{"id":580,"date":"2006-04-16T15:51:58","date_gmt":"2006-04-16T14:51:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2006\/04\/jens-soentgen-selbstdenken-und-euler.htm"},"modified":"2023-05-23T13:35:10","modified_gmt":"2023-05-23T11:35:10","slug":"jens-soentgen-selbstdenken-und-euler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2006\/04\/jens-soentgen-selbstdenken-und-euler.htm","title":{"rendered":"Jens Soentgen, Selbstdenken! (Und Euler.)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2006\/04\/jens-soentgen-selbstdenken-und-euler.htm#comments'>10 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jens Soentgen<br><em>Selbstdenken!<\/em><br>20 Praktiken der Philosophie<br>Mit Illustrationen von Nadia Budde<br>Peter Hammer Verlag<br>223 Seiten<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><img decoding=\"async\" id=\"image581\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/selbstdenken.jpg\" alt=\"selbstdenken.jpg\"><br><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3872949438\/qid%3D1145018486\/302-4261610-5864808\">Amazon-Link<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einem Jahr stie\u00df ich in einem Blog, das es leider nicht mehr gibt, auf eine Besprechung dieses Buches. Es ist ein sehr gutes Buch.<br>Mir fallen mindestens drei andere Einf\u00fchrungen in die Philosophie ein, die ich zuvor gelesen hatte. (Mir fehlt die Lust, mich gleich an die Originalwerke zu machen. Ich m\u00fcsste auch erst herausfinden, wo ich am besten anfangen sollte zu lesen. \u00dcber meine umfangreiche, aber unsystematische Lekt\u00fcre kriege ich allerdings immer wieder Anreize. Beonders viele solche Anreize erhoffe ich mir von solchen Einf\u00fchrungen.) Die beste dieser Einf\u00fchrungen war m\u00e4\u00dfig interessant, die schlechteste fade, verstaubt und einfach wenig hilfreich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz anders <em>Selbstdenken!<\/em> Das Buch ist weder chronologisch noch nach Personen geordnet. Das ist schon mal sehr gut. Stattdessen gibt es zwanzig Kapitel zu verschiedenen Techniken: <em>Indizien, Autorit\u00e4ten, Sammeln, Logik, Gedankenexperimente, Umkehren, Beispiele, Bilder<\/em>. Das erste Kapitel ist dem <em>Provozieren<\/em> gewidmet und gibt den Ton vor. Soentgen stellt Sokrates und Diogenes vor. (&#8222;In der Praxis sah das so aus, dass Diogenes auf dem Athener Markptplatz \u00f6ffentlich onanierte, und dabei bemerkte, wie bedauerlich es doch sei, dass man den Hunger nicht ebenso einfach, etwa durch Reiben des Bauches, lindern k\u00f6nne.&#8220;) Dann geht es weiter mit der Berliner <em>Kommune 1<\/em> in den 60er Jahren, der Beschreibung einer Gerichtsverhandlung um Fritz Teufel und Rainer Langhans und der Schwierigkeit, heute zu provozieren. Danach empfiehlt Soentgen als \u00dcbung zum Kapitel das Spiel &#8222;Barfu\u00dflaufen&#8220;: Einfach im Sommer mal einen Tag barfu\u00df verbringen, &#8222;auf der Stra\u00dfe, in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, in der Schule, in der Uni, im B\u00fcro&#8220;. Und danach wiederum kommen ein paar Zeilen mit Literaturangaben. Und das war nur das erste Kapitel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Literaturangaben nach jedem Kapitel sind ganz besonders sch\u00f6n und das, was dieses Buch so besonders reizvoll macht. Sie sind kommentiert und als zusammenh\u00e4ngender Text geschrieben, nicht als Liste. Sie enthalten Angaben zu den im Kapitel angesprochenen Texten, aber auch zu weiteren, verwandten B\u00fcchern.