{"id":5754,"date":"2013-09-02T06:51:59","date_gmt":"2013-09-02T04:51:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=5754"},"modified":"2023-05-24T12:58:06","modified_gmt":"2023-05-24T10:58:06","slug":"fontane-zum-schmunzeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/09\/fontane-zum-schmunzeln.htm","title":{"rendered":"Fontane zum Schmunzeln"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/09\/fontane-zum-schmunzeln.htm#comments'>14 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-5761\" style=\"float: left; margin-right: 10px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Fontane_zum_Schmunzeln.jpg\" alt=\"Fontane_zum_Schmunzeln\" width=\"200\" height=\"301\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Fontane_zum_Schmunzeln.jpg 200w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Fontane_zum_Schmunzeln-99x150.jpg 99w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/>Die erste Begegnung eines Sch\u00fclers meiner Generation mit Fontane war &#8222;Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland&#8220; &#8211; vielgeliebt von Generationen von uh, ich wei\u00df nicht, aber jedenfalls von fr\u00fcheren Generationen. Was sollte mir dieses Gedicht auch sagen? Niederdeutsch, auch gem\u00e4\u00dfigtes, war mir fremd, Birnb\u00e4ume ebenso wie Birnen als Leckerei.<\/p>\n\n\n\n<p>(Norberto42 hat <a href=\"https:\/\/norberto42.wordpress.com\/2013\/08\/18\/fontane-herr-von-ribbeck-auf-ribbeck-im-havelland-analyse\/\">Links zu diesem Gedicht<\/a> zusammengestellt, darunter eine F\u00fclle von Vertonungen, auch moderne. Vielleicht isset also doch lebendig, das Gedicht. Soll sein, soll sein, soll sein.)<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man das Gl\u00fcck hat, an &#8222;Unterm Birnbaum&#8220; als Schullekt\u00fcre vorbeizukommen, hat man die n\u00e4chste Begegnung mit Fontane bei <em>Effi Briest.<\/em> Bei mir war das erst als Lehrer. Zwei- oder vermutlich dreimal habe ich die <em>Effi<\/em> gelesen, und ich muss sagen, sie ist jedes Mal besser geworden. Dann mal <em>Irrungen, Wirrungen.<\/em> Als Schullekt\u00fcre immer noch harter Tobak f\u00fcr junge Leser. Und auch nichts, was ich in meiner Freizeit lese. Aber ich freue mich darauf, irgendwann, in f\u00fcnf, zehn Jahren, den <em>Stechlin<\/em> zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon seit ein paar Jahren steht bei meinen Eltern im Regal das Buch <em>Fontane zum Schmunzeln<\/em> (ausgew\u00e4hlte von Lea Susemichel). Vor kurzem habe ich dann doch mal reingeschaut. Und auch wenn das Buch eigentlich v\u00f6llig unbrauchbar ist, habe ich es gelesen. Unbrauchbar weil: Es handelt sich um eine Sammlung von Fontane-Schnipseln, meist sehr kurz und mit wenig Kontext, und kurzen Herausgeber-\u00dcberleitungen. Philologisch nicht zu verwenden: Keine Quellenangaben, nicht mal den Titel; ob es sich um Ausschnitte aus einer Erz\u00e4hlung, einem Brief, einem Tagebucheintrag handelt, muss man sich erschlie\u00dfen. Auch bei Romanen wird das &#8222;ich&#8220; einfach mal als Fontane genommen. Und gleich die erste \u00dcberpr\u00fcfung anhand einer besseren Ausgabe zeigte textliche Abweichungen. Dann doch gelesen weil: Ich etwas \u00fcber Fontanes Biographie gelernt habe, und weil ich die Schnipsel tats\u00e4chlich interessant und manchmal am\u00fcsant fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Ausschnitte:<\/p>\n\n\n\n<p>Fontane