{"id":59033,"date":"2023-07-03T11:58:04","date_gmt":"2023-07-03T09:58:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=59033"},"modified":"2023-07-03T11:58:04","modified_gmt":"2023-07-03T09:58:04","slug":"literarisches-uebersetzen-in-der-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/07\/literarisches-uebersetzen-in-der-schule.htm","title":{"rendered":"(Literarisches) \u00dcbersetzen in der Schule"},"content":{"rendered":"\n<p>In den ersten Jahren meines Seins als Englischlehrer gab es noch die \u00dcbersetzung aus dem Englischen ins Deutsche als Teil von Pr\u00fcfungen und Abitur. Das waren, glaube ich, nur nichtfiktionale Texte &#8211; Ausschnitte aus Zeitungsartikeln und Sachb\u00fcchern. Ich erinnere mich noch daran, dass das Korrigieren sehr aufwendig war, denn es war die einzige Aufgabenform, bei der man Fehler z\u00e4hlen musste. Das hie\u00df dann eben auch, sich zu entscheiden, ob etwas nur unelegant oder ein halber oder auch ein doppelter Fehler war, und das musste man beim Abitur auch noch mit den Korrekturen der Kollegen und Kolleginnen abgleichen. Auf diese Fehlerzahl musste man dann eine spezielle Punkteskala anwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgeschafft wurde das \u00dcbersetzen sicher nicht deshalb, weil es den Lehrkr\u00e4ften zu viel Arbeit macht. \u00dcber die tats\u00e4chlichen Gr\u00fcnde kann ich nur Vermutungen anstellen: Es gibt zwar immer wieder Schreiben vom Kultusministerium oder vom ISB, in denen \u00c4nderungen solcher Art mitgeteilt und begr\u00fcndet werden, aber diese Begr\u00fcndungen sind immer so blumig-enthusiastisch, dass ich sie nicht als glaubw\u00fcrdig empfinde. Muss ja auch nicht sein; Finanzbeamten gegen\u00fcber werden \u00c4nderungen im Steuerrecht wahrscheinlich auch nicht begr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hauptargument gegen das \u00dcbersetzen: Man pr\u00fcft damit nicht unbedingt, wie gut jemand Englisch kann, sondern vor allem, wie gut jemand Deutsch kann. Au\u00dferdem, ein schw\u00e4cheres Argument, ist das eine Kompetenz, die in dieser Form selten gebraucht wird. Ersetzt wurde die \u00dcbersetzung durch die Mediation: Dort werden die <em>Inhalte <\/em>eines deutschsprachigen Texts ins Englische transportiert, das Resultat ist dabei etwa ein Drittel so lang wie der Ausgangstext. Eingebettet ist das jeweils in eine Kommunikationssituation, aber die scheint mir so generisch zu sein, dass es das nie Unterschiede bei vorauszusetzendem Vorwissen oder Register gibt; ich habe das aber nicht wirklich \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das \u00dcbersetzen macht auch Spa\u00df und man kann sehr viel dabei lernen, insbesondere bei literarischen Texten. An der Uni f\u00fchrten die vielen Diskussionen beim \u00dcbersetzen oft zu Augenrollen, zumindest am Anfang auch bei mir. In einer Stunde kam man da nur wenige Zeilen weit. Aber ich <em>erinnere<\/em> mich noch an die Diskussionen und Feinheiten, und wenn ich sie vielleicht damals auch nicht zu sch\u00e4tzen wursste (ich wei\u00df es nicht mehr, ehrlich gesagt), heute halte ich sie f\u00fcr wertvoll. <\/p>\n\n\n\n<p>Ausgangspunkt f\u00fcr diese Gedanken: Ich \u00fcbersetze, nebenbei und ohne Eile und auch ohne echten Grund, eine Kurzgeschichte von Robert E. Howard, &#8222;The Mirrors of Tuzun Thune&#8220;, erschienen 1929 in <em>Weird Tales<\/em> (<a href=\"https:\/\/en.wikisource.org\/wiki\/File:Weird_Tales_Volume_14_Issue_3_(1929-09).djvu\">Wikisource<\/a>, ab S. 81). Die Suche nach dem richtigen Ausdruck bereitet mir Vergn\u00fcgen, ich schwanke oft, weil ich Vor- und Nachteile abwiege und mich nicht entscheiden kann. Auf die Schule \u00fcbertragen: Ein auf deutsch geschriebener Text wird kaum je so sorgf\u00e4ltig auf Passgenauigkeit abgeklopft, wie das hoffentlich bei der \u00dcbersetzung der Fall w\u00e4re. Das eine Wort kann man nicht verwenden, weil der Stamm bereits im Satz zuvor auftaucht und das st\u00f6ren w\u00fcrde; das andere hat einen zu gro\u00dfen Bedeutungsumfang, bei einem weiteren fehlt eine Nuance, die man im Original zu erknnen glaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in diesem Fall kommt noch die blumige Sprache des Genre-Originals hinzu. Hier die ersten beiden Abs\u00e4tze:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>There comes, even to kings, the time of great weariness. Then the gold of the throne is brass, the silk of the palace becomes drab. The gems in the diadem and upon the fingers of the women sparkle drearily like the ice of the white seas; the speech of men is as the empty rattle of a jester\u2019s bell and the feel comes of things unreal; even the sun is copper in the sky and the breath of the green ocean is no longer fresh.<\/p>\n\n\n\n<p>Kull sat upon the throne of Valusia and the hour of weariness was upon him. They moved before him in an endless, meaningless panorama, men, women, priests, events and shadows of events; things seen and things to be attained. But like shadows they came and went, leaving no trace upon his consciousness, save that of a great mental fatigue. Yet Kull was not tired. There was a longing in him for things beyond himself and beyond the Valusian court. An unrest stirred in him and strange, luminous dreams roamed his soul. At his bidding there came to him Brule the Spear-slayer, warrior of Pictland, from the islands beyond the West.