<br>Und sie haben mich dazu gebracht, dass ich folgende B\u00fccher gekauft habe:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Leonhard Euler, Briefe an eine deutsche Prinzessin<\/li>\n\n\n\n<li>Platon, Laches<\/li>\n\n\n\n<li>Enzyklop\u00e4die des M\u00e4rchens (zumindest die als Taschenbuch erschienenen B\u00e4nde)<\/li>\n\n\n\n<li>Steven Schwartz, Wie Pawlow auf den Hund kam&#8230; Klassische Experimente der Psychologie<\/li>\n\n\n\n<li>eine Einf\u00fchrung zu <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Thomasius\">Christian Thomasius<\/a> (1655-1728) &#8211; merken f\u00fcr die Aufkl\u00e4rungssequenz in der 11. Klasse<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Enzyklop\u00e4die bl\u00e4ttere ich nat\u00fcrlich nur. (Einb\u00e4ndige alphabetisch geordnete Nachschlagewerke lese ich gerne mal von A bis Z, aber gr\u00f6\u00dfere nicht.) Den Platon habe ich gelesen; ein guter Einstiegstext, den ich vielleicht mal Sch\u00fclern vorstellen werde. Die Euler-Briefe haben sich als besonders interessant herausgestellt. Euler schrieb diese Briefe \u00fcber die Mathematik, Naturwissenschaft und Philosophie seiner Zeit an eine 15 bis 17 Jahre alte Tochter &#8211; Fernkurs sozusagen. Und er erkl\u00e4rt einfach, anschaulich und verst\u00e4ndlich. (Leider ist meine Ausgabe nur eine Auswahl der philosophischen Briefe, die zur Mathematik und Logik und zu weiten Teilen der Naturwissenschaft fehlen.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders spannend ist es allerdings, wenn Euler sich irrt. Im 20. Brief geht es um die Lichtgeschwindigkeit, und warum die so hoch ist. Euler benutzt als Analogie die Schallgeschwindigkeit. &#8222;[Aus dem Vorhergehenden] folgt&#8220;, schreibt er, &#8222;wenn die Dichtigkeit der Luft kleiner w\u00e4re, so w\u00fcrde die Geschwindigkeit des Schalls vergr\u00f6\u00dfert&#8220;.<br>Oha, Euler, ber\u00fchmter Kopf und so, aber das widerspricht doch sehr meiner Intuition. Also habe ich am n\u00e4chsten Tag die Physiklehrer an meiner Schule befragt. Einen nach dem anderen, drei St\u00fcck hintereinander, aber keiner wollte sich festlegen und eine klare Antwort darauf geben, ob das stimmt. Einer wenigstens hat dann zu Hause nachgeschaut, ist dann aber erst <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schallgeschwindigkeit#Schallgeschwindigkeit_in_idealen_Gasen\">bei Wikipedia f\u00fcndig<\/a> geworden: Euler hat tat\u00e4chlich unrecht. Die Intuition allerdings ebenso: Die Schallgeschwindigkeit ist unabh\u00e4ngig von der Dichte der Luft. (Aber sehr wohl abh\u00e4ngig von der Temperatur: Bei sinkender Temperatur ist bei Gasen die Schallgeschwindigkeit geringer.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eulers gr\u00f6\u00dferer Fehler bringt ihn erst auf diese Analogie von Licht- und Schallgeschwindigkeit.<br>Um kurz auszuholen: Die gro\u00dfen naturphilosophischen Fragen seiner Zeit waren die Fragen nach der Beschaffenheit der Materie, nach der Existenz des leeren Raumes, nach den Kr\u00e4ften (allen voran der Schwerkraft) und dem Zusammenhang zwischen belebter und unbelebter Materie.<br>Die Engl\u00e4nder hatten da diese Theorie, dass der Raum leer ist, und dass die Schwerkraft zwei K\u00f6rper dazu bringt, sich anzuziehen. Warum tut sie das? Welche Beziehung soll es zwischen zwei beliebig weit voneinander entfernten K\u00f6rpern geben? Achselzucken. Gottes Wille. Damit ist Euler nicht zufrieden. &#8222;Gottes Wille&#8220; als Erkl\u00e4rung w\u00e4re ja reine Willk\u00fcr und unbefriedigend. Also schl\u00e4gt Euler sich auf die Seite derer, die eine andere Theorie vertreten: Der Raum ist nicht leer, sondern mit einer ganz feinen Substanz gef\u00fcllt, dem \u00c4ther. Eben weil die Substanz so fein und die Dichte so d\u00fcnn ist, ist auch die Lichtgeschwindigkeit so hoch, wir erinnern uns. Und mit dem \u00c4ther hat die Lichtwelle auch eine Tr\u00e4germedium, so wie die Wasserwelle das Wasser und die Schallwelle die Luft braucht.<br>Was die Schwerkraft betrifft, so ziehen sich laut Euler eben nicht zwei K\u00f6rper an, zwischen denen es ja gar keine Verbindung gibt. Wie kann da also etwas ziehen? Nein, die \u00c4therteilchen dr\u00fccken die K\u00f6rper aufeinander zu. Von au\u00dfen hat das das den gleichen Effekt wie die Anziehung zweier K\u00f6rper.