet lag. Abdul kniete neben ihr und k\u00fc\u00dfte ihre Wangen, ihren Mund. Und nun glitt es hin \u00fcber ihr bleiches Ange\u017ficht wie ein zarter, warmer Licht\u017ftrahl, ihre Lippen f\u00e4rbten \u017fich, \u00f6ffneten \u017fich, und ihre eben noch unbeweglichen Arme um\u017fchlangen den Hals Abduls, der mit \u017fprachlo\u017fem Entz\u00fccken die Wiederge\u017fchenkte an \u017fein Herz dr\u00fcckte. \u2013 Die Prinze\u017f\u017fin \u017fchlug die H\u00e4nde vors Ge\u017ficht; \u017fchwere Tropfen quollen zwi\u017fchen den Fingern hervor \u2013 Tr\u00e4nen un\u017f\u00e4glicher Wonne, un\u017f\u00e4glicher Qual.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHab\u2019 Dank Mutter,\u201c \u017fprach \u017fie endlich. \u201eDu nimm\u017ft den Fluch von mir, der meine Seele bela\u017ftete. Hab\u2019 Dank. Abdul i\u017ft wieder gl\u00fccklich, und ich darf \u017fterben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFeigherziges Ge\u017fch\u00f6pf,\u201c z\u00fcrnte die Fee, \u201enicht \u017fterben \u017foll\u017ft du, du \u017foll\u017ft leben \u2013 ein neues, die Schmach der Vergangenheit tilgendes Leben. Erheben \u017foll\u017ft du dich aus deiner tiefen Ge\u017funkenheit. Du kann\u017ft es, dir bietet \u017fich eine gro\u00dfm\u00fctige St\u00fctze. Es i\u017ft mein Wille, da\u00df du \u017fie ergreif\u017ft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig trat vor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVertraue mir,\u201c bat er mit mildem Ern\u017fte, \u201edie Sorge an, das Leid in Zukunft fern zu halten von deinem teuren Haupte. La\u00df mich\u2019s ver\u017fuchen, dich zu ver\u017f\u00f6hnen mit deinem Ge\u017fchicke. Icg werbe um dich; verwirf mich nicht. Gib mir, da ich nicht anders kann, als dich lieben, gib mir das Recht, dich zu lieben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr,\u201c \u017fprach die Prinze\u017f\u017fin, \u201ewende einer W\u00fcrdigeren deine Neigung zu. Ich habe ihm angeh\u00f6rt, den ich liebe; ich kann dein Weib nicht \u017fein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig erwiderte: \u201eDu \u017ftande\u017ft unfer einem unheilvollen Zauber, der deinen Gei\u017ft bet\u00f6rte, deinen Willen l\u00e4hmte. Ich habe dir nichts zu verzeihen; \u017ft\u00fcnd\u2019 es mir aber zu und h\u00e4tte\u017ft du eine Schuld begangen \u2013 verge\u017f\u017fen w\u00e4re \u017fie. Sei mein. Als h\u00e4tte\u017ft du Abdul nie gekannt, will ich dich ehren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er reichte ihr die Hand und \u017fchritt hinaus. Die Prinze\u017f\u017fin warf \u017fich vor ihrer Mutter nieder, umklammerte ihre Knie, badete ihre F\u00fc\u00dfe mit ihren Tr\u00e4nen \u2013 aber die Fee blieb unerbittlich. Die Vorbereitungen zur Verm\u00e4hlung wurden getroffen. Am driften Tage \u017ftand die Prinze\u017f\u017fin vor dem Altare, bleich, kalt und teilnahmslos. Schmerzlich bewegt er\u017fchien die Fee, ern\u017ft und in \u017fich ver\u017funken der K\u00f6nig; \u2013 es war ein trauriges Hochzeitsfe\u017ft.