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In meiner \u00dcbersetzung bin ich sowohl versucht, die Sprache noch blumiger zu gestalten, wann immer sich das anbietet, als auch die Blumigkeit zu reduzieren, um den Text so eher einem kritischeren modernen Publikum zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>DeepL \u00fcbersetzt, wenig \u00fcberraschend, recht gut:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es kommt auch f\u00fcr K\u00f6nige die Zeit der gro\u00dfen M\u00fcdigkeit. Dann wird das Gold des Throns zu Messing, die Seide des Palastes wird fade. Die Edelsteine im Diadem und an den Fingern der Frauen glitzern trist wie das Eis der wei\u00dfen Meere; die Rede der Menschen ist wie das leere Klappern einer Narrenglocke und das Gef\u00fchl kommt von unwirklichen Dingen; selbst die Sonne ist kupfern am Himmel und der Atem des gr\u00fcnen Meeres ist nicht mehr frisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Kull sa\u00df auf dem Thron von Valusia, und die Stunde der M\u00fcdigkeit kam \u00fcber ihn. Sie bewegten sich vor ihm in einem endlosen, bedeutungslosen Panorama, M\u00e4nner, Frauen, Priester, Ereignisse und Schatten von Ereignissen, Gesehenes und zu Erreichendes. Aber wie Schatten kamen und gingen sie und hinterlie\u00dfen keine Spur in seinem Bewusstsein, au\u00dfer der einer gro\u00dfen geistigen M\u00fcdigkeit. Doch Kull war nicht m\u00fcde. Er hatte Sehnsucht nach Dingen, die \u00fcber ihn und den valusischen Hof hinausgingen. Eine Unruhe regte sich in ihm, und seltsame, leuchtende Tr\u00e4ume durchstreiften seine Seele. Auf sein Gehei\u00df hin kam Brule, der Speertr\u00e4ger, ein Krieger aus Pictland, von den Inseln jenseits des Westens zu ihm.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das &#8222;kam \u00fcber ihn&#8220; trifft es nicht ganz; der Satz danach ist nicht falsch \u00fcbersetzt, aber zu schwer verst\u00e4ndlich. Die Narrenkappe k\u00f6nnte ich \u00fcbernehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Meine \u00dcbersetzung, Zwischenstand, davor erstellt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Zeit gro\u00dfer M\u00fcdigkeit kommt auch zu K\u00f6nigen. Dann ist das Gold des Throns Messing, und die Seide des Palasts leuchtet nicht mehr. Die Edelsteine im Diadem und an den Fingern der Frauen funkeln nur m\u00fcde wie das Eis der wei\u00dfen Meere; die Rede der M\u00e4nner ist wie das leere Rasseln der Glocken im Kost\u00fcm des Hofnarren, und alle Dinge scheinen unwirklich; selbst die Sonne ist Kupfer am Himmel und der Hauch des gr\u00fcnen Meeres ist nicht mehr frisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Kull sa\u00df auf dem Thron von Valusien und die Stunde der M\u00fcdigkeit lastete auf ihm. An ihm vorbei zogen, in einem endlosen, bedeutungslosen Panorama, M\u00e4nner, Frauen, Priester, Geschehnisse und die Schatten von Geschehnissen; Gesehenes und noch zu Erreichendes. Aber wie Schatten kamen und gingen sie und hinterlie\u00dfen keine Spur in seinem Bewusstsein, bis auf eine tiefe geistige Ersch\u00f6pfung. Und doch war Kull nicht m\u00fcde. Ein Verlangen war in ihm nach Dingen jenseits seiner selbst und jenseits des Hofs von Valusien. Eine Unruhe r\u00fchrte sich in ihm und seltsame, leuchtende Tr\u00e4ume zogen durch seine Seele. Auf seinen Befehl hin kam Brule, der Speerschleuderer, zu ihm, Krieger aus dem Land der Pikten, von den Inseln jenseits des Westens.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Zeit gro\u00dfer M\u00fcdigkeit kommt auch zu K\u00f6nigen.&#8220; Oder: &#8222;Auch zu K\u00f6nigen kommt die Zeit gro\u00dfer M\u00fcdigkeit.&#8220; Oder: &#8222;Selbst f\u00fcr K\u00f6nige gibt es die Zeit der gro\u00dfen M\u00fcdigkeit.&#8220; Oder Ersch\u00f6pfung? Tristesse, Ennui sicher nicht. Melancholie?<br>&#8222;Dann ist das Gold des Throns Messing&#8220; &#8211; soll man da nicht vielleicht ein &#8222;nichts als&#8220; erg\u00e4nzen? Sein &#8222;Gehei\u00df&#8220; oder doch sein &#8222;Befehl&#8220;? Sp\u00e4ter wird man sich entscheiden m\u00fcssen zwischen &#8222;Dienerin&#8220; und &#8222;Sklavin&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Englischklasse habe ich schon lange nicht mehr so \u00fcbersetzt, glaube ich. Vielleicht anl\u00e4sslich der Lekt\u00fcre mal, bei <em>Haroun and the Sea of Stories?<\/em> Ich m\u00fcsste mal schauen, wie das ankommt; zum Lehrplan passt es halbwegs. Ob die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen sich darauf einlassen, wei\u00df ich nicht, denke schon.<br><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den ersten Jahren meines Seins als Englischlehrer gab es noch die \u00dcbersetzung aus dem Englischen ins Deutsche als Teil von Pr\u00fcfungen und Abitur. Das waren, glaube ich, nur nichtfiktionale Texte &#8211; Ausschnitte aus Zeitungsartikeln und Sachb\u00fcchern. 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