<br>Und so verbringt Euler viele Seiten damit, seiner Sch\u00fclerin zu erkl\u00e4ren, warum die Engl\u00e4nder unrecht haben. Gewiss, er l\u00e4sst Raum f\u00fcr Zweifel, aber nicht viel. Der heutige Leser wei\u00df aber (also, zumindest ich), dass der Raum mehr oder weniger leer ist, virtuelle Teilchen hin oder her. Und Lichtwellen haben kein Tr\u00e4germedium, sind also v\u00f6llig anders als Wasser- oder Schallwellen. Die Engl\u00e4nder haben recht gehabt. Und Tr\u00e4ger der Schwerkraft, die von Euler vermisste Verbindung zwischen K\u00f6rpern, sind die allerdings immer noch nicht nachgewiesenen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Graviton\">Gravitonen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich finde es sehr spannend, naturwissenschaftliche Autoren zu lesen, die noch nicht so viel wussten wie die Wissenschaft heute. Manchmal stellen sich ihre Hypothesen als richtig heraus, manchmal nicht. Einen Vorwurf kann man ihnen nicht unbedingt daraus machen. Euler erkennt ja, dass so etwas wie Gravitonen fehlen, auch wenn er daraufhin die ganze Theorie nicht zul\u00e4sst; Charles Darwin erkennt in <em>Origin of Species<\/em>, dass ihm ein \u00e4hnlich wichtiges Element fehlt (die Gene), vertraut aber dennoch seiner Theorie und hofft, dass die Wissenschaft nach ihm diese L\u00fccke schlie\u00dfen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8212; In einigen Briefen erkl\u00e4rt Euler also gerade die Ph\u00e4nomene, die auf unbelebte K\u00f6rper wirken, vor allem Schwerkraft und Tr\u00e4gheit. Die Tr\u00e4gheit: Was sich bewegt, bleibt in Bewegung; was ruht, bleibt ruhend, solange keine Kraft darauf wirkt. Und Euler &#8211; er ist sicher nicht der erste seit Newton, der das erkannt hat &#8211; erw\u00e4hnt auch knapp, wie das den Gottesbeweis aus der Bewegung zunichte macht.<br>Ich kann mich noch gut an die Gottesbeweise von Thomas von Aquin erinnern, die ich im Grundkurs Religion gelernt habe. Die haben mich damals schon nicht \u00fcberzeugt. (Den einzigen Gottesbeweis, den meine Vernunft gelten lie\u00df, war die mystische Gotteserfahrung.) Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass diese Beweise aus Thomas&#8216; <em>Summa theologica<\/em> mir damals als <em>historisch<\/em> interessant und relevant vorgestellt wurden. Ich sah sie einfach als Gottesbeweise, die mangelhaft waren. Wom\u00f6glich sind solche feinen Unterscheidungen in diesem Alter aber gar nicht verst\u00e4ndlich.<br>Einer der Beweise ist der kinesiologische Gottesbeweis. Thomas, sich auf Aristoteles berufend, argumentiert, dass alles, was sich bewegt, einen ersten Beweger braucht, der es zum Bewegen gebracht hat. &#8222;Prime mover&#8220; hei\u00dft das auf Englisch &#8211; gibt&#8217;s das nicht auch auf Latein?<br>Nun sagen Newton und die Tr\u00e4gheit aber, dass Bewegung keinen Beweger braucht &#8211; es sei denn, etwas Unbewegtes f\u00e4ngt an sich zu bewegen, oder etwas Bewegtes h\u00f6rt auf damit. Genauso k\u00f6nnte Thomas also argumentieren: Weil es Unbewegtes gibt, muss es einen ersten Bremser geben. Oder mit Euler gesprochen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich frage [diejenigen, die nach dem ersten Beweger suchen,] also, ob sie es f\u00fcr leichter halten, einen K\u00f6rper in Ruhe als ihn bald anfangs in Bewegung zu erschaffen? Beides setzt auf gleiche Art die Allmacht Gottes zum voraus<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das haben sie mir im Religionsunterricht nicht beigebracht. Ist vielleicht auch gut so, ein bisschen was zu denken muss man den Leuten ja auch selber \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach den unbelebten K\u00f6rpern geht es weiter zu den belebten &#8211; und damit um den freien Willen, das Bewusstsein, die seinerzeit aktuelle Lehre der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gottfried_Wilhelm_Leibniz\">Leibniz<\/a>schen Pr\u00e4stabilisierten Harmonie. Das Schlagwort kannte ich schon, und seit Euler wei\u00df ich auch, was damit gemeint ist. N\u00e4mlich etwas, auf das ich selber schon vor achtzehn Jahren gekommen bin.<br>Aber das geh\u00f6rt schon wieder zu einem anderen Eintrag, mit Zeitreisen und so.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie gesagt: Jens Soentgen, <em>Selbstdenken!<\/em> Kann ich nur empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(10 Kommentare.) 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