{"id":5887,"date":"2013-12-29T19:58:09","date_gmt":"2013-12-29T18:58:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=5887"},"modified":"2023-05-23T14:43:16","modified_gmt":"2023-05-23T12:43:16","slug":"theodor-herzl-altneuland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/12\/theodor-herzl-altneuland.htm","title":{"rendered":"Theodor Herzl, Altneuland"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/12\/theodor-herzl-altneuland.htm#comments'>3 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Amerikanische Science Fiction des <em>golden age<\/em> und klassische Utopien oder Dystopien beschreiben beide neue Welten. Und in beiden F\u00e4llen ist es oft ein Au\u00dfenseiter aus unserer eigenen Zeit oder Kultur, der in diese neue Welt kommt und sie f\u00fcr uns erkl\u00e4rt bekommt und f\u00fcr uns beschreibt. In <em>Gullivers Reisen<\/em> trifft der englische Reisende gleich auf mehrere solche Welten; in <em>Sch\u00f6ne neue Welt<\/em> ist es der der in einem Reservat aufgewachsene Wilde, dem die Welt gezeigt wird. In <em>Ein R\u00fcckblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887<\/em> von Edward Bellamy kriegt ein Amerikaner des Jahres 1887 die USA des Jahres 2000 gezeigt.<br>In diesen F\u00e4llen ist der Held eher passiv und spielt keine gro\u00dfe Rolle in der neuen Welt, anders bei der Science Fiction in Pulp-Tradition: Den Amerikaner John Carter verschl\u00e4gt es in Edgar Rice Burroughs&#8216; Geschichten auf den Mars, wo er eine Prinzessin heiratet und Politik macht und Schlachten gewinnt; in <em>Die Sternenk\u00f6nige<\/em> von Edmond Hamilton landet der Held aus unserer Zeit 200.000 Jahre in der Zukunft und gewinnt futuristische Sternenschlachten (und eine Prinzessin, ja). Ein Unikum ist Mark Twains <em>A Connecticut Yankee at King Arthur&#8217;s Court<\/em>, wo ein Held aus unserer Zeit in eine fremde Zeit und Kultur ger\u00e4t, dort alles aufmischt und aufpeppt, nur um am Ende doch zu scheitern.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Altneuland<\/em> von Theodor Herzl geh\u00f6rt eindeutig in die erste Kategorie. Es gibt \u00e4hnlich wie in Bellamys <em>R\u00fcckblick<\/em> (das Herzl selber in seinem Buch nennt) wenig nennenswerte Handlung, stattdessen geht es darum, dass die sch\u00f6ne neue Welt einem Menschen unserer Welt vorgestellt wird. Und das kommt so:<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1902 &#8211; dem Erscheinungsjahr des Buches &#8211; hat der j\u00fcdische Wiener Intellektuelle Friedrich L\u00f6wenberg mehr oder weniger mit dem Leben abgeschlossen. Die angehimmelte Frau heiratet einen anderen, keine Aussicht auf Karriere, kein Fortkommen in der \u00f6sterreichischen j\u00fcdischen Gesellschaft, bei den Nichtjuden ohnehin nicht, ein Freund ist im Ausland gestorben, einer hat sich umgebracht &#8211; so dass L\u00f6wenberg auf die Zeitungsannonce des exzentrischen amerikanischen Million\u00e4rs Kingscourt antwortet. Stellt sich heraus, der Menschenfeind Kingscourt sucht einen &#8222;gebildeten und verzweifelten&#8220; Reisebegleiter, der mit ihm ins selbstgew\u00e4hlte komfortable S\u00fcdseeexil geht, um dort f\u00fcr die absehbare Zukunft fernab der Menschheit zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>(Kingscourt, der urspr\u00fcnglich K\u00f6nigshoff hie\u00df &#8211; preu\u00dfischer Adel, nach Amerika ausgewandert &#8211; berlinert immer noch konsequent. &#8222;Eine Aktiengesellschaft ist &#8217;n Jef\u00e4\u00df, da kann man Jutes und Schlechtes hineintun.