auf dem Klo:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Das interessanteste in meinem K\u00f6lner Hotel war das Water-Closet: es ist sehr eng darin und die Wand vor einem befindet sich so nahe, dass man sie mit der Nasen\u00adspitze ber\u00fchren kann. Diese zudringliche N\u00e4he war von talentvol\u00adlen jungen Malern, die sonst wohl die Mauern und W\u00e4nde der H\u00e4user mit gewissen mehr riesigen als naturgetreuen Abbildungen auszustaffieren pflegen, zu \u00e4hnlichen Kunstleistungen benutzt wor\u00adden, die teils aus Bleistiftzeichnungen, teils aus dauerhaften tiefen Gravierungen bestanden. Mitten unter diesen lautren Sch\u00f6pfungen der Phantasie und Laune befand sich, wie ein Professor im Bordell, die bekannte Figur des pythagor\u00e4ischen Lehrsatzes, die mich vor Zeiten auf der Quartaner-Bank immer sehr traurig gestimmt, heute aber mein hellstes Lachen zur Folge hatte.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Fontane trifft sich mit Theodor Storm, der ihm etwas peinlich ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es mochte zw\u00f6lf Uhr sein, als wir durchs Brandenburger Tor zur\u00fcckkamen und beide das Verlangen nach einem Fr\u00fchst\u00fcck versp\u00fcrten. Ich schlug ihm meine Wohnung vor, die nicht allzuweit ablag; er entschied sich aber f\u00fcr Kranzler. Ich bekenne, dass ich ein wenig erschrak. Storm war wie geschaffen f\u00fcr einen Tiergartenspaziergang an dichtbelaubten Stellen, aber f\u00fcr Kranzler war er nicht geschaffen. Ich seh&#8216; ihn noch deutlich vor mir. Er trug leinene Beinkleider und leinene Weste von jenem sonderbaren Stoff, der wie gelbe Seide gl\u00e4nzt und sehr leicht furchtbare Falten schl\u00e4gt, dar\u00fcber ein gr\u00fcnes R\u00f6ckchen, Reisehut und einen Schal. Nun wei\u00df ich sehr wohl, dass gerade ich vielleicht derjenige deutsche Schriftsteller bin, der in Sachen gestrickter Wolle zur h\u00f6chsten Toleranz verpflichtet ist, denn ich trage selber dergleichen. Aber zu so viel Bescheidenheit ich auch verpflichtet sein mag, zwischen Schal und Schal ist doch immer noch ein Unterschied. Wer ein Mitleidender ist, wei\u00df, dass im Leben eines solchen Produkts aus der Textilindustrie zwei Stadien zu beobachten sind: ein Jugendstadium, wo das Gewebe mehr in die Breite geht und noch Elastizit\u00e4t, ich m\u00f6chte sagen, Leben hat, und ein Altersstadium, wo der Schal nur noch eine endlose L\u00e4nge darstellt, ohne jede zur\u00fcckschnellende Federkraft. So war der Stormsche. Storm trug ihn rund um den Hals herum, trotzdem hing er noch in zwei Strippen vorn herunter, in einer kurzen und einer ganz langen. An jeder befand sich eine Puschel, die hin und her pendelte. So marschierten wir die Linden herunter, bis an die ber\u00fchmte Ecke. Vorne sa\u00dfen gerade Gardek\u00fcrassiere, die uns anl\u00e4chelten, weil wir ihnen ein nicht gew\u00f6hnliches Stra\u00dfenbild gew\u00e4hrten. Ich sah es und kam unter dem Eindruck davon noch einmal auf meinen Vorschlag zur\u00fcck. &#8222;K\u00f6nnten wir nicht lieber zu Schilling gehen; da sind wir allein, ganz stille Zimmer.