<\/p>\n\n\n\n<p>***<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Jahre vergingen. Gl\u00fcckliche Jahre f\u00fcr die Banalier. Kraftvoll und milde herr\u017fchte der K\u00f6nig, jede \u017feiner Unternehmungen kr\u00f6nte der Erfolg; wenn je ein Monarch, \u017fo ward er verg\u00f6ttert. Die K\u00f6nigin wandelte an \u017feiner Seite wie ein verkl\u00e4rter Wider\u017fchein \u017feiner Gr\u00f6\u00dfe, \u017feiner G\u00fcte. Sie hatte ihm einen Sohn geboren, die Freude des Vaters, die Hoffnung des Volkes.<\/p>\n\n\n\n<p>Von neuem er\u017fchienen war der Tag der R\u00fcckehr der Fee. Allenthalben wurden feierliche Vorbereitungen zu ihrem Empfange getroffen. Um Mittag, wenn die Sonne am h\u00f6ch\u017ften \u017ftand, pflegte \u017fie zu er\u017fcheinen. Die\u017fen Augenblick erwartend traten der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin aus dem Schlo\u017f\u017fe. Sie f\u00fchrte ihren Knaben an einer Hand und \u017ft\u00fctzte die andere auf den Arm ihres Gemahls. Liebevoll ruhte \u017fein Auge auf ihr und tiefe innige Ehrfurcht \u017fprach aus dem Blicke, den \u017fie zu ihm emporrichtete, aus dem Tone der Stimme, mit der \u017fie zu ihm redete.<\/p>\n\n\n\n<p>Befehle erteilend blieb der K\u00f6nig vor dem Pala\u017fte zur\u00fcck, und allein mit ihrem Kinde betrat die K\u00f6nigin die Terra\u017f\u017fe. Sie lehnte \u017fich an das Gitter und blickte in den brau\u017fenden Strom hinunter. Ein Zauber ohnegleichen ging aus von ihrer r\u00fchrenden Sch\u00f6nheit; der weiche Leidenszug um ihren Mund verriet, da\u00df \u017fie den Schmerz gekannt hatte. Nicht gl\u00fccklich \u017fchien \u017fie, aber beruhigt, ver\u017f\u00f6hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun \u017fpielte ihr S\u00f6hnchen zu ihren F\u00fc\u00dfen. Wie lieblich war die\u017fes Kind! Sein ro\u017figes Ange\u017ficht mit den edlen Z\u00fcgen des K\u00f6nigs, mit den wunderbaren Augen der Mutter, leuchtete f\u00f6rmlich vor Hold\u017feligkeit. Er jauchzte laut jeder Woge entgegen, die \u017fch\u00e4umend vor\u00fcber rollte. Die K\u00f6nigin l\u00e4chelte ihm zu, ihre Hand ruhte auf \u017feinem blonden Haupte und z\u00e4rtlich dr\u00fcckte \u017fie es an \u017fich. Pl\u00f6tzlich \u017fchrie der Kleine auf: \u201eSchau,\u201c rief er, \u201e\u017fchau, die V\u00f6gel \u2013 o die vielen!\u201c Und wirklich, da kam \u00fcber den Strom daher geflogen ein langer, dunkler, endlo\u017fer Zug V\u00f6gel aller Arten. Sie \u017fchienen etwas zu begleiten, das auf dem Wa\u017f\u017fer \u017fchwamm. Sie \u017fangen laut und zwit\u017fcherten und pfiffen, aber wehm\u00fctig klangen die\u017fe T\u00f6ne. Oft flogen \u017fie fief herab, als wollten \u017fie nippen von der Flut, und erhoben \u017fich dann wieder klagend, klagend noch trauriger als zuvor! Am Ufer indes liefen Rehe, Gazellen, Antilopen was es nur gibt an zaghaftem Waldgetier, das \u017fich \u017fon\u017ft \u017fcheu verbirgt vor dem Auge des Men\u017fchen. Wie eine f\u00fchrerlo\u017fe Herde liefen \u017fie das Ufer entlang, bl\u00f6kend, \u017ft\u00f6hnend; dr\u00e4ngten \u017fich und fuhren wieder auseinander; blickten in den Strom und verfolgten, in neue Klagen ausbrechend, ihren Weg. Dem Zuge voran \u017fchwebte ruhig mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln ein maje\u017ft\u00e4ti\u017fcher Adler.