&#8220;)<\/p>\n\n\n\n<p>Vor Anbruch der Fahrt gibt L\u00f6wenberg das ganze Geld, das er von Kingscourt erhalten hat, einer in \u00e4rmlichsten Verh\u00e4ltnissen lebenden j\u00fcdischen Familie, die er kurz zuvor kennengelernt hat. Der Sohn, David Littwak, verspricht, diese Gabe nie zu vergessen.<br>Dann beginnen L\u00f6wenberg und Kingscourt ihre Reise. Auf dem Weg machen sie in Jaffa an der \u00f6stlichen Mittelmeerk\u00fcste Halt und schauen sich ein wenig in Pal\u00e4stina um &#8211; heruntergekommen, arm, d\u00fcnn besiedelt, so gar nicht das gelobte Land seiner V\u00e4ter, zu dem L\u00f6wenberg aber ohnehin keine Beziehung hat.<br>Ende des ersten Kapitels.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginn des zweiten Kapitels: Nach zwanzig Jahren &#8211; wir sind inzwischen im Jahr 1923 &#8211; haben Kingscourt und L\u00f6wenberg f\u00fcr eine Weile genug von der S\u00fcdseeeinsamkeit und wollen sich wieder einmal die Welt anschauen, zumindest kurz. Sie nehmen die gleiche Strecke zur\u00fcck, und an den H\u00e4fen und auf See f\u00e4llt ihnen bereits auf, dass sich Handelsrouten und anderes ge\u00e4ndert haben m\u00fcssen, dass da ein neuer Spieler im Mittelmeerraum unterwegs ist. Wer das ist, dass stellt sich dann in der Hafenstadt Haifa heraus: aus dem Ort ist pl\u00f6tzlich eine moderne, prachtvolle Gro\u00dfstadt geworden. Gleich am Hafen laufen sie &#8211; was f\u00fcr ein Zufall &#8211; jenem David Littwak in die Arme, dessen Familie L\u00f6wenberg damals in Wien mit seinem Geld unterst\u00fctzt hatte. Littwak ist ein erfolgreicher und prominenter B\u00fcrger in dem neuen Land, dass da in Pal\u00e4stina entstanden ist: Juden aus aller Welt sind hierher emigriert, um eine neue, internationale, sozialistische, erfolgreiche Gesellschaft zu gr\u00fcnden.<br>Littwaks Eltern und seine Schwester sind auch hier, und den Rest des Romans \u00fcber f\u00fchrt David seine G\u00e4ste zuerst in diesem Land herum und zeigt dessen Aufbau und Funktionsweise und erkl\u00e4rt danach, wie es \u00fcberhaupt dazu kam, dass sich in den vergangenen zwanzig Jahren diese Gesellschaft an diesem Ort etablieren konnte.<br>Viel Handlung gibt es dar\u00fcber hinaus nicht: Es gibt einen Wahlkampf zweier Parteien und die Wahl eines Pr\u00e4sidenten; der als Menschenfeind ohnehin nicht sehr \u00fcberzeugende Kingscourt wird von einem Baby becirct und beschlie\u00dft zu bleiben; L\u00f6wenberg trifft auf unliebsame alte Bekannte aus Wien und heiratet zuletzt Mirjam, Davids Schwester (und bleibt nat\u00fcrlich auch).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gro\u00dfteil des Romans besteht aus einer F\u00fchrung durch die neue Gesellschaft, die auf dem Gebiet Pal\u00e4stinas entstanden ist, und detaillierten Ausf\u00fchrungen \u00fcber deren Entstehen. Gedacht ist das nat\u00fcrlich f\u00fcr den Leser von 1902: Da strebte die politische Bewegung des Zionismus (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zionismus\">Wikipedia<\/a>) danach, die weltweit verstreuten Juden zusammenzuf\u00fchren &#8211; vielleicht in S\u00fcdamerika oder Ostafrika, und vor allem eben in Pal\u00e4stina. Dass es tats\u00e4chlich dazu kommen w\u00fcrde, war keineswegs selbstverst\u00e4ndlich oder unumstritten. Herzls Roman mit dem vorangestellten Motto: &#8222;Wenn ihr wollt, ist es kein Traum&#8220; ist eine Vision, wie dieser Judenstaat &#8211; so der Titel einer fr\u00fcheren Schrift Herzls &#8211; aussehen k\u00f6nnte, und eine teilweise sehr detaillierte Anleitung, wie man ihn entstehen lassen k\u00f6nnte. Es ist spannend, diese Vision mit der sp\u00e4teren Entwicklung zu vergleichen und spannend, das Buch als Zukunftsvision von 1902 zu lesen. (Allein als Roman betrachtet ist das Buch sehr langweilig.)