{"id":5779,"date":"2013-09-26T06:50:18","date_gmt":"2013-09-26T04:50:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=5779"},"modified":"2023-05-24T12:57:35","modified_gmt":"2023-05-24T10:57:35","slug":"einen-gedanken-auf-mehrere-saetze-verteilen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/09\/einen-gedanken-auf-mehrere-saetze-verteilen.htm","title":{"rendered":"Einen Gedanken auf mehrere S\u00e4tze verteilen"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/09\/einen-gedanken-auf-mehrere-saetze-verteilen.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Im Laufe der Mittelstufe werden die Gedanken der Sch\u00fcler in Aufs\u00e4tzen immer komplexer. (Behaupte ich mal so.) Und es gibt m\u00f6glicherweise den Drang, solch einen &#8211; wenn auch komplexen &#8211; Gedanken auch in einer einzigen &#8211; dann halt recht langen &#8211; Periode auszudr\u00fccken. So erkl\u00e4re ich mir Perioden wie diese in Deutschaufs\u00e4tzen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ebenfalls nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist der Punkt, dass durch die niedrigere Arbeitsbelastung w\u00e4hrend der Ausbildungsjahre und de[n] deutlich weniger anfallenden zu lernende[n] Stoff [die Schule dem Sch\u00fcler] viel mehr Freizeit l\u00e4sst, in der man sich beispielsweise wie mein gro\u00dfer Bruder in diversen Vereinen beteiligen kann, was das Kn\u00fcpfen von sozialen Kontakten beg\u00fcnstigt und zu einer besseren Verflechtung der Gesellschaft f\u00fchrt.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Problematisch ist das mit den langen S\u00e4tzen, weil man sich gerne verheddert und der Satzbau nicht mehr stimmt, wie es im Beispiel urspr\u00fcnglich der Fall war. Problematisch ist es vor allem auch, weil die S\u00e4tze dann schwerer zu verstehen sind. Der eine Hauptsatz enth\u00e4lt nur eine Floskel, alle Information steckt in Nebens\u00e4tzen. Verst\u00e4ndlicher wird der Gedanke, wenn man ihn auf mehrere S\u00e4tze verteilt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Arbeitsbelastung ist w\u00e4hrend der Ausbildungsjahre deutlich niedriger. Denn man muss weniger Stoff lernen und hat deshalb mehr Freizeit. In dieser Freizeit kann man sich in Vereinen beteiligen. Dabei kn\u00fcpft man soziale Kontakte&#8230;.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wenn man einen komplexen Gedanken nur in einen einzigen Satz packen kann, dann wird die Komplexit\u00e4t der Gedanken, die man auf herk\u00f6mmliche Weise schriftlich festhalten kann, begrenzt durch die L\u00e4nge der S\u00e4tze, die man verst\u00e4ndlich zu schreiben in der Lage ist. Der Gedanke tritt dann eher auf der Stelle, statt dass er im Gedankengang von Satzschlusszeichen zu Satzschlusszeichen h\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mit der herk\u00f6mmlichen Weise habe ich geschrieben, weil es ja auch noch die Poesie gibt. Andere Baustelle. Und ich habe nicht prinzipiell etwas gegen umst\u00e4ndliche S\u00e4tze. Einer meiner liebsten, vor neun Jahren zum letzten Mal zitiert, so dass ich mal wieder darf, ist der erste Satz von Heinrich von Kleists &#8222;Der Zweikampf&#8220;:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Herzog Wilhelm von Breysach, der, seit seiner heimlichen Verbindung mit einer Gr\u00e4fin, namens Katharina von Heersbruck, aus dem Hause Alt-H\u00fcningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart, in Feindschaft lebte, kam gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen Remigius zu d\u00e4mmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zur\u00fcck, worin er sich von diesem Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, die ihm gestorben waren, die Legitimation eines, mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten, nat\u00fcrlichen Sohnes, des Grafen Philipp von H\u00fcningen, ausgewirkt hatte.