&#8220; Aber mit der Ruhe des guten Gewissens bestand er auf Kranzler. En avant denn, wobei ich immer noch hoffte, durch gute Direktiven einiges ausrichten zu k\u00f6nnen. Aber Storm machte jede kleinste Hoffnung zuschanden. Er trat zu der brunhildenhaften Comptoirdame, die selber bei der Garde gedient haben konnte, sofort in ein lyrisches Verh\u00e4ltnis und erkundigte sich nach den Einzelnheiten des B\u00fcffets, alle reichlich gestellten Fragen bis ins Detail ersch\u00f6pfend. Die Dame bewahrte gute Haltung. Aber Storm auch. Er pflanzte sich, dem Verkaufstisch gegen\u00fcber, an einem der Vorderfenster auf, in das zwei St\u00fchle tief einger\u00fcckt waren. &#8222;Hier wird er Platz nehmen,&#8220; an diesem Anker hielt ich mich. Aber nein, er wies auch hier wieder das sich ihm darbietende Refugium ab, und den schmalen Weg, der zwischen Fenster und B\u00fcffet lief, absperrend, nahm er unser Gespr\u00e4ch \u00fcber M\u00f6rike wieder auf, und je lebhafter es wurde, je m\u00e4chtiger pendelte der Schal mit den zwei Puscheln hin und her. Ich war froh, als wir nach einer halben Stunde wieder heil heraus waren.<br>(<em>Von Zwanzig bis Drei\u00dfig<\/em>)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und dann scheint es da noch ein altes St\u00f6ckchen zu geben, ausgeworfen von L(o)uise Fastenrath, ungarische Schriftstellerin (siehe Wikipedia zu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johannes_Fastenrath\">Johannes Fastenrath<\/a>). <a href=\"http:\/\/www.staff.uni-mainz.de\/pommeren\/Gedichte\/Busch\/Aphorismen\/antwort.htm\">Wilhelm Busch beantwortete die Fragen<\/a> am 22.5.1892 ausf\u00fchrlich, Fontane deutlich lapidarer:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Was ist Ihre hervorstechendste Eigenschaft? <em>Indifferenz.<\/em><br>Wie verstehen Sie das Gl\u00fcck? <em>Gar nicht. <\/em><br>Das Ungl\u00fcck? <em>Auch nicht recht. <\/em><br>Wo m\u00f6chten Sie leben? <em>In meiner Stube. <\/em><br>Was w\u00fcnschen Sie sich am sehnlichsten? <em>Luft. Licht. <\/em><br>Wer ist in Ihren Augen der erste Dichter, Schauspieler, Musiker, Maler? <em>Wechselt alle f\u00fcnf Jahre.<\/em><br>Welche Fehler finden Sie am verzeihlichsten? <em>Die meinigen. <\/em><br>Lieben Sie das Ideale oder das Reale? <em>Das Diagonale.<\/em><br>Was ist am schwersten zu erreichen? <em>Papst oder gro\u00dfes Los.<\/em><br>Welchen Rat w\u00fcrden Sie der Frau geben, die Sie lieben? <em>Mich wiederzulieben.<\/em><br>Welches ist Ihre Lieblingsbesch\u00e4ftigung? <em>Schlafen.<\/em><br>Welche politische Richtung ist Ihnen am sympathischsten? <em>Mecklenburg.<\/em><br>Wie denken Sie \u00fcber die Ehe? Je nachdem.<br>Welches Vergn\u00fcgen ist Ihnen das liebste? <em>Schlafen. <\/em><br>Wie definieren Sie die Liebe? <em>Mir zu schwer. <\/em><br>Wie definieren Sie die Frau? <em>Noch schwerer.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aus zwei verschiedenen unvollst\u00e4ndigen Quellen zusammengebaut, beide nicht ganz zuverl\u00e4ssig. Bin f\u00fcr genauere Quellenangaben dankbar. Und wer will, kann das St\u00f6ckchen ja aufgreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Man kann aus so manchem unvollkommenen Buch noch etwas herausziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(14 Kommentare.) Die erste Begegnung eines Sch\u00fclers meiner Generation mit Fontane war &#8222;Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland&#8220; &#8211; vielgeliebt von Generationen von uh, ich wei\u00df nicht, aber jedenfalls von fr\u00fcheren Generationen. Was sollte mir dieses Gedicht auch sagen? Niederdeutsch, auch gem\u00e4\u00dfigtes, war mir fremd, Birnb\u00e4ume ebenso wie Birnen als Leckerei. 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