<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der so genannten &#8222;Neuen Gesellschaft&#8220; in Pal\u00e4stina handelt es sich nicht um einen eigenen Staat; das Gebiet geh\u00f6rt immer noch zum osmanischen Reich und ist von der Gesellschaft (zuerst eine Aktiengesellschaft, sp\u00e4ter eine Genossenschaft) nur gepachtet. Man spricht Deutsch und andere europ\u00e4ische Sprachen; Hebr\u00e4isch als Verkehrssprache gibt es nicht. Die Klagemauer als letzter Rest des zerst\u00f6rten zweiten Jerusalemer Tempels spielt keine Rolle; inzwischen ist ein dritter Tempel gebaut.<br>Zur Neuen Gesellschaft kann geh\u00f6ren, wer will, ohne Ber\u00fccksichtigung von Religion oder Herkunft &#8211; Juden, Araber, Christen sind gleicherma\u00dfen willkommen. Es ist auch nicht so, dass alle Einwohner der Region zu dieser Gesellschaft geh\u00f6ren; der Beitritt ist freiwillig. Wer zu ihr geh\u00f6rt, muss dann aber letztlich Mitglied einer gro\u00dfen Genossenschaft werden; privaten Grundbesitz als solchen gibt es nicht, man least alles nur auf l\u00e4ngere Zeit von der Gesellschaft.<br>Zeitungen sind zum Gro\u00dfteil genossenschaftlich organisiert, Fabriken und Landwirtschaft ebenso. Gro\u00dfe Warenh\u00e4user haben die meisten kleinen L\u00e4den abgel\u00f6st. Detailliert wird die Logistik beschrieben, sowohl des Aufbaus dieser Gesellschaft (wie viel Geld in welcher Art Aktiengesellschaft am Anfang zu Verf\u00fcgung stehen, wann der Wandel zur Genossenschaft stattfindet, welche Art Waren in welcher Reihenfolge importiert beziehungsweise selbst produziert werden) als auch deren aktuelle Wirkungsweise. Das ging etwas \u00fcber meinen Kopf hinweg, echte Wirtschafts-Science-Fiction.<\/p>\n\n\n\n<p>Verkehrsmittel von 1923 sind zum Beispiel elektrische Schwebebahnen. (Oft &#8211; so auch hier &#8211; betont Herzl, dass diese Techniken grunds\u00e4tzlich bereits Ende des 19. Jahrhunderts zur Verf\u00fcgung standen. Beim Aufbau des Landes habe man halt gleich die fortschrittlichste vorhandene Technologie benutzt, statt veraltete Technik zu benutzen.) Der Stra\u00dfenverkehr ist wesentlich ruhiger als noch 1902, eben weil es keine Kutschen mit Hufgetrappel und Peitschengeknalle mehr gibt, sondern nur noch sanft dahin rollende Automobile. Ein motorgetriebener Reisebus, in dem ein Dutzend Personen Platz haben, verbl\u00fcfft die Neuank\u00f6mmlinge besonders:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Donnerwetter!&#8220; schrie Kingscourt gutgelaunt. &#8222;Das ist ja die Arche Noah. Da h\u00e4tte all s\u00fcndhaft Vieh und Menschenkind Platz.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Bei dem Gef\u00e4hrt steigt hinten \u00fcbrigens noch ein Heizer auf &#8211; ist das am Ende dampfbetrieben, oder hat sich nur die Bezeichnung gehalten?<br>M\u00e4nner und Frauen sind gleichberechtigt, haben beide das aktive wie passive Wahlrecht. Aus\u00fcben muss aber niemand seine Rechte, und so ist es unproblematisch und akzeptiert, dass etwa die Frau des Arabers Reschid Bey zu Hause im Serail bleibt und nicht am \u00f6ffentlichen Leben teilnimmt. Auch die j\u00fcdischen Frauen halten sich bei der Politik zur\u00fcck:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ich mu\u00df Ihnen aber sagen, meine Herren, da\u00df die Frauen bei uns vern\u00fcnftig genug sind, sich nicht auf Kosten ihres Privatwohles mit den allgemeinen Angelegenheiten abzugeben.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Immerhin, etwas fortschrittlicher als andere Denker der Zeit ist Herzl bei den Frauen schon.