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Satz kommt mir vor wie ein St\u00fcck Holz, aus dem ein geschickter Schnitzk\u00fcnstler mit pr\u00e4zisen kleinen Axthieben nach und nach eine Figur heraushackt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; Aus der Unterstufe beim Erz\u00e4hlen habe ich mir keine Sch\u00fcler-Beispiele notiert. Vielleicht sind sie mir da weniger aufgefallen. Vielleicht &#8211; wahrscheinlich &#8211; k\u00f6nnen da die Sch\u00fcler noch nicht genug Nebens\u00e4tze.<br>Oder kann es sein, dass beim Erz\u00e4hlen leichter ist, zusammenh\u00e4ngend zu schreiben, auch wenn der Zusammenhang \u00fcber mehrere S\u00e4tze geht? Es ist vielleicht der rote Faden der Handlung, der diesen Zusammenhalt der S\u00e4tze erm\u00f6glicht &#8211; ein roter Faden, den Sch\u00fcler beim Er\u00f6rtern nicht lernen. Da hei\u00dft es meist: Drei Argumente f\u00fcr jede Seite, aber am Ende bleibt jedes davon f\u00fcr sich. Und dazwischen gibt es furchtbar k\u00fcnstliche \u00dcberleitungen, die wir alle kennen: &#8222;Noch wichtiger aber ist&#8230; Es darf nicht \u00fcbersehen werden&#8230;&#8220; Ich habe selber als Referendar Arbeitsbl\u00e4tter mit solchen Floskeln verteilt. Inzwischen glaube ich, dass das nichts bringt, eher sogar sch\u00e4dlich ist. Das mit dem roten Faden, das w\u00e4re wichtiger, ist aber vielleicht zu schwer.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Als Anhang noch zwei Beispiele f\u00fcr solche komplexen S\u00e4tze, auch aus Sch\u00fcleraufs\u00e4tzen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Noch bedeutsamer aber ist, dass die Sch\u00fcler [dadurch erfahren], dass das Fleisch, das sie normalerweise essen, schlimmsten Umst\u00e4nden ausgesetzt war, weil das Fleisch, das sie daheim aufgetischt bekommen, meistens aus dem Billig-Discounter stammt, und dass beispielsweise Truthahn stark auf die Brust gez\u00fcchtet wird, sodass die Tiere oftmals nicht einmal mehr stehen k\u00f6nnen, weil die Brust so schwer ist.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Schulleitung will au\u00dferdem darauf hinweisen, dass die Eltern sich um einiges fr\u00fcher h\u00e4tten zu Wort melden sollen, als die Kinder eine Unterschriftaktion starteten, da dann die M\u00f6glichkeit bestanden h\u00e4tte, dass das Projekt Steinzeit anders verwirklicht worden w\u00e4re, wenn sich die Eltern gemeldet h\u00e4tten, und beispielsweise darauf hinweisen k\u00f6nnen, dass sie als Erziehungsberechtigte das nicht dulden k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>In der 6. Szene des 1. Aktes des Dramas &#8222;Die Soldaten&#8220; von Jakob Michael Reinhold Lenz, der von 1752 bis 1792 lebte, geht es um einen Dialog zwischen Marie und Wesener, ihrem Vater, nachdem dieser sie wegen einem Treffen zwischen ihr und dem Offizier Desportes, das er verboten hatte, in ihr Zimmer geschickt hat, in dem \u00fcber die Liebe zwischen Marie und Desportes diskutiert wird.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) Im Laufe der Mittelstufe werden die Gedanken der Sch\u00fcler in Aufs\u00e4tzen immer komplexer. (Behaupte ich mal so.) Und es gibt m\u00f6glicherweise den Drang, solch einen &#8211; wenn auch komplexen &#8211; Gedanken auch in einer einzigen &#8211; dann halt recht langen &#8211; Periode auszudr\u00fccken. 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