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie kamen n\u00e4her und n\u00e4her. Die Prinze\u017f\u017fin \u017fah, was die\u017fe Tiere trauernd begleiteten, es war eine Leiche. Halb entbl\u00f6\u00dft lag \u017fie auf den Fluten, eine kr\u00e4ftige, \u017fchlanke M\u00e4nnerge\u017ftalt. Das zur\u00fcckgeworfene Haupt ruhte auf einem Arme, der andere lag auf der Bru\u017ft. Die Augen waren ge\u017fchlo\u017f\u017fen im tiefen \u2013 dem tief\u017ften Schlafe. Schwer hingen die aufgel\u00f6\u017ften Locken um das dunkle Ge\u017ficht. Da entrang \u017fich ein Schrei der Bru\u017ft der K\u00f6nigin. Verzweiflung und Gl\u00fcck\u017feligkeit, wahn\u017finniger Schmerz und jauchzendes Entz\u00fccken vereinten \u017fich in ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAbdul! \u2013 Abdul! \u2013 k\u00f6mm\u017ft du? \u2013 komm\u017ft du zu mir?\u201c\u2026 Und mit ausgebreiteten Armen \u017ft\u00fcrzte \u017fie \u017fich hinunter in den Strom.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Augenblicke \u017fp\u00e4ter trat der K\u00f6nig auf die Terra\u017f\u017fe, und umflo\u017f\u017fen von ro\u017figem Lichte \u017ftand die Fee vor ihm, Sie blickte hinunter: \u2013 die Wellen hatten \u017fanft die Leichen Abduls und der K\u00f6nigin auf die letzte breite Stufe der Marmortreppe ge\u017fp\u00fclt. Der Knabe war hinabgeklettert, \u017fchmiegte \u017fich an \u017feine Mutter und rief \u017fie mit \u017f\u00fc\u00dfen z\u00e4rtlichen Namen. Aber \u017fie antwortete nicht; \u017fie hielt ihren Geliebten um\u017fchlungen, und im erhabenen Ern\u017fte des Todes trugen ihre Z\u00fcge einen Ausdruck von \u017fo \u00fcberirdi\u017fchem Gl\u00fcck, wie ihn die beiden, die \u017fprachlos zu ihr nieder\u017ftarrten, auf die\u017fem Antlitz nie ge\u017fehen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig \u017ftand da wie ein Bild aus Stein; die Augen der Fee f\u00fcllten \u017fich mit Tr\u00e4nen: auch die Un\u017fterblichen weinen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr,\u201c \u017fprach \u017fie endlich, \u201ehabe Mitleid, verdamme \u017fie nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie war mein Gl\u00fcck, ich habe \u017fie geliebt!\u201c erwiderte der K\u00f6nig, \u017ftieg die Stufen hinab, nahm das Kind in \u017feine Arme und dr\u00fcckte es an \u017feine Bru\u017ft.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<p><p style=\"margin-bottom: 0.2cm\">    <\/p> <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Vorgeschichte Hier also noch eine zweite aus der PDF-Fraktur befreite Erz\u00e4hlung von Marie von Ebner-Eschenbach. (Siehe vorhergehenden Blogeintrag.) Der Titel war mir aufgefallen; ich mag M\u00e4rchen und Geschichten, die so tun, als w\u00e4ren sie M\u00e4rchen; \u201eBanalien\u201c klingt nach Parodie oder Metafiktion. Die Erz\u00e4hlung ist dann aber nichts von alledem. 2. 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