<br>Der Besuch von Schule und Universit\u00e4t ist kostenlos. F\u00fcr die m\u00e4nnlichen Sch\u00fcler &#8211; aber nur f\u00fcr die guten unter ihnen, die sich eine Belohnung verdient haben (anders als bei den Schulen, die ich so kenne) &#8211; gibt es organisierte mehrmonatige Auslands-Schulaufenthalte; Sch\u00fclerinnen haben wieder Pech und bleiben zu Hause, weil sie bei ihrer Mutter mehr lernen k\u00f6nnen.<br>Kommuniziert wird per Telefon. Radio kannte Herzl noch nicht, aber man kann sich zum Beispiel \u00f6ffentliche Konzerte auf sein Telefon leiten lassen und anh\u00f6ren. Auch eine &#8222;gesprochene Zeitung&#8220; gibt es per Telefon; Herzl weist auch hier \u00fcber Kingscourt darauf hin, dass es das schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Budapest gegeben habe. Und ja, w\u00e4hrend man so am Telefon die Zeitung automatisch vorgelesen bekommt, wird der Vortrag nat\u00fcrlich durch Werbung unterbrochen.<br>Antisemitimus ist praktisch ausgestorben; nachdem es in Folge der Auswanderung nach Pal\u00e4stina etwa in \u00d6sterreich weniger Juden gibt, treten die sich zum einen dort nicht mehr auf die F\u00fc\u00dfe und werden zum anderen mehr wertgesch\u00e4tzt vom Rest der Gesellschaft. (Ein Vision\u00e4r innerhalb der Romanhandlung tr\u00e4umt davon, die damals wohl ebenfalls diskutierte Negerfrage \u00e4hnlich zu l\u00f6sen &#8211; indem er an einem Mittel gegen Malaria arbeitet, um eine R\u00fcckkehr der durch die Sklaverei vertriebenen Schwarzen nach Afrika zu erm\u00f6glichen.)<br>Mit den Arabern gibt es keine Probleme, die haben von dem neu entstandenen Wohlstand nur profitiert.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; Im Rahmen meiner Besch\u00e4ftigung mit deutscher Literatur bin ich diesem Buch nie begegnet. Theodor Herzl als Theoretiker des Zionismus kannte ich schon, und eventuell bin ich in der einen oder anderen Science-Fiction-Literaturgeschichte doch schon mal auf den Roman gesto\u00dfen, muss ich zu Hause mal nachschauen. Da geh\u00f6rt das Buch auf jeden Fall auch hin. Die Logistik zum Aufbau von modernen St\u00e4dten in erst einmal wenig einladender Umgebung kenne ich von Geschichten \u00fcber Expeditionen auf fremde Planeten. Exzentrische amerikanische Million\u00e4re gibt es schon bei Jules Verne, vielleicht auch bei Karl May. Selbst im zweiten Heft von <em>Sun Koh<\/em> wird ein verzweifelter deutscher Ingenieur vor dem Selbstmord gerettet, um sich einer exzentrischen Sache anzuschlie\u00dfen. Und auch Hans Dominik pl\u00e4diert in <em>Die Spur des Dschingis-Khan<\/em> f\u00fcr eine R\u00fcckf\u00fchrung schwarzer Amerikaner nach Afrika. An all diese Autoren und Werke wurde ich beim Lesen jedenfalls erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald nach Erscheinen wurde Herzls Buch ins Hebr\u00e4ische unter dem Namen <em>Tel Aviv<\/em>, &#8222;Fr\u00fchlingsh\u00fcgel&#8220;, \u00fcbersetzt, und die 1909 n\u00f6rdlich von Jaffa gegr\u00fcndete Stadt bekam diesen Namen. Und da bin ich gerade.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">Eine deutsche Wikipediaseite zu <em>Altneuland<\/em> gibt es \u00fcbrigens nicht;<\/span> <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Old_New_Land\">hier<\/a> geht es zur englischen Seite.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(3 Kommentare.) Amerikanische Science Fiction des golden age und klassische Utopien oder Dystopien beschreiben beide neue Welten. Und in beiden F\u00e4llen ist es oft ein Au\u00dfenseiter aus unserer eigenen Zeit oder Kultur, der in diese neue Welt kommt und sie f\u00fcr uns erkl\u00e4rt bekommt und f\u00fcr uns beschreibt. 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